Die Luzerner Finanzprofessorin Sita Mazumder. (Bild: zvg)
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Die Luzerner Finanzprofessorin Sita Mazumder. (Bild: zvg)

Sita Mazumder: die Bridget Jones der Ökonomie

9min Lesezeit

Mit dem neuen Verein «Chief Digital Community» will Sita Mazumder Schweizer KMU für die Herausforderungen des digitalen Wandels fit machen. Es ist eine weitere Station ihres beeindruckenden Werdegangs. Als Superfrau möchte die Ökonomin allerdings nicht dargestellt werden. Denn in Fettnäpfchen trete sie auch heute noch zur Genüge.

Pascal Gut

Über zu wenig Arbeit kann sich die Ökonomin Sita Mazumder sicher nicht beklagen. Als Professorin unterrichtet und forscht sie an der Hochschule Luzern; als Unternehmerin hat sie ihre eigene Beratungsfirma; und als Verwaltungsrätin bringt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung in die Führungsgremien verschiedener Organisationen ein.

Und jetzt präsidiert sie auch noch den Verein «Chief Digital Community» (CDC), ein neues Gefäss der Informatikabteilung der HSLU. Sie bietet Schweizer KMU im digitalen Transformationsprozess praxisnahe Unterstützung.

Obwohl sie gerade eine Horrorwoche durchmache und von Termin zu Termin stürme, macht die knapp 48-jährige Ökonomin weder einen gestressten noch erschöpften Eindruck. Mit viel Elan erzählt sie von ihrem neuen Projekt und dem Weg, der sie hierhingeführt hat. «Ich bin von Natur aus ein quirliger Typ», sagt Sita Mazumder.

«Ich habe gelernt, aufrecht meinen Weg zu gehen.»

Das ist aber nur eine ihrer vielen Seiten. In Verhandlungen etwa trete die Asiatin in ihr hervor, dann ist sie die Ruhe in Person und lässt sich nicht in die Karten schauen. «Da beissen sich die anderen oft die Zähne an mir aus», sagt sie. Das Asiatische bekam sie von ihrem Vater mit auf den Weg, der in 60er-Jahren als indischer Ingenieur in die Schweiz kam und hier ihre Mutter, eine Schweizerin mit französischen Wurzeln, kennenlernte.

Im tiefen Aargau stand sie ihr Kind

Im ländlichen Aargau der 70er-Jahre wurde Sita Mazumder auf schmerzliche Art und Weise zu verstehen gegeben, dass sie aufgrund ihrer Wurzeln anders ist. Schon ihre Eltern waren seit Beginn ihrer Beziehung mit Diskriminierung konfrontiert gewesen. «Das reichte von der erschwerten Wohnungssuche bis zu anonymen Drohungen», erzählt Mazumder, die in der Primarschule von den Mitschülern ausgegrenzt und teilweise heftig angefeindet wurde.

Äusserlich zeigte sich ihre Andersartigkeit an einem etwas dunkleren Teint und punktuellen indischen Einflüssen. Unter anderem an ihrer Erscheinung, wenn sie mal in Schnabelschuhen oder mit sehr vielen Armreifen in den Unterricht kam. «Ich war schon ein krasser Aussenseiter», erinnert sie sich. Trotz alldem hat sie sich nicht unterkriegen lassen. «Ich habe mein Kind gestanden», sagt Mazumder heute, «und habe gelernt, aufrecht meinen Weg zu gehen.»

Sita Mazumder ist gern gesehener Gast in Radio und Fernsehen – wie hier: Sie traf in der SRF-Sendung «Focus Blind Date» auf SP-Nationalrat Matthias Aebischer.
Sita Mazumder ist gern gesehener Gast in Radio und Fernsehen – wie hier: Sie traf in der SRF-Sendung «Focus Blind Date» auf SP-Nationalrat Matthias Aebischer. (Bild: SRF/Oscar Alessio)

Kraft holte sie zu Hause beim Basteln und Malen und in der Parallelwelt, die sich ihr durch Filme eröffnet habe. Filmeschauen und Reisen sind zwei Tätigkeiten, bei denen sie damals wie heute Energie tankt.

In den 80ern besuchte Sita Mazumder die Bezirksschule in Baden und auf einmal sei das Andersartige als cool betrachtet worden. «Das war schon absurd», sagt sie rückblickend. Später in der Mittelschule normalisierte sich die Situation. «Da stand nicht mehr mein Background im Zentrum, sondern meine Persönlichkeit als Sita.»

Ohne Masterplan Karriere gemacht

Sie sei eine multiple Persönlichkeit, sagt sie und lacht. Sie habe sich schon immer genauso für Naturwissenschaften interessiert wie für kreative Tätigkeiten. Das Kreative bekam sie eher von ihrer Mutter mit auf den Weg, die als gelernte Zahntechnikerin das Altgold aus den Zähnen zu Schmuck und Manschettenknöpfen verarbeitete.

«Als Frau ist man in männerlastigen Bereichen exponiert.»

