Er war der taktische Mastermind der FCL-Meistermannschaft 1989 und wurde in der darauffolgenden Saison gefeuert: Roger Wehrli. (Bild: ain)
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Er war der taktische Mastermind der FCL-Meistermannschaft 1989 und wurde in der darauffolgenden Saison gefeuert: Roger Wehrli. (Bild: ain)

Wenn die FCL-Meisterfeier in der Seele weh tut

7min Lesezeit

Er war das defensive Gewissen der Meistermannschaft. Ohne den Trainer zu fragen, veränderte er die Taktik zum Wohlwollen des FC Luzern. Roger Wehrli war eine der prägenden Spielerpersönlichkeiten in der Geschichte des FCL. Doch die Teamkollegen enttäuschten ihn zwei Mal schwer.

Er ist ein guter Erzähler, und wenn er eine der lustigsten Begebenheiten in seiner langen und erfolgreichen Profikarriere zum Besten gibt, läuft der 63-jährige Roger Wehrli zur Hochform auf. Der Oberschenkelklopfer beginnt mit seinem ersten Arbeitstag beim FC Luzern im Sommer 1985. «Ich freute mich darauf, einen gewissen Hansi Burri kennenzulernen. Über diesen jungen Luzerner hatte ich in Zürich schon viel Gutes gehört.»

Als er erstmals in der Umkleidekabine auf der Luzerner Allmend stand und seinen Platz zugewiesen bekommen hatte, sei da plötzlich ein junger «Pöstler» in Uniform neben ihm aufgetaucht. «Aus mir platzte heraus, dass man beim FCL ja noch professioneller arbeite als bei GC. Da wird einem die Fanpost ja direkt in die Garderobe gebracht.»

Als der «Pöstler» daraufhin begann, sich ebenfalls umzuziehen, wurde Wehrli von Hanspeter Kaufmann kleinlaut darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei diesem um Hansi Burri handle. Im FC Luzern waren Mitte der 1980er-Jahre eben noch nicht alle Profis. Wehrli und Burri lachen auch Jahrzehnte später noch gerne über diese Anekdote.

Die Fehleinschätzung des GC-Präsidenten

Es war damals eine grosse Sache, dass mit Roger Wehrli einer der Titanen des Schweizer Fussballs nach Luzern wechselte. Und offenbar war sie einer Fehleinschätzung des damaligen GC-Präsidenten Karl Oberholzer geschuldet. «Wehrli sei ein Auslaufmodell, befand Oberholzer», erzählt Romano Simioni, damals Präsident der Luzerner. Mit FCL-Trainer Friedel Rausch fuhr er 1985 nach Zürich, und als sie dem GC-Training zuschauten, stellte sein Begleiter eine zusätzliche Forderung auf: «‹Den will ich noch dazu›, sagte Rausch und zeigte mit dem Finger auf Martin Müller», erinnert sich Simioni noch genau.

«Fussball-Intelligenz hat mir der da oben mit auf den Weg gegeben. Denn sonst bin ich wohl einer der Dümmsten.»

Roger Wehrli, Meisterspieler des FC Luzern 1989

Die beiden Spieler waren wichtige Mosaiksteine auf dem Weg zur späteren FCL-Meistermannschaft. Drei Monate nach seiner Ankunft in Luzern war Wehrli, viermal Meister und einmal Cupsieger mit GC und Nationalspieler, bereits Captain.

Mitstreiter in die Nati geführt

Mit seiner kämpferischen Art sei er gut angekommen in Luzern, erinnert er sich. «Wir gaben dem Umfeld und den Fans schnell das Gefühl, dass wir etwas erreichen wollen.» Für seine Teamkollegen muss der Kulturwandel, der mit Wehrli auf der Allmend Einzug hielt, ein Schock gewesen sein.

«Ich habe einige zusammengestaucht, aber sie hatten Respekt vor mir, weil sie sich bewusst waren, dass ich einer war, der wusste, was unter Profi-Fussball zu verstehen ist», erzählt Wehrli und ergänzt: «Umso wichtiger deshalb, dass ich neben dem Platz ein geselliger Typ war.»

 

Als Libero, damals der hinterste und von der Manndeckung entbundene Abwehrspieler, wurde er immer mehr zum defensiven Gewissen der Luzerner. Seine Autorität war so gross, dass Wehrli ohne Rücksprache mit dem Trainer die Taktik im Verlaufe eines Spiels den aktuellen Erfordernissen anpasste. «Fussball-Intelligenz hat mir der da oben mit auf den Weg gegeben. Denn sonst bin ich wohl einer der Dümmsten», sagt Wehrli mit einer entwaffnenden Direktheit, die auch keine Gnade mit sich selber kennt.

