Ökologischer Unsinn oder unentbehrlicher Helfer? Das Schneilanzen-System Nessy der Firma Bächler im Einsatz – hier auf der Melchsee-Frutt. (Bild: zvg / Bächler)
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Ökologischer Unsinn oder unentbehrlicher Helfer? Das Schneilanzen-System Nessy der Firma Bächler im Einsatz – hier auf der Melchsee-Frutt. (Bild: zvg / Bächler)

Grüne Lösung für weisse Pisten geht um die Welt

8min Lesezeit

Kunstschnee und nachhaltiges Umweltbewusstsein – geht das zusammen? Ja, findet eine Beschneiungs-Firma aus Emmenbrücke, die mit ihren unkonventionellen Schneekanonen gerade die halbe Welt erobert. Das besondere dabei: Die Beschneiung kommt ohne Strom aus.

Noch ist es zu warm, um die gefrorenen Wassertröpfchen durch die Luft tanzen zu lassen. Deshalb spritzt für einmal nur Wasser aus den Düsen. Für den obligaten Testlauf reicht dies allerdings völlig aus. «Vor der Auslieferung testen wir jede einzelne Lanze auf ihre Funktionstüchtigkeit», erklärt Bruno Koch, während ein Kollege den Wasserschlauch am Gerät befestigt. «Wir prüfen, ob alle Schweissnähte dichthalten und das Gesamtsystem funktioniert. Da spielt es keine Rolle, ob vorne Wasser oder Schnee rauskommt.»

Bruno Koch (61) ist Co-Geschäftsleiter der Firma Bächler Top Track aus Emmenbrücke, die Geräte zur künstlichen Schneeproduktion herstellt. Und der emsige Tüftler ist gerade mächtig im Hoch. Dem KMU geht es nämlich blendend. Kein Wunder, wird doch mittlerweile knapp die Hälfte aller Skipisten hierzulande künstlich beschneit. Jedes zweite Gerät stammt dabei vom Familienbetrieb aus Emmenbrücke.

Weil Schneemangel weltweit ein Thema ist, steigen ausserdem die Exportzahlen. Gut 70 Prozent der Bächler-Systeme gehen ins Ausland, nach Österreich, Deutschland, Tschechien, Italien, Polen, Russland und in die USA. Die Geschäfte in China ziehen ebenfalls gehörig an. Die Umsatzzahlen haben sich dort in den letzten drei Jahren verdoppelt.

Energiesparlanzen made in Emmenbrücke

Das Besondere an den Bächler-Schneelanzen ist deren energetische Effizienz: «Im Vergleich mit konventionellen Geräten verbrauchen unsere Lanzen gut 80 Prozent weniger Energie», konstatiert Schneemacher Koch. Rund drei Jahre lang habe man dafür zusammen mit Experten der Fachhochschule Nordwestschweiz und dem Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstitut in Davos getüftelt. Die Entwicklungskosten belaufen sich auf über zwei Millionen Franken.

Das Resultat ist die Schneelanze Nessy, die seit 2007 weltweit im Einsatz steht. In ihrem Erscheinungsbild mag die Lanze durchaus an den Namensvetter aus dem hohen Norden erinnern. Tatsächlich ist Nessy aber ein komprimierter Buchstabenhaufen, der sich zusammensetzt aus Neues Energieeffizientes Schneilanzen System. Die Profis sprechen denn auch nicht von Schnee-, sondern von Schneilanzen.

Das Beschneiungs-System Nessy im Einsatz.
Das Beschneiungs-System Nessy im Einsatz. (Bild: zvg)

Nessy jedenfalls weiss mit grünen Argumenten zu punkten. Konventionelle Lanzen verbrauchen ungefähr vier Kilowatt Strom pro Stunde. Bei dem Nessy aus Emmenbrücke sind es lediglich noch 0,8 Kilowatt, weniger als ein herkommlicher Haarföhn.

Kunstschnee ohne Strom

Es geht aber noch effizienter. Die aktuelle Errungenschaft aus dem Hause Bächler braucht nämlich überhaupt keinen Strom, um Kunstschnee zu produzieren. Nessy ZeroE (das E steht für Energy) nennt sich der patentierte Schneeerzeuger der neuesten Generation, der dem Familienbetrieb aus Emmenbrücke erst kürzlich den Anerkennungspreis der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) ins Haus schneite (zentralplus berichtete).

Von der Loipe auf die Skipiste

Die Firma Bächler ist schweizweit das einzige Unternehmen, das Geräte zur Schneeerzeugung herstellt. 1999 übernahm Bruno Koch zusammen mit Claus Dangel den Betrieb von Firmengründer Toni Bächler, einem Pionier im Bereich Spurgeräte für Langlaufloipen.

Dieser vertrieb damals nur wenige Schneelanzen, die zudem aus Skandinavien und den USA importiert wurden. «Diese Geräte waren nicht wirklich effizient», erinnert sich Bruno Koch. «Also haben wir uns zum Ziel gesetzt, auf diesem Gebiet etwas Neuartiges zu schaffen.»

Inzwischen steuern die Schneelanzen gut 80 Prozent zum Geschäftsumsatz bei. Rund 500 Stück setzt der Familienbetrieb jährlich ab. Eine Lanze kostet im Schnitt etwa 15'000 Franken.

