Für Goldschmied Max Iten bilden Originalität und Engagement das Erfolgsrezept in der Altstadt. (Bild: wom)
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Für Goldschmied Max Iten bilden Originalität und Engagement das Erfolgsrezept in der Altstadt. (Bild: wom)

Kulturinteressierte Touristen sollen Zuger Ladenbesitzer retten

7min Lesezeit

Der Detailhandel wandert zusehends ins Internet ab, die Innenstädte veröden. Nun will Stadtentwicklerin Regula Kaiser andere Wege gehen und Zug als Kulturstandort positionieren, so wie etwa Basel oder Luzern. Doch was halten die Ladenbesitzer in der Altstadt von den Plänen?

«Ohne öffentlichen Raum zieht sich eine Gesellschaft zurück.» Der Standpunkt von Regula Kaiser, in Zug Beauftragte für Stadtentwicklung und Stadtmarketing, ist klar und überdeutlich: Ohne öffentlichen Raum scheitert die Wirtschaft, die Gesellschaft, ja, die Demokratie.

«Teile dieses öffentlichen Raums erfahren gerade einen Strukturwandel: Der Detailhandel wandert zusehends ins Internet ab», sagt Kaiser. Da wird man stutzig. Menschliche Begegnung muss doch mehr sein, als nur einzukaufen. Gerade das Zwischenmenschliche passt auf keinen Einkaufszettel.

Regula Kaiser, Beauftragte für Stadtentwicklung und Stadtmarketing in Zug, stört sich daran, dass in Zug immer noch mit schöner Landschaft und tiefen Steuern geworben wird.
Regula Kaiser, Beauftragte für Stadtentwicklung und Stadtmarketing in Zug, stört sich daran, dass in Zug immer noch mit schöner Landschaft und tiefen Steuern geworben wird. (Bild: wom)

Immer weniger Läden

Doch Kaiser hält an ihrer These fest. Der Handel prägte über Jahrhunderte den öffentlichen Raum. Die Berner Lauben etwa seien ein Symbol der alten Hauptstadt und wurden für den Handel des Mittelalters gebaut, argumentiert die Studie «Future Public Space» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, an der auch Kaiser mitgearbeitet hat.

«In der Zusammenarbeit zwischen Kultur und Gewerbe liegen Früchte, die man mit geringem Aufwand ernten könnte.»

Regula Kaiser, Beauftragte für Stadtentwicklung und Stadtmarketing Zug

«Die Ladenflächen in Europa sind insgesamt im Rückgang begriffen», schildert Kaiser den kontinentalen Trend. Ein Teil des öffentlichen Raumes werde auf der Ebene seiner Primärfunktion als Handelsplatz obsolet. Ersetzt durch bequemen Klick-Konsum. Zwischen 2012 und 2016 seien fünf Prozent des Non-Food-Handelsvolumens ins Internet abgewandert. Tendenz steigend.

Schöne Landschaft und tiefe Steuern

«Die Nutzung des öffentlichen Raumes verschiebt sich weg vom Detailhandel hin zur Restauration», sagt Kaiser. Für die Läden der Zuger Altstadt sieht sie deshalb Handlungsbedarf. Sie bemerkt aber auch brachliegende Synergien.

Die Architektin und langjährige Stadtentwicklerin schaltet im Eifer der Thematik auf Anglizismen und spricht von «low-hanging fruits». «In der Zusammenarbeit zwischen Kultur und Gewerbe liegen Früchte, die man mit geringem Aufwand ernten könnte.» Beide hätten ein gemeinsames Interesse: mehr Kundschaft.

«Kulturaffine Individualtouristen wären für mich tatsächlich potentielle Kunden.»

Max Iten, Goldschmied

Aus Kaisers Sicht liegt das an mangelnder Werbung von Seiten der Stadt. «Ein KKL oder eine Tonhalle stehen als Garant für hochkarätige Kultur. Hier kriegt man nur das Beste geboten.» Die Intendanten des Theater Casino Zug leisteten einen ebenso hochwertigen Service, würden dafür aber noch nicht genügend wahrgenommen werden.

Für Kaiser ist es eine Frage der Kommunikation: «Die Marketingstrategien der Stadt müssten generell angepasst werden. Basel und Luzern werben explizit als ‹Kulturstädte›.» Zug hingegen werbe immer noch mit schöner Landschaft und tiefen Steuern.

