Zugs Meisterheld Colin Muller (vorne) lief beim EVZ-Legendenspiel im September 2017 auf. (Bild: EVZ/Philipp Hegglin)
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Zugs Meisterheld Colin Muller (vorne) lief beim EVZ-Legendenspiel im September 2017 auf. (Bild: EVZ/Philipp Hegglin)

Sechs EVZ-Meisterhelden erinnern sich an 1998

13min Lesezeit

Die im Playoff bislang so souverän aufgetretene Mannschaft von Dan Tangnes steht vier Siege vom zweiten Meistertitel der EVZ-Geschichte entfernt. Die Meisterhelden von 1998 erzählen derweil, was ihnen vom Titelgewinn für immer unvergesslich bleiben wird – und wie sie ihn bis zu zwei Wochen lang feierten.

Er war Beizer in der Zuger Altstadt, ein Genie auf dem Eis und Captain der ersten und bislang einzigen Zuger Meistermannschaft: André Rötheli. Er stemmte am 11. April 1998 in Davos den «blauen Schirmständer» in die Höhe. So wurde der Meisterpokal in Anlehnung an dessen Aussehen damals spöttisch bezeichnet. Er war die Krönung des Zuger Aufbruchs an die nationale Spitze. 1995 und 1997 gingen die Finalserien noch verloren.

Der mittlerweile 48-jährige Rötheli wurde nach seinem Abgang aus Zug 2001 noch Meister mit Lugano (2003) und dem SC Bern (2004). Der begnadete Stürmer, der 2017/18 mit dem EHC Kloten als Trainer aus der National League abstieg und im Zuge der abgelaufenen Swiss-League-Playoffs entlassen worden ist, erinnert sich so an das Zuger Meister-Playoff: «Es war eine geniale Zeit und eine coole Mannschaft. Fredi Egli, der damalige Präsident, hat viel in Spieler und ein optimales Umfeld investiert, um den Titelgewinn zu ermöglichen.»

Weiterkommen hing am seidenen Faden

Rötheli erinnert sich daran, dass die Zuger erst in der Verlängerung des siebten Viertelfinalspiels durch einen Schlagschuss von Misko Antisin gegen den damaligen SC Rapperswil-Jona weitergekommen sind (3:2).

Und er erwähnt das kollektive Schauen des Mount-Everest-Films in Luzern nach dem 1:7 im fünften Halbfinalspiel vor eigenem Publikum und dem 2:3 nach Siegen gegen Ambri. «Später in der Finalserie gegen Davos haben wir gemerkt, dass wir es packen können. Es ist eine viel grössere Sache, wenn man zum ersten Mal Meister in der Geschichte eines Klubs wird», weiss Rötheli.

Der Umzug vor Tausenden von Zuschauern

Patrick Sutter (48) konnte alles: Stürmer mit einem starken Pass in Abschlussposition bringen, Tore schiessen und vor allem auch den harten Mann markieren. Letzteres sah man dem Baselbieter durchaus an. Je weiter der Helm auf seinem Kopf nach hinten rutschte, umso näher war der Verteidiger an der emotionalen Eruption.

«Wir standen im Viertel- und Halbfinal jeweils mit dem Rücken zur Wand und konnten den Kopf dennoch aus der Schlinge ziehen. Diese Situationen haben wir nur meistern können, weil wir als Team zusammengewachsen sind», blickt Sutter zurück. «Ich weiss noch genau, wie Tausende von Zuschauern am Strassenrand standen, als wir den Meisterumzug durch Zug hatten.»

Aufgeben war keine Option

Colin Muller (55) ist dieser Tage als Assistent der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft an der Weltmeisterschaft im finnischen Espoo beschäftigt. 1998 war er Publikumsliebling und Torjäger. Er war ein Kämpfer und gleichzeitig eine Seele von einem Menschen.

«Wir hatten, so wie ich mich erinnere, 20 Playoff-Spiele in 44 Tagen bis zum Gewinn des Meistertitels bestritten. Das erforderte zum einen viel Energie und zum anderen mentale Stärke. Wir haben nie aufgegeben, auch wenn wir kurz davorstanden, zu scheitern.»

«Wenn du Teil eines Teams warst, das einen Titel gewann, wirst du dich ein Leben lang an jeden einzelnen Teamkollegen erinnern.»

Colin Muller, Meisterstürmer des EV Zug 1998

Der Mann, der zwei Jahre nach dem Titelgewinn seine Karriere bei Fribourg beendete, erinnert sich noch lebhaft an die Carfahrt von Davos in das damalige Herti-Stadion, wo über 3’000 Zuschauer in der Nacht auf Sonntag auf die Meisterhelden warteten: «Ein paar der Teamkollegen hatten sich in Davos weder umgezogen noch geduscht und feierten in voller Montur mit. Unterwegs mussten wir mindestens zweimal eine Pause einlegen, um uns zu erleichtern und für Nachschub an Bier zu sorgen. Zu unseren Ehren begleitete uns eine Zuger Polizeieskorte ab Sihlbrugg bis zu unserem damaligen Stadion.»

