Peter Waltenspül zeigt auf einer Karte die Landwirtschaftsbetriebe im Kanton. Die Biobetriebe sind rosarot markiert, in den Zuger Berggemeinden und am Zugerberg häufen sie sich. (Bild: mbe.)
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Peter Waltenspül zeigt auf einer Karte die Landwirtschaftsbetriebe im Kanton. Die Biobetriebe sind rosarot markiert, in den Zuger Berggemeinden und am Zugerberg häufen sie sich. (Bild: mbe.)

Was in Zug vor 30 Jahren zum Aufstand führte, ist heute Megatrend

9min Lesezeit

Der Kanton Zug ist als internationaler Firmenstandort und nicht unbedingt wegen seiner Landwirtschaft bekannt. Doch die Zahl der Bio-Bauernhöfe ist auffällig hoch. Das hat mit einer Aktion vor 30 Jahren zu tun. Inzwischen ist Bio auch ein lukrativer Markt für die Bauern.

75 Bauernhöfe im Kanton – oder 16,1 Prozent – sind zertifizierte Knospe-Betriebe. Das ist im Vergleich zu anderen Kantonen überdurchschnittlich hoch (schweizweit 13,2 Prozent).

Der Anteil soll noch weiter ansteigen, wenn es nach den Zuger Biobauern geht. «Bis im Jahr 2025 sollen im Kanton Zug 25 Prozent aller Bauernhöf Bio-Betriebe sein», erklärte Peter Waltenspül, der Co-Präsident des Vereins Bio Zug, an einer Pressefahrt.

Abgesehen von der verstärkten Nachfrage nach regionalen und biologisch hergestellten Lebensmitteln, habe «Bio» auch einen positiven Effekt auf die Umwelt. «Wer Bio-Produkte konsumiert, fördert nicht zuletzt eine bessere Gewässerqualität», so Waltenspül, «denn die biologische Landwirtschaft verzichtet auf chemisch-synthetische Pestizide und Düngemittel.»

Heute entspannt, damals als «Biofritzen» angefeindet: Der Zuger Landwirt Toni Niederberger (l.) und Daniel Brunner (r.), zusammen mit Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse.
Heute entspannt, damals als «Biofritzen» angefeindet: Der Zuger Landwirt Toni Niederberger (l.) und Daniel Brunner (r.), zusammen mit Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse. (Bild: mbe.)

Algenwuchs im Zugersee

Dazu muss man wissen: Der Zugersee war in den 1980er-Jahren stark überdüngt; mancher Zuger erinnert sich noch an die «Algenbrühe». Nach dem Phosphatverbot 1984 und der Vollendung der Ringleitung für die Siedlungsabwässer und der zentralen Kläranlage unterhalb von Cham, trug die Landwirtschaft die Hauptverantwortung dafür.

Vor 30 Jahren lancierte eine Gruppe von rund 60 Zugern deshalb eine verrückte Idee: Sie wollten erreichen, dass alle Bauernhöfe im Kanton auf Bio umstellten und gründeten die breit abgestützte «IG für eine biologische Zuger Landwirtschaft».

«Das Echo war negativ und ging bis zum tumultmässigen Aufstand der Bauern.»
Toni Niederberger, Zuger Biobauer

Toni Niederberger, der den Bio-Hof in Oberwil betreibt und für die CVP im Grossen Gemeinderat politisierte, war eine der treibenden Kräfte, neben Daniel Brunner und Madeleine Landolt aus dem links-grünen Spektrum.

Support erhielten die Zuger durch eine wissenschaftliche Studie. Die so genannte «Umstellungsstudie» trug den Titel «Möglichkeiten und Grenzen des biologischen Landbaus im Kanton Zug» und wurde 1987 bis 1989 vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau erarbeitet.

Interview mit Toni Niederberger vom Biohof Zug from zentralplus on Vimeo.

Interesse beim Kanton, Aufstand bei den Bauern

Für den Kanton Zug lohnte sich die Sache finanziell, denn er hätte damals teure Anlagen für die Seewasserableitung bauen müssen. Stattdessen empfahl die Studie zur Lösung des Gewässerproblems die Umstellung der Zuger Landwirtschaft auf Bio. Die Idee aus den Amtsstuben löste damals wenig Freude aus bei den lokalen Bauern. Toni Niederberger erinnert sich: «Das Echo war negativ und ging bis zum tumultmässigen Aufstand der Bauern. Wir standen alleine auf weiter Flur.»

1987 gab es erst vier Bio-Betriebe im Kanton Zug. Dennoch begann in den 1990er-Jahren eine Umstellungswelle, die nicht zuletzt durch Beiträge an die Bauern erleichtert wurde.

Sie erhielten ab 1992 1'000 Franken pro Hektare für ihre Ertragsausfälle. Diese Beiträge sind inzwischen eingestellt worden, nicht etwa aus Spargründen, sondern weil die Nachfrage in den Nullerjahren stark abnahm.

Xaver Amgwerd vom Hof Chamau im Reusstal erklärt, warum er seinen Bauernhof auf Bio umgestellt hat.
Xaver Amgwerd vom Hof Chamau im Reusstal erklärt, warum er seinen Bauernhof auf Bio umgestellt hat. (Bild: mbe.)

Zug soll wieder Modell sein

Das utopische Ziel der völligen Umstellung auf Bio-Landwirtschaft wurde zwar nicht erreicht. Doch der hohe Anteil an Bio-Betrieben basiert unter anderem auf der damaligen Landwirtschaftspolitik, wurde am Anlass betont. Nun will man einen weiteren Anlauf nehmen und mehr konventionell arbeitende Bauern dazu ermutigen, ihren Hof auf Bio umzustellen. Die Rede ist auch von einem Aktionsplan für den Kanton Zug (siehe Box).