Wie spricht man die Kulturtouristen an?

«Kulturaffine Individualtouristen besuchen Kulturinstitutionen, Restaurants, übernachten je nachdem sogar hier und erkunden die Stadt», hält Kaiser fest. Dabei kauften sie in schönen Geschäften durchaus auch teure Sachen. Das Problem: «Sie sind nicht leicht anzusprechen, denn sie halten sich gerne abseits der Massen auf», sagt Kaiser. «Zug hat da noch Potential.»

Deshalb will sie den Geschäften in der Altstadt und den Zuger Kulturinstitutionen mehr Kunden in die Arme spielen. Sie schlägt vor, Zug Tourismus einen stärkeren Auftrag zur internationalen Bewerbung des Kulturstandortes Zug zu geben. So sollen kulturaffine Individualtouristen angelockt werden, welche passende Kundschaft für beide Parteien bildeten.

Lydia Trost von der Schneiderei Kantenfüessli sieht für ihren Laden wenig Potential, wenn es um Touristen geht.
Lydia Trost von der Schneiderei Kantenfüessli sieht für ihren Laden wenig Potential, wenn es um Touristen geht. (Bild: wom)

Bei Ladenbesitzern aus der Altstadt stösst Kaisers Idee auf gemischte Gefühle. Goldschmied Max Iten von der Goldschmiede am Fischmarkt 11 findet den Ansatz grundsätzlich interessant. «Kulturaffine Individualtouristen wären für mich tatsächlich potentielle Kunden.»

Er sei aber davon überzeugt, dass in der Altstadt Originalität und Engagement über Erfolg oder Misserfolg entschieden. «Es ist nicht einfach, aber wer hier sein Ding mit Herzblut und Mut macht, dem gelingt das auch.» Und vom Erfolg des Einzelnen profitiere die Altstadt als Ganzes, ist sich Iten sicher.

Ruf nach Lockerung der Öffnungszeiten

Für Lydia Trost von der Schneiderei Kantenfüessli an der Zeughausgasse 15 liegt der Fall etwas anders. «Für mein Geschäftsmodell nützt Kaisers Ansatz wenig. Ich lebe von meiner Stammkundschaft.» Touristen liessen kaum spontan etwas ändern oder reparieren.

Für Dienstleistungsanbieter sieht Trost bei dieser Strategie wenig Potential. «Kaum jemand geht beim Städteausflug zur Maniküre, zum Schuster oder Coiffeur.» Obwohl sie ihrer Schneiderei nicht direkt hilft, glaubt Trost aber, die Idee könne für viele Andere in der Altstadt wertvoll sein.

«Oftmals, wenn kulturelle Veranstaltungen stattfinden, haben wir unsere Läden in der Altstadt geschlossen.»

Simone Glarner, Hochzeitsplanerin

Auch die Hochzeitsplanerin Simone Glarner sieht für ihren Betrieb an der Ober Altstadt 7 durchaus Potential bei Kaisers Vorhaben. «Ich hatte auch schon Kunden, die bei einem Städtebesuch auf meinen Laden gestossen sind.» Wichtiger wäre ihr aber, dass man mit der Stadt die strikten Bestimmungen über die Öffnungszeiten lockern könnte.

Hochzeitsplanerin Simone Glarner wünscht sich drei bis vier Ausnahmen pro Jahr, was die Öffnungszeiten betrifft.
Hochzeitsplanerin Simone Glarner wünscht sich drei bis vier Ausnahmen pro Jahr, was die Öffnungszeiten betrifft. (Bild: wom)

«Oftmals, wenn kulturelle Veranstaltungen stattfinden, haben wir unsere Läden in der Altstadt geschlossen», beklagt Glarner. Den Arbeitnehmerschutz lässt sie als Begründung der strengen Richtlinien nicht gelten. «Kaum eine andere Branche ist so stark ‹geschützt› wie der Detailhandel.»

Als Kontrastmittel führt sie öffentlichen Verkehr, Gastronomie, Spitäler oder das Pflegewesen ins Feld. «Was ich mir wünsche, wären drei bis vier Ausnahmen im Jahr», so Glarner. Wenn der Ladenbesitzer selber an der Kasse stehe, wie das in der Altstadt oft der Fall sei, könne von Arbeitnehmerschutz sowieso keine Rede sein.

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