Hubert Erni in seinem Restaurant The Blinker. Er hat sich vor acht Jahren selbständig gemacht.
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Hubert Erni in seinem Restaurant The Blinker. Er hat sich vor acht Jahren selbständig gemacht.

Sind Zuger Langweiler? Hubert Erni wünscht sich mehr Exzentriker

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Seit acht Jahren betreibt Hubert Erni sein Liftestyle-Restaurant «The Blinker» im Niemandsland der Chamer Industrie. Wer Erfolg in Zug haben wolle, brauche Durchhaltewillen und ein gutes Konzept, sagt der frühere Rathauskeller-Gastronom. Die Einheimischen hätten ihre Gewohnheiten und seien nicht sehr neugierig.

Hubert Erni kommt gerade von weit, weit her zurück in die «Pampa», wie er den Standort seines Lokals oft im Gespräch nennt. Er schwärmt von der Millionenstadt Hongkong, wo abends 500 bis 600 Leute anstünden, um in einem exklusiven Nachtclub abzufeiern. In der Schweiz vermisst er dieses urbane Lebensgefühl der Megacitys. Reisen und Neues entdecken gehören zum Leben Ernis (siehe Kasten unten).

Die «Pampa», in die er zurückkehrt und wo er zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch unter Jetlag leidet, liegt im Gewerbegebiet von Cham. Hier, zwischen Aldi, Otto’s, Tankstellenshop und Autogaragen befindet sich das Restaurant «The Blinker». Mutig, hier ein Restaurant zu eröffnen, ein schwieriges Pflaster auf den ersten Blick. Aber keines, das ihn abgehalten hätte.

Erni sagte sich damals: «Wenn ich es hier schaffe, bin ich wirklich gut.» Er hats geschafft: Seine innovative Küchenchefin Michèle Meier erhielt 2017 den 14. Punkt im Gastroführer GaultMillau (zentralplus berichtete). Nebst weiteren Auszeichnungen, die neben dem Eingang des Lokals prangen.

«Der klassische Zuger sagt sich: Man geht nicht in die Pampa hinaus, um im ersten Stock einer Autogarage zu essen.»
Hubert Erni, Gastronom

Der Zuger isst in Zug

«Die internationale Kundschaft hat mich entdeckt und bucht ihre Geschäftsessen bei mir», sagt der Inhaber. Denn er hat sich einiges überlegt bei seiner Ortswahl: Das Lokal liege genau in der Mitte zwischen Luzern und Zürich, ideal für Treffen.

Businessgäste treffen sich gerne im Restaurant zu Besprechungen.  Chef de rang Heinz Fehlmann (r.) bedient sie mit grosser Freundlichkeit.
Businessgäste treffen sich gerne im Restaurant zu Besprechungen.  Chef de rang Heinz Fehlmann (r.) bedient sie mit grosser Freundlichkeit. (Bild: mbe.)


An der Gunst der Einheimischen arbeitet Hubert Erni noch. «Der klassische Zuger sagt sich: Man geht nicht in die Pampa hinaus, um im ersten Stock einer Autogarage zu essen.» Zuger besuchten eher traditionelle Restaurants. «Aber wenn sie einmal hier waren, werden sie zu Wiederholungstätern», sagt Erni verschmitzt.

Das führt er einerseits auf seine Küchenchefin zurück. Aber ebenso auf das «multifunktionale Konzept» von Räumlichkeiten und Gastronomie. Der «Blinker» setzt auf eine sogenannte Crossover-Gastronomie mit asiatischen Gerichten, modern interpretierter klassischer französischer Küche und ebenso Streetfood-Elementen.

Gastgewerbe, ein hartes Pflaster

Ein Restaurant zum Erfolg zu führen, sei nicht einfach, betont der alte Hase der Gastronomie. «Das Gastgewerbe ist ein hartes Pflaster», sagt Erni. Es sei immer extrem schwierig, Qualität durchzuhalten und gleichzeitig innovativ zu sein. Und man brauche manchmal für die Durststrecken am Anfang ein finanzielles Polster.

«Das Trendrestaurant ist meiner Meinung nach multikulturell unterwegs», sagt der Unternehmer, der 15 Festangestellte im «The Blinker» beschäftigt. Verschiedene Kochstile für verschiedene Geschmäcker. Aber immer mit erstklassiger Qualität. Im «Blinker» kann man zum Beispiel einen Burger essen. «Doch es muss ein Deluxe-Burger sein. Mit erstklassigem Fleisch, selbst gemachtem Brioche, speziellen Dips und hausgemachten Pommes Frites serviert.»

