Eine Gruppe Flüchtlinge in der Durchgangsstation Steinhausen. (Bild: Sozialamt Kanton Zug / Patrick Hürlimann)
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Eine Gruppe Flüchtlinge in der Durchgangsstation Steinhausen. (Bild: Sozialamt Kanton Zug / Patrick Hürlimann)

Erfolgreiche Integration nach Zuger Art

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Die meisten Kantone bekunden grosse Mühe damit, Flüchtlingen eine Arbeit zu verschaffen. Nicht so der Kanton Zug, dort funktioniert die Eingliederung erstaunlich gut. Trotz der Erfolgsquote werden aus Zug nun allerdings Forderungen an den Bund laut.

Sprachkurse, Beschäftigungsprogramme und berufliche Brückenangebote: Der Kanton Zug unternimmt diverse Anstrengungen, um Flüchtlinge in den hiesigen Arbeitsmarkt zu integrieren und damit die Sozialhilfekosten zu senken – mit Erfolg. Denn 39 Prozent der vorläufig Aufgenommenen in Zug haben einen Job, wie eine jüngst präsentierte Statistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt (Stand Ende Januar 2016). Beschränkt auf die Innerschweiz bedeutet das gar die Silbermedaille – nur der Kanton Obwalden steht mit einer Erwerbsquote von 55 Prozent noch besser da.

«Es freut uns sehr, dass sich unsere Anstrengungen nun auch in der Statistik spiegeln», sagt Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard. Die Direktorin des Innern ist überzeugt, dass die frühe Weichenstellung massgeblich zu diesem Resultat beigetragen hat. Regierungsrat Matthias Michel pflichtet ihr bei: «Im Vergleich zu den anderen Kantonen hat Zug die berufliche Ausbildung dieser Personengruppen schon seit Anfang 2000 gefördert. Er hat damals die Zulassungshürden weitestgehend beseitigt.»

Über dem Schweizer Schnitt

Ausser der Sprachkenntnis und einer genügend grossen Wahrscheinlichkeit, die nächsten zwei Jahre in der Schweiz bleiben zu dürfen, verzichtete der Kanton Zug schon vor 16 Jahren auf weitere Zulassungsbedingungen zum hiesigen Arbeitsmarkt. Dies habe gerade die Integration von Jugendlichen in die Berufswelt stark gefördert, erklärt Volkswirtschaftsdirektor Michel. «Auch bei ordentlichen Arbeitsbewilligungen hat der Kanton schon ab 2000 keine weiteren Einschränkungen wie Branchenzwang oder Unterbindung eines Stellenwechsels auferlegt. All diese Aspekte mögen wohl die überdurchschnittliche Beschäftigungsrate erklären.»

Wer ist zuständig für Flüchtlinge?

Die Abteilung Soziale Dienste Asyl (SDA) des kantonalen Sozialamts berät und unterstützt Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge im Kanton Zug. Zielgruppen sind Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene, anerkannte Flüchtlinge und Personen, welche Nothilfe beanspruchen. Die SDA sind zuständig für:

  • Unterbringung, Betreuung und Ausrichtung der wirtschaftlichen Soziahilfe für alle Personen aus dem Asyl- und Flüchtlingsbereich
  • Sprachliche, berufliche und soziale Integration vor allem bei vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen
  • Suche und Unterhalt von geeigneten Liegenschaften für die Unterbringung
  • Information der Öffentlichkeit über die Asylsituation des Kantons Zug
  • Koordination der Freiwilligenarbeit im Asylbereich

Zum Vergleich: Die Erhebung des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt, dass gesamtschweizerisch 30 Prozent der vorläufig Aufgenommenen und nur gerade 20 Prozent der anerkannten Flüchtlinge einen Job haben.

Arbeit im Dienstleistungsbereich

Dabei gebe es mehrere Indikatoren, welche die Erfolgsquote beeinflussen. Natürlich spielt die jeweils vorherrschende Arbeitslosenquote eine Rolle. In Kantonen, in denen es per se viele Arbeitslose gibt, haben es auch Flüchtlinge schwer, eine Stelle zu finden. Daneben fallen aber auch Standortfaktoren ins Gewicht. Typische Industrie- und Tourismuskantone wie Obwalden oder Graubünden (mit 44 Prozent schweizweit der zweite Platz) mit Arbeitsplätzen, die vergleichsweise geringe Qualifikationen verlangen, haben einen statistischen Vorteil.

Diese Aspekte rücken das Ergebnis von Zug in ein noch besseres Licht. Denn Zug ist weder ein expliziter Tourismuskanton noch ein typischer Industriekanton. Knapp 78 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungsbereich, in der Industrie sind es gut 21 Prozent. Wo aber finden Flüchtlinge in Zug einen Arbeitsplatz? «Bisher wurden diese Personen primär in Gastronomiebetrieben, Hotels, Landwirtschaft, Baubranche und Reinigungsbranche eingesetzt», erklärt Regierungsrat Michel.

