Adressschilder prägen die Briefkastenfront: Hier sind 132 Firmen zu Hause.
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Adressschilder prägen die Briefkastenfront: Hier sind 132 Firmen zu Hause.

Briefkastenfirmen – wenig Ertrag bei steigenden Zahlen

6min Lesezeit

Immer mehr Unternehmen mit c/o-Adressen – im Volksmund auch Briefkastenfirmen genannt – siedeln sich in den Kantonen Zug und Luzern an. Gemäss einer aktuellen Erhebung wuchs deren Bestand seit 2010 von 7'116 auf aktuell 10'398 Firmen. Ein Luzerner Unternehmen ist bei der Anzahl Mandaten gar nationaler Spitzenreiter. Wir zeigen auf, wo am meisten der Unternehmen zu finden sind, weshalb sie umstritten sind, und was sie ihrem Standort bringen – auch in harter Währung.

Wer aufmerksam durch Zugs Strassen schlendert, dem fallen sie rasch ins Auge: Briefkästen, an denen 30, 50 oder noch mehr Namensschilder kleben. Keine WG’s mittelloser Studenten, sondern «Briefkastenfirmen». Firmen, die im Handelsregister mit einer c/o-Adresse eingetragen sind (Definition siehe Kasten). Und es werden immer mehr. zentral+ hat Orell Füssli Wirtschaftsinformationen mit einer Analyse der Briefkastenfirmen aus den Jahren 2010 und 2013 beauftragt. Laut dieser auf Basis der Wirtschaftsdatenbank Infocube.ch erstellten Auswertung betrug das Zuger Briefkasten-Wachstum in den letzten zweieinhalb Jahren annähernd 50 Prozent.

Die grauen Gebäude an der viel befahrenen Baarerstrasse bringen es so zu zweifelhafter Bekanntheit. Jede zweite Adresse mit über 100 Briefkastenfirmen befindet sich im Kanton Zug an dieser wenigen Kilometer langen Verbindungsstrasse (siehe unsere Tabelle der beliebtesten Adressen).

Doch wie lässt sich diese Zunahme erklären? Immerhin nahm der Bestand in Zug von 5'264 Ende 2010 auf 7'805 Unternehmen im Oktober dieses Jahres zu. Seitens des Kantons vermutet man einen Paradigmenwechsel bei den Anmeldungen. Nachdem sich in früheren Jahren tausende Firmen falsch – also ohne den Zusatz c/o – ins Handelsregister eintragen liessen, weist man nun bei Neuanmeldungen mit Nachdruck auf die gesetzeskonforme Schreibweise hin. «Wir hoffen schon, dass sich dies auch in effektiven Zahlen niederschlägt», sagt dazu der Leiter des Zuger Handelsregisters, Markus Spiess.

Von der Agglomeration in die Stadt gezogen

Was ist eine Briefkastenfirma?

Die genaue Definition von Briefkastenfirmen ist kaum möglich, da die Klassifizierung so nicht besteht. An unserem Beispiel des Kantons Zug handelt es sich bei 4'255 der insgesamt 7'805 Briefkastenfirmen um Unternehmen, die ihre Post an andere Adressen weiterleiten lassen. Die anderen 3’550 gezählten Unternehmen verfügen über keine Kontaktadresse (Telefon, E-Mail) und bieten keine Kontaktmöglichkeit an oder haben deklariert, dass sie keine eigene Kontaktmöglichkeit haben. Allen gemeinsam ist, dass sie im Handelsregister als c/o-Firma eingetragen sind.

