Die Überbauung «Riverside» in Cham (r.) ist ein Beispiel für Holzbautechnik. Vis à vis ein älterer Vertreter. (Bild: lob)
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Die Überbauung «Riverside» in Cham (r.) ist ein Beispiel für Holzbautechnik. Vis à vis ein älterer Vertreter. (Bild: lob)

Bauen in Zug: Alles Holz, oder was?

10min Lesezeit

Bauen mit Holz liegt im Trend. Auch in Zug finden sich bereits Holzbaugebäude. In einigen Fällen hat man im Kanton Pionierleistungen erbracht. Trotzdem wird vor allem bei grösseren Bauten noch sehr zögerlich auf das natürliche Baumaterial gesetzt. Was sind die Gründe für die Blockade?

Am traditionellen Anlass «Cham Bau» der Einwohnergemeinde drehte sich dieses Jahr alles um Holz als Baustoff. «Wenn ich mich an der Stirn kratze, dann kommen Späne heraus», sagt die diesjährige Referentin Katharina Lehmann. Das Publikum im fast vollen Lorzensaal lacht.

«Cham Bau» 017

Jährlich findet in Cham ein Event zum Thema Bau statt. Die Veranstaltung vom vergangenen 14. Juni stand dieses Mal unter dem Motto «Holzbauten – die Bauweise der Zukunft». Als Referentin wurde Katharina Lehmann, Verwaltungsratspräsidentin von Lehmann Holzwerk AG, eingeladen. Sie warb im Lorzensaal kräftig für jene «Bauweise der Zukunft» und gab einen breiten Einblick über Vorteile, Technik, Forschung und realisierte Projekte rund um Holz als Baustoff.

Lehmann, Verwaltungsratspräsidentin von Lehmann Holzwerk AG, hat eine Mission: für den Werk- und Baustoff Holz begeistern. Sie setzt nicht nur auf das Thema Nachhaltigkeit, sondern betont Flexibilität, Schnelligkeit und Beständigkeit des Werkstoffes Holz.

Einige der gezeigten Bauten stehen architektonisch den Verwandten aus Beton und Ziegeln in nichts nach, finden wir. Doch wie sieht es im Detail damit aus?

Pioniergebäude in Zug

An der Lorzenstrasse 4 und 6 wurde 2001 das erste, vierstöckige Mehrfamilienhaus im Kanton Zug fertiggestellt. Das Projekt ging auf einen Architekturwettbewerb zurück; erarbeitet wurde das Gebäude in Zusammenarbeit mit der Gebäudeversicherung. Auf Gesetzesebene hatte dies folgen: 2005 wurden die Brandschutzbestimmungen bezüglich des Holzbaus das erste Mal weitgehend verändert. Es wurden neue Vorschriften erlassen, die Holzbauten bis zu sechs Geschossen und Holzfassaden bis zu acht Geschossen ermöglichten. Bereits 2006 wurde in Steinhausen das erste Exemplar in einer solchen Bauweise bezogen: das erste sechsgeschossige Mehrfamilienhaus der Schweiz.

2015 wurden die Vorschriften nochmals gelockert und Holzbaustoffe in allen Gebäudekategorien und Nutzungen zugelassen. Wieder entsteht in Zug nun ein Pioniergebäude: Mit der «Suurstoffi 22» in Rotkreuz wird das erste Holzhochhaus der Schweiz entstehen (zentralplus berichtete). Dies im sogenannten Mischbau: Die Fassade wird aus Holz, der Innenbau komplett aus Holz sein. Noch sind diese Mischformen schweizweit am meisten verbreitet.

«Meiner Meinung nach fehlt das Bewusstsein noch. Man kommt gar nicht auf die Idee, komplett oder zu grossen Teilen aus Holz zu bauen.»

Rolf Ineichen, Chamer Gemeinderat Planung und Hochbau

Holz-Wohnbauten in Cham in der Entstehung

Nach dem Vortrag fragen wir den Chamer Gemeinderat Rolf Ineichen, wie man zur Thematik Holzbau für das diesjährige «Cham Bau» gekommen ist. Einerseits, erfahren wir, wolle man einen Trend vorstellen, andererseits hat auch der Gemeinderat selbst über 30 Jahre beruflich mit Holz zu tun gehabt.

