Sport

Sieben Unterschiede zwischen René Weiler und Thomas Häberli

11min Lesezeit

Der Sieg im Cup-Viertelfinal über YB und der Vorstoss auf einen Europa-League-Platz: Dem FC Luzern läuft es rund, seit der unerfahrene Thomas Häberli (44) den Trainerjob des international reputierten René Weiler übernommen hat. Ihre unterschiedliche Arbeit mit den FCL-Spielern lässt sich in sieben Punkten veranschaulichen.

Vor nicht einmal einem Monat, am Tag nach der dritten Niederlage im dritten Rückrundenspiel gegen Lugano, zog FCL-Sportchef Remo Meyer die Reissleine und entliess René Weiler trotz kostspieligem Vertrag bis 2021. Fünf Tage später leitete sein Jasskumpel Thomas Häberli seine erste Trainingseinheit als Cheftrainer des FCL. Seither ist alles anders: Die zuvor strauchelnden Luzerner spielen sich in einen Rausch, sie holten in bislang drei Super-League-Spielen sieben Punkte und werden am 23. April gegen den FC Thun vor eigenem Anhang um den Einzug in den Cupfinal kämpfen.

zentralplus zeigt die unterschiedliche Arbeitsweise von Häberli und Weiler anhand von sieben Stichworten:

1. Vertrauen in die Fähigkeiten der Spieler

Weiler: Bei jeder Gelegenheit hat er darauf hingewiesen, wie viel Glück der FCL doch dabei hatte, als er unter Vorgänger Gerardo Seoane von Platz 9 auf 3 vorstiess. Und bei dieser fulminanten Aufholjagd wies Weiler den abgewanderten Jonas Omlin und Hekuran Kryeziu wies Weiler entscheidende Bedeutung zu. Mit anderen Worten: Die Fähigkeiten derer, die er noch im Kader hatte, stufte er nicht als hoch ein. Nimmt man einen internationalen Massstab zur Hand, hat Weiler nicht Unrecht. Aber Luzern spielt im Mittelfeld der Super League, im Niemandsland des internationalen Klubfussballs. Weiler hat seine unbestrittenen Fähigkeiten als Fussball-Lehrer nie auf dieses Level und die ihm zur Verfügung stehenden Spieler adaptieren können.

Häberli: Der Ballwiler ist ein Ziehsohn der Super League. Er hat sich in dieser Liga einen Namen gemacht. Als Spieler und als Assistenztrainer. Er atmet, spürt, hört, sieht, denkt, trinkt und isst diesen Fussball. Häberli kann sich einfühlen in die Köpfe, Seelen und Füsse derer, die in der Garderobe vor ihm sitzen. Er hat die FCL-Spieler stark geredet. Besser, als sie es wohl jemals sein werden (zentralplus berichtete). Und es wirkte sofort: Die Spieler werden dem zweiten Zauberlehrling nach Gerardo Seoane in Zukunft alles abkaufen. Häberli sagte jüngst: «Wäre ich von der Qualität dieser Mannschaft nicht überzeugt gewesen, hätte ich meine Karriere als hauptverantwortlicher Trainer nicht in Luzern gestartet.» Das ist Musik in den Ohren des FCL-Sportchefs.

2. Stammgoalie

Weiler: Weil sich das Torhüterproblem stark akzentuierte (zentralplus berichtete), forderte der Winterthurer die Verpflichtung eines neuen Goalies in der Winter-Transferperiode. Doch Meyer verlängerte mit David Zibung um ein weiteres Jahr. Weiler mochte weder auf den Oldie noch auf den vom Sportchef ausgeliehenen und untauglichen Salvi als Stammgoalie vertrauen. Druck und Unsicherheit wuchsen bei den Torhütern. Erst floppte Zibung, dann – bei nächstbester Gelegenheit – sein Ersatz Salvi.

Häberli: Er wählte aus zwei Übeln wohl das kleinere und machte Zibung zur Nummer 1. Und siehe da: In den ersten vier Spielen unter Häberli lieferte der 35-Jährige ordentliche Leistungen ab. Seit dem zwischenzeitlichen 1:2 von GC-Verteidiger Arlind Ajeti (50.) und dem 4:0 über YB und dem 3:0 über St. Gallen ist der FCL-Goalie mittlerweile bei gut 220 Spielminuten der Ungeschlagenheit angekommen. Häberlis Vertrauen hat Zibung offensichtlich zwei Zentimeter grösser und breiter werden lassen. Doch die Anforderung an Meyer bleibt: Spätestens im Sommer muss ein fähiger Goalie sein, dem die FCL-Zukunft gehört.