Für Muller ist etwas entscheidend: «Wenn du Teil eines Teams warst, das einen Titel gewann, wirst du dich ein Leben lang an jeden einzelnen Teamkollegen erinnern, und mit den meisten von ihnen bleibst du für immer in Kontakt. Erfolg verbindet.»

Wenn man allerdings Mitglied einer Mannschaft gewesen sei, die nie etwas erreicht habe, «dann weiss man nach fünf Jahren kaum noch, wer dazu gehörte», erzählt Muller. Nach seiner Aktivkarriere hat er als treuer Assistent des damaligen EVZ-Meistertrainers Sean Simpson Karriere gemacht.

Sean Simpson und die Erzählung seines Vaters

Für Sean Simpson, der in den Jahren vor dem Meistertitel als Assistent des 2008 verstorbenen Jim Koleffs arbeitete, stand der Meistertitel mit dem EV Zug am Anfang einer erfolgreichen Trainer-Karriere.

Der bald 59 Jahre alte Fachmann, der 2013 die Schweizer Nationalmannschaft zu WM-Silber coachte, streicht die Bedeutung des Titelgewinns hervor: «31 Jahre nach der Gründung des EV Zug zahlten sich die ganze Arbeit und all die Investitionen mit einem Meistertitel aus. Wir hatten trotz all der Schwierigkeiten immer einen Weg zum Sieg gefunden. Mit Zug gewann damals quasi noch ein Dorfklub, in diesen Jahren waren Lugano und Bern massgebend.»

«Für die heute über 30-Jährigen war der Gewinn des Meistertitels ein Erlebnis, eine Geschichte, die bis heute lebt.»

Sean Simpson, Meistertrainer des EV Zug

Für Simpson, der Zug auch nach seiner zweiten Phase beim EVZ (2003 bis 2008) als Lebensmittelpunkt treu geblieben ist, erzählt: «Wenn mich die über 30-jährigen Leute heutzutage in der Stadt ansprechen, erinnern sie sich an unseren Meistertitel, als ob es gestern passiert wäre. Für sie war es ein Erlebnis, eine Geschichte, die bis heute lebt. Und in diesen Tagen, in denen der EV Zug wieder Meister werden kann, spüre ich diese Freude und Begeisterung wieder.»

Der Meistertitel mit dem EV Zug stand am Beginn einer schönen Trainer-Karriere von Sean Simpson.
Der Meistertitel mit dem EV Zug stand am Beginn einer schönen Trainer-Karriere von Sean Simpson. (Bild: EVZ/Philipp Hegglin)

Der Titelgewinn mit Zug hat für den englisch-kanadischen Doppelbürger aber auch eine ganz persönliche Note: «Mein Vater hat sich damals jedes Playoff-Spiel mit seinem Kumpel vor Ort angeschaut. Als wir in Davos Meister geworden waren, habe ich ihn für die Rückkehr nach Zug in unseren Mannschaftsbus eingeladen. Bis zu seinem Lebensende habe ich ihn die Geschichte weit über hundertmal erzählen hören, wie die Spieler gesungen und gefeiert haben. Es muss einer der schönsten Momente in seinem Leben, zu dem leider auch der Zweite Weltkrieg gehörte, gewesen sein.»

Grogg bietet selbst dem Schicksal die Stirn

Er ging dorthin, wo es richtig weh tat, er setzte zu krachenden Checks an, er ging den Gegenspielern mit seiner physischen und unnachgiebigen Art unter die Haut, er grub für seine Sturmpartner die Scheibe an der Bande aus. Ihm war keine Drecksarbeit zu viel, damit die Mannschaft Erfolg haben konnte.

Darüber hinaus verfügte der EVZ-Powerflügel auch noch über einen kernigen Schuss. Den Begriff Kampfkraft konnte Stefan Grogg (45) von vorne bis hinten und zu jeder Tages- und Nachtzeit fehlerfrei buchstabieren. In seiner Zeit als Eishockeyprofi – und erst recht danach.

2007 ist er an der schrecklichen Nervenkrankheit ALS erkrankt, doch aufgeben, nein, das wird für Grogg nie in Frage kommen. Für den «Sonntagsblick» schreibt der Grindelwaldner seit Jahren spannende Kolumnen über das Eishockey und den Sinn des Lebens.

«Ich hatte keine Rücksicht auf meinen Körper genommen.»

Stefan Grogg, Vorkämpfer der EVZ-Meistermannschaft

Der Mann mit dem Gedächtnis eines Elefanten weiss noch genau, «wie phänomenal der Empfang im Herti-Stadion war und wie jeder Spieler auf dem Dach des Zeitnehmer-Häuschens einzeln präsentiert wurde. Da habe ich dann als letzter Spieler morgens um 4 Uhr die Schlittschuhe ausgezogen und in die jubelnde Menge geworfen.»

