Kunstmensch: Ueli Vollenweider im Büro vor einem Castelli-Werk. (Bild: hae)
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Kunstmensch: Ueli Vollenweider im Büro vor einem Castelli-Werk. (Bild: hae)

Der letzte Luzerner Beizen-Hippie tritt ab

11min Lesezeit

Schreinersohn Ueli Vollenweider (72) legte eine der coolsten Karrieren in Luzern hin: Der stadtbekannte Hippie war Bürogummi, dann Modeeinkäufer und Franz-Gertsch-Modell. Nach 26 Jahren als Restaurantbetreiber trifft man den «Helvetia»-Boss zukünftig auf dem Bike und in den Bergen. Wie er die Neustadt-Sanierung erlebte und welche Luzerner Beizer ihm imponieren.

Mathias Haehl

Wir sitzen im Garten seines Restaurants «Helvetia», trinken kalti Ovi und reden über Drogen. Mit solchen verbotenen Stimulanzien hatte der junge Ueli Vollenweider einige Erfahrungen gemacht. Später aber infolge seines Berufes als Modeeinkäufer und schliesslich als Mitinhaber der Blondino-Boutiquen musste er dann in den abhebenden Runden zuschauen. Und einer musste schliesslich die Fahrzeuge lenken: 1969 fuhr er mit seinen Kumpels auf Töffs nach Ibiza oder Positano, manchmal 16 Stunden am Stück. Man suchte den berühmt-berüchtigten Summer of Love. «Ich war ein Hippie – und bin immer noch einer», sagt der 72-Jährige.

«Easy Rider» mit Vanja Palmers

Lassen wir den stadtbekannten Beizer, der sein «Helvetia» im Oktober abgibt, doch erzählen. Die damalige Männerclique tuckerte oft daher wie im Film «Easy Rider». Lange Haare, filzige Bärte, geblümte Hosen mit Schlag – und immer ein verzücktes Lächeln im braun gebrannten Gesicht. Es war eine kunterbunte Truppe, in ihrem Umfeld viele Künstler: Franz Gertsch, der Maler, Franz Marfurt, der Goldschmied, Luciano Castelli, der Maler, und Thys Flueler, Psychologe und Autor, der eine TV-Sendung mit Lilo Wanders hatte.

Dynamik und verquere Ideen

Serge Vollenweider übernimmt ab Oktober das «Helvetia» von seinem Onkel Ueli.
Serge Vollenweider übernimmt ab Oktober das «Helvetia» von seinem Onkel Ueli. (Bild: hae)

«Ueli ist zwar mein Onkel, aber ich liebe ihn wie einen Ersatzvater», sagt der gelernte Bootsbauer Serge Vollenweider (41), der im Oktober das «Helvetia» übernimmt und kaum etwas ändern will (zentralplus berichtete). «Ich bewundere ihn für seine Dynamik, für seine Tierliebe und seinen bunten Strauss an verqueren Ideen. Ausserdem teile ich die Hobbys mit meinem Onkel: das Segeln und das Skifahren.»

Mittelpunkt des stadtbekannten Hippie-Haufens waren Calida-Erbe Vanja Palmers, den alle «Scheich» nannten, und Palmers damalige Freundin und spätere Frau Irene Baumgartner. Alle schmissen sie Palmers gleichnamige Zürcher Modeboutique, bis Palmers seinen eigenen Mittelpunkt suchen wollte, in die USA auswanderte und Zen-Mönch wurde.

«Blondino Company»

Unter neuem Namen «Blondino Company» machten die Mitarbeitenden 1972 in Zürich mit ihrer ersten eigenen Boutique weiter. Und hatten grossen Erfolg: Bald schon waren es deren sieben, von Luzern bis St. Moritz. Ueli Vollenweider erinnert sich: «Das waren wilde Zeiten: Drei Monate im Jahr war ich als Einkäufer in der weiten Welt unterwegs.» Doch das sind Tempi passati. Denn wir wollen ja die Geschichte von Ueli Vollenweider, dem Beizer, kennenlernen.

Also soll er uns doch bitte mal den Regieraum zeigen, wo er 26 Jahre lang wirkte. Da sitzt er dann in seinem grossen Büro in Shorts, leicht zerknittertes blütenweisses Hemd, coole Schiebermütze. An der Wand hängen die Fotos von US-Popmaler Andy Warhol und dem Luzerner Bohemien Luciano Castelli. Letzterer hat Vollenweider in jungen Jahren oft gemalt, genauso wie Franz Gertsch, der berühmte Berner Maler mit eigenem Museum. «Heute hängt unsere WG als 4-mal-6-Meter-Bild im Aachener Ludwig-Museum in Deutschland», erklärt Vollenweider fast ein wenig stolz. Und streichelt liebevoll über die auf dem Pult thronende kleine Buddha-Figur.