Die Steuerämter sprechen von privilegierten Gesellschaften. Dazu zählen Holdinggesellschaften, Domizilgesellschaften und Gemischten Gesellschaften. Der Kanton Zug definiert sie folgendermassen:

  • Holdingsgesellschaften sind Unternehmungen, deren Zweck hauptsächlich in der dauernden Verwaltung von Beteiligungen an anderen Unternehmen besteht und die in der Schweiz keine Geschäftstätigkeit ausüben.
  • Domizilgesellschaften sind Unternehmungen, die in der Schweiz nur eine Verwaltungstätigkeit, aber keine Geschäftstätigkeit ausüben. Diese dürfen in der Schweiz kein eigenes Personal beschäftigen und keine eigenen Büros unterhalten.
  • Gemischte Gesellschaften sind Unternehmungen, deren Geschäftstätigkeit überwiegend auslandbezogen ist und die in der Schweiz nur eine untergeordnete Geschäftstätigkeit ausüben. Gemischte Gesellschaften dürfen in der Schweiz eigenes Personal beschäftigen und eigene Büros unterhalten.


Aber: nicht jede steuerprivilegierte Domizilgesellschaft ist auch eine Briefkastenfirma. Die Schnittmenge ist jedoch gross. Somit lassen sich teilweise auch unterschiedliche Zahlen erklären.
Der Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin stellt das von Orell Füssli Wirtschaftsinformationen ausgewiesene Wachstum denn auch in Frage. «Selbst wenn man Domizilgesellschaften etwas breiter definiert als nur nach dem steuerlichen Status, so dürfte die Zahl solcher Gesellschaften nach dem subjektiven Empfinden der Steuerverwaltung in den vergangenen Jahren recht stabil geblieben sein, allenfalls auch mit einer eher etwas abnehmenden Tendenz».

Anders erklärt man sich den Zuzug der Briefkastenfirmen im Kanton Luzern. «Die Anzahl der steuerpflichtigen Aktiengesellschaften und GmbH hat zwischen 2010 und 2012 von 13'000 auf rund 14'700 Unternehmen zugenommen», freut sich der Luzerner Finanzdirektor Marcel Schwerzmann. In diesen Zeitraum fiel die Halbierung der Unternehmenssteuern. Und zusammen mit den steuerpflichtigen Aktiengesellschaften und GmbH kamen auch die c/o-Firmen. Vierzig Prozent beträgt die Zunahme im Kanton Luzern, aus 1'852 Briefkastenfirmen wurden per anfangs Oktober deren 2'593. Root, Kriens und Sursee, im Jahr 2010 ebenfalls noch hoch in der Gunst der Anbieter, haben an Bedeutung verloren.

Unbeliebter Schweizer Meistertitel

Die Stadt Luzern ist wichtiger geworden. Heute stellt sie die 25 beliebtesten Adressen für Briefkastenfirmen. Besonders viele zogen an die Murbacherstrasse 37 in der Neustadt. Mehr als an irgendeinen anderen Ort der Schweiz. Für die 320 c/o-Firmen, die hier ihren Sitz haben, wurde der Domizilhalterin Telan AG in der Presse auch schon das wenig schmeichelhafte Attribut «Schweizer Meister» verliehen. Naturgemäss wenig Freude an diesem Titel hat Firmeninhaber Kurt Bättig. «Wir betreiben hier eine steuerlich unbedenkliche Domizilhaltung für die Schweizer OK-Coop-Tankstellen/-shops.»

Der Luzerner Treuhänder macht administrative Vereinfachungen geltend, «denn durch die zentrale Entgegennahme der Post können wir sicherstellen, dass Steuererklärungen, MWST-Formulare, oder AHV-Meldungen die Verwaltung auch vollständig erreichen». Doch dem Kanton bringt dies wenig. Die Steuern, dies bestätigt auch der Luzerner Finanzdirektor, werden am Sitz der jeweiligen Tankstelle entrichtet.

Am Standort der Telan AG selbst weist nichts auf eine rege Geschäftstätigkeit hin. Auch keine langen Reihen von Namensschildern. Doch Namensschilder sind sowieso nur ein (sichtbarer) Teil des Phänomens. «Es ist schon erstaunlich, wie viele renommierte Firmen sich ein Postfach teilen», sagt eine Postangestellte, welche die Postfächer einer Zuger Poststelle bedient. Sie möchte anonym bleiben, muss es sogar. Denn die Informationen, wer welches Postfach belegt, unterliegen dem Postgeheimnis.