Trotz neun Stunden Tragens habe er keine Schmerzen verspürt. «Ein Titelgewinn versetzt einen ja in eine Dauerekstase.» Später kam Grogg zu Ohren, dass der aktuelle Biel-Verteidiger Marco Maurer, damals ein Jüngling, in den Besitz eines seiner Schlittschuhe gekommen sein soll.

Zerrissene Adduktoren? Egal

Für ihn bedeutete dieser Meistertitel «alles bis zu diesem Zeitpunkt im Leben. Und es war auch deshalb so speziell, weil wirklich jeder Teamkollege alles dafür opferte.»

Für alle sei es ein Lohn für all die Entbehrungen gewesen, die sie seit Kindesbeinen für diesen Traum über sich ergehen liessen. «Ich hatte keine Rücksicht auf meinen Körper genommen. Mit buchstäblich zerrissenen Adduktoren habe ich einen Grossteil der Playoffs und das letzte Spiel in Davos gespielt. Ohne jegliche Reue liess ich mich fit spritzen.»

Die Feierlichkeiten seien zwei Wochen ununterbrochen weitergegangen. «Keine Nacht war ich bei Zeiten zu Hause. Viele Mitspieler sind heute noch gute Freunde von mir. So ein Erlebnis verbrüdert definitiv.» 

Der Motor Wes Walz

Um die Fähigkeiten von Wes Walz und dessen Wichtigkeit für den EV Zug zu beschreiben, bedarf es der Superlative. Der 48-jährige Kanadier ist wohl einer der besten Ausländer, die je in der Schweiz gespielt haben.

Er konnte so elegant Schlittschuh laufen wie ein Eiskunstläufer, er war schnell wie der Wind, er hatte die Hände eines Künstlers und eine grossartige Vista. Er konnte Spiele für die Seinen praktisch im Alleingang entscheiden. Auf dem Weg zum Meistertitel war Walz der Motor beim EVZ.

Er war der Motor der EVZ-Meistermannschaft und einer der besten Spieler, die jemals in der Schweiz gespielt haben: Wes Walz.
Er war der Motor der EVZ-Meistermannschaft und einer der besten Spieler, die jemals in der Schweiz gespielt haben: Wes Walz. (Bild: EVZ/Philipp Hegglin)

Sein Meisterstück lieferte der Center im sechsten Halbfinalspiel in Ambri ab. Der EVZ stand in der Valascia nach der 1:7-Blamage vor eigenem Anhang eine Niederlage vor dem Aus – und was machte Walz? Er schoss einen Hattrick und der EVZ gewann nach einer der imposantesten Vorstellungen eines Einzelspielers auf Schweizer Eis 5:0.

Im siebten und entscheidenden Spiel liessen die Zuger nichts mehr anbrennen und machten den dritten Finaleinzug nach 1995 und 1997 mit einem 7:2 über Ambri perfekt. Für die Leventiner spielte damals übrigens ein anderer faszinierender Ausländer, der später ein Zuger wurde: Oleg Petrow.

«Holt euch den zweiten Titel für Zug!
Ich wünsche euch viel Glück dabei.»

Wes Walz, der Motor der EVZ-Meistermannschaft

«Für mich steht die Geschichte des sechsten und siebten Halbfinalspiels im Vordergrund, wenn ich an unsere Meistersaison zurückdenke», sagt Wes Walz 21 Jahre später. «Und dann kommt gleich diese unfassbare Party um 3 Uhr in der Nacht, als Tausende von Fans im Herti-Stadion auf unsere Rückkehr aus Davos warteten. Diese Kulisse, diese grenzenlose Freude – die Erinnerung daran fühlt sich für mich heute noch irgendwie unwirklich an. Wir hatten die ganze Nacht so viel Spass.»

Auch wenn es Walz in der National Hockey League zweimal in die Playoff-Halbfinals um den Stanley-Cup gebracht hat, so steht für ihn der Meistertitel mit Zug über allem: «Es ist die einzige Meisterschaft, die ich in meiner Karriere gewonnen habe.»

Sohn Kelvin spielt in der Academy

Und er bemerkt, dass er noch zehn weitere Jahre für Zug gespielt hätte, wenn die NHL nicht um zwei weitere Teams erweitert worden wäre. «Meiner Frau und mir gefiel das Leben in Zug ausgezeichnet.»

Mittlerweile gehört sein Sohn Kelvin Walz (26) zur EVZ Academy und zu jenen Spielern, die Zug in personeller Not im aktuellen Playoff einsetzen könnte. Vater Wes fiebert mit Zug mit, seit er den Klub 1999 verlassen hat, und drückt den Zugern die Daumen: «Holt euch den zweiten Titel! Ich wünsche euch viel Glück dabei.»

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