René Künzli: Solarenergie ist seine Berufung.   (Bild: Natalie Ehrenzeig)
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René Künzli: Solarenergie ist seine Berufung.   (Bild: Natalie Ehrenzeig)

Ein Luzerner baut mit am Haus der Zukunft

5min Lesezeit

Zum ersten Mal weltweit wurde ein Mehrfamilienhaus gebaut, das seine Energie vollständig selbst herstellt – also energieautark ist. Eine Firma aus Ebikon hat die dafür nötige Photovoltaik-Technologie geplant und angebracht. Die ganze Hausfassade besteht aus Solarmodulen – nur merkt man das kaum.

In Brütten im Kanton Zürich steht ein Haus für neun Familien wie auf einer Insel. Auf einer Strom-Insel. Denn das Haus von Bauherr Walter Schmid ist nicht ans Netz angeschlossen, sondern produziert die ganze Energie, die es braucht, selber. Eine Weltneuheit. Massgeblich dazu beigetragen hat eine Ebikoner Firma, die BE Netz. Sie hat die Photovoltaikanlage entwickelt und installiert.

«Die Herausforderung in Brütten war, verschiedene Technologien zusammenzuführen. Das gesamte Dach ist ein Solardach. Ausserdem ist auch die ganze Fassade mit Solarmodulen bedeckt», erklärt René Künzli, der stellvertretende Geschäftsleiter. Dabei sei es wichtig gewesen, dass die Fassade nicht nur funktional, sondern auch optisch schön sei.

Flächendeckende Solaranlage

An der Fassade wurde die sogenannte Dünnschicht-Technik angewendet. Diese ist flexibler und sensibler, aber nicht gleich leistungsstark wie die kristalline Technik, die sich auf dem Dach befindet. «Damit die ästhetischen Anforderungen erfüllt werden konnten, wurde die Oberfläche sandgestrahlt. Ein Laie sieht jetzt nicht, dass jeder Quadratzentimeter der Aussenhülle Teil der Photovoltaikanlage ist», freut sich René Künzli. «Eine Stunde Sonne reicht im Sommer, um den Energiebedarf der Bewohner einen Tag lang sicherzustellen.»

So sieht das fertige Mehrfamilienhaus aus: Es bietet Platz für neun Familien. (Bild: zvg)
So sieht das fertige Mehrfamilienhaus aus: Es bietet Platz für neun Familien. (Bild: zvg)

Das Haus in Brütten ist energieautark. Dazu war nicht nur eine flächendeckende Photovoltaikanlage nötig, sondern die Kombination der Anlage mit dem Wechselrichter, der aus der Gleichspannung Wechselstrom macht, und dem Stromspeicher. «Für die Langzeitspeicherung des Stroms kam eine neue Umsetzung von Strom zu Wasserstoff zum Einsatz. Dieser Teil wurde von einer anderen Firma geliefert, musste aber mit unserem System zusammengeführt werden», erklärt Künzli.

Das Rad nicht neu erfinden

Obwohl das Haus eine Weltneuheit ist – das erste vollständig energieautarke Mehrfamilienhaus –, mussten die Fachleute von BE Netz nicht das Rad neu erfinden, sondern konnten von bestehenden Produkten ausgehen und mussten diese «nur» ans Projekt anpassen. Da stellt sich die Frage, wieso Sonnenenergie nicht viel verbreiteter ist, wenn die Technologie schon so weit ist, dass ganze Mehrfamilienhäuser so Strom produzieren und speichern können, dass sie gar nicht mehr auf das Stromnetz angewiesen sind.

... auch die Fassade liefert Strom. (Bild: zvg)
... auch die Fassade liefert Strom. (Bild: zvg)

«Heute werden nur ein bis zwei Prozent des Schweizer Stroms durch Sonnenenergie gewonnen. Dies liegt unter anderem daran, dass die Investitionskosten für eine Photovoltaik recht hoch sind», sagt René Künzli. Wer heute 800 Franken im Jahr für seinen Strom bezahle, investiere bei der Installation einer Photovoltaikanlage rund 20’000 bis 30’000 Franken. «Dafür gehen die Stromkosten vom Elektrizitätswerk entsprechend zurück. Die Sonne schickt zum Glück keine Rechnung. Wenn man langfristig denkt, dann funktioniert’s», so Künzli.

Solarmodule statt Ziegel

Die Lebensdauer eines Photovoltaik-Daches beträgt rund 30 Jahre und mehr. Die Solarmodule erfüllen auch gleich die Funktion von Dachziegeln und bestehen aus hagelsicherem Glas. «Laut Studien könnte ganz Europa seine Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen», so Künzli. Dazu gehören Wind-, Wasser-, Biogas-, Geothermie- oder auch Photovoltaik-Energie.

«Man hat sogar ein Casting gemacht, weil es so viele Interessenten gab.»

René Künzli, Geschäftsleiter BE Netz

Das Haus in Bütten hat René Künzli neue Kontakte verschafft. «Ausserdem war die hohe Energie-Effizienz, die bei dem Haus vorgegeben war, eine Herausforderung. Dass Bundesrätin Doris Leuthard das Haus eröffnen würde und der gute Spirit der Bauherrschaft, die den Leuchtturmcharakter des Projektes auch betonten, hat zur Motivation beigetragen.»

Ein Casting für Interessenten

Interessenten für die Wohnungen standen Schlange. «Man hat sogar ein Casting gemacht, weil es so viele Interessenten gab. Man hat solche ausgewählt, denen es klar war, dass dies ein Generationenprojekt ist, und sich für bewusstes Leben interessieren», sagt Künzli. Die Bewohner würden ihren Energieverbrauch bewusster wahrnehmen und sehen, wie viel Strom sie wofür nützen. «Trotzdem haben sie bei ihrem Wohnkomfort keine Einschränkungen», so Künzli. Zum Haus gehöre auch ein Elektromobil.

Rund neun Monate hat BE Netz am Haus in Bütten gearbeitet. Jetzt stehen wieder andere Projekte an, wie zum Beispiel das Dach der Swisspor-Arena (zentralplus berichtete). Doch die Spezialisten für die Umwandlung von Sonnenenergie in Wärme und Strom arbeiten auch an kleineren Projekten. «Jedes Projekt, auch ein Einfamilienhaus, ist für uns interessant», sagt René Künzli.

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