Bei der «Neuen Luzerner Zeitung» und ihren Kopfblättern ist nach Meinung von Experten die Frontseite qualitativ besser als das Gesamtangebot. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
Wirtschaft

Bei der «Neuen Luzerner Zeitung» und ihren Kopfblättern ist nach Meinung von Experten die Frontseite qualitativ besser als das Gesamtangebot. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Wie schlecht ist die «Neue Luzerner Zeitung» wirklich?

8min Lesezeit 4 Kommentare

Die «Neue Luzerner Zeitung» (NLZ) gibt immer wieder Anlass zu Kritik. Die Rede ist von einem Medienmonopol, von einer Zeitung mit mangelhafter Qualität. Doch was ist dran an den Vorwürfen? Wie steht es tatsächlich um die Qualität der NLZ? Und was bedeutet die Monopolsituation für die Bevölkerung? zentral+ hat bei Medienforschern nachgefragt.

Carmen Epp

Ob auf Facebook oder in Diskussionen am Stammtisch: Die «Neue Luzerner Zeitung» (NLZ) steht immer wieder in der Kritik. Bemängelt wird sowohl die Qualität der Zeitung als auch ihre Monopolstellung. Zu Recht? Oder ist die NLZ womöglich besser als ihr Ruf?

Aussen top

Die Medienforschung spricht zunächst für die NLZ. So schneiden zumindest deren Frontseiten im Vergleich zu anderen Pressetiteln «relativ gut» ab. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. Das Institut gibt jährlich einen wichtigen Gradmesser der Branche heraus: Das «Jahrbuch Qualität der Medien».

Demzufolge lag der Qualitätswert der NLZ-Frontseiten 2013 bei 5,0. Damit befindet sich die NLZ im selben Qualitätsbereich wie «Le Temps» (5,5), die NZZ (5,4), «Il Caffè» (5,4) und der«Tages-Anzeiger» (5,1).

Auf den Frontseiten ist die NLZ also besser als andere Regionalzeitungen wie beispielsweise die «Berner Zeitung» oder die «Basler Zeitung», welche einen Qualitätswert von 4,6 aufweisen. Als Grund für das gute Abschneiden der NLZ nennt das fög auf Anfrage von zentral+ eine etwas höhere Einordnungsleistung als bei anderen Abonnementszeitungen.

Innen – flop?

Doch wie sieht es mit dem Rest der Zeitung aus, wenn man die Frontseite hinter sich hat? «Die NLZ ist gleichzeitig einer der wenigen Medientitel, bei denen die Frontseite qualitativ besser ist als das Gesamtangebot», hält das fög in seiner Analyse fest. Bei einer grossen Mehrheit der untersuchten Titel stimmt die Qualität auf der Frontseite mit derjenigen des Gesamtangebots überein. Nicht so bei der NLZ: Hier konstatieren die Medienforscher eine Diskrepanz zwischen der Frontseite und dem Rest der Zeitung.

Kopfblatt und Mantel

Als Kopfblatt-Mantel-System bezeichnet man die Entwicklung im Zeitungswesen, Lokalzeitungen in einem überregionalen «Mantel» eines anderen Blattes erscheinen zu lassen. Das System pflegt auch die «Neue Luzerner Zeitung» mit ihren Regionalausgaben in Uri, Schwyz, Zug, Ob- und Nidwalden: Indem sie den Regionalteil der jeweiligen Kantone in den Mantel des Luzerner Hauptblattes – mit überregionalen Themen aus Politik, Kultur und Wirtschaft – integrieren.

Die regionalen Beiträge in den jeweiligen Kopfblättern beschränkt sich dabei auf leicht veränderte Frontanreisser sowie vier bis sieben Seiten im Zeitungsinneren, der Rest ist mit dem Inhalt der «Neuen Luzerner Zeitung» identisch.

Im Bezug auf das Gesamtangebot nämlich schneidet die NLZ im Vergleich zu anderen Abonnementszeitungen «leicht unterdurchschnittlich» ab. So sei der Anteil an redaktionellen Beiträgen mit Hardnews – also für die Öffentlichkeit relevante Nachrichten – tiefer als bei vielen anderen Zeitungen.

50 Prozent Hardnews-Eigenleistung

Das fög hat ausserdem untersucht, wie hoch der Anteil von Hardnews-Eigenleistung – also selber recherchierte und geschriebene Nachrichten von öffentlicher Relevanz – am Gesamtvolumen der Zeitung ausfällt. Auch hier fällt die NLZ ab. So liegt der Anteil an Hardnews, die als redaktionelle Eigenleistung ausgewiesen werden, bei der NLZ etwas über 50 Prozent, der Umfang solcher Beiträge bei etwas mehr als 100'000 Zeichen.

Die andere Hälfte der NLZ besteht zu 10 Prozent aus Hardnews ohne redaktionelle Eigenleistung – etwa Agenturmeldungen – und zu 40 Prozent aus Softnews, also Meldungen, die hauptsächlich der Unterhaltung dienen.

Damit liegt die NLZ auch hier unter dem Durchschnitt. Nur der «Corriere del Ticino», die «Südostschweiz» und die «Berner Zeitung» weisen ein geringeres Volumen an Hardnews-Eigenleistungen auf. Die «Aargauer Zeitung», die «Basler Zeitung», «24 heures», «Tribune de Genève», der «Tages-Anzeiger» und die NZZ schneiden deutlich besser ab.