Sind in naher Zukunft auch in Cham neue Holzgebäude geplant oder in der Entstehung? «In der Tat werden zurzeit vier grössere Wohnbauten in Hagendorn erstellt – das werden Mietwohnungen», gibt Ineichen zu Protokoll. Ebenfalls gäbe es in Hagendorn ein Schulhausprovisorium, welches im Modulbau realisiert wurde. Heisst: Fertig zusammengesetzte Module, beispielsweise ganze Zimmer, werden fertig geliefert und zusammengesetzt.

Das Mehrfamilienhaus «Holzhausen» in Steinhausen war in der Schweiz das erste seiner Art.
Das Mehrfamilienhaus «Holzhausen» in Steinhausen war in der Schweiz das erste seiner Art. (Bild: woz)

Baustoff Holz «noch nicht im Bewusstsein»

Während des Vortrages wurden verschiedene Beispiele von teilweise sehr imposanten Holz(misch)bauten gezeigt. Davon waren viele international, andere über die Schweiz verteilt; in Zug wurden – abgesehen von den Pioniergebäuden – eher ältere Bauten im landwirtschaftlichen Bereich und wenige Bauten im urbanen Bereich erwähnt, welche mit Holz realisiert sind.

Wir fragen den Gemeinderat: Ist die Beton- und Ziegelbau-Lobby in Zug einfach noch zu stark? «Ich würde das nicht Lobby nennen», führt Ineichen an. «Meiner Meinung nach fehlt das Bewusstsein noch, man kommt gar nicht auf die Idee, komplett oder zu grossen Teilen aus Holz zu bauen.» Dies sollte sich ändern, wenn es nach dem Chamer Gemeinderat geht: «Man sollte beim Bau Alternativen wie Holz heranziehen und dann abwägen. Denn die öffentliche Hand wird künftig auch aus finanziellen Gründen mehr darauf achten müssen, was ein Gebäude leisten muss, und entsprechend müssen Architektur und Ausführung angepasst sein. Wir können nicht mehr einfach nur bauen und uns jeglichen Luxus leisten.»

«Ein Drittel der Fläche der Schweiz ist Waldgebiet. Nadelhölzer, die für das Bauwesen im Zentrum stehen, gibt es mehr als genug.»

Michael Meuter, Medienverantwortlicher «Lignum»

Ist Holz denn vor diesem Hintergrund nicht nur vorteilhafter, sondern auch günstiger? «Was das günstiger angeht, kann man keine pauschale Aussage machen. Bauen mit Holz ist, dank grosser Vorfertigung im Werk, auf der Baustelle sicher schneller, benötigt aber in der Planung und Vorbereitung ebenfalls entsprechenden Aufwand. Aber man kann jetzt sicher nicht einfach sagen: ‹Baut alles aus Holz, das ist günstiger›», schliesst Ineichen.

Das neue Holz-Hochaus «Suurstoffi 22» – aussen Beton, innen komplett aus Holz.
Das neue Holz-Hochaus «Suurstoffi 22» – aussen Beton, innen komplett aus Holz. (Bild: Zug Estates)

Grosse Investoren müssen noch überzeugt werden

Wir konfrontieren im Anschluss auch die Referentin Katharina Lehmann mit unserem Eindruck, dass sich der Holzbau in der Schweiz noch etwas schleppend entwickelt. Als Vergleichsbeispiel: Im grenznahen österreichischen Vorarlberg entstehen laufend zeitgemässe Bauten, in denen auch öffentliche Gebäude wie Feuerwehrzentralen, Schulen, Sporthallen oder Hochhäuser aus Holz sind.«Auch in der Schweiz wird zunehmend mit Holz gebaut», betont Lehmann. Und führt an, dass im Kanton Zug ausserdem noch zwei weitere Holz-Modulbauten stehen bzw. geplant sind: beim Letzi und in Baar, wo ein temporärer Schulbau entstehen wird (zentralplus berichtete).