«Der Dersbach und der Aabach sind chronisch pestizidbelastet.»
Raimund Gmünder, Landwirtschaftsschule Schluechthof

Denn den Gewässern geht es nicht allen gut: Die Situation des Zugersees ist zwar inzwischen viel besser. Dennoch warnt Raimund Gmünder, Prorektor der Landwirtschaftsschule Schluechthof Cham, vor allzu grosser Euphorie. Die kritischen «Hotspots» im Kanton Zug seien der Dersbach und der Aabach. «Sie sind chronisch pestizidbelastet», sagt Gmünder. «Hier könnte der Biolandbau dazu betragen, die Situation zu entschärfen.»

Graben kleiner geworden

Laut Peter Waltenspül, selbst Bio-Bauer auf dem Hof Hintersennweid in Neuheim, hat sich die Diskussion versachlicht. «Der Graben zwischen konventioneller und Bio-Landwirtschaft ist nicht mehr so gross wie noch vor 30 Jahren. Mancher konventionelle Bauer findet inzwischen, er mache ja fast das Gleiche wie ein Biobauer.» Und die Nachfrage nach Beratungen, die Bio-Zug anbietet, habe zugenommen.

Ein Grund für die Umstellung sei nicht zuletzt die wirtschaftliche Perspektive durch deutlich höhere Preise. Der Bauer fühle seine Arbeit wertgeschätzt. Der sinkende Milchpreis könne auch ein Grund sein, dass ein Bauer beschliesst, auf Bio-Landbau umzustellen.

Der Hofladen des Biohofs Zug: Direktverkauf von Gemüse und Obst.
Der Hofladen des Biohofs Zug: Direktverkauf von Gemüse und Obst. (Bild: mbe.)

Bio-Bauern zufriedener

Der Bauernhof Chamau von Xaver und Isabelle Amgwerd liegt auf Zuger Boden im Reusstal. Xaver Amgwerd übernahm den Hof in den 90er-Jahren von der Familie. «Als ich sah, dass die Milchwirtschaft nicht mehr rentierte, entschied ich mich 2001 aufzuhören mit der konventionellen Landwirtschaft.» Seither wird auf dem Hof Chamau beispielsweise Bio-Saatgut produziert. Neben Obst. Zudem hält die Familie eine kleine Mutterkuhherde von Charolais- und Piemonteser-Rindern, welche ihr ein lokaler Metzger aus Sins abnimmt.

Bio-Tagung im Schluechthof

Am kommenden Freitag findet im Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Schluechthof in Cham eine Tagung unter dem Titel «Zukunftsfähige, gewässerfreundliche Landwirtschaft im Kanton Zug – und in der Schweiz» statt. Diskutiert wird unter anderem, ob der Kanton Zug wieder eine Modellfunktion wie vor 30 Jahren einnehmen könnte. Es geht um Förder-Offensiven. Ein Thema werden auch «Aktionspläne für den Bio-Landbau» sein, die man wie in den Kantonen Bern, Freiburg auch im Kanton Zug lancieren könnte. Aber auch der wachsende Bio-Markt und wie Bauern und KMU davon profitieren könnten, werden diskutiert.

Xaver Amgwerd meinte, es gebe ökologische und ökonomische Gründe für die Umstellung. Man brauche als Biobauer eine positive Einstellung und keine Berührungsängste, einmal etwas Neues auszuprobieren. «Interessant ist ausserdem der Austausch mit Kollegen», sagt er. Dennoch gebe es auch Ängste: Funktioniert es oder nicht? Muss ich Tag und Nacht hinter dem Unkraut her sein? Doch laut Amgwerd gibt es mittlerweile viele mechanische Hilfsmittel und jede Menge Infos für die Biobauern.

Der Biomarkt in der Schweiz boomt: Seine Entwicklung ab 2011 in Millionen Franken. 2016 betrug das Wachstum 7,8 Prozent.
Der Biomarkt in der Schweiz boomt: Seine Entwicklung ab 2011 in Millionen Franken. 2016 betrug das Wachstum 7,8 Prozent. (Bild: Bio Suisse)

Biohof stellte vor 30 Jahren um

Ein Pionierbetrieb war der Biohof Zug, den Toni Niederberger und Annemarie Schwegler führen. «Wir stellten schon 1986 um, als ich den Hof von meinem Vater übernahm», sagt Toni Niederberger (siehe auch Video). Heute ist der Biohof Zug ein Lokalversorger, und Niederberger produziert mit seinem Team Gemüse, Kräuter, Obst und Beeren. Vermarktet werden die Produkte ausschliesslich via Hofladen und man verwertet sie auch in der Hofgastronomie. Damit deckt der Biohof die gesamte Wertschöpfungskette ab.

Zuger Bio-Brot lanciert

Andere Zuger Biobauern arbeiten zusammen mit lokalen Unternehmen. Die Bäckerei Nussbaumer bietet seit August ein «Zuger Dinkelbrot» an. Es wird laut Yvonne Hegglin-Zürcher aus Bio-Getreide produziert, das rund zehn Bauern der Bäckerei liefern.

Auch die «Spinni Event & Lounge» in Neuägeri ist neuerdings ein Abnehmer von Biomehl und setzt damit auf regionale zugerische Produkte. «Wir hoffen, dass wir noch mehr Abnehmer finden können», sagt Hegglin-Zürcher, Co-Präsidentin von Bio Zug.

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