Ueli Vollenweiders 1972-er-WG als 4-mal-6-Meter-Bild von Franz Gertsch hängt im Aachener Ludwig-Museum. Der Beizer posiert lässig in der Mitte.
Ueli Vollenweiders 1972er-WG als 4-mal-6-Meter-Bild von Franz Gertsch hängt im Aachener Ludwig-Museum. Der Beizer posiert lässig in der Mitte. (Bild: zvg)

Welch prächtiges Sammelsurium an Hippie-Insignien! Dabei hatte Ueli Vollenweider doch nach zwei London-Jahren als Bürogummi bei der Maschinenfabrik Bell in Kriens angefangen. Ganz schön klein und gutbürgerlich. Als was genau denn, bitte? Da muss er selber schmunzeln: als Direktionssekretär-Assistent. Dann kramt er ein Foto hervor, zeigt eine Katze, denn seine ist verstorben. «Heute Nachmittag gehe ich ins Tierheim und hole Luna ab, eine 12-jährige alte Dame. Die passt zu mir. Ich freue mich so …»

Tierliebe ist Herzensangelegenheit

Tierliebe, das ist eine der grossen Herzensangelegenheiten des Beizers. Und jetzt sind wir im «Helvetia», seinem Herzstück. Seit 15 Jahren schaut Ueli Vollenweider, dass er nur noch Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auf seiner Speisekarte anbietet. «Und ich sage auch allen, die es wissen wollen: Einmal in der Woche Fleisch genügt – ich lebe schon seit Langem fast vegetarisch.»

Der schicke Hippie schüttelt sich und erzählt, wie Kühe tagelang markerschütternd schreien, wenn ihnen kurz nach der Geburt ihre Kälblein weggenommen werden. «Wer das einmal hört, der isst vermutlich nie mehr Fleisch», so Vollenweider, der kein Kalbfleisch im Restaurant servieren lässt. Dafür solches von jungen Rindern. Und alles mit Bio-Knospe, vom Luzerner Ueli-Hof, von Bio-Bauern aus dem Emmental oder dem Entlebuch.

Auch sonst lebt Ueli Vollenweider höchst bewusst: Fuhr er früher Döschwo, so muss es heute selbstverständlich ein modernes Elektroauto sein, ein Renault Zoé.

Nachhaltigkeit des Buddhismus

Was sind denn die grossen Werte, die der Alt-Hippie in die Neuzeit übernommen hat? Er beschäftigt sich gerne damit, wie es denn nach dem Tod weitergehen kann. Ganz laienhaft glaubt er daran, dass unsere Seelen weiter existieren. 

Und er ist ein Anhänger der Nachhaltigkeit, der Ideen des Buddhismus, die allerdings nicht immer mit denjenigen des Geschäftsmannes übereinstimmen. Mit 26 Jahren im selben Restaurant ist er die grosse Ausnahme in einer Branche, in der nach fünf Jahren die Hälfte der neuen Betriebe wegen Misswirtschaft wieder schliessen müssen.

«Das waren wilde Zeiten.»

1990 startete er mit seiner Frau Irene wagemutig ins Beizengeschäft. «Als Quereinsteiger willst du alles selber machen, das heisst: 15-Stunden-Tage ohne Ende …» Sie fingen an in Zürich, eröffneten am attraktiven Klusplatz das «California». Es wurde der Zürcher Trendspot, noch bevor Beizenkönig Fredi Müller mit dem «Tres Kilos» und der «Limmatbar» anfing. Müller wurde Konkurrent von Vollenweider: «Auch Fredi hatte im Modebereich gearbeitet und stieg dann kometenhaft mit seinem Kaufleuten auf.» Genau, das Kaufleuten, wo heute noch jeden Abend mindestens ein Anlass Leute weit über die Region hinaus anzieht.

Terrasse im Ibiza-Style

Mit ihrem Know-how kamen die gestandenen Zürich-Beizer zurück in ihre Heimat nach Luzern und machten am 1. Januar 1991 das «Helvetia» auf. 100 Plätze, Säli statt Bar, noch keine Terrasse. Doch Letztere war für den Ibiza-Fan quasi Bedingung, und zwei Jahre später bot die Stadt Hand für den Umbau des Platzes. «Wir konnten unter die lauschigen Bäume endlich Tische stellen. Ein Traum ging in Erfüllung!»