«Vor allem sind Holz- beziehungsweise Holz-Mischbauten heute vor allem kleinere Gebäude wie Einfamilienhäuser. Nun müssen auch grosse Investoren von den ökonomischen Vorzügen noch überzeugt werden.» Auf die Frage, ob Bauen mit Holz konkret billiger sei, antwortet Lehmann: «Nicht generell, aber es kann sicher zu vergleichbaren Kosten gemacht werden. Ausserdem ist es schneller, präziser und nachhaltiger.» Auch wenn das Material nicht aus der Schweiz kommt? «Dann gibt es wohl einen Nachteil in der Transportbilanz, aber auch wieder andere Vorteile. Wir haben keine Berührungsängste vor ausländischem Holz, solange der nachhaltige Abbau erwiesen ist.»

Frage nach der Nachhaltigkeit

Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Holzbau auch das Stichwort Nachhaltigkeit genannt, doch was bedeutet dies genau? Ein Punkt – das wird auch an der Veranstaltung «Cham Bau» erwähnt – ist das Vorhandensein von mehr als genug Rohmaterial aus der Schweiz. Stimmt das? «In der Tat haben wir in der Schweiz schon lange eine nachhaltige Forstwirtschaft», erzählt Michael Meuter vom Verband der Schweizer Holzwirtschaft Lignum. Dies habe um die 1850er-Jahre anders ausgesehen, aber danach hat man begonnen, wieder massiv aufzuforsten.

«Die Schweiz ist heute ein Vorzeigemodell und in puncto Nachhaltigkeit global führend. Ein Drittel der Fläche der Schweiz ist Waldgebiet. Nadelhölzer, die für das Bauwesen im Zentrum stehen, gibt es mehr als genug. 10 Millionen Kubikmeter wachsen im Schweizer Wald nach, nur rund die Hälfte davon wird geerntet. Problemlos könnte man bis zu 8 Millionen Kubik schlagen», erklärt der Medienverantwortliche.

Im Video: Der vorgestellte Bau des Hauptquartiers «Swatch Omega» in Biel, wo alle Neubauten in Holzbauweise erstellt werden:

Wie sieht es mit anderen Nachhaltigkeitskriterien aus? «Holz ist beispielsweise auch im Bereich der grauen Energie besser», ist Meuter überzeugt. Also jener Energie, die unter anderem für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird. Andere Baumaterialien benötigten viel mehr Energie.«Es hat schon was: Wenn man ein Holz-Bauteil einbaut, ist es umweltverträglicher», ist man beim Holzwirtschaftsverband überzeugt. 

Probleme mit ausländischem Holz?

Ist Nachhaltigkeit auch dann noch gegeben, wenn ausländisches Holz verbaut wird? Angesichts der derzeit günstigen Importe aus dem EU-Raum ist dies keine Seltenheit. «In der Schweiz ja, denn mehr als 80 Prozent der Importe stammt aus der EU. Die dortige Regulierung soll verhindern, dass illegal geschlagenes Holz von aussen auf den Markt gelangt. Die Waldgesetze in Mitteleuropa sind überdies absolut mit dem Schweizer Standard vergleichbar», führt Meuter weiter an. «Dennoch: Wir sensibilisieren aktiv für die besonderen Qualitäten des Rohstoffs aus der Schweiz. Wer als Bauherr nach Schweizer Holz fragt, tut unserem Wald etwas zugute und hilft mit, Arbeitsplätze im Inland zu sichern.»

Der eingangs erwähnte Preisdruck, ist zum Thema abschliessend zu sagen, ist für die Diskussion rund um Nachhaltigkeit und Schweizer Holz nicht unerheblich – im Gegenteil. Spätestens seit 2009 ist laut Lignum die Konkurrenz aus dem EU-Raum sehr stark geworden und bremst die vollständige Nutzung der vorhandenen Schweizer Ressourcen. Kann Holzbau aber auch die anderen angepriesenen Vorteile auf sich vereinen, wäre es falsch, diese Variante nur deswegen nicht zu prüfen.

 

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