Das Unterwäsche-Geschäft Schärer-Linder an der Zentralstrasse in Luzern, wie es zwischen 1962 und 1974 ausgesehen hat. (Bild: Schärer-Linder)
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Das Unterwäsche-Geschäft Schärer-Linder an der Zentralstrasse in Luzern, wie es zwischen 1962 und 1974 ausgesehen hat. (Bild: Schärer-Linder)

Mit BHs und Slips gegen das Lädelisterben

10min Lesezeit

Patrick Kuster übernimmt in vierter Generation das Luzerner Unterwäschegeschäft Schärer-Linder. Während der Detailhandel vielerorts unter der Konkurrenz aus dem Internet ächzt, baut Kuster das Ladenlokal mächtig aus – und setzt damit voll auf den physischen Verkaufsstandort. Dass der Detailhandel aus der Stadt verdrängt wird, glaubt er nicht.

Eigentlich ist er studierter Molekularbiologe. Patrick Kuster befasst sich heute aber nicht mit DNA-Strängen, Protein-Verbindungen oder Genetik. Sein Fachgebiet sind BHs, Slips und Strümpfe – und dies nicht aus Vergnügen. Zum 90-jährigen Jubiläum des Luzerner Unterwäschegeschäfts Schärer-Linder übernahm Kuster kürzlich als erster Mann die Unternehmensleitung (siehe Box unten).

«Genau genommen bin ich Co-Geschäftsleiter», präzisiert der 42-jährige Luzerner. Brigitte Kuster, seine Mutter, kümmert sich weiterhin um Ein- und Verkauf der Dessous-Stücke, während Patrick Kuster für die Geschäftsstrategie, das Marketing und Spezialprojekte verantwortlich ist. «Gut 95 Prozent unserer Kunden sind weiblich. Den Verkauf wird also immer eine Frau leiten müssen. Das werde ich nicht übernehmen», sagt er und lacht.

Erste Grossprojekt: Verkaufsfläche vergrössern

Kuster ist ein aufgeweckter Mann «im besten Alter», wie man sagt. In der Stadt Luzern geboren und aufgewachsen, studierte er Molekularbiologie in Zürich. Rund 15 Jahre lang sammelte Kuster anschliessend im In- und Ausland Marketing- und Verkaufserfahrungen in der Medizinproduktebranche. Daneben ist er mehr und mehr ins Familiengeschäft gerutscht. Aus sporadischer Unterstützung wurde festes Engagement. «Der Arm wurde mir fliessend hineingezogen», sagt er, der das Unternehmen nun in vierter Generation weiterführt.

Patrick Kuster, der erste Mann in der Geschäftsleitung des Familienunternehmens Schärer-Linder.
Patrick Kuster, der erste Mann in der Geschäftsleitung des Familienunternehmens Schärer-Linder. (Bild: pbu)

Gut gelaunt und von einer spürbaren Schaffensfreude strotzend geleitet Kuster uns durch das gerade erst renovierte und ausgebaute Geschäftslokal an der Zentralstrasse direkt gegenüber dem Luzerner Bahnhof. «Mit dem Umbau hat sich unsere Verkaufsfläche um einen Drittel vergrössert», erzählt er stolz, während leicht bekleidete Schaufensterpuppen unsere Schritte über den neu verlegten Fussboden verfolgen.

Damit hat Kuster dem Traditionsgeschäft bereits einen ersten Stempel aufgedrückt. «Meine Mutter wusste lange nicht, ob sie einen Nachfolger finden würde. Man führt nicht unbedingt einen Umbau durch, wenn man nicht weiss, wer oder ob überhaupt jemand den Laden künftig übernehmen wird.» Mit Patrick Kuster als Nachfolger klärte sich die Legitimation für eine solche Investition.

«Das Geschäft konnte eine Frische-Kur gebrauchen. Es war etwas in die Jahre gekommen.»

