In Zug und Luzern gibt es für den Pleitegeier viel zu fressen. (Bild: Bildmontage bra)
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In Zug und Luzern gibt es für den Pleitegeier viel zu fressen. (Bild: Bildmontage bra)

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An welchen Adressen werden Firmen am häufigsten insolvent? Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Bisnode gehören vier Gebäude in unserer Region zu den beliebtesten Nahrungsquellen des Pleitegeiers. Eine Zuger Adresse führt sogar die nationale Pleite-Rangliste an. Und dies nicht nur aus Zufall.

«Ein hungriger Aasfresser bei der Nahrungssuche», so könnte ein Dokumentarfilmtitel über den heimischen Pleitegeier lauten. Der Vogel breitet seine Flügel aus und schwingt sich über den Dächern von Zug in die Höhe. Und lange dauert es nicht, bis er den fauligen Geruch von Insolvenzen und Firmenleichen aufnehmen kann. Der Vogel fliegt der verlockenden Duftspur nach. Sie zieht ihn über die Landschaft, über Felder und Strassen, bis hin zu einem grauen Bürogebäude, zur Untermüli 6. Der Pleitegeier lässt sich das erste Mal nieder, um ein üppiges Frühstück einzunehmen. Denn dort werden die angesiedelten Firmen des Öfteren zahlungsunfähig.

Wir begleiten den Pleitegeier auf seinem Beutezug noch eine Weile. Und vorweg sei gesagt: Er wird in unserer Region noch viel zu fressen finden. Die Untermüli 6 ist eine von insgesamt vier Stationen. Es erwarten ihn weitere Festmahle: Zwei Adressen in Zug sowie eine Hausnummer in Luzern. Diese Gebäude sind in einer Analyse des Beratungsunternehmens Bisnode aufgeführt. Die Eckdaten aus rund 36’000 registrierten Konkursen wurden zusammengetragen. Das Firmenleichen-Buffet für unseren Aasfresser ist also angerichtet.

Station 1: Untermüli 6 in Zug

Das Gebäude mit den meisten Insolvenzen.
Das Gebäude mit den meisten Insolvenzen. (Bild: bra)
Wie gesagt, die erste Station für den Pleitegeier ist die Untermüli 6. Er kann sich hier an total 37 Konkursen erlaben, die sich innerhalb der letzten zehn Jahre angehäuft haben. Laut der Datenauswertung von Bisnode steht die Untermühli 6 mit dieser hohen Anzahl an Pleiten sogar landesweit auf Rang eins. Man vergleiche: Durchschnittlich fanden an einer Adresse in der gleichen Zeitspanne 1,24 Insolvenzen statt.

Der Grund für die vielen Konkurse liegt in erster Linie bei den dort ansässigen Treuhandfirmen und Anwälten. Diese bieten zahlreiche Mandate und Dienstleistungen für Domizilgesellschaften (siehe Box) an. Die Briefkästen an der Untermüli 6 sind übersät mit Etiketten. Markus Spiess, Leiter Handelsregisteramt Kanton Zug, kennt das Gebäude. «Es sind keine Firmen mit Angestellten oder mit Infrastruktur», erklärt er. Und: «Wo es viele Firmen gibt, gibt es viele Konkurse», fügt er hinzu. Domizilgesellschaften sind Unternehmen, die in der Schweiz nur eine Verwaltungstätigkeit, aber keine Geschäftstätigkeit ausüben. Diese dürfen in der Schweiz kein eigenes Personal beschäftigen und keine eigenen Büros unterhalten (siehe auch den Artikel umstrittene Briefkastenfirmen).

Die Überreste von «verstorbenen» Unternehmen lassen sich ferner im Handelsregister leicht finden. Deren Bezeichnungen verraten die jeweils todgeweihten Geschäftsmodelle eindeutig. «CreativInvest Management AG in Liquidation», oder «Abowi Limited, British Virgin Islands, Tortola, Zweigniederlassung Zug». Ein gefundenes Fressen also.

