Rentnerado-Mitgründer Admir Trnjanin bei unserem Treffen in Luzern. (Bild: lob)
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Rentnerado-Mitgründer Admir Trnjanin bei unserem Treffen in Luzern. (Bild: lob)

Buchen wir uns einen Rentner

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Wer pensioniert wird oder kurz davorsteht, hat heute oft wenig Chancen aktiv zu bleiben – insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Das Luzerner Start-Up «Rentnerado» will nun Abhilfe schaffen: Auf einer Plattform sollen Menschen ab 60 kleinere Dienstleistungen anbieten. Kann das Konzept funktionieren?

Eine Plattform zur Vermittlung von aktiven Rentnern. Hinter der Idee stehen drei ehemalige Stundenten der Hochschule Luzern-Wirtschaft: der Megger Thomas Brunner, Jakob Schnyder aus Malters und der in Cham wohnhafte Zuger Admir Trnjanin; alle drei 31-jährig. Letzterer erzählt uns, warum gerade drei Männer fernab des Pensionsalters auf so eine Idee kommen.

System, um sich zu beteiligen

«Bei jedem von uns war das unterschiedlich», meint der Zuger, der für die Geschäftsentwicklung und das Branding zuständig ist. «Bei mir war es eine persönliche Erfahrung, die den Ausschlag gegeben hat. Der Vater eines guten Freundes wurde nach seiner Pensionierung  zurückhaltend, sozial weniger engagiert, fast etwas lethargisch. Ihm fehlte ein System, in dem er sich in der Gesellschaft weiter beteiligen kann», erzählt Trnjanin.

«Alte wie Junge in der Gesellschaft sollen davon profitieren.»

Admir Trnjanin, Mitgründer Rentnerado

Ausserdem sei man sich unter den drei führenden Köpfen einig gewesen, dass der Zeitpunkt erreicht ist, an dem die Digitalisierung auch bei den älteren Menschen angekommen ist. Sprich: «Bereits heute sind über die Hälfte der Fahrer bei Uber zum Beispiel über 50-jährig, und diese Zahl wird in Zukunft weiter ansteigen. Ausserdem machen Menschen in dieser Altersgruppe das nicht primär, nur um Geld zu verdienen, sondern um wieder unter die Leute zu kommen.»

Dienstleistungen für deutlich Jüngere

Ideale Voraussetzung also, fanden die drei Herren – und kreierten «Rentnerado», eine Online-Community-Plattform, auf der Rentner zwischen 60 und 79 Dienstleistungen anbieten können. Diese haben mit den früheren Berufen und Erfahrungen der registrierten User zu tun. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht – ein ähnliches Konzept besteht schon seit einigen Jahren.

Wir machen jedenfalls die Probe aufs Exempel und suchen nach Angeboten aus Zug und Umgebung. Was wir unter anderem finden: Einen früheren Lehrer, der Deutschunterricht gibt, oder einen ehemaligen Speditionskaufmann, der Büroarbeiten in mehreren Sprachen erledigt. Und einen Allrounder, der hauptsächlich Tipps im Baubereich geben kann, sich aber auch mit Hunden, Kindern und Mac auskennt. Etwa 20 Anzeigen finden sich insgesamt in unserer Gegend.

In Anspruch nehmen sollen diese Dienstleistung deutlich jüngere Menschen ab 25 Jahren, Alleinstehende oder junge Familien. Eine Art intergenerationaler Austausch? «Ja, davon sollen Alte wie Junge in der Gesellschaft profitieren», meint der 31-Jährige. Will heissen: Während jüngere Semester vom Wissen der Rentner profitieren, können sich diese einbringen, etwas verdienen und bleiben zudem unter Leuten.

So sieht die auf einen Ort eingegrenzte Suche auf der Website aus.
So sieht die auf einen Ort eingegrenzte Suche auf der Website aus. (Bild: Screenshot)
 

Trotz Digitalisierung – Einfachheit ist Trumpf

Nach Tests mit einer eingekauften Plattform-Version im Jahr 2015  ging vor einem Jahr die erste eigene Version von rentnerado.ch online. «Die war vor allem funktional aber noch nicht das, was wir wollten», erklärt Trnjanin. Trotzdem sei die Mitgliederzahl weiter angewachsen. Mit Hilfe der Rentner, welche die Plattform bereits nutzten, haben die drei Startup-Gründer an ihrem Konzept gefeilt: «Wir haben Nutzer eingeladen, befragt und mit ihnen intensive Gespräche geführt. Dass viele von ihnen ziemlich kritisch waren, hat uns weitergeholfen.»

Gab es denn etwas, was sich fast alle Testpersonen wünschten? «Einfachheit und Flexibilität», betont Trnjanin nach reiflicher Überlegung. «Im Endeffekt hatten wir als Digital Natives ein Produkt entwickelt. Es war darum wichtig, das Ganze vertieft aus der Perspektive der älteren Menschen zu sehen, welche Rentnerado schlussendlich regelmässig nutzen sollen.»

Bisher noch eigenfinanziert

Seit Mitte September ist nun die aktuellste Version online – inklusive dem definitiven Geschäftsmodell. Erstmals wollen die Herren nun etwas verdienen: 7.50 Franken im Monat kostet der Mitglieder-Beitrag für die neuen Inserenten. «Für unsere frühen Mitglieder, die bereits ein bestehendes Konto haben, bleibt der Account auf Lebzeit weiterhin kostenlos.» Das ganze Projekt haben die Rentnerado-Gründer bisher aus der eigenen Tasche und mit privaten Geldgebern – «Family, Friends and Fools», wie Trnjanin lachend erklärt – finanziert.

