Ein Plakat von Credit Now am Pilatusplatz. (Bild: bra)
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Ein Plakat von Credit Now am Pilatusplatz. (Bild: bra)

Eine moralisch sehr umstrittene Kampagne

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Die aggressive Werbung von Credit Now ist nicht nur den Luzerner und Zuger Schuldenberatern ein Dorn im Auge. Experten befürchten, junge Menschen würden mit einfach zugänglichen Krediten zum Schulden machen verführt. Nun steht in Bundesbern ein generelles Verbot solcher Werbung zur Diskussion. Wie unmoralisch ist solche Werbung? Wir gingen der Frage nach.

«Es gibt immer eine Lösung», verspricht Credit Now. Mit Plakaten und TV-Spots geht das Kreditinstitut derzeit auf Kundenfang: «Passt ein Familienauto in unser Budget?», fragt ein selbstbewusstes junges Paar von den Plakatwänden. Oder ein graumelierter Herr möchte wissen: «Habe ich genug Geld für ein Motorrad?». Der Lösungsvorschlag von Credit Now ist jeweils derselbe: Ein Kredit soll helfen, die Wünsche zu erfüllen.

Verantwortlich für diese Kampagne ist die Bank Now, eine Tochtergesellschaft der Credit Suisse. Die Bank Now ist eine der führenden Anbieterinnen von Privatkrediten in der Schweiz und will mit den Angeboten von Credit Now Konsumenten zum Schuldenmachen animieren. Offenbar trifft sie dabei auf eine grosse Nachfrage. Die Bank Now hat Ende vergangenen Jahres einen Bestand an ausgeliehenen Geldern in der Höhe von rund 3,16 Milliarden Franken ausgewiesen (Barkredite, Leasing usw.).

Laut dem jüngsten Geschäftsbericht der Zentralstelle für Kreditinformationen belief sich das Schweizer Volumen für Konsumkredite Ende 2012 auf rund 7,7 Milliarden Franken, dabei machten die Barkredite mit 6,7 Milliarden den weitaus grössten Brocken aus. Hinzu kam ein Leasing-Volumen von rund 8 Milliarden Franken. Der maximal erlaubte Zinssatz für Konsumkredite beträgt 15 Prozent pro Jahr.

 «Gerade die Labilen werden geholt»

Daniel Holliger sieht durch die offensive Werbung von Credit Now vor allem junge Menschen gefährdet. Er ist Leiter des Bertreibungsamtes der Stadt Luzern und besucht zusammen mit Kolleginnen und Kollegen regelmässig Luzerner Schulklassen. Die Werbekampagne von Credit Now stört ihn sehr. Die vermittelte Botschaft ziele komplett gegen seine Aufklärungsarbeit in den Schulen: «Die Jungen haben teilweise gar keinen Bezug, was das Leben mit sich bringt und was es bedeutet, die Miete oder eine Krankenkassenprämie zu zahlen. Mit dieser Werbung werden gerade die Labilen geholt.»

Aufgefallen ist die Werbung von Credit Now auch dem Marketingexperten André Briw, Dozent an der Hochschule Luzern (HSLU): «Es wurden vermutlich bewusst ältere Personen als Darsteller gewählt. Das suggeriert für eine jüngere Zielgruppe eine gewisse Legitimität, einen Konsumkredit aufzunehmen.»

Auch der Zuger Schuldenberatungsdienst Triangel findet keinen Gefallen an der Werbung von Credit Now. Triangel berät im Auftrag des Kantons Zug Menschen, die durch zu hohe Schulden in Not geraten sind und oft keinen Ausweg mehr wissen. Beraterin Nadia Toma fürchtet, dass solche Werbung zum leichtfertigen Schuldenmachen animiert. «Dies entspricht nicht den Leitsätzen unserer Philosophie. Diese heissen: Zuerst sparen und dann kaufen. Kein Leben auf Pump. Nicht sofortige Bedürfnisbefriedigung, sondern warten und sparen können.»

«Ein etabliertes Bedürfnis der Gesellschaft»

Rechtlich gesehen bewegt sich die Bank Now auf legalem Terrain. Bei Kleinkrediten muss vermerkt sein, dass diese grundsätzlich verboten sind, falls sie zu einer Überschuldung des Kunden führen. Auch die Werbung der Bank Now enthält diesen Hinweis, der in ganz kleiner Schrift auf den Plakaten angebracht ist. 

Die Bank reagiert in ihren Stellungnahmen per Mail nicht überraschend und stellt dabei Selbstverständlichkeiten in den Vordergrund. Ein Sprecher schreibt auf Anfrage: «Die Bank Now prüft die eingehenden Kreditanträge sorgfältig und erstellt für jeden Antrag ein Budget zur finanziellen Tragbarkeit.» Solche Kredite seien ein etabliertes Bedürfnis der Gesellschaft. Es sei im Interesse der Bank, nur Kredite zu gewähren, bei denen sie mit guten Gründen davon ausgehen kann, dass sie das geliehene Geld zurück erhält.

Das Problem liegt in der Masse

Der Berner Anwalt und Schuldenberater Mario Roncoroni sieht aber das eigentliche Problem im Geschäft mit der Masse und hat seine Zweifel, ob die Banken die Kreditanträge in jedem Fall genau anschauen können. Für ihn ist klar: Es bringe den Banken keine zusätzlichen Gewinne, jeden Fall genau anzuschauen und die Kredite nur massgeschneidert zu vergeben. Nur zusätzliche Kosten: «Die Kreditinstitute rechnen mit ein, dass ein bestimmter Prozentsatz der Kredite nicht zurückbezahlt wird. Das Massengeschäft bleibt trotzdem rentabel.» Dabei spiele es den Kreditgebern keine Rolle, wer genau den Kredit nicht zurückzahlen kann.

Bern fordert Verbot von «aggressiver» Werbung

Ein Beispiel, wie heikel und umstritten die Werbung für Konsumkredite ist, hat die Bank Now vor kurzem selbst erfahren: Noch anfangs Jahr waren Plakate mit dem Abbild einer auffallend jungen Frau zu sehen. Die Frage daneben: «Kann ich mir eine neue Handtasche gönnen?» Dies sorgte bei der Bevölkerung für so heftige Reaktionen, dass die Bank Now daraufhin das Sujet aus der Kampagne gestrichen hat.

Bereits hat die Waadtländer Nationalrätin Josiane Aubert (SP) mit einer parlamentarischen Initiative ein «Verbot von aggressiver Werbung für Kleinkredite» initiiert. Obwohl die Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK) dem Verbot die Zähne gezogen hat (die Kreditbranche soll selber definieren, was als aggressive Werbung gilt), gibt die Westschweizerin nicht auf: «Wir müssen genau beobachten, wie die Branche den Begriff ‹aggressiv› definiert». In der Herbstsession des Parlaments wird die Vorlage beraten.

 

 

Korrigenda

Im Text «Eine moralisch sehr umstrittene Kampagne» haben wir Korrekturen angebracht: Das Schweizer Volumen für Konsumkredite belief sich Ende vergangenen Jahres nicht gegen 16 Milliarden, sondern auf rund 7,7 Milliarden Franken. Die Bank Now ist nicht die grösste Anbieterin von Privatkrediten, sie gehört jedoch zu den führenden Anbieterinnen. Der Hinweis überdies, dass Kleinkredite grundsätzlich verboten sind, falls sie zu einer Überschuldung des Kunden führen, ist auf den Werbeplakaten vermerkt. 

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