Zu jung zum Vögelfüttern? Ein Ausschnitt aus dem Video der Werbeagentur. (Bild: Screenshot)
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Zu jung zum Vögelfüttern? Ein Ausschnitt aus dem Video der Werbeagentur. (Bild: Screenshot)

Rentner als Praktikant: Tolle Idee oder Ausnutzung?

5min Lesezeit

Eine Luzerner Werbeagentur wünscht sich einen Praktikanten im Pensionsalter. Was bei der Pro Senectute Anklang findet, stösst anderen sauer auf. Man nutze die Pensionierten aus, während arbeitssuchende Werber zwischen 50 und 65 keine Chancen mehr erhalten, heisst es.

Mit 65 Jahren ein Praktikum beginnen – warum nicht? Das denkt sich Robert De Niro alias Ben Whittaker in der Hollywood-Komödie «The Intern». Und das dachte sich auch die Luzerner Werbeagentur Rocket, welche nun per Video-Ausschreibung nach einem solchen Praktikanten sucht. 65 Jahre ist das Mindestalter für den Job.

Kaum ältere Mitarbeiter in Werbebranche

Der Agentur-Teilhaber Mathias Schürmann erklärt die Idee: «Marketingabteilungen und Werbeagenturen besetzen ihre Praktikumsstellen fast ausschliesslich mit Digital Natives, jungen Menschen unter 30 Jahren, welche direkt ab dem Studium oder der Berufslehre den Sprung in die begehrte Kommunikationsbranche wagen wollen.» Ältere Mitarbeiter treffe man in Agenturen kaum an. Und das, obwohl man als Werbeagentur auch viele Kunden mit älterer Zielgruppe habe. Auch ältere Mitarbeiter im Team zu haben, mache daher nur Sinn.

«Wir hoffen, dass jemand der älteren Generation unser Team mit anderen Ideen bereichern wird.»
Mathias Schürmann, Teilhaber von Rocket

«Wir sind der Meinung, dass Diversität einer der wichtigsten Treiber von Kreativteams ist. Menschen verschiedenen Alters denken auch unterschiedlich – auch mal um andere Ecken herum», betont der 42-jährige Schürmann. «Wir hoffen, dass jemand der älteren Generation unser Team mit anderen Ideen oder anderer Herangehensweise bereichern wird.»

Nur reinschauen oder gleich quereinsteigen

Gleichzeitig wolle man Menschen die Möglichkeit bieten, auch im Pensionsalter noch Neues in der Berufswelt zu entdecken. «Wir rechnen mit zwei Typen von Bewerbern: Personen, die gerne einen Einblick in eine Werbeagentur von heute bekommen möchten und Leute, die eine neue Richtung einschlagen wollen, sich zusätzliches Wissen aneignen wollen und dann vielleicht auch weiterhin in dem Bereich arbeiten wollen», so Schürmann.

Wer arbeitet denn noch?

Im Kanton Luzern sind 9 Prozent der über 65-jährigen Bevölkerung berufstätig. Von diesen insgesamt 5300 Personen sind rund 20 Prozent Vollzeit und 80 Prozent Teilzeit erwerbstätig. (Zahlen von 2014)

Es sei zwar kein erklärtes Ziel, aber durchaus möglich, dass die Person nach dem Praktikum Teilzeit bei der Agentur bleibe. «Erst mal geht es aber um eine relativ normale Praktikantenstelle, welche Einblick in den Agenturalltag bietet und in der die Person in verschiedene Projekte eingebunden wird.» Der Lohn sei verhandelbar, bewege sich aber im Rahmen der üblichen Praktikantenlöhne.

Doch wie werden Film und Stellenausschreibung bei der Zielgruppe ankommen?

 

Kritik von «50plus outIn work»

Heidi Joos, Geschäftsführerin des in Luzern ansässigen Vereins 50plus outIn work Schweiz, zeigt wenig Begeisterung für diese Praktikumsstelle. «Das untere Alterslimit von 65 Jahren drückt aus, dass Arbeitgeber zwar durchaus von Erfahrungen von Älteren profitieren möchten, aber das möglichst zum Nulltarif.» Sie könne der Werbeagentur sofort zahlreiche jobsuchende Werbefachleute im Alter ab 55 Jahren vermitteln. «Diese würden noch so gerne ihre langjährige Branchenerfahrung einbringen, statt von Sozialhilfe oder dem Vermögen zu zehren», so Joos.

«Generationenprojekte sind eine tolle Sache und für beide Seiten befruchtend und horizonterweiternd.»
Jürg Lauber, Pro Senectute Kanton Luzern

«Die älteren Werbefachleute erhalten keinerlei Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Der Markt geht mit ihnen um wie mit Müll, der zur Entsorgung bereitsteht.» Unternehmen würden zwar gutes Geld mit den zahlungskräftigen Babyboomern verdienen, aber wenn es um eine Anstellung gehe, heisse es stets: «Die sind uns zu teuer», so Joos. «Dabei fragt man sie erst gar nicht, ob sie auch zu einem günstigeren Lohn arbeiten würden.»

Horizonterweiterung oder Konkurrenz?

Jürg Lauber, Leiter der Kommunikation bei Pro Senectute Kanton Luzern, betrachtet die Idee von zwei Seiten. Auf der einen Seite stehe der positive Aspekt des «aktiv bleiben im Alter», welcher seit Jahren von allen Seiten stets betont werde. Viele Pensionierte seien freiwillig oder für kleine Beträge in beratenden Funktionen, bei generationenübergreifenden Projekten, in Stiftungs- oder Verwaltungsräten aktiv.

Auf der anderen Seite erachtet Lauber es als wichtig, dass solche Angebote weder den ersten Arbeitsmarkt konkurrenzieren noch den Stellensuchenden die Arbeit wegnehmen. Sei dies jedoch nicht der Fall, dann sei eine solche Idee sehr begrüssenswert. «Generationenprojekte sind eine tolle Sache und für beide Seiten befruchtend und horizonterweiternd.»

Mathias Schürmann von Rocket betont auf die Kritik hin: «Stellen für Arbeitsuchende über 50, junge Berufsabgänger oder Menschen mit Behinderungen zu schaffen, unterstützen wir. Wir haben aktuell solche Personen bei uns beschäftigt und auch mit entsprechenden Stellen, wie dem RAV,  haben wir schon zusammengearbeitet.»  In diesem aktuellen Projekt gehe es nun jedoch um Rentner. «Also um Personen, die 20, 30 Jahre älter sind als wir, echte Diversität schaffen und daran einfach Spass hätten.»

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