Dampfschiff-Parade auf dem Vierwaldstättersee.  (Bild: zvg/SGV)
Wirtschaft Verkehr Tourismus

Dampfschiff-Parade auf dem Vierwaldstättersee. (Bild: zvg/SGV)

Zwei Liter Heizöl pro Passagier

9min Lesezeit

Die fünf Dampfschiffe auf dem Vierwaldstättersee sind der Stolz vieler Zentralschweizer. Doch die mit Heizöl betriebenen Schiffe sind auch ganz schöne Klimakiller: Der Ölverbrauch und der C02-Ausstoss sind enorm. Der Bund will bald umweltfreundlichere Brennstoffe ermöglichen. Wird die Schifffahrtgesellschaft Vierwaldstättersee ihre Schiffe umstellen?

Die Dampfschiffe Stadt Luzern, Uri, Unterwalden, Schiller und Gallia sind die «Schwäne» unter hässlicheren modernen Entlein auf dem See. Doch wenn die Passagiere einer Retour-Schifffahrt von Luzern nach Flüelen wüssten, wie viel Energie es braucht, um ein stolzes Dampfschiff anzutreiben, kämen sie ins Staunen. Die Zeit, als der Dampfkessel mit Holz erhitzt wurde, ist  längst passé, der Brennstoff ist heute Heizöl.

Auf der 90 Kilometer langen Strecke verbraucht ein Raddampfer pro Kilometer rund 16 bis 22 Liter Heizöl. Hochgerechnet sind das 2000 Liter pro Tour, was dem mittleren Jahresverbrauch an Heizöl eines Einfamilienhauses entspricht. Das bestätigt Stefan Schulthess, Direktor der Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV). Zum Vergleich: Ein vergleichbar grosses Motorschiffes verbraucht laut Schulthess rund 500 Liter Diesel pro Tour. «Das heisst der Treibstoffverbrauch ist zirka ein Viertel so hoch wie bei einem Dampfschiff», erklärt der SGV-Direktor.

Dampfschiff Stadt Luzern vor Beckenried
Dampfschiff Stadt Luzern vor Beckenried (Bild: Ch.Perret)

Die fünf Dampfschiffe legen pro Jahr insgesamt zirka 65‘000 Kilometer zurück und transportieren rund 650’000 Personen. Damit verbrauchen die Dampfschiffe ca. 1,2 bis 1,4 Millionen Liter Treibstoff. Umgerechnet gäbe das rund zwei Liter Treibstoff pro Passagier.

Umstellung auf Gas abgelehnt

Vor sechs Jahren plante die SGV, auf eine umweltfreundlichere Gasfeuerung umstellen und präsentierte ein mit der Hochschule Luzern ausgearbeitetes Projekt. Das Dampfschiff Unterwalden sollte damals im Rahmen einer Sanierung auf Gas wechseln. Doch das Bundesamt für Verkehr (BAV) stoppte das Projekt aus gesetzlichen Gründen.

Heizöl oder Diesel?

Die Dampfschiffe der SGV werden mit Heizöl betrieben, die modernen Schiffe mit Diesel (und Dieselmotoren). Beim Dampfschiff heizt man ja das Wasser im Dampfkessel durch die Verbrennung von Heizöl auf, und der Dampf ist der eigentliche Antriebsenergieträger. Technisch gesehen sind Heizöl und Diesel das gleiche, die Treibstoffe werden von den Herstellern lediglich anders eingefärbt und sind unterschiedlich besteuert. Diesel, der normalerweise als Antriebsenergieträger verwendet wird, wird vom Gesetzgeber für die meisten Verbraucher mit einer höheren Steuer belastet als Heizöl, das normal für Heizzwecke verwendet wird. Der öffentliche Verkehr und damit auch die Schifffahrtsgesellschaften sind aber von der höheren Diesel-Steuer ausgenommen. Finanziell kommt es für die treibstoffsteuerbefreiten Schifffahrtsgesellschaften laut Shiptec-Geschäftsführer Ruedi Stadelmann nahezu aufs Gleiche raus, ob Diesel oder Heizöl verwendet wird.

