«Es braucht nicht ein neues Zentrum in einer Gegend, in dem es noch gar keine Patienten gibt», meint Aldo Kramis (links), Präsident des Ärzteverbands des Kantons. (Bild: Hausarztzentrum Gersag)
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«Es braucht nicht ein neues Zentrum in einer Gegend, in dem es noch gar keine Patienten gibt», meint Aldo Kramis (links), Präsident des Ärzteverbands des Kantons. (Bild: Hausarztzentrum Gersag)

Hausärzte wollen Patienten von Kantonsspital fernhalten

7min Lesezeit

Das vom Luzerner Kantonsspital geplante Gesundheitszentrum Mattenhof stösst den Ärzten sauer auf. Damit mische sich das Spital in den ambulanten Bereich ein. Nun drohen alle 28 Hausärzte aus Kriens und Horw mit einem Zuweisungsstopp. «Das hat es so noch nie gegeben», meint der Präsident des Ärzteverbandes des Kantons Luzern.

«Die ambulante medizinische Grundversorgung ist Sache der Hausärzte – und nicht des Spitals», meint Aldo Kramis, der Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. Hintergrund dieser Aussage ist der Wirbel um ein Schreiben, das 28 Hausärzte aus den Gemeinden Kriens und Horw an den Luzerner Spitaldirektor und den Gesundheitsdirektor gerichtet haben. Im Zentrum der Kritik steht das ambulante Spitalzentrum Mattenhof (siehe Box am Ende des Textes).

Mattenhof bietet in Kramis' Augen ein zusätzliches Angebot, das man nicht brauche: «Wir kämpfen mit einem Hausärztemangel in bestehenden Praxen. Es braucht nicht ein neues Zentrum in einer Gegend, in dem es noch gar keine Patienten gibt.»

Rund 50 neue Ärzte und Therapeuten werden für das neue Zentrum benötigt. Laut Kramis sei es aber viel wichtiger, bestehende Praxen mit Ärzten auszurüsten. «Wir brauchen insbesondere Ärzte, die Alte versorgen – welche nun mal nicht im Mattenhof wohnen.» Auch im Entlebuch gehen unter anderem die Ärzte aus (zentralplus berichtete).

«Es braucht nicht ein neues Zentrum in einer Gegend, in dem es noch gar keine Patienten gibt.»

Aldo Kramis, Hausarzt und Präsident der Ärztegesellschaft des Kanton Luzerns

Kramis meint, dass beim Gedanken an die aufkommenden Spitalzentren, die sich mehr und mehr der medizinischen Grundversorgung aufdrängen, ein Unwohlsein mitspielt. Einige Ängste würden sich dabei herauskristallisieren. Dies zeige sich auch in dem Schreiben, das an Benno Fuchs und Guido Graf gerichtet wurde. «Das hat es so noch nie gegeben, dass alle Hausärzte aus den Gemeinden Horw und Kriens sich in einem Schreiben so geäussert haben», so Kramis. Denn alle 28 Ärzte, die in den beiden Gemeinden tätig sind, haben die Forderung unterstützt und unterschrieben.

Freie Arztwahl gefährdet

Durch das Aufkommen von ambulanten Spitalzentren komme die Angst auf, dass Hausärzten die freie Arztwahl genommen werde. Denn Kramis, der selbst eine Hausarztpraxis im Gersag führt, entscheidet selbst, welchen Spezialisten er seinem Patienten empfiehlt und an welchen er ihn überweist. Der Patient soll stets an erster Stelle stehen, so Kramis.

Laut Kramis würden Hausärzte, die vom Luzerner Kantonsspital in Gesundheitszentren wie dem Mattenhof angestellt werden, zwangsmässig ihre Patienten an Spezialisten des LUKS verweisen, weil man mit dessen Strukturen bekannt sei. «Das Spital hat die Aufgabe, für die stationäre Versorgung der Patienten zu sorgen. Nun nimmt das Luzerner Kantonsspital Einflussnahme in den ambulanten Bereich.»

Auch Marius Bachofner, Hausarzt bei der «Sempachersee Praxis» sieht eine Bedrohung der Handlungsfreiheit – und somit der Unabhängigkeit von Hausärzten in Gefahr. «Die Handlungsfreiheit ist nicht mehr gewährleistet, wenn eine stationäre Institution in den ambulanten Bereich eingreift.» Und gerade die Unabhängigkeit schätze Bachofner an seinem Beruf so sehr.