«Burri ist der einzige Schweizer Nationalspieler, der jemals von knapp über der Mittellinie aufs gegnerische Tor geschossen hat.»

Roger Wehrli, Meisterspieler des FC Luzern 1989

Die Mitspieler von damals gehorchten seinem Kommando – und profitierten davon.  Die Hansi Burris, Herbert Baumanns, Urs Birrers und Stefan Marinis schafften es trotz überschaubarem Können bis in die Nationalmannschaft. «Burri ist der einzige Schweizer Nationalspieler, der jemals von knapp über der Mittellinie aufs gegnerische Tor geschossen hat. Weil er glaubte, er wäre schon in den Strafraum vorgedrungen», frotzelt Wehrli. Als Boden- und Plattenleger arbeitet er selbständig und noch immer selber auf dem Bau.

Seine erste Enttäuschung im FCL

Doch die «prächtige Zeit», die der Aargauer in Luzern verbrachte, hatte auch ihre Kehrseite. Die sechs Spiele vor dem Titelgewinn mit dem FCL konnte er nur dank einer schmerzstillenden Spritze bestreiten. «Bei einem Sturz zog ich mir eine Diskushernie zu, ich war sogar für ein paar wenige Minuten gelähmt», blickt Wehrli auf einen dramatischen und gleichsam schmerzhaften Moment in seiner Karriere zurück.

Doch der eigentliche Dämpfer für ihn kam mit der FCL-Meisterfeier. «Meine Mutter war kurz vorher gestorben, und die Teamkollegen und Klubverantwortlichen wussten das», erzählt Wehrli.

«Ich war extrem enttäuscht von den Mitspielern. Nicht einer hatte das Rückgrat, offiziell zu seiner Meinung zu stehen.»

Roger Wehrli, Meisterspieler des FC Luzern 1989 

Als der grösste Erfolg der Klubhistorie Anfang Juni 1989 feststand, habe er sich in die Garderobe verzogen. Der familiäre Schicksalsschlag nahm ihm die Lust am Feiern. «Natürlich waren die Teamkollegen und die Kluboffiziellen euphorisch, doch in den zehn Minuten, in denen ich mit meiner Frau und einer ‹Blick›-Journalistin in der Garderobe sass, kam nicht ein einziger vorbei.» Dabei war Wehrli nicht irgendwer, sondern ein Baumeister des Titelgewinns. «Das hat mich in der Seele getroffen. Erst recht, weil Fred Egli, der damals Vorstandsmitglied war, plötzlich runterkam und mich dafür zusammenstauchte, dass ich mich noch nicht mit den Teamkollegen beim Feiern gezeigt habe.»

Kurz habe er sich in dem inoffiziell mit weit über 24 000 Zuschauern gefüllten Stadion präsentiert, «bis mir Hansi Burri den Kübel wegnahm. Zehn Minuten später war ich schon zu Hause.»

Teamkollegen lassen ihn im Stich

Die noch grössere Enttäuschung sollte Wehrli aber erst noch bevorstehen. Mit dem Meistertitel und den Transfers von Semir Tuce, Adrian Knup und John Eriksen seien die Egos des Trainers und des Präsidenten gewachsen, und die Mannschaft habe sich zusehends in Grüppchen aufgeteilt, schildert er.

Die Unzufriedenheit im Team entzündete sich am Trainer-Assistenten von Rausch. «Praktisch jeder heulte sich bei mir aus wegen der Untauglichkeit von Rauschs Diener», so Wehrli. Als Rausch die Mannschaft eines Tages darüber abstimmen liess, ob man sich von seinem Assistenten trennen solle, erlebte der Captain sein blaues Wunder.

«Ich war der einzige, der sich traute, für den Rausschmiss zu votieren. Alle andern hielten ihr Händchen unten. Ich war extrem enttäuscht von den Mitspielern. Nicht einer hatte das Rückgrat, offiziell zu seiner Meinung zu stehen.» Als unmittelbare Reaktion darauf hatte Wehrli die Captainbinde hingeschmissen. Drei Monate vor Ende der Saison 1989/90 wurde er gefeuert.

Es war das unschöne Ende einer Zusammenarbeit mit einer der prägendsten Spielerpersönlichkeiten in der Geschichte des FC Luzern.

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