Geldbetteln 2.0: Via Crowdfunding sammelt Dada Ante Portas derzeit 30’000 Franken für ihr achtes Album.  (Bild: jwy)
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Geldbetteln 2.0: Via Crowdfunding sammelt Dada Ante Portas derzeit 30’000 Franken für ihr achtes Album.  (Bild: jwy)

Wer braucht schon ein Label, wenn man die Crowd hat?

9min Lesezeit

Bands bitten die Crowd zur Kasse für ein neues Album – das kennt man. Nun kehrt selbst die erfolgreiche Band Dada Ante Portas ihrem Label den Rücken und setzt für ihr achtes Album auf Schwarmfinanzierung. Für den Luzerner Musiker Henrik Belden hingegen ist das «zu anstrengend» – er geht für sein Album andere Wege.

Dada Ante Portas sind sich sicher: «Es ist das beste Album unserer 20-jährigen Karriere!» Das schreiben sie auf der Crowdfundingplattform «Funders», wo sie derzeit 30’000 Franken für ihr achtes Album sammeln.

Wie gut die Scheibe tatsächlich sein wird, werden wir erst 2017 hören, wenn das Album erscheint. Es soll hier jetzt aber nicht um die Musik an sich gehen, sondern um die wirtschaftliche Seite. Denn wir wissen ja: Das Musikbusiness ist ziemlich am Arsch, Musiker müssen erfinderisch sein, um mit ihrer Musik noch einigermassen auf einen grünen Zweig zu kommen.

Zwei Tendenzen kann man beobachten:

  1. Bands gehen näher ran zu den Fans, sprechen sie über die Social-Media-Kanäle direkt an – und bitten sie zur Kasse. Spätestens seit die Basler Band Bianca Story 2013 mittels Crowdfunding sage und schreibe mehr als 90’000 Franken sammelte, weiss man: Auch in der kleinen Schweiz liegt da was drin.
  2. Musiker wollen unabhängiger sein und bescheidene Pfründe nicht teilen. Sprich: Man hat kein Label mehr im Rücken, das zwar im besten Fall das Album und die Promo bezahlt, im Gegenzug aber auch mitverdient, indem es sich einen guten Anteil an den Songrechten sichert. Das bedeutet auch, dass Musiker, um Kosten zu sparen, mehr selber machen (müssen): Neue Technologien lassen es zu, dass man vieles zu Hause oder im Proberaum in Topqualität aufnehmen kann, ein grosses und teures Studio ist nicht mehr zwingend.

Ordentlich Promo kostet Geld

Dada Ante Portas hat die zwölf neuen Songs in Schweden während drei Wochen auf eigene Rechnung aufgenommen, das hat 30'000 Franken gekostet – jenen Betrag, den sie nun wieder sammeln. Denn nochmals so viel braucht die Band für die anstehenden Arbeiten: Mastering, Promo, Werbung, Pressung, Artwork, Videodreh und Fotoshooting. «Damit jemand das Album anhören will, muss sie oder er erst mal wissen, dass es das Album überhaupt zu hören gibt. Und dazu braucht es eine ordentliche Promotions-Kampagne», so die einfache Erklärung.

 

Die Band schreibt: «Unser Plattenvertrag ist ausgelaufen und wir hatten vorerst keine Lust, einen neuen Vertrag abzuschliessen. Denn zwar übernehmen Plattenfirmen gewisse Kosten, partizipieren dann aber auch bei allen Einnahmen über Gebühr.»

«Wir hatten vorerst keine Lust, einen neuen Plattenvertrag abzuschliessen.»

Dada Ante Portas

Ihr letztes Album «Bad Weeds Grow Tall» hatten sie noch beim Zürcher Label Gadget veröffentlicht. «Wir hatten ein neues Angebot für einen Vertrag, den wir aber unter den gegebenen Umständen nicht unterschreiben wollten», sagt Schlagzeuger Thomas Lauper. Ganz ohne Hilfe eines Labels wird es auch beim neuen Album nicht gehen, aber indem sich die Band selbst finanziert, bleibt sie unabhängig.

Ein Wir-Gefühl entsteht

Unabhängig bleiben, dafür kreativ sein in der Finanzierung: Das mag zwar anstrengend und zeitaufwendig sein, hat aber auch Vorteile, abgesehen vom Monetären: Bei den Fans entsteht ein Wir-Gefühl, sie werden Teil einer eingeschworenen Community und unterstützen die Band 1:1.

Dada Ante Portas sammeln nun seit etwas über einem Monat und haben schon mehr als die Hälfte des Geldes beisammen. Es bleibt noch Zeit bis Mitte September, die Chance auf Erfolg ist also durchaus realistisch. «Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir es schaffen», sagt Lauper, «wir hätten nicht gedacht, dass es so gut startet.»

