Simon Hebisen, Geschäftsführer der Goll AG in Luzern, zeigt eine Auswahl verschiedener Orgelpfeifen. (Bild: pze)
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Simon Hebisen, Geschäftsführer der Goll AG in Luzern, zeigt eine Auswahl verschiedener Orgelpfeifen. (Bild: pze)

Was 1’500 Pfeifen mit Kirchgängern in Klosters zu tun haben

14min Lesezeit

In Luzern werden seit 150 Jahren Orgeln gebaut. Die Goll AG im Tribschen stellt die Kircheninstrumente in akribischer Handarbeit her. Geschäftsführer Simon Hebeisen erzählt, was es braucht, um internationale Millionenaufträge an Land zu ziehen, und weshalb er manchmal gar nicht erst offeriert. Kritik äussert er ausgerechnet an der Hochschule Luzern.

Pascal Zeder

Es riecht wie in einer Bündner Bergstube, wenn man die Werkstatträume betritt. Der Geruch kommt vom Arvenholz, das hier verarbeitet wird. Bald wird das Produkt langer Arbeit transportiert – dorthin, wo das fein riechende Arbeitsmaterial ursprünglich herkommt: ins bündnerische Klosters. Das Luzerner Traditionsunternehmen «Orgelbau Goll AG» stellt für die reformierte Kirche in den Alpen eine neue Kirchenorgel her.

Seit 150 Jahren werden in Luzern die luftbetriebenen Instrumente hergestellt, am 15. Mai wird das Jubiläum gefeiert (siehe Box). Mit viel Geschick und einem guten Gehör ausgestattet, arbeiten 15 Mitarbeiter – darunter zwei Lernende – an den voluminösen Instrumenten. Geschäftsführer Simon Hebeisen empfängt uns in seinem Büro, das im hinteren Bereich der Werkstatt liegt. An den Wänden hängen Pläne und Bilder von bereits erstellten Goll-Orgeln.

Eine bewegte Geschichte

Hebeisen erzählt von der Geschichte. 1868 übernahm Friedrich Goll die Instrumentenwerkstatt von Friedrich Haas, einem damals bekannten Orgelbauer. Es sei in einer Zeit gewesen, in dem der Instrumentenbau langsam sesshaft wurde. «Früher zogen Orgelbauer umher», erklärt Hebeisen, «von Auftrag zu Auftrag. Erst im 19. Jahrhundert kam die Idee des fixen Standorts mit Auslieferung vermehrt auf.»

Mehrfach ist das Unternehmen Goll umgezogen. Seit den 1930er-Jahren hat es seine Werkstätte im Tribschenquartier, wo sie heute noch steht. Doch es lief nicht immer rund. Der Familienbetrieb wurde 1972 nach einem tragischen Unfalltod des damaligen Inhabers Friedrich Goll von zwei Auswärtigen übernommen: Beat Grenacher und Jakob Schmidt. «Es war eine schwierige Zeit für den Orgelbau. Der Ruf des Unternehmens war nicht gut. Grenacher und Schmidt haben den Turnaround zur Hochqualität vollzogen und das Unternehmen wieder in die Spur gebracht», so Hebeisen.

Festkonzert im KKL

Das 150-jährige Jubiläum der Goll AG wird im KKL mit einem Festkonzert gefeiert. Am 15. Mai, dem Geburtstag der Goll AG, wird im KKL ein Orgelkonzert mit Orchester stattfinden. Programm ist die «Symphonie concertante» des Belgiers Joseph Jongen, kombiniert mit den Merkel-Variationen über ein Beethoven-Thema und der 2. Symphonie von Brahms. Christian Schmitt übernimmt den Solopart, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz spielt unter der Leitung von Marcus Bosch.

Das sei nicht einfach: Bis Kunden die Veränderung spüren, würden Jahre vergehen. «Sie haben sich damals mit bestehendem Namen einen Namen geschaffen», sagt er schmunzelnd. Bis heute gilt: Im Orgelgeschäft ist Mund-zu-Mund-Propaganda die beste. Inserieren bringe so gut wie nichts, meint Hebeisen. «Die Vernetzung zwischen Organisten ist gut und schnell. Wenn jemand auf einer unserer Orgeln spielt und zufrieden ist, ist das die beste Werbung.»

