Jungunternehmer David Togni spricht über die Leidenschaft und Überzeugung, die es braucht, um eine Businessidee umzusetzen. (Bild: Ronny Baumann)
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Jungunternehmer David Togni spricht über die Leidenschaft und Überzeugung, die es braucht, um eine Businessidee umzusetzen. (Bild: Ronny Baumann)

Von Baby-Freunden und Hanf-Shops

10min Lesezeit

Am vergangenen Wochenende trafen sich 56 Teilnehmende aus verschiedenen Disziplinen im Technopark Luzern, um an ihren Geschäftsideen zu tüfteln. Wir haben einen Augenschein genommen: Frauen wagen den Sprung ins kalte Unternehmerwasser eher ungern, ein Shop für Cannabis wurde entworfen und «Babyfriend» heisst schliesslich der Gewinner für die Jury.

Es liegt im Trend: Sich selbstständig zu machen ist quasi die Maxime der Selbstverwirklichung und der Inbegriff der Generation Y. Startups und Veranstaltungen zu diesem Thema erleben einen ähnlichen Aufschwung wie Street-Food-Festivals (wir haben übrigens gerade über eines berichtet). Und das Interesse war gross: Die 60 Plätze am «Startup-Weekend» in Root waren restlos ausgebucht.

Die Ursachen für diesen Run seien unterschiedlich. Sam Kurath, der Gründer von STUcard.ch und Jury-Mitglied beim Startup-Weekend Luzern, überlegt kurz, weshalb er damals ebenfalls den Schritt ins Ungewisse gewagt hat: «Ich habe nie in ein System reingepasst, brauche viel Freiheit und bin wahrscheinlich von Natur aus eher unführbar. Also hatte ich gar keine Alternative», so der Luzerner. Der 35-Jährige hat es sich heute zur Aufgabe gemacht, Menschen zu fördern und nicht nur das Geschäft dahinter. Die Geschäftsidee könne sich verändern, viel eher ginge es darum, die Menschen auf den richtigen Weg zu führen.»

(Bild: Ronny Baumann)

Ausgebucht: Sie bezahlen, um zu arbeiten

Während einer Minute sollte am Freitagabend die beste Idee präsentiert werden, die Teilnehmenden wählten dann die für sie interessantesten aus und arbeiteten fortan an deren Businessmodellen. Was dabei im Zentrum stand, war die Motivation, gemeinsam anzupacken. Teilnehmen konnte grundsätzlich jede Person, die sich für das Thema Entrepreneurship interessierte und dafür 64 Franken bezahlte.

Sam Kurath, Gründer der «STUcard.ch».
Sam Kurath, Gründer der «STUcard.ch». (Bild: Ronny Baumann)

Unterstützt wurden die Unternehmenslustigen von hochkarätigen Coaches. Zu den Referenten gehörte beispielsweise Rasoul Jalali, Generaldirektor von Uber Schweiz, Mike Bauer, Gründer von Think Reloaded und Gründungspartner der Swiss Startup Factory, sowie der Luzerner Alain Friedrich, der die Plattform venture-services.ch zur Beratung von Startup-Unternehmen geschaffen hat.

«Der Aufwand ist schon grösser, als man denkt, die Freude darüber aber auch.»

OK-Präsidentin Zeliya Schär

Gemeinsam selbstständig

Startup-Weekend Schweiz ist ein Verein, der sich der interdisziplinären Förderung des Jungunternehmertums verschrieben hat. Der Verein bildet das Dach für die Organisatoren der verschiedenen regionalen Ausgaben des Startup-Weekends, Luzern ist eines davon.

Nicht nur bei ihnen, sondern auch beim gesamten Organisationskomitee handelt es sich um eine Reihe Freiwilliger. «Die Atmosphäre ist einfach einmalig. Der Aufwand ist schon grösser, als man denkt, die Freude darüber aber auch», so OK-Präsidentin Zeliya Schär (24). Das Startup-Weekend wolle einen Beitrag zur Gründerszene in der Schweiz leisten; dem Wirtschaftsstandort Schweiz soll wirtschaftliches Wachstum durch innovative Ideen ermöglicht werden.

Ein Anlass aus lauter Freiwilligen, was gibt’s da zu gewinnen? Es gibt für den besten Pitch 1000 Franken von startups.ch, 1500 Franken von co-working Luzern und zwei Gutscheine für ein Weekend mit einem Smart-Auto. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass die ganze Veranstaltung «Powerd by Google» ist. Unterstützt wurde die Veranstaltung ausserdem vom Technopark Luzern sowie dem Projekt «Smart-up – Unterstützung für Start-ups» der Departemente Technik & Architektur und Wirtschaft der Hochschule Luzern. Auch die Wirtschaftsförderung leistet einen finanziellen Beitrag.

OK-Chefin Zeliya Schär.
OK-Chefin Zeliya Schär. (Bild: Ronny Baumann)

Ausschliesslich Herrensache?

Es ist Sonntagmorgen, 8 Uhr, die motiviertesten Teilnehmer haben am Vortag bereits bis Mitternacht gearbeitet und sitzen jetzt wieder an ihren Tischen. An den Wänden hängen Post-its, vollgeklebte Canvas-Modelle, zahlreiche Laptops stehen im Raum und es wird viel geredet. Man kennt sich bereits ein wenig in der Startup-Branche und wenn nicht, dann sind spätestens bis heute Abend alle Visitenkarten ausgetauscht.