Henrik Belden wird ruhiger und roher

Auch der Luzerner Henrik Belden ist mit einem neuen Album am Start, im November soll es so weit sein. «Ruhiger und roher» als das letzte Album «Head over Heels» wird es werden. Und: auch einiges günstiger. Rund die Hälfte des letzten Albums wird es kosten – einiges unter den 30’000 Franken, die Dada Ante Portas bezahlen.

«Letztlich habe ich zu wenig Zeit und diese Art von Betteln ist mir irgendwie zu anstrengend.»

Musiker Henrik Belden

Auch er hat kein Label im Rücken, das ihm das Album bezahlt, er berappt alles selbst: mit Einnahmen aus Konzerten, CD-Verkäufen, von Sponsoren und Gönnern, dazu kommen noch Fördergelder. Ab dem ersten Konzert der neuen Tour soll alles abbezahlt sein, sodass er die Gagen wieder als Lohn verbuchen kann, um es mal ganz buchhalterisch auszudrücken.

Das neue Album haben Henrik Belden und seine Band hauptsächlich in einem Profistudio nahe Biel aufgenommen und abgemischt. Aber nicht nur: Viele Instrumente haben sie im bandeigenen Studio in Malters selber aufgenommen und die Gesänge in der lauschigen Abgeschiedenheit einer Alphütte. Das ist nicht nur inspirierend, sondern machte das Album einiges günstiger, denn Studiotage sind sündhaft teuer.

 

Ob Henrik Belden das Album in Eigenregie oder unter einem Label veröffentlicht, ist noch in Verhandlung. Aber so oder so: Die Zeiten, als ein Label die Studiokosten übernahm, sind vorbei. Man kann sich glücklich schätzen, wenn es einen Vorschuss gibt und das Label die CD-Pressung bezahlt.

Belden zieht die Grenzen dort, wo seine Unabhängigkeit eingeschränkt würde: «Ich bin noch nie einen Gesamtdeal eingegangen, der mich eingeschränkt hätte, ich will nach jedem Album frei sein, das ist mir das Wichtigste», sagt er.

Crowdfunding? Nichts Spezielles mehr

Er kann auf ein paar Sponsoren zählen sowie eine Handvoll Gönner, die ihn unterstützen. Crowdfunding hat er noch nie gemacht – und wird er auch nicht so bald: «Das machen inzwischen alle, es ist nichts Spezielles mehr», so Henrik Belden.

Er fragt sich ohnehin, worin für ihn der Mehrwert liege, denn der Aufwand sei gross, für jeden Zuschuss müsse man sich ein kreatives Dankeschön überlegen. «Klar, du kannst damit Viralität generieren, aber man nervt die Leute auch schnell damit. Letztlich habe ich zu wenig Zeit und diese Art von Betteln ist mir irgendwie zu anstrengend. Für junge Musiker hingegen ist dies mit Sicherheit eine gute Möglichkeit, um ein bisschen Startkapital zu besorgen.»

Wieso tut man sich das noch an?

Bleibt die Frage: Wieso macht man überhaupt noch Alben? Finanziell gesehen lohnt sich das schon länger nicht mehr, viele Künstler veröffentlichen ihre Songs inzwischen einzeln oder als EPs mit vier bis fünf Songs.

«Mir graut es davor, an ein Konzert einer Band zu gehen, die kein Album, aber 16 einzelne Songs veröffentlicht hat.»

Doch für viele Musiker bleibt das Album eine Herzensangelegenheit. Henrik Belden sagt es so: «Ich bin ganz klar ein Verfechter des Mediums Album, es ist doch schön, wenn man eine Ära von einigen Jahren auf eine Scheibe presst.» Songs nur online und einzeln zu veröffentlichen, das wäre nichts für ihn: «Mir graut es davor, an ein Konzert einer Band zu gehen, die kein Album, aber 16 einzelne Songs veröffentlicht hat.»

«Die entspannteste Arbeit meines Lebens»

Zum Schluss noch dies: Ganz ohne Druck und ziemlich entspannt geht es ein anderer, langjähriger Weggefährte der Luzerner Musikszene derzeit an: Manuel Knobel aka Knopilot. Er hatte einige Jahre mit seinem Duo Kunz & Knobel und als Sänger der Deutschrock-Band Zeugen Utopias die Luzerner Szene aufgemischt. Jetzt schiebt Knobel zwar eine ruhige Kugel, hat aber soeben ein neues Album mit dem griechischen Titel «Καληνύχτα» veröffentlicht. Darauf findet man 15 Lieder – zum Beispiel den Song «Sinalco»:

Er hat von A bis Z alles alleine eingespielt, aufgenommen und gemixt. Zu seinem neuen Album meint Knobel: «Es war die entspannteste Arbeit meines Lebens, denn niemand hat seinen Senf dazu gegeben. Jetzt ist es fertig und soll die Welt erobern. Es ist sehr elektronisch und mehr zum Dösen als zum Tanzen.»

Hinweis: zentralplus ist Medienpartner von Funders.

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