«Sex sells» scheint nicht immer zu klappen. Selbst Models wie Bianca Bolti konnten dem Konzern nicht zum Durchbruch verhelfen. (Bild: ida)
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«Sex sells» scheint nicht immer zu klappen. Selbst Models wie Bianca Bolti konnten dem Konzern nicht zum Durchbruch verhelfen. (Bild: ida)

Bittere letzte Tage im Luzerner OVS-Laden

6min Lesezeit

Die letzten Tage sind gezählt. Nach einem Jahr unter der italienischen «OVS» schliessen die früheren Ladengeschäfte von Charles Vögele ihre Pforten für immer. Bei einem Besuch an der Luzerner Hertensteinstrasse trifft man auf sorgenvolle Mitarbeiterinnen und entkleidete Mannequins. Aber auch auf Angestellte anderer Verkaufsgeschäfte.

Tiefe Sorgenfalten und Augenringe zieren das Gesicht der Verkäuferin. Angst vor dem Ungewissen steht ihr ins Gesicht geschrieben. Der Kündigungsbrief wird diese Woche noch den Weg zu ihr finden. Vielleicht liegt er auch jetzt schon in ihrem Briefkasten, wenn sie am Mittwochabend nach der Arbeit zu Hause ankommt. Mehr möchte sie nicht erzählen. Wünscht man ihr nur das Beste für die Zukunft, erkennt man, wie ihr Tränen in die Augen schiessen.

Ende Mai erreichte die Schweiz die Botschaft, dass die Modekette «OVS» ihre Geschäfte nicht profitabel betreiben kann und vor dem Konkurs steht (zentralplus berichtete). Bis Ende Juni werden nun alle Arbeitsverträge aufgelöst. Die Verkäuferin wendet sich ab, läuft zur Kasse. Noch heisst es, die letzten Kunden zu bedienen.

Es war indes kein langes Bestehen: Erst im Herbst letzten Jahres wurden die Standorte von Charles Vögele vom italienischen Modelabel «OVS» übernommen (zentralplus berichtete).

Wühltische, Perücken & Co.

Immerhin in den letzten Tagen vor Schluss kann sich das Unternehmen nicht über zu wenig Kundschaft beklagen. Geschätzt 100 Menschen befinden sich zur Spitzenzeit im Gebäude an der Hertensteinstrasse 50, verlassen es jedoch nach wenigen Minuten bereits wieder. Ein Gang durch den Laden bietet einen trostlosen Anblick. Nackte Puppen und Wühltische – gar mit Perücken – gibt’s zu kaufen, weshalb wohl auch zwei Chicorée-Verkäuferinnen von nebenan den Weg hierhin gefunden haben.

Die Menschen laufen gelassen von Kleiderstand zu Kleiderstand. Nirgends filmreife entbrannte Zickenkriege zwischen zwei Frauen, die sich um das letzte Kleidungsstück zanken. Keine Krallen, die ausgefahren werden. Nur die wenigsten haben sich für ein paar Kleidungsstücke entschieden, die sie mit auf ihren Armen tragen. Die Kabinen sind überfüllt mit Kleidern, hie und da sieht man auf dem Boden Staubmäuse. Einzelne Kleidungsstücke liegen am Boden, einige Meter davon entfernt der zugehörige Kleiderbügel. Ein Indiz dafür, dass es den Verkäuferinnen mittlerweile gleichgültig ist, wie es um das Erscheinungsbild des Ladens steht.

Auf bunten Plakaten, mit dick gedruckten Versalien geschrieben steht: «Totalliquidation», «Alles muss raus», «Jetzt oder nie». Und in der Tat muss alles raus. Puppen und Kleiderständer gibt’s für wenige Franken zu ergattern – Hunderte von Kleiderbügeln gibt’s gratis. Zeit für Schnäppchenjäger und Rabattschlacht?

