In einem Unverpackt-Laden bringt der Kunde die Behälter selbst mit. (Bild: www.unverpackt-kiel.de)
Wirtschaft Essen und Trinken Green

In einem Unverpackt-Laden bringt der Kunde die Behälter selbst mit. (Bild: www.unverpackt-kiel.de)

Ein Geschäft ganz ohne Produkteverpackungen

8min Lesezeit 1 Kommentare

Luzernern soll es ab diesem Frühling ein bisschen leichter gemacht werden, nachhaltig zu leben: Der erste Laden, bei dem die Nutzer die Verpackungen für ihre Einkäufe selbst mitbringen müssen, dürfte im März eröffnet werden. Wenn alles gut läuft.

Täglich produzieren wir so viel Abfall, ohne uns darüber auch nur den kleinsten Gedanken zu machen. Mit 700 Kilogramm Abfall pro Jahr und pro Bewohner liegt die Schweiz weltweit an der Spitze. In Luzern gestaltet sich ein abfallfreies Leben besonders schwer, falls das angestrebt wird. Denn anders als etwa in der französischen Schweiz gibt es nur sehr wenige Möglichkeiten, abfallfrei einzukaufen. «Noch vor einem Jahr gab es schweizweit kaum Unverpackt-Läden, heute sind es schon fast über zwanzig. Das Bedürfnis ist auf jeden Fall vorhanden», so Natalie Bino von Zero Waste Switzerland. 

«Raschel-Säckli» vor dem Aussterben

In den letzten Monaten wurden schweizweit Massnahmen ergriffen, die zu einer geringeren Abfallproduktion beitragen sollen. Seit dem 1. November sind Raschelsäcke in der Migros kostenpflichtig, bis im Frühling 2017 soll dies auch in allen Coop-Filialen der Fall sein.

Aber jetzt tut sich auch in Luzern etwas: Der hier lebende Slowake Milan Nevicky möchte bereits im kommenden März 2017 den ersten Unverpackt-Laden eröffnen. Die Grundidee ist simpel: Es geht darum, Dinge ohne Einwegverpackung kaufen zu können und damit weniger Abfall zu produzieren. Läden in Luzern, in welchen ein solcher Einkaufsstil teilweise möglich ist, gibt es schon heute (siehe Box am Ende des Artikels).

Kurz vor Vertragsunterzeichnung

Den eigenen Lebensstil nachhaltig zu gestalten und möglichst wenig Abfall zu produzieren, hat sich in den letzten Jahren zu einem gesellschaftlichen Trend entwickelt – Nevicky ist mit dieser Idee nicht alleine. «Abfall scheint laut Zero-Waste-Bewegungen grundsätzlich etwas zu sein, auf das man gerne verzichtet, doch ist es auch wichtig, dass der Detailhandel mitzieht. Es braucht nicht nur das Bewusstsein dafür, seine Abfallproduktion auf ein absolutes Minimum zu senken, sondern auch einen aktiven Wandel in der Wirtschaft», ist sich der 38-Jährige sicher.

Das Konzept des «Zero Waste» findet in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder Grossstädten wie Paris und London längst Anklang. «Meistens wären die Menschen dazu bereit, etwa mit Tupperware einkaufen zu gehen, doch das Vorhaben scheitert dann an den Hemmungen», so Natalie Bino. Wo der neue Laden in Luzern hinkommt, soll noch nicht verraten werden. Nevicky steht allerdings kurz vor der Vertragsunterzeichnung und ist zuversichtlich, dass es ein zentraler Standort wird.

Milan Nevicky will mit einem Unverpackt-Laden in Luzern Fuss fassen.
Milan Nevicky will mit einem Unverpackt-Laden in Luzern Fuss fassen. (Bild: zvg)

Nachhaltig attraktiv

Das Angebot im neuen Luzerner Unverpackt-Laden soll von Nüssen über Nudeln, Öle, Gewürze bis hin zu Kosmetikartikeln reichen, wobei die Preise etwa denjenigen von herkömmlichen Nahrungsmittelläden entsprechen werden. Wichtig dabei sei, dass nicht nur das Verkaufskonzept nachhaltig ist, sondern auch das Sortiment: «Wir möchten mit qualitativ hochstehenden Produkten und auch mit regionalen Produkten arbeiten», so der Gründer.

Bezahlt wird aber nach Gewicht und ergo nur das, was auch benötigt wird. Nevicky meint, dass dadurch nicht nur der Abfall reduziert wird, sondern auch das Einkaufen einfacher werden soll. So soll man zu einem späteren Zeitpunkt Produkte beispielsweise online bestellen können und vom Abfüllservice profitieren. Abgefüllt würden die Produkte dann in Gläser und Säcke, welche die Kunden von zu Hause mitbringen. 

«Die Menschen sind heutzutage dazu bereit, etwas mehr Aufwand zu betreiben, um der Umwelt etwas Gutes zu tun.»

