Rudolf Muggli, CEO von SK-9, mit seinem Sprengstoffspürhund Maluk. (Bild: zvg)
Wirtschaft Tiere

Rudolf Muggli, CEO von SK-9, mit seinem Sprengstoffspürhund Maluk. (Bild: zvg)

Verwanzten Hotelzimmern auf der Spur

11min Lesezeit

Bei der Suche nach Lawinenopfern oder illegalen Substanzen sind Hundenasen unverzichtbar. Damit ist deren Potenzial aber längst nicht ausgeschöpft. Erkannt hat dies der Luzerner Rudolf Muggli, der mit Vierbeinern neuerdings auch Jagd auf Bettwanzen macht – denn diese sind auf dem Vormarsch.

Wir treffen uns im Hotel Felmis in Horw. Draussen wird es langsam dunkel. Während die ersten Gäste für ihr Znacht im Speisesaal Platz nehmen, steigen wir die Treppen hoch und begeben uns unauffällig ins Zimmer 15 im ersten Stock. Dieser Raum ist nämlich verseucht. Wanzen haben sich hier breit gemacht. Und es ist unsere Aufgabe, sie aufzuspüren.

Genau gesagt ist dies die Aufgabe von Ennya und Enikö. Die beiden sind «Biodetektoren». Oder etwas weniger technisch ausgedrückt: Bettwanzenspürhunde. Und sie sind Meisterinnen ihres Fachs. Sowohl die holländische Schäferhündin Ennya als auch die semmelgelbe Vizsla-Hündin Enikö spüren die Wanzen nach wenigen Sekunden auf. Auftrag ausgeführt. Alles Weitere ist Sache des Kammerjägers.

Plagegeister auf dem Vormarsch

Im Hotel Felmis gibt’s nicht wirklich einen Wanzenbefall. Das Ganze war lediglich eine Übung. In Wahrheit war es Rudolf Muggli (58), der die in Glasröhrchen eingeschlossenen Wanzen zuvor im Hotelzimmer versteckt hat. Muggli ist Geschäftsführer der Firma SK-9 mit Sitz in Luzern, die sich seit 2006 auf Sprengstoffsuchhunde spezialisiert hat. 2015 bildete Muggli daneben die ersten Wanzenspürhunde aus. Seit Anfang Jahr sind diese im Einsatz.

Hündin Enikö auf Bettwanzensuche im Hotel Felmis:

«Ich hätte nicht gedacht, dass es bei uns so viele Bettwanzen gibt», erzählt Muggli, während sich die beiden Spürhunde über das Lob ihrer Führerinnen für die gute Arbeit freuen. «Bettwanzen sind im Privatbereich und im Hotelgewerbe weltweit stark auf dem Vormarsch», fährt Muggli fort. «Dies hat allerdings nichts mit mangelnder Hygiene zu tun.»

«Meine ersten Wanzen bewahrte ich im heimischen Kühlschrank auf.»
Rudolf Muggli, CEO SK-9

Die Befallszunahme sei auf andere Faktoren zurückzuführen: «Die hohe Mobilität der heutigen Gesellschaft, vermehrte Umzüge und häufigere Urlaubs- und Geschäftsreisen», zählt Muggli auf. Oft reisen die Tiere als blinde Passagiere in Gepäckstücken oder in den Kleidern mit und verteilen sich so auf der ganzen Welt. Entsprechend gestaltet sich Mugglis Kundenstamm: Hotels, Airlines, öV, Privatpersonen.

Gekühlte Bettwanzen zwischen Butter und Joghurt

Seit Anfang Jahr führen Muggli und sein Team regelmässig Bettwanzen-Kontrollen im Hotel Felmis durch. «Ich machte selbst eine negative Erfahrung mit Bettwanzen im Urlaub», erklärte Hoteleigentümer Patrick Schmidiger seine Beweggründe schon gegenüber «20 Minuten». Diese unangenehme Situation solle seinen Gästen erspart bleiben. «Deshalb ging ich auf die SK-9 zu und fragte an, ob sich das Konzept der Sprengstoffspürhunde auch auf Wanzen anwenden lässt.»

Das tut es, denn Hunde lassen sich theoretisch auf alles trainieren, erklärt Rudolf Muggli. «Allerdings war es nicht ganz einfach, lebende Bettwanzen zu organisieren und diese über längere Zeit zu lagern. Meine ersten Wanzen bewahrte ich im heimischen Kühlschrank auf. Sehr zum Unmut meiner Frau», erinnert sich der Hundetrainer und lacht.

Mittlerweile hat Muggli einen Bettwanzen-Lieferanten aus England, der ihm die Tiere in den Glasröhrchen zustellt. «Es handelt sich dabei um männliche und weibliche Exemplare in unterschiedlichen Altersstadien, sodass unsere Hunde selbst frisch geschlüpfte Nymphen ausfindig machen können.»