Nach dem Tod Jakob Schmidts 1998 stieg Hebeisen selber als Geschäftsführer ein. Bis 2009 an der Seite von Grenacher, seither leitet er die Geschicke der Firma alleine.

Klosters-Orgel für 750’000 Franken

Im grossen Raum im Nebengebäude wird gerade ein Holzgebilde aufgebaut, geschätzte vier Meter misst es in Höhe, Breite und Tiefe. Dies ist die Orgel, die bald in Klosters stehen wird. Sie wird auf ihre Funktionalität geprüft, dafür hat man sie noch in der Werkstatt komplett aufgebaut. Bald wird sie sorgsam verpackt, danach werden zwei bis vier Mitarbeiter während mehrerer Wochen im Bündnerland weilen und das Instrument vor Ort in der Kirche einbauen.

«Eine schlecht gemachte Orgel ist kein Genuss mehr für das Gehör.»

Simon Hebeisen, Geschäftsführer Goll AG

Die Neubauten von Orgeln machen bei Goll rund 80 Prozent des Gesamtumsatzes aus. 750’000 Franken hat die Klosters-Orgel gekostet – dafür arbeiteten die Mitarbeiter der Goll AG rund neun Monate am Projekt. Den Rest des Umsatzes stellen Restaurations- und Pflegearbeiten dar. Der Betrieb hat über 200 Stimmverträge mit Kunden – ein Mitarbeiter geht einmal pro Jahr vorbei, um die Orgeln gründlich zu testen. «Es ist uns wichtig, dass dies immer der gleiche Mitarbeiter ist», sagt Hebeisen, «so stellen wir über die Jahre eine Beziehung zum Kunden her.»

Orgelmusik: nicht nur für die Kirche

Vor allem Kirchen sind vertraglich mit dem Luzerner KMU verbunden. Die Glaubenshäuser machen einen Grossteil der Goll’schen Kunden aus. «Die Orgel ist traditionell Teil von sakralen Räumen», sagt Hebeisen. Er ist selbst Kirchgänger und verrät: «Ich besuche gerne Gottesdienste im Ausland und beobachte, wie diese ablaufen.» Dabei könne er eine gewisse «déformation professionelle» nicht ablegen, wie er meint. «Gewisse Instrumente gefallen einem natürlich mehr als andere. Eine schlecht gemachte Orgel ist kein Genuss mehr für das Gehör», sagt er schmunzelnd.

Die Urkunde zur Geschäftsübernahme von Gründer Friedrich Goll 1868.
Die Urkunde zur Geschäftsübernahme von Gründer Friedrich Goll 1868. (Bild: zvg)

Dabei sei die Orgel ursprünglich nicht für die Kirche entworfen worden, erst im 12. und 13. Jahrhundert begann das Instrument zunehmend für Kirchenmusik verwendet zu werden. «Wir veranstalten regelmässig Orgelkonzerte im KKL, um zu zeigen, dass es auch mitreissende weltliche Orgelmusik gibt.»

Auch die KKL-Orgel wurde von Goll gebaut, 4’500 Pfeifen zählt das Instrument. «Leider wird sie noch zu wenig benutzt», sagt Hebeisen. Orchester wie beispielsweise das LSO liessen die Orgel oft aussen vor. «Das ist schade, wenn man weiss, was für ein tolles Instrument im KKL steht», sagt der 50-Jährige.

Negativtrend der Kirche ist schlecht fürs Geschäft

Die enge Verknüpfung mit der Kirche hat nicht nur Vorteile. Denn: Die Kirche kämpft mit Mitgliederschwund. Die Gottesdienste sind immer weniger besucht, an gewissen Orten werden Kirchen gar für weltliche Zwecke wie ein Restaurant oder eine Bibliothek umgenutzt – die Orgeln finden keine Verwendung mehr, das ist schlecht fürs Geschäft. «Es ist schon frustrierend, dass das eigene Schicksal mit dem der Kirche so eng verbunden ist», sagt Hebeisen. Machen könne man da aber nichts.