Junge Wilde machen Hoffnung

Befragt zu seiner Meinung über die Gastronomie in Zug, sagt Hubert Erni: «Es gibt einige gute Gourmetköche und einige junge Wilde in Zug.» Zu den «Wilden», die er als Hoffnungsträger sieht, zählt er zum Beispiel «Hello World» (zentralplus berichtete) und das Fleischrestaurant Meat-In. Auch die verschiedenen Sushi-Lokale findet er spannend. Ansonsten schweigt er vielsagend laut.

Blick ins Bistro von «The Blinker».
Blick ins Bistro von «The Blinker». (Bild: andre stummer)

Wichtig findet Hubert Erni die Präsenz in den Sozialen Medien. Erni und sein Team posten jeden Tag ein neues Rezept auf Facebook und Instagram. Auf der Webseite wird ausserdem jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin mit Namen und Fotos vorgestellt, was auch nicht selbstverständlich ist.

«Der Zuger Büezer hat gar keine Zeit mehr einzukehren und macht 10 bis 15 Minuten Pause.»

Beizensterben wegen veränderter Verpflegungsgewohnheiten

Wir sprechen Erni auch noch darauf an, dass die meisten traditionellen «Beizen» Zugs verschwunden sind. «Da staune ich auch», sagt er. Seine Erklärung: «Das Mittagsgeschäft ist weggefallen. Der normale Zuger Büezer hat gar keine Zeit mehr einzukehren und macht 10 bis 15 Minuten Pause.» Doch auch die Büroangestellten und die Staatsangestellten hätten ihre Gewohnheiten geändert. «Vor 25 Jahren ging ich zur Post oder zur Bank und konnte sicher sein, dass der Angestellte später zu mir zum Mittagessen kam.»

Beizenkind, Kunstfreund und Kämpfer gegen Diskriminierung

Beizenkind, Unternehmer, Kunstfreund, Exzentriker: Hubert Erni (63) ist ein Mann mit vielen Facetten. Er wurde im luzernischen Rain in eine Wirtefamilie mit acht Kindern hineingeboren, von denen sechs später ebenfalls im Gastgewerbe arbeiteten. «So schlecht kann die Kindheit somit nicht gewesen sein», sagt er. Mit 16 Jahren trieb es ihn dennoch weg von Zuhause. «Ich habe schon früh gemerkt, dass ich ein wenig anders bin als die anderen», sagt Hubert Erni.

Erni lebt seit über 25 Jahren mit seinem Partner zusammen, dem ehemaligen Profi-Eiskunstweltmeister Joop van der Sluijs. Die beiden waren das erste gleichgeschlechtliche Paar, das seine Partnerschaft im Februar 2007 in Zug eintragen liess. «Ich setze mich für die Ehe für alle ein», sagt Erni, «die eingetragene Partnerschaft finde ich diskriminierend, weil sie nicht die gleichen Rechte wie die Ehe beinhaltet.»

Fünf Jahre arbeitete Erni in seinem ersten Traumjob als Flight Attendant bei Swissair. Dann zog es ihn in die Gastronomie zurück. 1982 übernahm er in Zug das Traditionslokal Rathauskeller und führte es zuerst alleine. 1984 stiess der Spitzenkoch Stefan Meier dazu, mit ihm führte er das Stadtzuger Lokal 25 Jahre lang. Der «Rathauskeller» war lange eines der besten Gourmetrestaurants der Zentralschweiz mit 17 Gault-Millau-Punkten und einem Michelin-Stern.

Dann kam der runde Geburtstag: «Mit 50 Jahren wollte ich eine Veränderung», erinnert sich Erni, «entweder weiter im gleichen Tramp oder etwas Neues, Verrücktes wagen.» Er entschied sich fürs Zweite, nahm ein Timeout von einem Jahr, reiste. Zuerst gründete er sein eigenes Cateringunternehmen «Comme il faut», das er nach sechs Jahren wieder verkaufte. 2009 eröffnete er sein Restaurant in Cham. Es laufe gut, sagt er. Neben seiner Haupttätigkeit richtet Erni hochstehende Caterings aus und ist als Food-Consulter für die Messe Art Basel tätig. Zur Ruhe wolle er sich noch lange nicht setzen, betont er. «Dafür arbeite ich zu gerne.»

 

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