«Es hat hier nicht weniger Frauen als sonst.»

Luzia Bachofner, Coachin

Egal, ob CEO einer internationalen Firma, Student oder Doktor, um Titel geht’s hier nicht, sondern darum, was man drauf hat: Es wird geduzt. Die Unternehmerfreude scheint eine den Männern vorenthaltene Leidenschaft zu sein: Die Jury ist ausschliesslich von Herren besetzt und auch weibliche Teilnehmende sind rar, wo sind die Frauen?

Luzia Bachofner von startups.ch ist nicht erstaunt über die knappe Präsenz weiblicher Jungunternehmerinnen: «Es spiegelt das sonstige Bild der Unternehmerbranche wider, es hat hier nicht weniger Frauen als sonst», meint die Coachin. Den Grund sieht sie darin, dass Frauen vielleicht genauer überlegen, mehr Schwierigkeiten sehen und vielleicht weniger Mut hätten, naiv zu handeln.

(Bild: Ronny Baumann)

Das Projekt «Weeding» zeigt, dass es bei Männern weniger Hemmschwellen gibt: Die Jungs arbeiten an einem Coffee-Shop. Sollte Marihuana in der Schweiz irgendwann einmal legalisiert werden, wären sie bereit. Selbst bei Projekten, bei denen man Frauen erwarten würde, sind Männer am Werk: Etwa beim Gewinner «Babyfriend». Mehr dazu später.

Die Winterthurerin ist aber auch davon überzeugt, dass die Frauen ihren Part oft dazu beitragen, gerne aber im Hintergrund bleiben oder einfach zu wenig daran glauben. Unternehmensberaterin Amber Dubinsky ist etwas enttäuscht darüber: «Die Voraussetzungen für Frauen sind nicht schwieriger, es kann sogar helfen, eine Frau zu sein.»

Vom Maturanden zum Unternehmer

Ein erfolgreiches Startup-Baby aus Luzern hat Manuel Brun grossgezogen. Mit seiner Salon-Administrationssoftware für Coiffeure und Beauty-Salons hat er bereits den Break-Even erlangt. Coiffeure können mithilfe seiner Software Termine und Arbeitszeiten planen und sparen damit viel Zeit: Online-Buchungen machen es möglich. «Wir sind vor 3,5 Jahren auf den Markt gekommen und waren eigentlich die Ersten in der Schweiz.»

Heute hat die Firma Hairlist ein paar Hundert Kunden, darunter viele renommierte Coiffeursalons wie Albert und Stefan Furrer Coiffeur, beide aus Luzern. Die Idee entstand aus der Maturaarbeit, am Startup-Weekend gehörte Manuel dann zu den Finalisten, seither entwickelt er zusammen mit seiner Familie das Unternehmen weiter. «Nachdem es mal begonnen hat, konnten wir nicht mehr aufhören, schliesslich hatten wir Kunden», lacht der gerade mal 22-Jährige.

Manuel Brun von Hairlist (links).
Manuel Brun von Hairlist (links). (Bild: Ronny Baumann)

And the winner is …

Nach einem intensiven Wochenende ist es dann so weit: Die Stimmung steigt, die Köpfe rauchen, die Pitches stehen kurz bevor, das Adrenalin in der Luft ist klar zu spüren. Während exakt fünf Minuten sollten nun Jury und Investoren von den erarbeiteten Konzepten begeistert werden. Die Ideen reichen von einer selbstauflösenden Klobürste über Food-Waste-Lösungen und Teambildungsbrettspielen bis hin zu künstlicher Intelligenz.

Am überzeugendsten waren dann die Zrotz-Brüder mit «Babyfriend». Nicolas (26) und Julian (28) Zrotz haben zusammen mit einem 5-köpfigen Team ein Geschäftsmodell für ein Babyphone entwickelt, das für das Kind und nicht für die Eltern ist. «Es handelt sich um ein All-in-one-Gerät», so Julian Zrotz. Babyfriend soll Musikgerät, Temperaturmesser, Wecker, Schlafqualitätsmesser und Nachtlicht in einem integrieren.

Die Zrotz-Brüder Julian und Nicolas.
Die Zrotz-Brüder Julian und Nicolas. (Bild: Ronny Baumann)

«In jedem Kinderzimmer gibt es schon zahlreiche Geräte, das ist weder schön noch nachhaltig noch kinderfreundlich», so Nicolas Zrotz. Der zweifache Familienvater hat mit der Idee nicht nur seinen Bruder, sondern auch die Jury überzeugt. Nach intensiven zwei Tagen freut sich das Team entsprechend über den Gewinn, doch vorerst soll mal geschlafen werden: «Wir haben bereits ein nächstes Meeting vereinbart, das Baby ist nun geboren, also muss es grossgezogen werden.»

Alles in allem: Tolle Ideen, guter Wille, doch gibt’s das nicht alles schon? «Klar, aber man kann’s besser machen», lautet die einschlägige Antwort. Ein Unternehmen zu gründen, sich selbstständig zu machen, ist für alle Interviewten ohne Frage eines der wohl schwierigsten, aber zugleich aufregendsten und befriedigendsten aller Unterfangen. Sam Kurath schmunzelt und ergänzt: «Wenn man mit einer Studentenkarte erfolgreich werden kann, dann geht das auch mit allem anderen.»

Weitere Fotos sehen Sie hier in unserer Bildergalerie (Fotos: Ronny Baumann).

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