Zufrieden: Geschäftsführerin Rika Schneider mit den Bestsellern der Äss-Bar. (Bild: hae)
Wirtschaft Sparen Nachhaltigkeit

Zufrieden: Geschäftsführerin Rika Schneider mit den Bestsellern der Äss-Bar. (Bild: hae)

Mit Brot von gestern gegen Verschwendung

6min Lesezeit

Backwaren von gestern zum halben Preis: Die Kundschaft der Luzerner Äss-Bar freut’s seit einem Monat. Was gut für die Umwelt ist, freut offenbar auch die beteiligten Bäckereien. Wie diese trotz tiefem Verkaufspreis einen Vorteil in der Zusammenarbeit sehen.

Mathias Haehl

«Frisch von gestern», heisst es auf einem braun-blauen Schild. Das Sortiment im kleinen Laden nahe der Hofkirchentreppe ist gross, von Gipfeli über Apfeltaschen bis hin zu Käsesandwiches – und natürlich vielen Brotlaiben.

Sieht alles lecker aus, auch wenn es nicht hier an der St.-Leodegar-Strasse gebacken wurde. Und auch wenn die Backwaren von gestern sind, erscheinen sie keineswegs altbacken. Ein Müesli für 2.50, ein Brot für zwei Franken, eine Schnecke für 1.50: Dieses Halbpreisangebot lassen sich viele Luzerner nicht entgehen, seit die Äss-Bar ihre Tore vor einem Monat öffnete.

«In Zusammenarbeit mit lokalen Bäckereien verkaufen wir qualitativ einwandfreie Produkte vom Vortag zum halben Preis», erklärt Äss-Bar-Geschäftsführerin Rika Schneider (41) die Idee. Für die Luzerner Filiale stellen fünf Bäckereien ihre Backwaren bereit, damit ein Fahrer der Äss-Bar sie morgens ab 5.30 bis 11 Uhr direkt bei ihnen abholen kann: die Bäckereien Bachmann, Hug, Koch, Brunner und Kreyenbühl machen mit. Später werde man den Kreis der Zulieferer bei Bedarf erweitern. «Wir haben anfangs alle Bäcker der Region angefragt», erklärt Schneider die Auswahl.

«Wiederverwertung muss in anderen Branchen auch vermehrt kommen.»

Josef Kreyenbühl, Präsident des Verbands der Luzerner Bäcker und Confiseure

Doch fehlt den Bäckereien damit nicht Umsatz, weil Ware für den Abfall plötzlich wiederverwertet wird? Josef Kreyenbühl (55), Chef von 58 Mitarbeitenden seiner drei Kreyenbühl-Bäckereien in Luzern und Meggen, sagt: «Der Standort der Äss-Bar konkurrenziert uns nicht direkt. Zudem können wir mit unseren Take-Away-Produkten wie Müesli, Sandwiches oder Süssem indirekt auch Werbung für uns selber machen: Vielen Äss-Bar-Kunden schmecken unsere Birchermüesli sehr und sie kommen dann später auch bei uns vorbei.»

Kreyenbühl, der auch Präsident des Verbands der Luzerner Bäcker und Confiseure ist, hat sich die Äss-Bar in Zürich vor Jahren schon aus Neugier angeschaut und kam zum Schluss: «Eine unterstützenswerte Sache.» Er findet, dass unsere Gesellschaft umdenken und sich weg von der Wegwerfmentalität entwickeln müsse. «Wiederverwertung wird auch in anderen Branchen vermehrt kommen. Und wenn es um die Verminderung des ökologischen Fussabdruckes geht, helfen wir sehr gerne mit.»

Filialen in acht Schweizer Städten

Filialen der im November 2013 gegründeten Äss-Bar gibt es mittlerweile in acht Schweizer Städten. Rund 50 Mitarbeiter sind in den Basler, St. Galler und Winterthurer Filialen sowie in den beiden Zürcher Geschäften beschäftigt. In Bern und Freiburg gibt es zudem Franchise-Filialen mit je etwa 10–15 Angestellten.