Der Bettwanzen-Team von SK-9: Sandra Schmidiger mit Hündin Enikö (links), Petra Hagedorn mit Ennya und Rudolf Muggli.
Der Bettwanzen-Team von SK-9: Sandra Schmidiger mit Hündin Enikö (links), Petra Hagedorn mit Ennya und Rudolf Muggli. (Bild: zvg)

Bombenstimmung beim Metal-Konzert

Auch in Mugglis Kerngeschäft, der präventiven Sprengstoffsuche, sei die Nachfrage in letzter Zeit deutlich angestiegen. «Das hat wohl auch damit zu tun, dass Sprengstoff- und Bombenattentate zunehmend reale Bedrohungen darstellen», meint der Luzerner. Zum Einsatz kommen seine Hunde in Sportstadien, an Konzerten oder anderen Grossveranstaltungen sowie bei privaten Anlässen.

Ein kynologisches Unikum

Die Luzerner Firma SK-9 wurde 2006 von Rudolf Muggli aus Luzern, Guido Müller aus Innertkirchen und Mike Schönenberger aus Thun gegründet. Sie ist die erste und einzige ISO-9001:2008- und eduQua-zertifizierte, international tätige Unternehmung im Bereich Sprengstoffsuche und -ausbildung mit Sitz in der Schweiz.

«K-9» bedeutet in Fachkreisen «Hund» und «S» steht für Sicherheit, Sprengstoff und Suchen. Das Unternehmen bietet Ausbildungen für Hundetrainer, Sprengstoff- und jüngst Bettwanzenhunde an. Ausserdem werden regelmässig kynologische Seminare angeboten. Die Ausbildungskosten belaufen sich zwischen 4’800 und 6’600 Franken.

«Wir arbeiten aber nicht mit der Angst», betont Muggli. «Wir gehen nicht auf die Leute zu und legen ihnen nahe, ihren geplanten Anlass vorab auf Sprengstoffe untersuchen zu lassen.» Wenn seitens eines Veranstalters hingegen ein Interesse besteht, weiss Muggli mit schlagenden Argumenten zu punkten.

«Spürhunde haben einen derart feinen Geruchssinn, dass sie in der Lage sind, mikroskopisch kleine Mengen des Stoffs zu riechen. Ein Hund atmet bis zu 300 Mal in der Minute und ist fähig, räumlich zu riechen», erläutert der 58-Jährige. Auch schwierige topografische Verhältnisse seien kein Problem. Das mache den Spürhund zu einem der bedeutendsten Einsatzmittel, wenn es darum geht, Waffen, pyrotechnische Gegenstände und Sprengstoffe aller Art zu finden.

Nicht nur Konzertveranstalter wüssten dies zu schätzen, sondern mitunter auch die Akteure auf der Bühne. «Der Bandleader einer bekannten US-amerikanischen Metal-Band hat sich einst persönlich bei mir bedankt», erzählt Muggli, ohne allerdings den Bandnamen preiszugeben. «Aus Diskretionsgründen geben wir die Namen unserer Kunden offiziell nicht bekannt.» Es sei jedenfalls keine Seltenheit, dass sich Grössen aus dem Musikgeschäft dankbar für Mugglis Arbeit zeigten, versichert er.

«Schwierig wird es bei eingedrückten Nasen wie beim überzüchteten Mops etwa.»

Eignungstest für Mensch und Tier

Die Preise für einen Einsatz der SK-9-Hunde werden per Offerte vereinbart. Ein einstündiger Einsatz eines Bettwanzenspürhundes schlage mit einem tiefen dreistelligen Betrag zu Buche. «Je nach Grösse schaffen wir damit sechs bis acht Zimmer», sagt Muggli. Teurer wird’s bei der Suche nach Sprengstoffen. Dort kostet die Stunde deutlich mehr, vor allem, weil dazu mehr Personal benötigt werde.

Bettwanzenspürhündin Enikö erschnüffelt die Wanzen, die Rudolf Muggli zuvor in der Steckdose versteckt hat.
Bettwanzenspürhündin Enikö erschnüffelt die Wanzen, die Rudolf Muggli zuvor in der Steckdose versteckt hat. (Bild: zvg)

Sowohl für die Suche nach Sprengstoffen als auch für die Ortung von Bettwanzen eignen sich grundsätzlich alle Hunderassen. Bestimmte Arten seien jedoch prädestiniert: «Schäfer- und Jagdhunde zum Beispiel», so Muggli. «Schwieriger wird es bei Hunden mit eingedrückter Nase wie beim überzüchteten Mops etwa.»