Milan Nevicky

Will man so einkaufen?

Das Einkaufen in Unverpackt-Läden erfordert erfahrungsgemäss volle Aufmerksamkeit: Es muss nicht nur abgewogen und verpackt werden, der Konsument muss auch Gläser und Stoffsäcke mitbringen. Ob die Innerschweizer dazu bereit sind? «Es gibt bereits Läden, bei denen der Kunde offene Produkte kaufen kann, und das scheint auch genutzt zu werden. Wir möchten aber ein umfangreiches Angebot gewährleisten können. Ausserdem glaube ich, dass die Menschen heutzutage dazu bereit sind, etwas mehr Aufwand zu betreiben, um der Umwelt etwas Gutes zu tun.» Nevicky überlegt und fügt dann an: «Einkaufen nach dem jetzigen Modell ist schlichtweg nicht zukunftsfähig.»

Der Familienvater gestalte sein Leben zwar umweltbewusst und werde selbstverständlich in seinem eigenen Laden Kunde sein, doch hatte er bis jetzt keine Möglichkeit, einen Zero-Waste-Lebensstil zu verfolgen. Das will er aber ändern. «So einfach ist das nicht», ist sich auch Nevicky bewusst. Der frischgebackene Vater ist sogar der Meinung, dass es heutzutage leider unmöglich sei, den Alltag ohne Plastik zu bewältigen. «Es ist aber durchaus sinnvoll, es dennoch zu versuchen», so Nevicky.

Gewürze ohne Verpackung.
Gewürze ohne Verpackung. (Bild: zvg)

Start-up-Herz

Obwohl Nevicky ein naturverbundener Mensch ist, ist es nicht nur sein Umweltbewusstsein, das ihn vor rund einem Jahr dazu bewogen hat, Unverpackt Luzern zu gründen, sondern auch sein Start-up-Herz. «Ich hatte mich bereits in der Slowakei als Schlosser selbständig gemacht, ich mag es, Dinge zu wagen.» Mit der Krise im Jahr 2007 geriet sein Unternehmen in Schwierigkeiten und musste schliesslich geschlossen werden. 2009 zog es das Ehepaar Nevicky dann in die Schweiz, wo sie seither beide in der Gastronomie tätig sind. 2014 kam dann ein Töchterchen dazu und Mitte Dezember 2016 wurde ihr Sohn geboren.

«Es muss klappen. Als alleiniger Investor und zweifacher Familienvater bleibt mir gar keine andere Wahl.»

Milan Nevicky

Dass es sich bei dem Unverpackt-Laden um ein Wagnis handelt, ist sich der ursprüngliche Baumaschineningenieur bewusst: «Man weiss nie, wie die Leute darauf reagieren werden, man muss sich halt einfach ins Risiko stürzen. Und es muss klappen. Als alleiniger Investor und zweifacher Familienvater bleibt mir gar keine andere Wahl.» Wer ein solches Unterfangen vorhat, muss laut Nevicky immerhin mit einer Investition von rund 50'000 Franken rechnen.

Laut Bundesamt für Statistik produziert der Durchschnittsschweizer jährlich 700 Kilogramm Abfall und reitet sich damit an die Weltspitze. Wir seien zwar ebenso Vorreiter, wenn es darum gehe, Abfall wieder zu verwerten, doch die bittere Tatsache der Wegwerf-Kultur bleibe erhalten. Die Deutschschweiz ist laut Zero Waste Switzerland nicht gerade ein Vorzeigebeispiel in verringerter Abfallproduktion, der Laden von Nevicky dürfte also durchaus eine Lücke füllen. Nevicky hofft, damit einige Probleme zu lösen: kein überflüssiger Abfall, keine überflüssigen Lebensmittel und letztlich: kein Streit, wer den Abfall rausbringt.

Hier kann man laut Zero Waste Switzerland in Luzern bereits unverpackte Lebensmittel einkaufen:

Chäs Barmettler: Käse, Milch auf Vorbestellung; Hertensteinstrasse 2

Gänterli Bio-Laden GmbH: Putzmittel, Öl, Getreide, Flocken etc.; Vonmattstrasse 50

Safra: Pasta; Kasimir-Pfyffer-Str. 5;

Shanghai Asiatische Waren: Hirschengraben 43

The Queen Camellia TEA HOUSE: Tee; Kapellplatz 7

Vom Fass: Öle, Essige, Liköre; Franziskanerplatz 14

Wärchbrogg Luzern: Detailhandel Quai4; Alpenquai 4

Wochenmarkt: Pasta, Fleisch, Käse, Gemüse; Rathausquai/Unter der Egg/Bahnhofstrasse

Sie mögen zentralplus? Dann spenden Sie oder teilen Sie unsere Artikel auf Facebook, Twitter und Co.! Das hilft Ihren Freunden, sich gratis weiterzubilden, und es hilft uns, bekannter zu werden. Herzlichen Dank.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Wirtschaft