Die Null-Energie-Schneelanze benötigt allerdings einen Speichersee und im Gegensatz zu strombetriebenen Systemen etwas tiefere Lufttemperaturen. Sohn Mario Koch, im Betrieb zuständig für die Qualitätskontrolle und Mitglied der Geschäftsleitung, erklärt: «Der Speichersee muss mindestens 200 Meter oberhalb des Skigebiets liegen, um genügend Druck zu erzeugen. Der zur Eiskristallbildung benötige Druckluft wird so durch Gravitation und Wasserdruck erzeugt.»

Günstiger Unterhalt, hohe Investition

Die Energie für die Schneeproduktion kommt also ausschliesslich aus dem Wasser. Wie das Ganze in der Praxis funktioniert, lässt sich seit 2013 im Skigebiet Melchsee-Frutt begutachten. Dort nämlich wurde Nessy ZeroE in einem Pilotversuch erstmals in die freie Wildbahn entlassen. Mittlerweile steht ein ganzes Arsenal davon unterhalb des Melchsees, dessen Wasser sich im unteren Teil der Talabfahrt seither in eine Skipiste verwandelt.

Auf dem Testgelände der Bächler Top Track steht Nessy ZeroE zur Begutachtung.
Auf dem Testgelände der Bächler Top Track steht Nessy ZeroE zur Begutachtung. (Bild: pbu)

Die Pistenbetreiber können damit natürlich Stromkosten sparen. Und auch im Unterhalt seien die Bächler-Lanzen um einiges günstiger als herkömmliche Schneekanonen, betont Koch Junior. So würden sich die hohen Investitionskosten langfristig rechnen. Zur Veranschaulichung: Einen Kilometer Piste künstlich zu beschneien kostet gut und gerne eine Million Franken.

Es sind aber nicht die teuren Anschaffungskosten, die bei dieser Geschichte bisweilen einen faden Beigeschmack hinterlassen. Auch wenn der Strombedarf gegen Null tendiert, bleibt der enorme Wasserverbrauch, um grüne Hänge in befahrbare Skipisten zu verwandeln. Ist kein Speichersee vorhanden, muss entweder einer angelegt, oder das Wasser vom Tal hochgepumpt werden. Ökologisch korrekter Kunstschnee, ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Der Familienbetrieb mit Sitz in Emmenbrücke beschäftigt 13 Mitarbeitende.
Der Familienbetrieb mit Sitz in Emmenbrücke beschäftigt 13 Mitarbeitende. (Bild: pbu)

Grüner, weisser Schnee?

«Im Gesamtkontext ist unser Eingriff ins Ökosystem vergleichsweise klein», rechtfertigt sich Mario Koch. Ein Eisstadion weise beispielsweise eine viel schlechtere Bilanz auf. Ausserdem seien viele Skigebiete schlicht auf Kunstschnee angewiesen. «Wenn sie darauf verzichten würden», sagt Koch Junior, «dann würden ganze Bergregionen darunter leiden. Das betrifft ja nicht nur die Pistenbetreiber, sondern da hängen viele Existenzen dran.»

Beschneit werde sowieso – umso besser, wenn dies auf möglichst umweltschonende Weise geschehe, ist man sich bei Bächler einig. «Wir geben uns grosse Mühe, energieeffizient zu sein», betont Koch Senior. «Das ist eines unserer wichtigsten Anliegen.» Chemische Zusätze kämen nicht in Frage. Mario Koch spricht deshalb nicht von Kunstschnee, weil das schnell mit künstlichen Zusatzstoffen in Verbindung gebracht werde, sondern von technischem Schnee. «Es ist überhaupt keine Kunst, Schnee zu machen», fügt sein Vater an und lacht.

Bruno Koch (links), gelernter Techniker Maschinenbau, ist zuständig für die technischen Belange und der Konstrukteur des Unternehmens. Sein Sohn Mario Koch, Betriebswirtschaftler, kümmert sich sowohl um den Einkauf als auch um die Produktionsleitung und ist zuständig für die Qualitätskontrolle.
Bruno Koch (links), gelernter Techniker Maschinenbau, ist zuständig für die technischen Belange und der Konstrukteur des Unternehmens. Sein Sohn Mario Koch, Betriebswirtschaftler, kümmert sich sowohl um den Einkauf als auch um die Produktionsleitung und ist zuständig für die Qualitätskontrolle. (Bild: pbu)

Die Grenzen der Natur

Klar ist, dass Bächler auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen wird. Optimierungspotential sei vorhanden, meint Mario Koch. Für das Beschneien bei höheren Temperaturen zum Beispiel. Oder für eine weitere Reduktion des Energieaufwands strombasierter Lanzen. «Aber ja, die physikalischen Grenzen sind bald erreicht.» Ein weiteres Geschäftsfeld bestünde darin, bereits installierte Lanzen mit dem Nessy-System aufzurüsten.

Ein Allheilmittel ist der technische Schnee nicht, dessen sind sich die beiden bewusst. Ohne Naturschnee kein Wintergefühl. Und ohne Wintergefühl gehen die wenigsten auf die Piste. Deshalb betrachtet man die künstliche Beschneiung bei Bächler nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Mario Koch formuliert es so: «Eine Beschneiungsanlage sollte wie eine Versicherung sein. Man hat sie, ist aber nicht erpicht darauf, auf sie zurückzugreifen. Man braucht sie nur im Notfall.»

Weitere Bilder aus der «Schneefabrik» in Emmenbrücke finden Sie in der Galerie:

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