Von Vielfalt zum Monopol

Nicht nur die Qualität der NLZ, sondern auch deren Monopolstellung in Luzern und der Zentralschweizer Kantone wird immer wieder kritisiert. Ein Blick auf die Entwicklung der Luzerner Medienlandschaft bestätigt das Bild.

Die älteren Leser mögen sich noch erinnern an die Zeit, als am Kiosk drei verschiedene Zeitungen aus Luzern feilgeboten wurden: Das «Vaterland», das «Luzerner Tagblatt» und die «Luzerner Neusten Nachrichten» (LNN). Das war vor 25 Jahren. Dann fusionierten das «Vaterland» und das «Luzerner Tagblatt» zur «Luzerner Zeitung», die sich 1996 ihrerseits mit der LNN zur heutigen NLZ zusammenschloss. Seither gibt es in Luzern nur noch die NLZ.

Dasselbe Bild auch in den anderen Kantonen, wo die NLZ mit ihren Kopfblättern präsent ist. Einzig im Kanton Uri besteht neben dem NLZ-Kopfblatt, der «Neuen Urner Zeitung», mit dem «Urner Wochenblatt» ein Konkurrenztitel. Eine solche Konkurrenz fehlt sowohl in Ob- und Nidwalden, als auch in Zug. In Schwyz wurde per Ende 2013 die «Neue Schwyzer Zeitung» eingestellt, gleichzeitig aber der jetzt einzige Player «Bote der Urschweiz» ins Kopfblattsystem der NLZ aufgenommen.

Hoffnungen nicht bestätigt

Diese Entwicklung ist auch aus Sicht der Medienforschung problematisch. Zu Beginn habe man noch gehofft, die abnehmende Anzahl von Medientiteln fördere die Vielfalt innerhalb der einzelnen Titel. Zu Unrecht, wie das fög festhält: Das Wegsterben von Konkurrenzblättern durch die Zusammenlegung einzelner Titel in Kopfblattsystemen reduziere die publizistische Vielfalt massiv. Mit vielfältigen Folgen:

Zum einen wird die Chance auf Medienresonanz für politische, kulturelle oder wirtschaftliche Akteure immer kleiner, je geringer die Auswahl von Medientiteln ist. Statt also verschiedene Politiker, Kulturschaffende oder Wirtschaftsgrössen in den Medien zu zitieren, steigt mit schwindender Medienkonkurrenz die Tendenz, immer dieselben Köpfe sprechen zu lassen. Andere Personen bleiben aussen vor und haben keine gleichwertige Alternativangebote, in denen sie ihre Blickwinkel einbringen können.

Zum anderen schwindet so auch die Themenvielfalt. Die Gleichförmigkeit der Berichterstattung nimmt zu, während die Möglichkeiten, sich über andere Themen in anderen Medientiteln zu informieren, immer mehr sinken. Gleichzeitig sinkt mit dem abnehmenden Angebot an Informationsmedien auch die Meinungsvielfalt.

Gefahr für die Demokratie

Diese Befunde mögen im Zeitalter des Internets veraltet wirken. Liegt doch heute – mehr noch als vor 25 Jahren – eine schier unendliche Zahl an Informationen nur noch einen Klick entfernt.

Doch wer so argumentiert, verkenne die Funktion der Medien für die Gesellschaft, wie das fög festhält. Gerade in der föderalistischen Schweiz übernehme der Journalismus insbesondere auf der Ebene der Kantone eine unabdingbare Informationsfunktion. Die Monopolstellung einer Zeitung führe dazu, dass Bürger auf Ebene der Kantone zunehmend weniger mit ausreichenden Informationen versorgt werden, welche für das demokratische Gemeinwesen notwendig wären. «Die Gefahr von Entscheidungen oder Abstimmungsverhalten auf der Basis vereinseitigter Berichterstattung hat dadurch zugenommen», schreibt das fög dazu.

Weniger ist weniger

Neben dem «Jahrbuch Qualität der Medien» will das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich bis im Frühjahr 2015 zusätzliche Studien zum Kopfblatt-Mantel-System veröffentlichen. Erste Ergebnisse zur Kooperation von «Tages-Anzeiger» und «Der Bund» wurden am Journalismustag14 Anfang November in Winterthur bereits vorgestellt: Zwar konnten die beiden Blätter auch nach der Kooperation ihren Umfang halten. Die Zahl redaktionell eigenständiger Beiträge ist allerdings deutlich gesunken. Ausserdem teilen «Der Bund» und «Tages-Anzeiger» im Ressort Ausland und Wirtschaft seither sämtliche Beiträge, bei News und Analysen 90, im Ressort Kultur 80 Prozent. Bei Meinungsartikeln wie Kommentaren oder Leitartikeln liegt die Übereinstimmung seit der Kooperation gar bei 83 Prozent. Mark Eisenegger vom fög, welcher die Ergebnisse in Winterthur vorstellte, zog ein eindeutiges Fazit: Das Kopfblatt-Mantel-System sorgt für einen Verlust an Vielfalt, oder wie der Titel im «Jahrbuch» bereits besagt: Weniger ist weniger.

Im Rahmen der Vertiefungsstudie untersucht das fög auch das Kopfblatt-Mantel-System der «Neuen Luzerner Zeitung». Genaue Ergebnisse dazu kann das Institut noch nicht liefern.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Wirtschaft