Die Schiffbauverordnung hält fest, dass Brennstoffe für den Schiffantrieb einen Flammpunkt von über 55 Grad Celsius haben müssen. Diesel, Holz oder Kohle erfüllen diese Bedingung. Benzin oder Gas aber weisen tiefere Flammpunkte auf, weshalb sie bis anhin verboten waren. Hauptgrund ist die Brandgefahr. Auch dafür hatten die Schiffbauer in Luzern damals technisch vorgesorgt und Sicherheitsmassnahmen geplant.

«Selbstverständlich waren wir damals enttäuscht über die Ablehnung. Die gesetzliche Grundlage verhinderte jedoch die Ausführung des Projektes», erinnert sich Ruedi Stadelmann, Geschäftsführer der Shiptec AG. Die Shiptec unterhält die SGV-Flotte mit ihren total 19 Schiffen.

Bund will Verordnung anpassen

Genau diese gesetzliche Grundlage soll jetzt aber angepasst werden, und zwar im Sinne des damaligen Projekts. Der Bundesrat will neu ermöglichen, dass Schiffe statt mit Diesel auch mit Erdgas, Wasserstoff oder Holzpellets angetrieben werden können. Damit soll den Schifffahrtunternehmen ermöglicht werden, den CO2-Ausstoss zu senken. In den letzten Monaten fand eine Vernehmlassung in der Schweiz statt, an der auch die SGV teilgenommen hat. «Wir standen der Anpassung positiv gegenüber», sagt Stadelmann. Die Verordnung wird ziemlich sicher vom Bundesrat auf Frühling 2015 angepasst werden.

Die Brandgefahr ist nach wie vor ein Thema. Gemäss der Medienstelle des Bundesamts für Verkehr (BAV) werden die Schifffahrtunternehmen einfach stärker in die Verantwortung genommen, wenn sie auf alternative Treibstoffe umstellen. «Sie müssen die geltenden Regeln der Technik in diesem Bereich einhalten. Zudem werden vom Schiffspersonal ausreichende Fachkenntnisse verlangt und der Zugang zu bestimmten Teilen von Schiffen mit neuen Energieträgern kann eingeschränkt werden», sagt Gregor Saladin vom BAV.

Die Uri vor der Rigi
Die Uri vor der Rigi (Bild: PERRET)

Keine Emissionsvorschriften für Dampfschiffe

Die Schifffahrtsgesellschaften könnten also bald auf energiefreundliche Treibstoffe umstellen. Sie  müssen aber nicht. Denn es gibt eine Gesetzeslücke: Gemäss Saladin existieren für Dampfschiffe, anders als für Motorschiffe, keine Abgasvorschriften.  «Das BAV macht auch kein Ökologie-Rating von Schifffahrtunternehmen», sagt Saladin. Welches Unternehmen am umweltfreundlichsten fährt, kann das BAV nicht sagen.

Die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV) will die fünf Dampfschiffe weiterhin mit Diesel fahren lassen. Ruedi Stadelmann: «Für die SGV ist die Änderung nicht mehr relevant. Kurzfristig steht keine Sanierung eines Dampfschiffs mehr an.» Die Umstellung sei aber ohne Sanierung nicht möglich. «Theoretisch könnten wir umstellen, wenn die gesetzliche Grundlage angepasst wird. Praktisch ist die Umstellung sehr aufwändig und teuer», erklärt der Shiptec-Geschäftsführer. Neben der Schiffstechnik brauche es Investitionen für bauliche Massnahmen an Land für die Betankung. Zudem werde der Energieverbrauch durch die Umstellung auf Gas nicht reduziert, lediglich der C02-Ausstoss.