Die drei Köpfe hinter «Rentnerado»
Die drei Köpfe hinter «Rentnerado» (Bild: zvg)

Mit den Mitgliederbeiträgen und zusätzlichen Sponsoring-Partnerschaften soll unter anderem eine neue Social-Media-Stelle geschaffen werden. Auch sollen nun Auftraggeber inserieren, die Rentner für kleinere Arbeitseinsätze suchen. Ob diese Private, Vereine oder Firmen sind, spielt dabei keine Rolle. Ein Beispiel: Aktuell sucht eine private Spitex-Organisation eine pensionierte Pflegehelferin, welche einige Stunden in der Woche aushelfen soll.

Erfahrungsschatz hat grosse Bedeutung

Die Pläne in Ehren – was die drei Herren vorhaben, ist nicht ganz einfach. Natürlich wird die Bevölkerung ständig älter und, dass Menschen auch kurz vor oder nach der Pensionierung noch flexibel arbeiten können und wollen, ist sicherlich eine richtige Annahme. Ist es jedoch nicht so, dass ältere Menschen vor allem nach der Pensionierung immer noch eher als Belastung denn als Quelle des Wissens gesehen werden?

«Die Schwierigkeit sehe ich selber eher bei der Nutzung als beim Konzept.»

Bernhard Neidhart, Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zug

«Das stimmt schon», meint unser Interviewpartner. Gleichzeitig ist er aber überzeugt: «Der Wert der Erfahrung und des Wissens der aktiven Rentner sowie der Austausch zwischen den Generationen ist immens.» Davon wollen sie die Gesellschaft überzeugen, wollen ein «neues Fenster in den Köpfen unserer Mitbürger öffnen», wie Trnjanin sagt. Die Schweiz sei eines der innovativsten Länder, brauche aber auch Tradition für eine stabile Identität. Tradition, die der Austausch zwischen den Generationen bringen könne.

Eine Umsetzung der Idee: Rentner beraten Junge. Community-Mitglied Rudolf (rechts) hat sich ablichten lassen.
Eine Umsetzung der Idee: Rentner beraten Junge. Community-Mitglied Rudolf (rechts) hat sich ablichten lassen. (Bild: zvg)

Problem kann nicht auf Anhieb gelöst werden

Wir sprechen den Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zug, Bernhard Neidhart, auf das Projekt und dessen Erfolgschancen an. «Ich kenne die Plattform selber nicht, bin aber schon auf ähnliche Projekte aufmerksam geworden. Die im übrigen nicht zuletzt auch auf die Kampagne des Kantons ‹Alter hat Potenzial› hin entstanden sind», erklärt Neidhart. Grundsätzlich begrüsse er die Idee, denn der Austausch könne so viel schneller stattfinden. Ausserdem könne man auch im Alter noch etwas in puncto Selbstvermarktung dazulernen.

«Viele nehmen anfangs schon eher eine skeptische oder defensive Haltung ein; im Austausch aber können wir dann vieles erklären und auch überzeugen.»

Admir Trnjanin

Allerdings betont der Experte: «Die Schwierigkeit sehe ich selber eher bei der Nutzung als beim Konzept. Jeder neue Kanal, den auch eine ältere Person nutzen kann, um wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder flexibel zu arbeiten, ist zu begrüssen. Er muss aber die gesetzlichen Vorgaben erfüllen und korrekt bedient werden können.» Diesen Umstand haben auch die Jungunternehmer erkannt, wie die Auswertung der Nutzergespräche zeigte: Eine einfache Bedienung ist extrem wichtig.

«Kampagnen wie auch Start-Ups können die Probleme, die es bezüglich Generationen-Gap noch gibt, nicht auf Anhieb lösen. Aber es ist ein Anstoss, das Thema ist präsent und man kann Menschen darauf sensibilisieren», erklärt Neidhart weiter. Auf lange Sicht werde sich der Erfolg seiner Meinung nach einstellen.

Die Zukunft? Mehr Auftraggeber und ernst genommen werden

Brunner, Schnyder und Trnjanin wurden schon öfter an Events und Messen eingeladen, so zuletzt an eine Konferenz der FH St. Gallen zum Thema Digitalisierung im Alter. Wie fallen die Reaktionen auf ihre Idee denn jeweils aus? «Viele nehmen anfangs schon eher eine skeptische oder defensive Haltung ein; im Austausch aber können wir dann vieles erklären und auch überzeugen», ist sich der Geschäftsentwickler sicher.

Wo sieht das Startup sich denn in einem Jahr? «Dann haben wir hoffentlich schweizweit Fuss gefasst, haben mehr Auftraggeber und arbeiten gut mit Kantonen und Gemeinden zusammen», resümiert der 31-Jährige die Strategie. Ausserdem wollen die drei Herren mit ihrer Idee ernst genommen werden. «Im Mai ging es in einer Sitzung des grossen Gemeinderates in Zug auch um die Sharing Economy – also Plattformen, die Dienstleistungen teilen. Wir wurden da auch neben den internationalen Plattformen wie Uber und Airbnb positiv erwähnt – das werte ich als Schritt in die richtige Richtung», schliesst Trnjanin. 

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