Die Ausbildung geschieht immer im Team, also Hund und Mensch, und dauert zirka ein Jahr. Am Anfang steht ein Eignungstest, bei dem allerdings nicht nur die Tiere bewertet werden. «Wie lange die Ausbildung dauert, hängt stark vom Hundeführer ab», weiss Muggli. «Es ist harte Arbeit, aus seinem Hund ein Spürhund zu machen, egal, ob dieser später Waffen oder Wanzen erschnüffeln soll oder nicht. Dessen sind sich viele nicht bewusst.»

Die SK-9 verfügt zurzeit über fünf ausgebildete Sprengstoffspürhunde-Teams und zwei Bettwanzenspürhunde-Teams. Sieben weitere Hundeführer-Teams sind momentan in Ausbildung. Nachfrage steigend. Professionalität ist dabei Mugglis oberste Priorität, weshalb alle «seine» Hunde ISO-zertifiziert sind und regelmässig geprüft werden. «Keine andere Firma in der Schweiz erfüllt diesen Standard», betont der Luzerner.

Petra Hagedorn und Hündin Ennya zeigen, wie die Feinsuche funktioniert:

Nie wieder in der Wanzenfalle

Zurück im Hotel Felmis: Hündin Ennya befindet sich inzwischen in der Feinsuche. Sie läuft also nicht wie bei der Freisuche selbstständig im Zimmer umher, sondern wird mit der Hand von Besitzerin Petra Hagedorn geführt. Hagedorn selbst weiss ebenfalls nicht, wo die Wanzen versteckt sind. Als Hundeführerin kann sie die Suche danach aber systematisch gestalten. So ist auch das Versteck im Schrank bald keines mehr.

«Es macht mir grossen Spass, Ennya auf diese Weise zu fordern und mit ihr zu arbeiten», sagt Hagedorn, die künftig selbst als Ausbildnerin bei der SK-9 tätig sein wird. «Ich merke zudem, dass es auch meiner Hündin Freude macht und gut tut, sich in dieser Art zu betätigen. Sie ist seither viel entspannter.» So unbeschwert das Schnüffeln erscheinen mag, für die Tiere ist es eine anstrengende Arbeit. Nach gut 20 Minuten wird jeweils eine ebenso lange Pause eingelegt.

Auf den Geschmack gekommen ist auch Sandra Schmidiger mit ihrer Vizsla-Hündin Enikö. Die Ausbildung zur Wanzenspürhündin hat sich bei ihnen indes auch schon im privaten Bereich bezahlt gemacht: «Vor einiger Zeit war ich in einem Brocki», erzählt Schmidiger. «Weil ich Enikö dabei hatte, weiss ich nun, dass es dort in einem bestimmten Möbelstück Wanzen hat», schmunzelt sie.

Petra Hagedorn (links), Rudolf Muggli und Sandra Schmidiger: Das Bettwanzen-Team von SK-9 vor der Übungseinheit im Hotel Felmis in Horw.
Petra Hagedorn (links), Rudolf Muggli und Sandra Schmidiger: Das Bettwanzen-Team von SK-9 vor der Übungseinheit im Hotel Felmis in Horw. (Bild: pbu)

Explosive Bettwanzen

Bleibt die Frage, weshalb die Hunde der SK-9 lediglich auf eine Geruchskategorie beschränkt sind. Wäre es nicht möglich, dasselbe Tier zugleich zum Sprengstoff- und Wanzenspürhund auszubilden? «Theoretisch kann man Hunde auf mehrere Sachen gleichzeitig trainieren», erklärt Muggli. «Praktisch macht das allerdings weniger Sinn, zumal sich der Aufwand für Mensch und Tier dadurch verdoppeln würde.»

Muggli gibt ferner zu bedenken, dass ein Hund, der auf Sprengstoff und Wanzen trainiert ist, im Ernstfall zum Problem werden kann. «Gehen wir zum Beispiel davon aus, dass ein solcher Spürhund vor einer Schranktür anzeigt. Öffnet man dann die Tür oder lässt man sie besser zu?» Ausserdem könnten Hunde eine Suchsucht ausbilden, deren Nichtbefriedigung durchaus von Entzugserscheinungen begleitet werden kann.

Lieber weniger, dafür professionell, so lautet Mugglis Credo. Das Wohl des Tieres sei ihm ohnehin viel zu wichtig, als dass er das Gewinnstreben darüber stellen würde. Deshalb hat er auch nicht vor, neben TNT und Bettwanzen noch weitere Duftstoffe in sein Sortiment aufzunehmen. Mit einer Ausnahme: «Drogen sind mal ein Thema gewesen», verrät der Hundetrainer. «Dieses Metier ist jedoch strikt den staatlichen Institutionen vorbehalten.»

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