Bachofner stuft ambulante Spitalzentren grundlegend als problematisch ein. «Zum einen wird der Bevölkerung ein falsches Signal vermittelt. Nämlich, dass ein tolles neues Angebot zur Verfügung steht, was dazu führen kann, dass Medizin vermehrt in Anspruch genommen wird.» Er äussert die Befürchtung, dass Patienten in einem ambulanten Spitalzentrum breit abgeklärt werden und viel Diagnostik gemacht werde, die nicht zwingend notwendig wäre. Dies könne wiederum zu steigenden Gesundheitskosten führen.

Bachofner teilt klar die Meinung von Kramis und stellt sich hinter das Schreiben. «Hausärzte leisten enorm wichtige Arbeit, was mit dem bisherigen System gut funktioniert hat. Wieso sollte man dies ändern?»

Patienten werden selektiert

Dass der Beruf eines Hausarztes durch ambulante Spitalzentren abgewertet werde, glaubt Kramis nicht. Aber: «Mit den jetzigen Absichten steht die Befürchtung im Raum, dass sich das Luzerner Kantonsspital die Macht nimmt, Patienten zu selektieren.» Das Luzerner Kantonsspital würde die lukrativen Patienten-Fälle für sich behalten und die wenig rentablen Fälle an Hausärzte abgeben. Das heisst konkret, dass sich Hausärzte um diejenigen Patienten kümmern müssen, die eine intensive ärztliche Leistung beanspruchen – etwa chronisch kranke oder multimorbide Patienten, die von mehreren Krankheiten gleichzeitig betroffen sind.

«Wir können dann Hausbesuche und die Afterhour-Besuche in Pflegeheimen machen.»

Aldo Kramis

Die ambulanten Spitalzentren hingegen würden gerne Patienten betreuen, die weniger Betreuung und mehr medizinische Leistungen beanspruchen, wie Kramis sagt. Das heisst, dass sich die ambulanten Spitalzentren um die lukrativen Patienten-Fälle kümmern und die wenig rentablen Fälle an die Hausärze abgeben: «Wir können dann Hausbesuche und die Afterhour-Besuche in Pflegeheimen machen», so Kramis, «was aber klar auch zu unseren Aufgaben gehört.»

Hausärzte kritisieren das Gesundheitszentrum Mattenhof

Im Herbst 2019 soll das Gesundheitszentrum Mattenhof in Kriens in Betrieb genommen werden. Entstanden ist das Projekt in einer Zusammenarbeit der Medbase Gruppe mit dem Luzerner Kantonsspital (zentralplus berichtete). Auf 1’100 Quadratmetern sollen rund 50 Ärzte, Therapeuten und medizinische Praxisassistenten tätig werden.

Dies stelle ein lukratives Angebot für Patienten und Ärzte dar, weshalb Praxen, bestehend aus einem Hausarzt, künftig noch mehr Schwierigkeiten hätten, Nachfolger finden zu können, kritisiert Reto Cadisch, der eine Hausarztspraxis in Kriens führt.

Ein Gesundheitszentrum, bei dem sich die Geister scheiden: Während beim Spitaldirektor Benno Fuchs grosse Euphorie herrscht und er grosses Potenzial im geplanten Gesundheitszentrum Mattenhof sieht, äussern Hausärzte aus den Gemeinden Kriens und Horw Existenzängste.

28 Hausärzte aus den beiden Gemeinden haben ein Schreiben entworfen, das sie an Benno Fuchs und den Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf gerichtet haben. Denn die Hausärzte sehen einen grossen Rivalen im neuen Giganten. Grund: Das Gesundheitszentrum dränge sich zu sehr der Aufgabe der medizinischen Grundversorgung auf – was eigentlich Sache der Hausärzte sei. Nun drohen die Hausärzte gar mit einem Zuweisungsstopp.

Beim Luzerner Kantonsspital bedauert man diese Vorwürfe. «Offensichtlich haben wir mit der Kommunikation bezüglich Mattenhof die niedergelassenen Ärzte nicht so erreicht, wie das wohl nötig gewesen wäre», sagte der Kommunikationsverantwortliche Andreas Meyerhans gegenüber der «Luzerner Zeitung».

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