Frische-Kur für den Schlüpfer

Für den Marketingexperten war klar, dass er im Rahmen der Geschäftsübernahme das Lokal umbauen möchte. «Nicht, weil sich mit mir alles ändern sollte», betont er. «Sondern weil wir einerseits mehr Platz für das stetig wachsende Sortiment benötigen und das Geschäft andererseits eine Frische-Kur gebrauchen konnte. Es war etwas in die Jahre gekommen.»

Schärer-Linder kommt nun modern, aufgeräumt und elegant daher. Die ausladende Geschäftsfläche und grosszügige Umkleidekabinen sollen dafür sorgen, dass Frau sich hier wohlfühlt. «Ästhetisches Einkaufserlebnis», nennt das Kuster. Das Angebot sei über die Jahre modischer geworden. «Das Bademodensortiment bieten wir inzwischen ganzjährig an. Und dank neuer Warengruppen konnten wir auch ein jüngeres Publikum anziehen.»

Ganz mit der Tradition wird Kuster allerdings nicht brechen. Neben modischen finden sich in den Auslagen weiterhin funktionale Produkte. Formende Unterwäsche oder Prothesen-BHs etwa. «Klassische Korsetts sind heute weniger gefragt. Dafür erleben neue formgebende Stoffe einen regelrechten Hype.», erzählt er. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Das Geschäft anno 1950.
Das Geschäft anno 1950. (Bild: Schärer-Linder)

Zwei Asse im Körbchen

Damit ist auch klar, dass das Familienunternehmen weiterhin auf ihr bisheriges Erfolgsrezept setzen wird. «Der Kundenservice ist für uns das A und O. Gerade im Bereich Unterwäsche ist eine gute Beratung oberstes Prinzip. Viele Frauen tragen zum Beispiel den falschen BH. Als Fachgeschäft haben wir für jede Kundin das passende Angebot. Und wenn etwas nicht perfekt sitzt, wird das Teil durch unsere hauseigene Schneiderin angepasst.»

«Dass bestimmte Marken nur bei uns erhältlich sind, ist natürlich ein grosses Plus.»

Trotzdem: In einer Zeit, in welcher der Detailhandel durch Onlineshops zunehmend unter Druck gerät und auch in Luzern unzählige Geschäfte aufgeben mussten, ist es schon erstaunlich, dass Schärer-Linder in die stationäre Ladenlokalität investiert. Macht sich da etwa «jugendlicher» Übermut breit? «Es ist ein mutiger Schritt», erwidert Kuster. «Unser Vorteil besteht aber darin, dass wir nicht nur eine treue Stammkundschaft, sondern auch einen hohen Neukundenzulauf haben.»

Bedeutend seien Marken, welche Schärer-Linder exklusiv anbiete. «Dass bestimmte Marken nur bei uns erhältlich sind, ist natürlich ein grosses Plus.» Deshalb wurde viel in die Beziehungen zu Lieferanten investiert. Bei gewissen Lieferanten geniesst die Familie mittlerweile Mitspracherecht.

So präsentiert sich das Geschäft heute.
So präsentiert sich das Geschäft heute. (Bild: pbu)

Die Luzerner Neustadt: die neue Altstadt?

So viel Exklusivität hat seinen Preis. Für wenig Stoff kann man bei Schärer-Linder schon mal ein paar hundert Franken ausgeben. Es sei allerdings nicht zutreffend, dass das Familienunternehmen lediglich das Hochpreissegment bediene. «Bei uns kann jede Person einen BH kaufen», so Kuster. «Eine Malerin, die beim Umbau tätig war, ist zum Beispiel auf dem besten Weg dazu, eine Stammkundin zu werden.»

Physische Verkaufsstandorte hätten auf jeden Fall ihre Daseinsberechtigung, ist Kuster überzeugt. Egal, in welchem Preissegment. «Man muss aber flexibel sein und sich an die Gegebenheiten anpassen können.» Problematisch werde es bei austauschbaren Produkten, die keiner Beratung bedürfen. «Dieses Angebot verschiebt sich ins Internet», so der Marketingexperte.