Nur wenige bezahlen Steuern

Bei so vielen Akteuren und Interessen müsste es sich um ein einträgliches Geschäft handeln, möchte man meinen. Dies stimmt zumindest für die Staatskasse nur bedingt. Denn Steuern bezahlen die wenigsten. In Zug sollen etwa 2'500 Domizilgesellschaften steuerpflichtig sein, während in Luzern im Jahr 2010 gerade einmal 229 Domizilgesellschaften einen Obolus an die Staatskasse ablieferten. Das ist etwas mehr als jedes zehnte Unternehmen dieser Kategorie.

«Ganz generell lässt sich sagen, dass ein erheblicher Teil aller Gesellschaften keine Steuern zahlt, weil sie nach Abzug aller geschäftlichen Kosten keine steuerbaren Gewinne erzielen», erklärt der Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin. Dies gelte für alle Kantone. «Und ist auch weitgehend unabhängig davon, ob es sich um eine Domizilgesellschaft oder eine ordentlich besteuerte Gesellschaft handelt.» Rund ein Drittel aller Gesellschaften, so zumindest in Zug, trägt substanziell zu den Steuererträgen des Kantons bei. «Der Rest zahlt wenig bis gar keine Gewinnsteuern.»

«Domizil- und Verwaltungsgesellschaften haben 2005 bis 2010 jährlich zwischen 13 und 49 Millionen Franken an Kanton, Gemeinden und Kirchgemeinden bezahlt»
Marcel Schwerzmann, Finanzdirektor Kanton Luzern

Wie viel dieses eine Drittel dem Kanton abliefert, lässt sich Hegglin nicht entlocken. Anders sein Luzerner Amtskollege. «Domizil- und Verwaltungsgesellschaften haben in den Jahren 2005 bis 2010 jährlich zwischen 13 und 49 Millionen Franken an Kanton, Gemeinden und Kirchgemeinden bezahlt», erklärt Marcel Schwerzmann. Bei einem Kantonsbudget von 3,6 Milliarden Franken klingt dies nach wenig. Doch Private tragen nicht erst seit der Halbierung der Unternehmenssteuern die Hauptlast der Staatsausgaben. Je nach Jahr betrage der Anteil von juristischen Personen an den gesamten Steuereinnahmen 4 bis 12 Prozent, sagt der Luzerner Finanzdirektor.

Zahlreiche Firmen falsch registriert

Dem gegenüber steht ein für den Kanton nicht zu unterschätzender personeller Aufwand, nicht zuletzt hinsichtlich der formellen Korrektheit der Firmenangaben. Man prüfe zwar nicht aktiv, ob das «c/o», welches Unternehmen ohne eigene Büroräumlichkeiten in der Adresse zwingend aufzuführen haben, auch in jedem Fall vorhanden sei. «Doch wir sehen natürlich, wenn unsere Post an die Unternehmen als unzustellbar zurück kommt», erklärt der Leiter des Zuger Handelsregisters. «In einem solchen Fall leiten wir ein Aufforderungsverfahren für Umwandlungen ein. Leistet ein Unternehmen dem nicht Folge, droht dessen Inexistenz. Einzelunternehmen und Zweigniederlassungen würden in solchen Fällen gelöscht, Gesellschaften aufgelöst. Auf jährlich etwa 100 Fälle vermutet Markus Spiess den von Zuger Behörden angeordneten Firmentod.

In Luzern ist die Anzahl der Fälle nicht minder gering. Rund 1’000 Aufforderungen für Umwandlungen würden jährlich verschickt, schätzt Heinz Ammann, stellvertretender Dienststellenleiter beim Luzerner Handelsregister.

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