Wieder ein Tor verhindert: FCL-Abwehrturm Lucas Alves und Goalie-Oldie David Zibung gratulieren sich zur guten Arbeit.
Wieder ein Tor verhindert: FCL-Abwehrturm Lucas Alves und Goalie-Oldie David Zibung gratulieren sich zur guten Arbeit. (Bild: Madeleine Duquenne/freshfocus)

3. Stammelf mit gleicher Struktur

Weiler: Bei seinem Start musste er erst gegen verletzungsbedingte Ausfälle in der Abwehr ankämpfen. Dennoch liess es sich Weiler nicht nehmen, Seoanes bewährte Grundstruktur durcheinanderzuwirbeln. Später musste Weiler den neuverpflichteten Stürmer Blessing Eleke und den Aussenverteidiger Otar Kakabadze ins Team integrieren. Tsiy William Ndenge stand ihm, weil verletzt gekauft, gar nie zur Verfügung. Der Cheftrainer legte sich nie auf einen Stamm fest. Deutlich wurde das im Mittelfeld: Blessing Eleke, Francisco Rodriguez, Christian Schneuwly und Ruben Vargas durften sich auf den Aussenbahnen probieren, Filip Ugrinic, Idriz Voca, Silvan Grether, Olivier Custodio und Marvin Schulz auf den defensiven Positionen. Weiler fasste nie Vertrauen in eines seiner Experimente.

Häberli: Er kam, sah, ersetzte im ersten Spiel Salvi durch Zibung und ab dem zweiten Grether durch Voca und Demhasaj durch Eleke – und der FCL begann zu siegen. Häberli trainierte sein Team erstmals drei Tage vor dem 1:1 gegen den FC Zürich. Für seine Vernunft, nur wenige Anpassungen vorzunehmen, wurde er belohnt. Er liess in den drei Spielen gegen GC (3:1), YB (4:0) und St. Gallen (3:0) innerhalb von nur acht Tagen die genau gleichen elf Spieler im 4-2-3-1-System laufen. Angeführt von einem glänzend aufgelegten Pascal Schürpf pressten die Luzerner alles aus sich heraus. Häberli hat dem FCL eine klare Struktur und eine Hierarchie verpasst.

4. Mut und Spass

Weiler: Da er die Qualität seines Kaders meilenweit hinter jenem von YB, Basel, Zürich und Sion ansiedelte, schien sich seine Mannschaft auch auf dem Platz an den Qualitäten des Gegners auszurichten und traute sich nie das zu, zu was sie fähig gewesen wäre. Darum brachte der FCL nie Leidenschaft, Energie und Überzeugung in eine Partie. Unter Weilers Ägide erzielte der FCL in 21 Meisterschaftsspielen 31 Tore (durchschnittlich 1,48 Tore). Der Meistertrainer von Anderlecht erweckte nie den Eindruck, als ob ihm das wirklich Spass bereitet, wofür er in Luzern engagiert wurde. Der reservierte Eindruck, den er beim Coaching an der Seitenlinie hinterliess, passte ins Bild. Auch wenn festgehalten werden muss: Die Qualität eines Trainers lässt sich nie daran ablesen, wie emotional er sich an einem Spiel präsentiert.

Häberli: Die Energie, die seine Mannschaft beim Cup-Viertelfinal gegen YB auf den Platz brachte, war in der Swissporarena fast schon greifbar und übertrug sich aufs Publikum. Trotzdem war der FCL nicht so naiv, dem spielerisch überlegenen Gegner ins Messer zu laufen. Aber sie trug die Überzeugung in sich, siegen zu können. Und sie wusste auch, wie das geht: Ball am besten vor dem eigenen Sechzehner erobern, sofort umschalten und den direkten Weg aufs gegnerische Tor suchen. Häberli pflegt die Tore mit der Becker-Faust zu feiern, die seine Mannschaft im Zuge des neu entdeckten Spassfussballs zelebriert (2,33 Tore pro Super-League-Spiel).

