Der Wettbewerb für die Neugestaltung der Industriestrasse ist lanciert. (Bild: zvg/IG Industriestrasse)
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Der Wettbewerb für die Neugestaltung der Industriestrasse ist lanciert. (Bild: zvg/IG Industriestrasse)

21 Architekten buhlen um die Luzerner Industriestrasse

9min Lesezeit

Der Architekturwettbewerb für die Siedlung Industriestrasse geht in die erste Phase. Dabei müssen sich die Büros gegen 20 Mitbewerber durchsetzen. Wie steigen die Architekten in das Rennen? zentralplus hat bei verschiedenen Bewerbern nachgefragt und festgestellt: Die Chancen stehen besser als gedacht.

Pascal Zeder

Ein belebtes Quartier soll es werden, ein kreatives Biotop inmitten der Stadt: Die Siedlung Industriestrasse geht in die Planungsphase. Das Ziel der verantwortlichen Genossenschafts-Kooperation: eine unweltschonende, lebendige Holzüberbauung. Dafür wurde vergangene Woche ein Architekturwettbewerb lanciert (zentralplus berichtete). Insgesamt wurden dafür 21 Büros aus Luzern, der Schweiz, London, Athen und Paris eingeladen: Die Chance, den Auftrag zu erhalten, ist für jeden Teilnehmer also gering.

Ein Jahr Vorbereitung

Speziell: Der Wettbewerb ist in zwei Teile aufgeteilt. In einem ersten Schritt werden bis im Oktober Ideen zur Umsetzung verlangt – also noch keine fertigen Projekte. So sortiert man rund die Hälfte der Bewerber aus. Die verbleibenden zehn bis zwölf Büros dürfen die Idee in einem konkreten Projektvorschlag umsetzen. Anhand der konkreten Pläne und Modelle wird eine Jury im Sommer 2018 den Gewinner des Wettbewerbs küren.

Wie gehen die Architektur-Büros mit dem Auftrag der Koorperation Industriestrasse (siehe Box) um, in welchem so grosse Konkurrenz herrscht? Und wo fängt man bei so einem riesigen Projekt an?

Startvorsprung durch Extra-Effort?

Ein Unternehmen, welches am Wettbewerb teilnimmt, ist das Luzerner Atelier «ahaa». Architekt Andreas Heierle begrüsst das Verfahren. Die zwei Stufen würden ihm die Chance geben, in einem ersten Schritt ressourcenarme Denkarbeit zu leisten.

Heierles Devise für den ersten Wettbewerbsteil: «Die Idee steht im Vordergrund. Erst wenn diese Anklang findet und man es in die zweite Runde schafft, arbeitet man ein umfangreiches Projekt aus.» Doch das klingt einfacher als es tatsächlich ist: «Mit der Idee ist es immer gleich: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Dabei wird die Wichtigkeit des ursprünglichen Einfalls oft zu wenig honoriert, sie ist nämlich für das ganze folgende Projekt entscheidend.»

Die Koorperation Industriestrasse

Die fünf Stadtluzerner Wohnbaugenossenschaften Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Industriestrasse Luzern (GWI), Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL), Liberale Baugenossenschaft Sternmatt-Tribschen Luzern (LBG), Baugenossenschaft Wohnwerk Luzern und Wogeno Luzern setzen ihre Pläne fürs Areal Industriestrasse um. Sie haben sich zur Kooperation Industriestrasse Luzern zusammengeschlossen und sind Baurechtsnehmer der Stadt Luzern.

Ein potentielles Risiko des Zwei-Stufen-Wettbewerbs verortet Heierle vor allem bei den Architekten selber: «Viele Architekten sind sich gewohnt, für eine Abgabe ins Detail zu gehen und so wird bereits bei der ersten Stufe ein ganzes Projekt ausgearbeitet.» Das sei nicht phasengerecht und mache sogleich den Hauptvorteil des zweistufigen Verfahrens wieder zunichte, dass nämlich die Grundidee unabhängig von deren Detaillösung angemessen bewertet werden soll.

Büros tragen volles Risiko

Projektverantwortlicher für die Industriestrasse bei den Genossenschaften ist Cla Büchi, selber Architekt. Zur Sorge, dass sich Büros mit bereits ausgereiften Projekten profilieren könnten, sagt er: «Da hätte man die Aufgabenstellung nicht verstanden. Im ersten Schritt geht es um eine Idee für den Ort. Diese kann abstrakt und kurz sein, man muss sie einfach gut begründen können. Wir erwarten keinesfalls ein ausgearbeitetes Projekt.» Büchi betont, die Chance für den Zuschlag erhöhe sich durch den Extra-Effort nicht.

«Unser Ziel ist es, dass für jede Genossenschaft ein Büro am Bau beteiligt ist.»

Cla Büchi, Verantwortlicher Siedlung Industriestrasse

Die Planungsbüros gehen aber bei jedem Wettbewerb ein gewisses Risiko ein. Der Architekt Rolf Mühlethaler ist aus Bern und bringt eine Sicht von aussen auf das Projekt. Speziell am Industriestrasse-Projekt seien der grosse Umfang, die vielfältigen Vorgaben und der emotionale und kulturelle Wert des Ortes. «Dem Rechnung zu tragen, ist anspruchsvoll – aber macht das Projekt für mich sehr interessant.» Auch Mühlethaler setzt im ersten Schritt auf die Idee: «Zuerst muss intellektuelle Arbeit geleistet werden, um dem Ort, den Vorgaben und den eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können.»