Scheint nicht der Fall zu sein. Ursula Joller (57) aus Kriens sucht nach vier Minuten bereits wieder das Weite. «Nicht so mein Stil», meint sie schulterzuckend. Wie ihre Freundin Kristin Haldemann (63) anfügt, reize es sie wenig, an den Wühltischen nach der letzten passenden Konfektionsgrösse zu suchen.

Bedauern für Mitarbeitende

So auch bei Livia Kurmann (21) und Sabrina Voney (21). «Eigentlich hätten wir ja Schule», sagt Kurmann – beinahe schon als Rechtfertigung –, anstatt einen spontanen Abstecher in den OVS zu machen. «Aber so gurkt es mich eher an, bei dem Chaos.» Selbst die Modelinie von Kendall und Kylie Jenner scheint auf wenig Anklang zu stossen. Allgemein scheint sich die jüngere, modebegeisterte Generation im OVS fehl am Platz zu fühlen, denn im Laden finden sich vorwiegend ältere Personen ein.

Ursula Kunkler (73) aus Buchrain sucht mit ihren beiden Enkeltöchtern den Laden auf. «Meine Enkelkinder fanden hier drin immer etwas», sagt sie. «Auch wenn andere Leute immer den Kopf schütteln. Die Suche nach den perfekt sitzenden Hosen entpuppt sich hier jedoch als prekär», fährt sie fort. «Nicht einmal meine dünnste Enkelin passt in diese eng geschnittenen Hosen – bei ‹Vögele› waren die Grössen ja eher überdurchschnittlich gross», meint sie lachend.

Männer sieht man nur wenige. «Das ist ja auch ein reiner Frauenladen, oder?», fragt Roland Baumgartner (58) aus dem Aargau. Und er fügt an, dass er überhaupt kein Shopper sei – weshalb er wohl auch nicht davon Wind bekam, dass sich das zweite Geschoss alleine der Bekleidung der männlichen Spezies widmet. «Meine Frau steht an der Kasse. Anscheinend hat sie was gefunden», sagt er und eilt ihr zu Hilfe, um ihr beim Tragen der Taschen zu helfen.

Yvonne Rodriguez (49) aus Luzern bedauert, dass mehr als 1’000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz in den kommenden Tagen verlieren werden. «Das kam zu plötzlich.» Die meisten der anwesenden Kunden drücken ihr Bedauern für die Angestellten aus – doch den Laden selbst werden wohl nur die wenigsten vermissen.

Konzernchef von OVS soll 100 Millionen versenkt haben

Gemäss Berechnungen der «Handelszeitung» soll OVS-Konzernchef Stefano Beraldo total 100 Millionen Euro versenkt haben. Hoffnungsvoll sagte Beraldo vor einem Jahr, dass Vögele rund 500 Millionen Umsatz mitbringen konnte und dieser in fünf Jahren auf rund 600 bis 700 Millionen Euro summiert werde.

In Italien verzeichnet Beraldo Erfolg – letztes Jahr machte er mit seiner Modekette rund 1,4 Milliarden Umsatz. Für das Scheitern in der Schweiz gebe es viele Gründe. Zum einen sei nach der Eröffnung kaum mehr in Werbung investiert worden. Frühere «Vögele»-Kunden nahmen das neue Angebot aufgrund der anderen Ausrichtung nicht an.

Wie Federico Steiner, Sprecher bei OVS, gegenüber der «Handelszeitung» sagte, treffe das Angebot nicht den Geschmack der Schweizer Kunden. Beispielsweise würden die Männer in der Schweiz bequeme und lockere Hosen mögen – in Italien greifen sie lieber auf eng geschnittene zurück.

Zudem war 2017 allgemein ein schweres Jahr für den stationären Handel. Selbst «H&M» verzeichnete weltweit einen Fünftel weniger Umsatz. Bis jetzt ist ungewiss, ob ein paar der rund 140 ansässigen OVS-Filialen in der Schweiz erhalten bleiben.

Weitere Einblicke erhalten Sie in der Bildergalerie:

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