Erfolgversprechend gerade für Jugendliche sei besonders der Weg über das Integrations-Brückenangebot IBA (zentralplus berichtete). Rund 65 Prozent der jugendlichen Flüchtlinge absolvieren im Anschluss an die Volksschule eine Lehre. Auch diese Zahl liegt deutlich über dem Schweizer Durchschnitt.

Anzahl Flüchtlinge und Asylsuchende, die sich durchschnittlich im Kanton Zug aufhalten. Stichdatum 31. Januar 2016 (Quelle: Kantonales Sozialamt)
Anzahl Flüchtlinge und Asylsuchende, die sich durchschnittlich im Kanton Zug aufhalten. Stichdatum 31. Januar 2016 (Quelle: Kantonales Sozialamt)

Bund muss mehr tun

Dennoch ist klar, dass den knapp 40 Prozent arbeitenden Flüchtlingen noch immer eine Mehrheit gegenübersteht, die keiner Erwerbstätigkeit nachgeht. Zurzeit überarbeite das kantonale Sozialamt unter Einbezug aller relevanten Partner aus Wirtschaft, Politik und Bildung deshalb ein Konzept zur Arbeitsmarktintegration. Angestrebt werde eine Potenzialabklärung, um dann die nächsten Schritte hin zur Arbeitsmarktbefähigung bis zur langfristigen Integration in den ersten Arbeitsmarkt einzuleiten, so Regierungsrätin Weichelt.

«Der Bund muss die Pauschale von 6000 auf 20’000 Franken erhöhen.»

Manuela Weichelt-Picard, Direktorin des Innern

Ein wiederkehrendes Thema sind natürlich die Kosten. Für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene wird vom Bund eine einmalige Integrationspauschale von rund 6000 Franken für die sprachliche, berufliche und gesellschaftliche Integration ausgerichtet. Das sei viel zu wenig, findet Manuela Weichelt. Der Kanton Zug stützt sich zur Finanzierung der Integrationsmassnahmen daher nicht allein auf diese Bundesbeiträge. «Weil dieser Betrag nicht ausreicht, leistet der Kanton bei Bedarf einen Beitrag.» Weichelt ist der Ansicht, dass der Bund mehr für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt tun müsste.

In ihrer Funktion als Präsidentin der Zentralschweizer Sozialdirektorenkonferenz setze sie sich deshalb dafür ein, dass der Bund seine Pauschale von 6000 Franken auf 20’000 Franken pro Person erhöht. «Dies ist nötig, um Flüchtlinge erfolgreich und langfristig in den Arbeitsmarkt zu integrieren und hohe Folgekosten zu vermeiden.»

Arbeit statt Sozialhilfe

Denn letztlich gehe es auch darum, die Sozialhilfe nicht zusätzlich zu belasten. Arbeit statt Sozialhilfe, so laute die Devise. Auch wenn Flüchtlinge von erleichterten Bedingungen profitieren, habe sich der Kanton Zug bisher darum bemüht, dass die Nachfrage der Arbeitgeber möglichst ungehindert unterstützt wurde. Neu solle dieser Prozess aktiv angegangen werden.

Dazu gibt es allerdings auch kritische Stimmen. Christoph Niederberger, Generalsekretär der Konferenz aller kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren, hält nicht viel davon, wenn man Menschen eine Beschäftigung gibt, einfach nur damit sie irgendwie beschäftigt sind. Das sei eine naive Vorstellung von Integration, sagte er jüngst gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Und: «Die Menschen in den Billigstlohnsektor zu drücken ist höchst problematisch.»

Der Flüchtlingsweg durch Zuger Instanzen

Für jene Asylsuchende und Flüchtlinge, die dem Kanton Zug zugewiesen werden, ist die Durchgangsstation in Steinhausen der erste Anlaufpunkt. Hier hat es Platz für 100 Personen. Dort bleiben sie zwischen sieben und zwölf Monate und werden an die schweizerischen Lebensverhältnisse gewöhnt. Sie werden mit den nötigsten Alltagsgegenständen wie Kochutensilien, Geschirr und Bettzeug ausgestattet.

Erst in einer zweiten Phase werden die Flüchtlinge in Unterkünfte in den Gemeinden verteilt. Sie werden jedoch weiter durch den Kanton betreut und finanziert (siehe Box). Die erwachsenen Personen werden in den hiesigen Alltag eingeführt und besuchen Deutschkurse, im Schnitt rund drei Stunden pro Woche. Zudem werden sie in Integrationsmassnahmen eingebunden, die sie an den Arbeitsmarkt heranführen sollen, oder sie gehen einer geregelten Arbeit nach.

Vorläufig Aufgenommenen ist es nach drei bis sechs Monaten möglich, sofern sie einen Arbeitgeber finden, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Schulpflichtige Kinder und Jugendliche sind verpflichtet, tagsüber den Kindergarten oder die Schule zu besuchen. Asylsuchende und Flüchtlinge, die kein eigenes Einkommen durch geregelte Arbeit erzielen können, erhalten vom Kanton neben einer Unterkunft bescheidene finanzielle Mittel für Lebensmittel, Kleider oder Hygieneartikel und werden medizinisch betreut.

Sie interessieren sich für das Thema? Dann lesen Sie hier mehr zum Integrations-Brücken-Angebot IBA!

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