«Mittlerweile sind gewisse Ecken der Luzerner Neustadt nicht minder attraktiv als die Altstadt.»

Kuster lässt denn auch nicht gelten, dass der Detailhandel durch Schmuck- und Uhrengeschäfte aus der Luzerner Altstadt verdrängt werde. Für ihn findet vielmehr eine Verlagerung statt. «Sehen Sie sich doch die Neustadt an, die seit über zehn Jahren am boomen ist. Mittlerweile sind gewisse Ecken dieses Stadtgebiets nicht minder attraktiv als die Altstadt.»

Das liege nicht nur an den tieferen Mieten. Auch die Kunden würden sich dorthin verlagern. «Wir befinden uns diesbezüglich noch in einer Übergangsphase», meint Kuster. Kritischer hingegen beurteilt er den Parkplatzabbau in der Stadt. «Für das Kleingewerbe ist das ein gewichtiger Nachteil. Je weniger Parkplätze zur Verfügung stehen, desto eher gehen die Leute in grosse Einkaufszentren in der Agglomeration», so seine Rechnung.

Wo bleibt Generation 5?

Um die Zukunft seines Geschäfts macht sich Patrick Kuster jedenfalls keine Sorgen. Wobei, eine Frage müsste dann doch irgendwann mal geklärt werden. Kuster hat nämlich keine Kinder. Neigt sich das Familienunternehmen also langsam dem Ende zu?

«Naja», beschwichtigt der frischgebackene Geschäftsführer, «meine Grossmutter ist 95 Jahre alt und arbeitet immer noch hier. Ich habe also noch mehr als 50 Jahre vor mir, bis ich diese Frage beantwortet haben muss.» Kuster lacht und überlässt sogleich dem Geschäftsmann in ihm das Wort: «Wichtig für mich ist einzig, dass das Geschäft erfolgreich weitergeführt wird. Auch wenn es nicht in der Familie bleiben sollte.»

Vier Generationen (v.l.): Patrick Kuster, Irène Truninger-Schärer und Brigitte Kuster. Auf dem Foto die Gründerin Lina Schärer-Linder.
Vier Generationen (v.l.): Patrick Kuster, Irène Truninger-Schärer und Brigitte Kuster. Auf dem Foto die Gründerin Lina Schärer-Linder. (Bild: Schärer-Linder)

… und dann kam ein Mann

Lina Schärer-Linder hat im Jahr 1926 den Mietvertrag für ihr Korsett-Spezialgeschäft an der Zentralstrasse 12 in Luzern unterschrieben. Neun Jahrzehnte später steht das Geschäft immer noch dort. Für die gelernte Corsetière war früh klar, dass sie mehr sein wollte als Ehefrau und Mutter. Und da es zu jener Zeit in der Deutschschweiz keine Korsett-Manufaktur gab, eröffnete sie mit finanzieller Untersützung ihres Vaters selbst ein Geschäft.

Die Korsetts trafen den Nerv der Zeit. Aus der ganzen Schweiz reisten Kundinnen an, um bei Schärer-Linder massgefertigte Korsetts und Büstenhalter zu kaufen. Das Sortiment wurde bald um Strumpfwaren und Unterröcke erweitert. Und schon nach kurzer Zeit beschäftigte das Unternehmen zehn Näherinnen.

Die älteste Tocher der Geschäftsgründerin, Irène Truninger-Schärer, machte ebenfalls eine Lehre als Corsetière. Sie übernahm das Geschäft ihrer Mutter 1987 und führte dieses, bis ihre Tochter das Firmenzepter 1998 in die Hand nahm. Trotz ihren 95 Jahren ist Irène Truninger heute noch oft im Geschäft und unterstützt Tochter Brigitte Kuster bei Büroarbeiten. Mit Patrick Kuster – der vierten Generation – ist nun erstmals ein Mann in der Geschäftsleitung.

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