Florian Junker und Patrick Lüthold in Luzern im Einsatz (Bild: bas).
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Florian Junker und Patrick Lüthold in Luzern im Einsatz (Bild: bas).

Luzerner Kaffeehipster auf schwieriger Mission

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Ein altes Velo, eine Kaffeemaschine drauf und ein liebevoll zubereiteter Espresso: Das ist das Geschäftsmodell eines mobilen Kaffeeanbieters in Luzern. Trotz guter Resonanz stosse die Stadt ihrem Projekt Knüppel zwischen die Speichen, sagen die Betreiber. Auch andere Anbieter beklagen sich über die Bewilligungspraxis.

Aufmerksame Pendler aus der Stadt Luzern haben das neueste Kaffeeangebot vielleicht schon entdeckt – oder nicht mehr gefunden. Denn einen fixen Standort haben Florian Junker und Patrick Lüthold mit ihrem «Kaffeekranz», der Kaffeemaschine auf dem Velo, nicht. Den ganzen Monat April stehen die beiden Baristas mit ihrem Kaffeebike jeweils am Morgen vor dem Döner-Laden «Erdem» an der Zentralstrasse und verkaufen Espressi, Americanos und Cappucinos zum Mitnehmen. Wo sie danach zu finden sind, steht in den Sternen.

Mobil und nicht nur hip

So ein unsteter Verkaufsort ist zwar ein Hemmnis für den Aufbau eines Kundenstamms, bei den beiden dennoch Programm: «Es ist Teil der Idee, mobil zu sein», erklärt Junker. Er und Lüthold haben zuvor zusammen als Velokuriere in Luzern gearbeitet. Die Passion für die Bewegung auf dem Drahtesel und für guten Kaffee verband sie. So entstand die Idee, diese Komponenten zu kombinieren.

Das Velo und die Maschine sind Occasion, die Idee für Luzerns erstes Coffee-Bike entstand bei der Arbeit (Bild: zentralplus/bas).
Das Velo und die Maschine sind Occasion, die Idee für Luzerns erstes Coffee-Bike entstand bei der Arbeit (Bild: zentralplus/bas).

«Wir hätten auch einen Hipsterschuppen eröffnen und die Velos an die Wand schrauben können», sagt Lüthold und lacht. Doch die Idee des Coffee-Bikes habe ihnen besser zugesagt. Sie gibt den beiden Luzernern die Flexibilität, auch anderen Jobs nachzugehen: So arbeitet Lüthold nachmittags als Dozent für Psychologie an der Fachhochschule in Olten oder forscht an der Universität Fribourg und Junker radelt weiterhin für die Velokuriere durch Luzern.

Die Wissenschaft des guten Kaffees

Doch nicht nur mobil soll ihr Projekt sein. Lüthold und Junker haben sich auch zum Ziel gesetzt, den Luzernern die Kaffeekultur näher zu bringen. Sie wollen dabei immer wieder neue Kaffeebohnen testen, mit dem Mahlgrad der Bohnen oder der Temperatur des Wassers experimentieren und den ihren Kunden so regelmässig anders schmeckende Kaffees anbieten.

«Guten Kaffee gibt es in dieser Stadt nur wenigen.»

Florian Junker, Barista und Mitbegründer bei «Kaffekranz» 

Da ihr «Coffeebike» nicht den Platz für verschiedene Bohnensorten bietet, wechseln sie die Kaffeebohnen wie andere die Socken und sind immer wieder im Gespräch mit Röstereien. Die Ansprüche an ihren Kaffee bleiben indes hoch. «Guten Kaffee gibt es in dieser Stadt nur wenigen», sagt Junker und Lüthold nickt zustimmend. Diese Lücke wollen die beiden Kaffeemissionare schliessen.

Kritik an langweiligen Cafés und der Stadt

«Unser Projekt ist ein Stück weit auch eine Kritik an den Cafés, die seit Jahren die immer die gleichen Bohnen kaufen und sich teilweise wenig um die Qualität des Produktes kümmern. Mit den unterschiedlichen Bohnen, die wir ausprobieren, sind wir zudem eine Ergänzung zu den guten Lokalen», erklärt Junker, der zuvor auch als Barista in einem Café gearbeitet hat.  

Diese Tage im Angebot: Kaffee aus der Luzerner Gourmetrösterei Rast (Bild: zentralplus/bas).
Diese Tage im Angebot: Kaffee aus der Luzerner Gourmetrösterei Rast (Bild: zentralplus/bas).

Doch Kritik üben die jungen Luzerner nicht nur an schlechtem Kaffee oder deren genügsamen Betreibern. So einfach, wie man sich das mit dem mobilen Café vorstellt, ist es nämlich nicht. Zwar brauchten die beiden keine Bewilligung für den Ausschank, doch einen Standort zu finden sei schwierig, da die Stadt dafür keine Bewilligungen vergäbe. 

Wunsch nach einfacheren Bewilligungen

Andrea Zimmermann ist Betreiberin der «Cantina+», einer kleinen mobilen Essstation. Letzten Sommer konnte sie ihren Essensstand einmal pro Woche im Vögeligärtli betreiben. «Die ZHB als kantonale Grundbesitzerin gab mir die Erlaubnis, im Vögeligärtli vor der Bibilothek zu stehen», erklärt Zimmermann. Diesen Sommer sei dies aufgrund der Umbauarbeiten aber nicht möglich. «Diese Saison konzentriere ich mich auf Events und Auftragsarbeiten». Denn bei der Stadt selber sei es ihrer Erfahrung nach schwierig bis unmöglich, solche Bewilligungen zu bekommen.