«80 Skitage pro Saison müssen es schon sein, damit ich glücklich bin …»

Und der hielt bis jetzt. «Es ist Zeit, mit 72 Jahren abzugeben», so Vollenweider. Der neun Monate dauernde Baustellenlärm in den Nachbarstrassen der Neustadt habe ihm schon am letzten Nerv gezerrt. Auch wenn er in den letzten Jahren nur noch morgens von 7 bis 9 Uhr im Büro war und dann seinen Leidenschaften frönte: Velofahren und Skifahren. «Dafür habe ich jetzt noch mehr Zeit. 80 Skitage pro Saison müssen es schon sein, damit ich glücklich bin …»

Er braucht viel Freiheit

Ueli Vollenweider weiss schon seit Langem, was er braucht: «Viel Freiheit. Dafür hab ich’s zu nichts gebracht. Aber ich musste ja auch nicht.» Er schmunzelt. Er weiss, dass andere es gerne haben, wenn sie in Arbeit ertrinken. Er sieht das anders: «Ich habe die Arbeit gerne erledigt – und dann geniesse ich es, frei zu haben.» Am liebsten kurz nach 9 Uhr früh …

Die «Helvetia»-Geschichte in diesem mehr als 100-jährigen Haus starteten die Vollenweiders mit 15 Mitarbeitenden, und sie wuchs stetig. Seine ehemalige Frau Irene hatte im Jahr 2000 die «Shine»-Bar aufgemacht – natürlich ebenso im Ibiza-Style. «Das erinnert mich ans wunderbare Restaurant Bambuddha auf der Insel», sagt er. Und dann gerät Ueli Vollenweider ins Schwärmen, erzählt von Nächten auf Ibiza mit den damaligen Rockgrössen und anderen Aussteigern.

35 Mitarbeitende, sieben Köche

Doch zurück zum Business: Derzeit arbeiten im Helvetia 35 Leute mit den Saisonniers. «Im Sommer sind wir bei schönem Wetter mittags und abends voll – da brauche ich unbedingt sieben Köche!» Ueli Vollenweider verdreht die Augen. Denn er ist froh, dass er nicht auch noch Betten zu füllen hat, so wie Hotelier-König Urs Karli mit seinen grossen Hotel- oder Astoria-Kästen. «Wer Trendlokale hat, ist unter Druck, alle paar Jahre umzubauen – das geht mächtig ins Geld.»

Gastgeber: Genussmensch Ueli Vollenweider in der Bar seines «Helvetia»-Restaurants.
Gastgeber: Genussmensch Ueli Vollenweider in der Bar seines «Helvetia»-Restaurants. (Bild: hae)

Ein Schluck Ovi, dann sind wir bei den Millionen-Investitionen der Fünfsternehäuser um Luzern, in denen Araber und Chinesen ihre Gelder parkieren: Bürgenstock, Andermatt, Frutt, Engelberg. Ueli Vollenweider: «Was die Katari und Samih Sawiris – ein netter Typ übrigens – machen, ist zumindest ästhetisch. Sie verschandeln die Landschaft nicht allzu sehr.»

Bünzlig: Golfplatz auf dem Bürgenstock

Dann ist genug mit Lob: «Aber muss dieser Hang zur schieren Grösse wirklich sein?» Oder beim Golfplatz auf dem Bürgenstock kommt der Naturbursche in Ueli Vollenweider zum Vorschein: «Der Alpinplatz mit Steinen und Kräutern, den die damaligen Besitzer, die Familie Frey, so schön gestaltet hatten – kommt heute mit englischem Rasen und gepützelten Betonwegen total bünzlig daher. Wie beim Golfplatz auf dem Dietschiberg.»

«Samuel Vörös ist ein Profi, der hat gute Ideen und ein glückliches Händli fürs Geschäft.»

Da bleibt er doch gerne in der Stadt, etwa wenn er zur Konkurrenz zum Essen geht, meist vegetarisch, versteht sich. Etwa in den Rebstock, in den Hofgarten oder ins Padrino. Auch zum Wohnen kommt nur die Stadt infrage. Jetzt lebt er mit einem Jugendfreund aus «Blondino»-Tagen in einem alten Haus im Museggquartier. «Weit weg von der Peripherie, die mich leider so oft an die öden Vorstädte in Amerika erinnert: Wenn ich gegen den Südpol oder nach Ebikon fahre, da gibt es ja fast nur noch Autogaragen und Tankstellen.»

Samuel Vörös ist ein Profi

Aber vielleicht sei er mit seinen Ansichten auch einfach nur ein alter Sack, der jetzt halt abtreten müsse. A propos, vor welchen Jungbeizern zieht er seinen Hut? «Gastronunternehmer Samuel Vörös ist ein Profi, der hat gute Ideen und ein glückliches Händli fürs Geschäft.» Über die anderen Gastro-Jungunternehmer wie Saemi Honegger oder die Sezer-Familien möchte er sich nicht äussern. Er staunt nur über deren Initiative und Optimismus.

Er ist und bleibt ein Städter, der nur gerne für die Berge oder das Meer in die Natur hinauszieht. Von der Agglo ist nur ein Alptraum übrig: «Ich lebte ein paar Jahre mit Büsi in einem Haus in Adligenswil – Mann, wurde mir langweilig.» Bleibt zu hoffen, dass ihm das ohne sein «Helvetia» nicht passieren wird.

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