Die analytische Denkweise, die Freude an Naturwissenschaft und Technik, erbte sie von ihrem Vater. Auch wenn sich das Analytische in ihrem beruflichen Werdegang schliesslich stärker niederschlug, hat sie ihre kreative Seite nie verloren. «Ich liebe es, Wohnungen und Häuser einzurichten», sagt sie. «Und ich würde das wahnsinnig gerne öfter oder gar professionell machen.»

Sita Mazumder 2011 zu Gast bei Kurt Aeschbacher:

 

Nachdem sie ihr Masterstudium für Informatik-Ingenieurswissenschaften an der ETH wegen einer längeren Krankheit nicht abschliessen konnte, nahm sie an der Uni Zürich ein Ökonomiestudium in Angriff. Nebenher arbeitete sie 60 bis 80 Prozent in der Schweizerischen Bankgengesellschaft, der heutigen UBS. Ein Jobangebot einer Privatbank an der Zürcher Bahnhofstrasse, das sie nach dem Studium erhielt, lehnte sie ab, um am Swiss Banking Institut der Uni Zürich summa cum laude zu promovieren.

Der Titel ihrer Dissertation lautete «Die Sorgfalt der Schweizer Banken im Lichte der Korruptionsprävention und -bekämpfung». Zudem gründete sie ihre eigene Beratungsfirma. Einen Masterplan habe es nie gegeben, sagt Mazumder. «Das eine führte immer irgendwie zum anderen.»

Nettes Fräulein trifft auf verkrustete Strukturen

Auf ihrem Weg kam sie 2007 an die Hochschule Luzern, wo sie heute noch tätig ist. Zunächst am Institut für Finanzdienstleistungen Zug und seit 2016 am Departement Informatik. In ihrer Forschung beschäftigte sie sich mit Themen wie Korruption, Geldwäscherei, Cyber Crime und internationalem Terrorismus.

«Es gibt Tage, an denen ich in jedes Fettnäpfchen trete, das sich mir bietet.»

«Warum befasst sich denn ein so nettes Fräulein wie Sie mit so einem schwierigen Thema?», sei sie mehr als einmal von traditionellen Herren an Veranstaltungen gefragt worden. «Als Frau ist man in männerlastigen Bereichen exponiert», sagt sie, das sei damals an der ETH so gewesen und ist heute in den Verwaltungsräten nicht anders.

«Es kam schon vor, dass ich vor einer Veranstaltung von einem Gast gebeten wurde, ihm einen Kaffee und einen Stift zu bringen», erzählt sie. «Ich mache mir dann den Spass und bringe ihm die Sachen. Später freue ich mich dann über seinen Geschichtsausdruck, wenn ich referiere und er realisiert, dass sein Stereotyp nicht zugetroffen hat.»

Sie traf im «Focus Blind Date» auf Matthias Aebischer:

 

Die Exponiertheit sei etwas, mit dem viele Frauen hadern, erklärt Sita Mazumder. «Es fällt heute noch vielen Frauen schwer, für ihre Leistungen einzustehen. Heute befinden sich die Frauen in einer Art gesellschaftlichen Glaskuppel und egal, wie man es mit Beruf und Familie macht, es gibt Kritik.» Das sei der Sache nicht hilfreich, und dabei ginge es ja im Grunde um ein einfaches Ziel. «Jeder und jede, egal ob Frau oder Mann, soll sich im Leben privat und beruflich so positionieren können, wie es für ihn respektive sie stimmt.»

Digitale Transformation gemeinsam angehen

Gegenwärtig ist sie vor allem mit dem neuen Verein «Chief Digital Community» beschäftigt. Mit praxisnahen Angeboten und Veranstaltungen will der Verein Schweizer KMU im digitalen Transformationsprozess unterstützen. Ein Fokus liegt auf der Bildung einer echten Community. «Die Unternehmen müssen sich den Herausforderungen der digitalen Transformation nicht als Einzelkämpfer stellen. Unser Ansatz ist, als KMU-Community gemeinsam nach Wegen zu suchen und voneinander zu lernen», sagt Mazumder. «Denn in diesem Prozess stecken wir alle mit drin.»

In der Auseinandersetzung mit der digitalen Transformation und ihren Folgen wünscht sich Mazumder generell mehr Sachlichkeit und weniger Schreckensszenarien: «Wir müssen auch die gesellschaftliche Komponente mehr in den Fokus rücken. Die Digitalisierung schafft neue Hilfsmittel und wir sollten uns fragen, wie und wo wir sie nutzen möchten.»

Vom Typ her eher Bridget Jones

Erfolgreiche Ökonomin und Unternehmerin, eine Frau, die eine beeindruckende Karriere zurückgelegt hat und sich nie hat unterkriegen lassen – es wäre ein Leichtes, daraus eine idealisierte Erfolgsgeschichte einer Superfrau zu zimmern, der alles gelingt. Doch dieses Bild behagt Sita Mazumder nicht. «Ich bin eher eine Art Bridget Jones – mit Tagen, an denen ich in jedes Fettnäpfchen trete, das sich mir bietet», sagt sie.

Ihr Glück sei es, dass sie einfach sehr schnell arbeiten könne und ihr die Arbeit viel Spass mache. «Zudem habe ich das Glück, in einem gesunden Umfeld zu arbeiten und in einer tollen Beziehung zu leben, was mir Energie gibt, anstatt diese zu entziehen.»

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