Preisgeld wird aufgeteilt

Cla Büchi von der Kooperation Industriestrasse sagt, die Chancen für die Wettbewerbsteilnehmer seien unlängst grösser als bei offenen Ausschreibungen: «Es ist ein Wettbewerb auf Einladung, also mit einer begrenzten Anzahl Bewerbern. Wäre es eine offene Ausschreibung, hätten wahrscheinlich bis zu hundert Büros aus dem In- und Ausland teilgenommen.» Für eine Ausschreibung auf Einladung habe man sich wegen der Komplexität der Aufgabe und des Umfangs der zu leistenden Arbeit entschieden.

Auch erhöhen sich die Erfolgschancen der Architekten, weil die Genossenschaften die Realisierung der Bauten auf mehrere Büros aufteilen wollen, wobei ein Planungsteam für die städtebauliche Grundprägung verantwortlich sein wird: «Bestenfalls wird für jede Genossenschaft ein Büro am Bau beteiligt sein.» Das hiesse, es wären fünf Wettbewerbsgewinner und davon einer, der zusätzlich für den Städtebau und den Aussenraum verantwortlich zeichnet. «Das ist nicht fix, vielleicht sind es auch nur drei, das wird der Wettbewerb zeigen.»

Architekt Cla Büchi war mit dem Konzept der Kooperation Industriestrasse beauftragt. Zudem ist er Mitglied der neuen Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Industriestrasse Luzern (GWI).
Architekt Cla Büchi. (Bild: Luca Wolf)

Das Preisgeld von 220'000 Franken wird also aufgeteilt. Während die Büros für die erste Phase der Ideenfindung keine Entschädigung erhalten, wird die Jury das Preisgeld auf die Preisträger aufteilen. Insgesamt ist vorgesehen, fünf bis neun Preise für die zwei Disziplinen Städtebau/Aussenraum und Gebäudetypologie zu vergeben. Auf eine pauschale Entschädigung können auch die Verlierer des Wettbewerbs hoffen. «Diese Möglichkeit besteht, wenn die Eingaben von hoher Qualität sind», erklärt Büchi. Trifft dieses Szenario ein, wird die verbleibende Preissumme auf die Preisträger verteilt.

Diese pauschale Entschädigung für die Verlierer beläuft sich bei Wettbewerben im Normalfall auf 5'000 bis 15'000 Franken.Über den möglichen Zustupf für die Teilnehmer sei er froh, aber um es ins Verhältnis zu setzen: «Das deckt in der Regel knapp die Kopier- und Projektmodell-Spesen.»

Die Büros tragen also die Kosten für den Personalaufwand, den der Wettbewerb mit sich bringt und haben das volle Risiko, wenn der Wettbewerb verloren geht. Wenn es, wie im Fall der Industriestrasse 20, Mitbewerber gibt, wartet man da ab, ob man es in die zweite Runde schafft, bevor man viel Zeit und Ressourcen investiert? «Nein», versichert Mühlethaler. «Wenn ich bei einem Wettbewerb oder einer Präqualifikation zusage, setzen wir uns zu hundert Prozent dafür ein.»

Aufwand von rund 100'000 Franken

Erfahrung mit genossenschaftlichem Wohnungsbau in Luzern hat das Basler Büro «Luca Selva Architekten». Im Juni dieses Jahres wurden sie als Gewinner des Architekturwettbewerbs Bernstrasse bekanntgegeben: Die Architekten überzeugten mit ihrem Projekt «Forever Young» (zentralplus berichtete).

Architekt Luca Selva zeigt auf, wie viel Aufwand so ein Wettbewerb für ein Büro bedeutet: «Je nach Grösse des Wettbewerbes sind es zwischen 500 und 1'000 Stunden, dazu kommen die externen Kosten für die Gipsmodelle und die meist extern in Auftrag gegebenen Visualisierungen.» Der Stundenansatz belaufe sich dabei auf rund 100 Franken. Das macht 50'000 bis 100'000 Franken Aufwand – ohne Gewähr auf einen Projektzuschlag.

Selva sagt, bei einem Wettbewerb investiere das Büro viel Zeit und Energie dafür, das «Wesentliche aus der Aufgabe herauszudestillieren und in einem starken Projekt umzusetzen.» Dieses «Wesentliche» zu finden, sei die Hauptherausforderung.

Architekturwettbewerb: «Lange Tradition»

Trotz des hohen Risikos und aufgeteiltem Preisgeld: Alle befragten Architekten sagen einhellig, dass sie die Form des Architekturwettbewerbs begrüssen. Man verweist auf die «lange Tradition» der Wettbewerbskultur in der Schweiz.

Zwar gehen die Verlierer oft leer aus. Bruno Mühlethaler versichert aber: «Man akzeptiert das im Business ohne Gram.» Denn durch den Wettbewerb werde stets die grösstmögliche Qualität sichergestellt. «Dabei werden Projekte nicht einfach dem Büro mit dem günstigsten Angebot vergeben, sondern es gelten festgelegte, qualitative Kriterien», so der Berner Architekt.

Andreas Heierle von «ahaa» begrüsst vor allem, dass schweizweit und sogar international Büros angefragt wurden. Gerade in der Zentralschweiz gehe die Tendenz eher dahin, dass nur lokale Architekten angefragt würden. Dies führe zu einer geringeren Diversität in den Projekten, so der Architekt. Heierle, selber in der Zentralschweiz aufgewachsen, sagt: «Die Öffnung und Internationalisierung begrüssen wir als Wettbewerbsbüro, wenn auch das erstrebenswerteste Verfahren der öffentliche Wettbewerb bleibt, bei dem jeder teilnehmen oder sich zumindest um die Teilnahme bewerben kann.»

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