FCL-Offensivspieler Pascal Schürpf (vorne) und seine Teamkollegen lassen sich nach dem Triumph im Cup-Viertelfinal gegen Meister YB von den Fans feiern.
FCL-Offensivspieler Pascal Schürpf (vorne) und seine Teamkollegen lassen sich nach dem Triumph im Cup-Viertelfinal gegen Meister YB von den Fans feiern. (Bild: Martin Meienberger)

5. Defensive Stabilität

Weiler: Das Abwehrverhalten der Luzerner kollabierte mit Beginn dieses Jahres: Weilers Team kassierte gegen Xamax (1:2), Sion (1:3) und Lugano (0:3) acht Tore – dabei ist das offensive Einschüchterungspotenzial dieser Gegner überschaubar. Die Ursache dafür war wohl selbstverschuldet: Der immer wieder wechselnden Stammformation fehlte nicht nur das Vertrauen, sondern auch eine klare Aufgabenteilung und Zuordnung. In Zahlen ausgedrückt: Unter Weiler kassierte der FCL in 21 Spielen durchschnittlich 1,95 Gegentore. Da wird ein Punktezuwachs zu einer ambitionierten Herausforderung.

Häberli: Die Spieler sind zwar nach wie vor die gleichen, die auch Weiler zur Verfügung standen. Aber nun kassieren sie bloss noch 0,67 Tore pro Spiel. Klar, es sind erst drei Meisterschaftspartien unter Häberli ins Land gezogen. Aber der Wert ist Ausdruck dafür, dass nun jeder der kaum veränderten Stammformation verstanden hat, was er auf dem Platz zu tun hat. Idriz Voca ist drauf und dran, zum defensiven Gewissen des FCL zu werden. Und Zibung erlebt seinen wahrscheinlich letzten Frühling im Spätherbst seiner Karriere. 

6. Kommunikation

Weiler: Er ist die Antwort der Schweizer Fussballtrainer auf Arno Del Curto in der Blüte von dessen Wesen und Wirken. Und das ist – weiss Gott – keine Übertreibung. Wenn René Weiler loslegt, hängt der Zuhörer unweigerlich an den Lippen des intellektuellen Charismatikers. Dann vergeht die Zeit im Fluge. Was er über wirklich professionelles Anspruchsdenken im Leistungssport zu erzählen weiss, ist unterhaltsam formuliert und absolut zutreffend. Aber seine Haltung kollidiert mit der kleinen Welt des Schweizer Fussballs, wo das Leistungsvermögen in der Regel überschaubar, der Lohn überdurchschnittlich und das Ego unendlich ist.

Häberli: Er ist auch in seiner Ausdrucksweise so, wie er wirkt: nett, bodenständig, zurückhaltend. Seine Erfahrung als Kultstürmer bei YB hat ihn gelehrt, unvorteilhafte Themen mit Unverbindlichkeit zu umdribbeln und alles positiv darzustellen. Er gibt sich demütig und verschafft lieber anderen den grossen Auftritt auf der Bühne der Super League.

7. Kompatibilität

Weiler: Mit seiner fordernden Haltung, was die Weiterentwicklung des Kaders und des Arbeitgebers anbelangt, können hierzulande höchstens die Young Boys und der FC Basel Schritt halten. Im Fussball-Lehrer muss seinem rufschädigenden Abstecher nach Luzern aber die Überzeugung gewachsen sein, dass er mit seiner selbstsicheren Art und seinem Denken den kleinen Schuhen der Super League entwachsen ist (zentralplus berichtete).

Häberli: Das Wesen und Wirken des Seetalers passt zum Verein wie die Faust aufs Auge. Die Verlängerung des bis zum Saisonende laufenden Vertrages darf deshalb bloss noch eine Frage von Tagen sein. Allerdings: Wenn der Zauberlehrling seine Trainerkarriere weiterhin vorwärtsbringen will, muss er bei der Vertragsunterzeichnung darauf bestehen, dass ins Kader der Luzerner investiert wird. Er kann die Spieler nicht fortwährend viel besser reden, als sie sind – eher früher als später verflüchtigt sich dieser Zauber.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Sport