Instrumentenbau boomt bei jungen Frauen

Zurück in der Werkstatt. Die Lehrtochter hantiert vorsichtig an einem Bohrer. In den Löchern werden künftig die Orgelpfeifen stehen. Hebeisen sagt, obwohl ein Handwerkerberuf werde Orgelbauerin auch immer beliebter bei Frauen.

Simon Hebeisen zeigt seine Orgelwerkstatt:

 

Gutes Personal zu finden, ist aber ganz allgemein schwer. «Bei gewissen Leuten herrscht regelrechte Weltuntergangsstimmung», sagt er. Als Orgelbauer habe man keine Zukunft, so der Tenor. Doch Hebeisen hält dem entgegen: «Die Ausbildung ist sehr vielseitig. Man absolviert praktisch eine ganze Schreinerlehre und erhält noch Einblicke in die Verarbeitung verschiedenster Materialien wie Metall, Leder oder Filz.» Dazu komme der Einbau von Elektronik. In den vier Lehrjahren erhalte man also eine grosse Bandbreite an handwerklichem Wissen.

Die Suche nach jungen Orgelbauern wird dadurch erschwert, dass neben den geschickten Fingern auch ein feines Gehör vorhanden sein muss. «Man muss sich Klänge merken können und Tonhöhen vergleichen», sagt Hebeisen. Dennoch macht er Mut: «Das kann man natürlich nicht zu Beginn der Ausbildung. Auch das Gehör kann man schulen und die Techniken kann man lernen.»

Feine Hände und feines Gehör gesucht

Hebeisen ist trotz seiner Leitungsfunktion beim Unternehmen im Herzen ein Handwerker geblieben. Man spürt die Leidenschaft, wenn er über die verschiedenen Pfeifensorten spricht, die unterschiedliche Töne von sich geben. Er setzt sich an die Klaviatur, wo die Stimmung der Pfeifen getestet wird.

Die Lehrtochter bohrt sorgfältig Löcher in eine Holzleiste.
Die Lehrtochter bohrt sorgfältig Löcher in eine Holzleiste. (Bild: pze)

Hebeisen spielt einzelne Töne an, lässt sie klingen und vergleicht sie mit den Klängen von Referenzklängen – sprich: richtig gestimmten Pfeifen. Dann überkommt es ihn und er spielt ein sakrales Ständchen mitten in der Werkstatt. 

Orgelbauer braucht vollstes Vertrauen seiner Kunden

Die Goll AG hat Aufträge aus ganz Europa. Als Nächstes steht ein Grossprojekt für den Mainzer Dom an. Kostenpunkt des bestellten Instruments: rund 1,5 Millionen Franken. «Alle unsere Mitarbeiter sind rund ein Jahr mit diesem Projekt beschäftigt», relativiert Hebeisen die Kosten. Dabei war es ein regelrechter Coup der Luzerner, diesen Auftrag in Zusammenarbeit mit einer Vorarlberger Orgelbaufirma zu ergattern. Deutsche Orgelbauer seien rund dreissig Prozent günstiger als Schweizer, sagt Hebeisen. Doch die Qualität der Goll-Orgeln habe die Verantwortlichen in Mainz überzeugt.

«Wer eine Orgel kauft, der studiert andere Instrumente und macht sich ein genaues Bild», sagt Hebeisen. Trifft man sich mit dem Käufer, so merke man, wie gross das Interesse beim Gegenüber ist. «Schaut jemand nur auf den Preis, offerieren wir gar nicht erst», sagt er. Das lohne sich nicht. «Für eine Offerte arbeiten wir drei bis vier Wochen ohne Bezahlung», sagt Hebeisen. Es sei ähnlich wie bei Architekturwettbewerben, am Ende bekommt die beste Offerte den Zuschlag. Sei dann der Preis das ausschlaggebende Kriterium, so habe sein Projekt nie eine Chance.

Die Mechanik innerhalb der Orgel ist äusserst fein.
Die Mechanik innerhalb der Orgel ist äusserst fein. (Bild: pze)

«Jede unserer Orgeln ist ein Aushängeschild», sagt er. Sparen bei Material oder Aufwand sei daher keine Option. Denn anders als bei anderen Instrumenten gebe es jede Orgel nur genau einmal. «Wer einen Steinway-Flügel kauft, der kann ihn im Laden testen und ausprobieren. Bei uns gibt es nur Zeichnungen und Pläne», sagt der Geschäftsleiter. Deshalb müsse er seitens des Kunden vollstes Vertrauen spüren, dass das Endprodukt einer solch grossen Investition den Ansprüchen genügen werde. Schliesslich liegt die Lebensdauer einer Orgel bei rund hundert Jahren, da müsse der Auftraggeber mit dem Produkt restlos zufrieden sein.