«Es ist verständlich, dass man nicht in der ganzen Stadt im öffentlichen Raum solche Anbieter möchte, auch aus Sicht der Bevölkerung», sagt Zimmermann. Auf der anderen Seite sei es aber auch schade, dass damit die Optionen für die Kunden eingeschränkt würden und wenig Raum für experimentelle und neue Formen besteht. «Ich wäre deshalb für eine gewisse Lockerung oder Überarbeitung der bisher strengen Bewilligungspraxis», sagt Zimmermann.

Lüthold und Junker kritisieren, die Stadt Luzern betreibe damit «Protektionismus für die Grossen». «Wenn man eine funktionierende Marktwirtschaft will, kann man nicht den Kleinen das Leben schwer machen», sagt Junker. Ihnen blieb einzig die Möglichkeit, bei Privaten anzuklopfen und um die Möglichkeit zu bitten, mit ihrem Stand auf deren Grund zu stehen. Aber auch dort ist es schwierig, einen fixen Platz zu bekommen, wie auch das Beispiel von Andrea Zimmermann, der Betreiberin der «Cantina+» zeigt (siehe Box).

Vorrang für klassische Gastrobetriebe

Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen der Stadt Luzern, nennt das Reglement zur Nutzung des öffentlichen Grundes als Grundlage für die restriktive Vergabe von Bewilligungen. «Das Reglement formuliert den politischen Willen, die Interessen der ansässigen Gastronomieunternehmen und Gewerbetreibenden zu schützen. Diese zahlen Mieten, stellen sich lebensmitteltechnischen Standards und sind bereit, sich das ganze Jahr den Herausforderungen der Branche zu stellen.»

Da die Bevorzugung einzelner Angebote als willkürlich und somit rechtswidrig ausgelegt würde, sehe das Reglement keine Ausnahmen vor, wie Lütolf erklärt – auch für die verhältnismässig wenig Anfragen, die jährlich bei der Stadt eingereicht werden. «Wir bekommen jedes Jahr fünf bis zehn Anfragen für mobile Essens- oder Getränkestände.» Diese umfassten zum Beispiel Suppen, Salate, Glacé und Getränke, biologische Sandwiches bis hin zu asiatischen Wok-Gerichten. «Meist aber wollen die Anbieter nur im Sommer einen Stand betreiben, wenn es am lukrativsten ist. Damit beitreiben sie Rosinenpickerei, mit Vorzug an hochfrequentierten Lagen», sagt Lütolf.

«Wir haben in Luzern eine sehr kreative Gastroszene.»

Mario Lütolf, Leiter Stadtraum und Veranstaltungen der Stadt Luzern

Lütolf weist auch den Vorwurf zurück, dass die Stadt renommierte grosse vor jungen, innovativen Betrieben schütze. «Es geht auch darum, den eh stark bedrängten öffentlichen Raum nicht zusätzlich zu kommerzialisieren.» Es gebe genügend Mietflächen und Lokalitäten und das Netz an Angeboten sei in Luzern bereits sehr dicht. «Wir haben in Luzern eine sehr kreative Gastroszene. Ausserdem versuchen wir mit Bewilligungen für einzelne Foodfestivals innovativen Ideen spannende Plattformen zu bieten», sagt Lütolf.

Private wollen oft nicht kooperieren

Die Betreiber des mobilen Mikro-Cafés bezeichnen die Haltung der Stadt dennoch als «frech». Dass sie bei Privaten wenig Erfolg hatten, könnten sie teilweise eher verstehen. Da sei beispielsweise die Kantonalbank, in deren Gebäude auch die Confiserie Bachmann eingemietet ist. «Dass die Kantonalbank seine Geldquelle schützt, ist verständlich», erklärt Junker.

Viele hätten ihre Anfrage und das Konzept des mobilen Coffeebikes, das praktisch keinen Platz einnehme, nicht wirklich verstanden. «Eine neue Idee wird lieber erst einmal abgewiesen.» Insgesamt zwölf Anfragen an Private mit grossem Besitz hätten sie gestartet. Und nur Absagen erhalten. Jetzt wenden sie sich an die Kleinen: Erdem stellt ihnen den Parkplatz ausserhalb der eigenen Öffnungszeiten zur Verfügung. Weiter beitet der Raum für Kunst sic!, wo eine Schuldfreundin arbeitet, den kleinen Platz vor dem Eingang als Verkaufsplatz an.

Trend aus den USA in Luzern angekommen

Dass Lüthold und Junker mit ihrem «Coffeebike» aber den Nerv der Zeit getroffen hätten, zeigten nicht nur die Kundenfeedbacks. «Die Leute freuen sich über unser Angebot und mögen den Kaffee», sagt Lüthold. Auch die Röstereien, die in Luzern aus dem Boden schiessen wie die Pilze im Herbst, seien Anzeichen für eine sich verändernde Kaffeekultur, so Junker.

Analog zu der Bewegung in der Bierbranche, wo die grossen Brauereien in den letzten Jahren viel Konkurrenz durch Mikrobrauerein erhalten haben, scheint auch in der Kaffebranche das Monopol von grossen Ketten in der Produktion und dem Verkauf von Kaffee zu bröckeln. Und wie beim Bier stammt der Trend auch beim Kaffee aus Amerika. «Es wäre doch toll, wenn man in einem Luzerner Café wie in Portland, der amerikanischen Kaffeehauptstadt, zwischen verschiedenen Kaffeesorten auswählen könnte», sagt Junker. Doch davon ist man hierzulande noch weit entfernt.

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