Der Luzerner Laden in den Räumlichkeiten des ehemaligen Stickerei-Fachgeschäftes «Au Trianon» ging vor gut einem Monat auf. Die Bilanz sei erfreulich: «Wir hatten nirgends in der Schweiz zuvor einen derart begeisterten Empfang», erklärt Rika Schneider. «Viele kannten unser Konzept aus anderen Städten.»

So etwa der Unternehmer Hanspeter Bättig, der mehrmals pro Woche hier Kunde ist: «Tolle Ware, freundliches Personal – und ein unschlagbarer Preis. Was will man da mehr?» Wermutstropfen für Bättig: «Ich gehe früh auf den Zug und würde da schon gerne ein Znüni auf den Weg mitnehmen, doch leider macht die Äss-Bar erst um 8 Uhr auf.»

Kunde seit der ersten Stunde: Hanspeter Bättig aus Luzern vor den Regalen.
Kunde seit der ersten Stunde: Hanspeter Bättig aus Luzern vor den Regalen. (Bild: hae)

Der Standort mitten in der Stadt sei ideal, auch viele Junge in Ausbildung holten sich bei schönem Wetter hier ihren Lunch und pilgerten damit an den Quai, erzählt die Geschäftsführerin.

Idee aus Zürich

Rika Schneider ist Angestellte der ersten Stunde, sie hat mit 30 Jahren noch eine Konditor-Confiserie-Ausbildung abgeschlossen. Währenddessen gehen die vier Äss-Bar-Gründer aus Zürich, die Schneider vom Sport her kannte, weiterhin ihren Berufen als Manager, Ingenieur und im Finanzbereich nach. Schneider: «Unser Konzept ist sehr einfach. Die Bäckereien sparen Kosten für die Entsorgung der nicht verkauften Backwaren und erhalten dazu noch eine kleine Entschädigung.»

Grünes Licht der Lebensmittelkontrolle

Alle Bäckereien geben ihre Ware gratis ab. Dafür sind sie mit einem kleinen Prozentsatz symbolisch am Umsatz beteiligt. Jeden Tag sind das im Moment etwa 30 Kisten voller unverkaufter Backprodukte. In Zürich sind es mittlerweile meist mehr als 80 Kisten am Tag, dadurch können etwa 300 Tonnen Brotabfälle im Jahr weiterverwertet werden. Ein Drittel der Lebensmittel in der Schweiz landen laut Statistik im Abfall – das sind etwa zwei Millionen Tonnen pro Jahr.

Einwandfrei sei die Ware vom Vortag auch laut Lebensmittelkontrolle. Mehrmals schon prüfte diese die Produkte der Äss-Bar. «Bis jetzt wurde noch nie etwas beanstandet», so Schneider.

Gemäss Schätzungen des WWF liesse sich mit ähnlichen Initiativen ein Drittel der heutigen Lebensmittelverluste verhindern und damit in der Schweiz jährlich so viel CO2 einsparen, wie 500’000 Autos verursachen.

Der letzte Rest wird zu Biogas

Mitarbeiter dürfen am Abend übrig gebliebene Backwaren nach Hause mitnehmen. Und manchmal, wenn die Angestellten nachmittags sehen, dass es beispielsweise noch viele Berliner gibt, geben sie den Stammkunden gratis davon ab. In mehreren Filialen gehen auch immer wieder unverkaufte Produkte an soziale Institutionen oder in grosse Studenten-WGs. Brote, die die Äss-Bars nicht verkaufen konnten, werden zu Schweinefutter verarbeitet und aus dem letzten kleinen Rest entsteht Biogas.

«Zu uns kommen Banker und Studenten, ältere Damen und Handwerker. Und auch immer mehr Touristen, sagt Rika Schneider. Der Grund sei ein einfacher: «Wenn man bei uns einkauft, tut man etwas für die Umwelt, ohne grossen Aufwand.»

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