«Kanton Luzern sendet kein gutes Zeichen aus»

Ein Beispiel für einen Kunden, dem Geld offenbar wichtiger war als Qualitätsmerkmale: die Hochschule Luzern. «Für die neue Musikhochschule im Südpol war eine Orgel ausgeschrieben. Gerne hätten wir die Erfahrungen aus mehreren Musikhochschul-Neubauten der letzten Jahre bei diesem besonderen Luzerner Projekt einfliessen lassen», erzählt Hebeisen. Da für die Behörden der Preis ein wichtiges Kriterium dargestellt hätte, wurde die Offerte international ausgeschrieben, meint Hebeisen. Den Zuschlag habe schlussendlich eine deutsche Firma bekommen. «Wir haben anschliessend den Kriterienkatalog verlangt, um nachvollziehen zu können, was den Ausschlag gegeben hat», sagt er. «Doch mit dem Tiefpreis der ausländischen Orgelbauer können wir nicht mithalten.»

Die Tastatur ist verziert mit Mammut-Zahn.
Die Tastatur ist verziert mit Mammutzahn. (Bild: pze)

Die Gewichtung des Preises sei gegenüber den Fachkriterien und der Qualität zu hoch angesetzt worden, meint er. So blieb ihm nur die Ernüchterung. «Ich finde es kein gutes Zeichen, das der Kanton Luzern mit einer solchen Entscheidung aussendet, zumal die Schweizer Orgelbauer international über einen hervorragenden Ruf verfügen.»

Bei der HSLU will man sich noch nicht zu konkreten Fragen äussern, da der rechtsgültige Entscheid über den Orgelkauf erst im Amtsblatt vom 19. Mai publiziert wird. Die Verantwortlichen weisen darauf hin, dass man bei einer Anschaffung von über 350’000 Franken verpflichtet ist, diese international auszuschreiben. So wollen es die Vorschriften des öffentlichen Beschaffungswesens. Eine Bevorzugung eines lokalen Anbieters würde gegen den Grundsatz der Nichtdiskriminierung verstossen, heisst es bei der HSLU.

Sibirische Mammutjäger besorgen Rohstoffe

Bei Goll wird aber erst einmal die Kloster’sche Kirchenorgel verpackt. Die Pfeifen sind bis zu 2,5 Meter lang und müssen im Stehen gelagert werden. Das liegt am weichen Metall, aus dem sie gemacht sind. Liegen sie, so drohen die Pfeifen unter dem Eigengewicht zu einem Oval zusammengedrückt zu werden. Die Klosters-Orgel beinhaltet insgesamt 1’500 handgemachte Luzerner Pfeifen.

In der Sonnendurchfluteten Werkstatt wird gearbeitet.
In der sonnendurchfluteten Werkstatt wird gearbeitet. (Bild: pze)

Eine Besonderheit im Orgelbau hat Hebeisen noch auf Lager. So werden im Instrument auch feine Streifen aus Ebenholz und Mammutzahn verarbeitet. Ein enorm teures Material aus Sibirien, da darf nichts verschwendet werden. «Mammutjäger suchen dort Skelette im auftauenden Permafrost. Die gesammelten Stosszähne sind in Plättchenform legal im Handel erwerblich», erklärt Hebeisen. Dies sei die einzige Alternative, seit der Handel mit Elfenbein verboten wurde.

Die nächsten Jahre sind gesichert

Nun wird die Goll AG also 150 Jahre alt. Kommen noch einmal 150 dazu? Die nächsten Jahre sei das Überleben des Unternehmens gesichert, sagt Hebeisen, dank bereits abgeschlossener Verträge. Obwohl sich das Umfeld im Orgel-Business schwierig gestaltet, glaubt der Geschäftsführer an ein Fortbestehen in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten. «Orgeln mit hoher Qualität werden eine Nische finden», ist er überzeugt. 

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