Die Schiller vor dem Mythen
Die Schiller vor dem Mythen (Bild: PERRET)

Dieser scheint aber niemanden in Luzern gross zu kümmern. Von einer Umweltbilanz der Schifffahrtsgesellschaften auf den Schweizer Seen hat Stadelmann keine Kenntnis. Auch Organisationen, die sich den Naturschutz auf ihre Fahnen geschrieben haben, getrauen sich nichts zu sagen dazu. Der Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee würde gerne Motorbote mit Aussenbordmotoren verbieten. An den Dampfschiffen will Geschäftsleiter Hans-Niklaus Müller keine Kritik üben. «Immerhin ist man vom Schweröl weggekommen», sagt er. Dampfschiffe haben wohl zu viele Freunde in der Zentralschweiz und sogar einen eigenen Fanclub.

Bei neuen Schiffen ein Thema

Immerhin räumt Ruedi Stadelmann von Shiptec ein, dass man bei einer anstehenden Sanierung mit der neuen gesetzlichen Grundlage zusätzliche Energieträger evaluieren könnte. «Die Shiptec würde dies mit einem entsprechenden Auftrag sehr gerne untersuchen», sagt der Geschäftsführer.

Und auch bei den neuen Schiffen ist der C02-Ausstoss ein Thema. Stadelmann: «Die Shiptec entwickelt und baut moderne und leichte Schiffe mit ausgeklügelten Unterwasserformen, deren Wasserwiderstand auf ein Minimum reduziert ist. Damit wird der benötigte Energiebedarf für den Antrieb reduziert.»

Im Weitern entwickle die Shiptec mit internationalen Partnern Antriebssysteme, welche exakt ihrer Aufgabe angepasst seien und damit mit reduzierten Energieverbrauch funktionierten.  Als Beispiel nennt der Shiptec-Direktor den «Katamaran MS Cirrus» und das Einrumpfschiff MS Saphir, die im normalen Einsatz beide einen Energieverbrauch von unter drei Litern pro Kilometer haben. «Auch für das neueste, sich im Bau befindende grosse Flaggschiff der SGV, soll ein für dieses Schiff eigens entwickeltes Hybridsystem als Antriebsanlage eingebaut werden», erklärt Stadelmann.

Turbinen durch Generatoren ersetzt

Ein Zugeständnis an den Umweltschutz hat die SGV immerhin gemacht. Die teilweise über 100-jährigen Dampfturbinen auf den Schiffen werden nach und nach durch Dieselgeneratoren ersetzt. Generatoren haben einen höheren Wirkungsgrad und brauchen weniger Energie. Zudem wird die Stromerzeugung vereinfacht (wodurch man weniger Treibstoff braucht). Die Schiffe Uri, Unterwalden und Stadt Luzern sind schon umgerüstet. Diesen Winter soll auch die Schiller umgerüstet werden und die Gallia folgt 2015 als letztes Dampfschiff.

Die Gallia bei Föhn vor dem Gersauerbecken
Die Gallia bei Föhn vor dem Gersauerbecken (Bild: Armin Graessl)

SGV-Direktor Stefan Schulthess wehrt sich gegen den Vorwurf, dass Umweltschutz kein Thema ist bei der SGV. «Zwecks Treibstoff- und damit auch zur CO2-Reduktion unternimmt die SGV laufend Massnahmen wie Einbau von Partikelfiltern, moderne Antriebsmotoren und -konzepte, Fahrplanoptimierungen», sagt er. Doch das betrifft alles die neueren Schiffe.

Mit der Umrüstung der Stromerzeugung auf den Dampfschiffen mittels Dieselgeneratoren statt Dampfturbinen habe der CO2-Ausstoss zwischen 2007 und 2012 um 20 Prozent reduziert werden können, betont Schulthess. «Für die Periode 2013 bis 2020 rechnen wir mit einer weiteren Reduktion von ca. 15 Prozent.»

Die Dampfschiffflotte

Die älteste Dame der Flotte ist die Uri (1901), gefolgt von der Unterwalden (1902), der Schiller mit Baujahr 1906 und der Gallia von 1913. Die «Stadt Luzern» mit Baujahr 1928 ist das jüngste Dampfschiff, hat aber auch schon 86 Jahre auf dem Buckel.

Die Unterwalden
Die Unterwalden (Bild: @PERRET)

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Wirtschaft