Station 2: Baarerstrasse 75 in Zug

Hier ist der «Mantelhandel» zu Hause.
Hier ist der «Mantelhandel» zu Hause. (Bild: chu)
Nicht weit entfernt wird das zweite Festmahl für unseren hungrigen Aasfresser serviert. In 500 Meter Luftlinie befindet sich die Baarerstrasse 75. Dort starben in den letzten zehn Jahren insgesamt 27 Firmen. Das bedeutet schweizweit Rang fünf in den Top-Ten von Bisnode.

Und auch hier zeigt sich ein gleiches Bild. Es sind zahlreiche Domizilgesellschaften zu Hause. Zudem erklärt eine Mitarbeiterin einer Anwaltskanzlei auf Anfrage, dass ihr Büro auf den sogenannten «Mantelhandel» spezialisiert sei. Das heisst, wer ein Unternehmen gründen will, kann eine bestehende Firma kaufen, die ihr Startkapital bereits verbraucht und ihre Tätigkeit eingestellt hat.

Dieser Mantelkauf sei im Vergleich zu einer Neugründung günstiger. «Oft verfügen die Käufer dieser Mäntel nicht um das nötige Kapital, um eine Firma länger zu halten», sagt die Mitarbeiterin, die den Namen der Kanzlei nicht bekannt geben möchte. Die Konsequenz sei vielfach eine endgültige Liquidation.

Handelsregister-Leiter Markus Spiess betont, dass die Lebensdauer von Unternehmen generell immer kürzer werde. «Es kann auch sein, dass eine Firma in den letzten Jahren zu einem Wegwerf-Artikel geworden ist.» Er habe den Eindruck, dass 100'000 Franken, die es zum Beispiel für die Gründung einer AG braucht, nicht mehr so viel Geld ist, wie auch schon.

Station 3: Chamerstrasse 172 in Zug

Übergrosse Schilder für Finanzdienstleister.
Übergrosse Schilder für Finanzdienstleister. (Bild: chu)
Ebenfalls seine helle Freude dürfte der Pleitegeier an der Chamerstrasse 172 haben. Ein Schmaus mit insgesamt 23 Konkursen, die in den vergangenen Jahren dort registriert wurden. Es wäre Platz acht auf der Top-Ten von Bisnode.

Die Gründe könnten die bereits genannten sein: Zahlreiche Namensschilder von Treuhänderfirmen, verschiedenen Finanzdienstleistern und spezialisierten Anwälten befinden sich an den Briefkästen.

Station 4: Obergrundstrasse 17 in Luzern

Nun fliegt der Pleitegeier – quasi fürs Dessert – nach Luzern an die Obergrundstrasse 17. Hier findet er 20 Insolvenzen (Platz zehn im schweizweiten Vergleich von Bisnode). Für Hubert Bachmann, Geschäftsführer der Bättig Treuhand AG, gibt es dazu zwei Erklärungen. Erstens könnten die nicht selten wechselnden Läden im Parterre dieses Hauses eine Rolle spielen (an dieser Ecke befinden sich drei Coiffeursalons und zwei Nagelstudios).

Die Bättig Treuhand gewährte für Coop-Tankstellen das Domizil.
Die Bättig Treuhand gewährte für Coop-Tankstellen das Domizil. (Bild: bra)
Der zweite Grund sei eine Dienstleistung, welche die Bättig Treuhand bis 2008 für Coop-Tankstellen angeboten hatte. «Wir haben den Kleinunternehmern das Domizil gewährt», sagt Bachmann. Nur: «Eine Tankstelle zu betreiben ist auf den ersten Blick einfach. Es gab sehr viele Pächter, die aufgeben mussten.» Coop stellte diesen Pächtern ein zentrales Treuhandmanagement zur Bedingung. Finanziell waren die Pächter dieser Tankstellen nach der Gründung vielfach überfordert und mussten die Geschäfte früher oder später aufgeben.

Von diesen Überresten aus den c/o-Adressen pickt der Pleitegier nur noch zwei drei heraus. Er hat auf seinem Streifzug mehr als genug gefressen. So viel, dass er fast nicht mehr fliegen kann.

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