Eine Kette vor dem Luzerner Tor verhinderte den pünktlichen Anpfiff im Cupspiel des FCL gegen YB. (Bild: fcl.fan-fotos.ch/Dominik Stegemann)
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Eine Kette vor dem Luzerner Tor verhinderte den pünktlichen Anpfiff im Cupspiel des FCL gegen YB. (Bild: fcl.fan-fotos.ch/Dominik Stegemann)

Pro und Contra zum FCL-Fanprotest

7min Lesezeit 1 Kommentare

Die Aktion der FCL-Fans vor dem YB-Spiel sorgte auch auf der zentralplus-Redaktion für Gesprächsstoff. Die Einschätzung reicht von Verständnis bis Kopfschütteln.

Was ist von der Ketten-Protestaktion der FCL-Fans im Cup-Viertelfinal gegen YB zu halten? Redaktionsleiter Linus Estermann zeigt Verständnis für den Protest, Sport-Redaktor Andreas Ineichen kritisiert ihn. Beide gehen in ihren Voten darauf ein, was dies mit dem Zuschauerschwund in der Swissporarena zu tun hat. 

Verständnis: Warum man die Fans nicht vergraulen darf

von Linus Estermann

Mit einer Ketten-Aktion protestierten die FCL-Fans vor dem Cup-Spiel gegen YB gegen die Anspielzeiten. Es wird ein Verfahren des Verbands und womöglich eine Busse nach sich ziehen – den grandiosen 4:0-Erfolg vermag dies jedoch nicht zu überschatten.

Während die Verantwortlichen im Stadion ruhig blieben, das Gespräch suchten und die Aktion nach fünf Minuten relativ souverän beendeten, brach insbesondere beim Schweizer Fernsehen Aufregung aus. Ein Schelm, wer denkt, dies habe damit zu tun, dass die Werbezeit oder die Experten-Selbstinszenierung im Studio dadurch gekürzt werden musste.

Aber zurück zur Aufregung. Was ist wirklich geschehen? Fans der United Supporters Luzern (USL) betraten vor Anpfiff unerlaubterweise das Feld und verriegelten das Tor mit einer Kette und einem Veloschloss. Den Schlüssel behielt man bei sich. Gewalt wurde nicht angewendet, verletzt wurde niemand. So geht doch kreativer Protest – der auch in deutschen Fanforen gefeiert wurde. Zugegebenermassen, vermummt waren die Fans. Dass man anonym operiert, ist in der Szene gang und gäbe. Nichts Neues also.

Trotzdem geht das Geschrei nun wieder los. Es brauche mehr Repression, die Fans müssen klar in ihre Schranken gewiesen werden. Dabei muss man festhalten, dass in den letzten Jahren kaum mehr etwas passierte. Das lohnt sich auch für den FCL: Von möglichen Sicherheitskosten von 870'000 Franken musste er 2017 nur 525'000 Franken bezahlen. Das Resultat für 2018 steht noch aus, dürfte sich aber im gleichen Rahmen bewegen. 

Wer noch immer die Schlägerei mit FCZ-Fans vom Mai 2015 oder den abscheulichen Pyrowurf eines Einzeltäters, an dessen Folgen das Opfer noch heute leidet, vor drei Jahren als Anhaltspunkt nimmt, verkennt die Realität. Luzern hat kein Fan-Problem. 

Stimmt nicht ganz. Luzern hat ein Problem mit den Fans: Es kommen immer weniger ins Stadion. In meinen Augen liegt das aber nicht an den Hardcore-Fans, welche Familien als Ausrede dienen, dem Stadion fernzubleiben. Es gibt unzählige Gründe: Ticketpreise, Anspielzeiten, attraktive Konkurrenzangebote, Liga-Modus.

Man sollte sich jedoch die Frage stellen: Warum geht jemand ins Stadion? Und hier werden die eingefleischten Fans plötzlich sehr wichtig. Eine aufwändige Choreo: faszinierend. Fangesänge während 90 Minuten: atemberaubend. Beim Thema Pyro kann man geteilter Meinung sein. Wer aber Szenen aus fussballverrückten Ländern wie der Türkei, Griechenland oder Serbien kennt, staunt bestimmt.

In diesem Sinne: Der FC Luzern tut gut daran, die eingefleischten Fans bei Laune zu halten. Ansonsten gibt’s Spiele wie das Cup-Derby gegen Kriens im letzten Jahr. Dort blieben die FCL-Fans aus Protest fern. Und so etwas ist weder im Interesse der Fans, noch des Clubs, noch der «anderen» Zuschauern.

Kopfschütteln: Warum der Fanprotest dem eigenen Verein schadet

von Andreas Ineichen

Es ist eine Geschichte, die exemplarisch zeigt, dass ein Teil der FCL-Fans ihre Botschaft über das Ansehen des Klubs stellt. Einem Geschäftsleitungsmitglied des FCL zufolge sind die Fans Anfang Woche über die geplante Protestaktion der St. Galler Anhänger am Sonntag in der Swissporarena in Kenntnis gesetzt worden.

Und was machen die Unbelehrbaren unter ihnen am Mittwochabend? Sie nützen die Bühne des im Schweizer Fernsehen live übertragenen Cup-Viertelfinals, um auf dem Platz und mit einer Maske vor dem Gesicht gegen die ihrer Ansicht nach unhaltbar frühen Anspielzeiten zu protestieren. Damit haben sie die FCL-Führung der Lächerlichkeit preisgegeben.

Was soll Präsident Philipp Studhalter gegen die Fans des FC St. Gallen, die sich Tickets ausserhalb des ihnen zugewiesenen Fansektors gekauft haben, ins Feld führen, wenn er nicht mal seinen eigenen Laden im Griff hat?

Es geht nicht darum, dass das Anliegen der FCL-Fans keine Berechtigung hätte. Auch nicht darum, dass die Protestaktion friedlich verlief und sich kein Zuschauer im Stadion um seine Gesundheit zu sorgen brauchte. Es geht darum, dass Unberechtigte nichts auf dem Rasen eines Fussballstadions verloren haben. Dabei kann es nichts anderes als Nulltoleranz geben.

Fanproteste dieser Art und Ausschreitungen inner- und ausserhalb der Super-League-Stadien schaden ohne Wenn und Aber der Reputation und dem Produkt Schweizer Fussball. Die unrühmlichen Vorfälle sind ein Grund dafür, dass nicht nur der FCL mit schwindenden Zuschauerzahlen kämpft – auch wenn es zweifellos einige weitere gibt. Zum Beispiel die Glaubwürdigkeit der Klubführung.

 

Wenn Studhalter nun anregt, dass die Liga das «Good Hosting»-Konzept überdenken und vielleicht verschärfen müsse, weil sich die Fans anhand einiger Beispiele in jüngerer Vergangenheit keinen Deut um die Abmachungen scheren, hat er Recht. Schon seit Jahren wäre eine klare Haltung der Super-Ligisten gegenüber den Fans, vor allem auch den eigenen, unabdingbar.

Aber das «Wohlfühl-Murren» des FCL-Präsidenten und sein Gedanke an Repressionen (Ticket nur gegen ID) wird so schnell verraucht sein wie ein Frauenfurz in der Sonntagsmesse. Wer engagiert sich schon in einem Bereich, in dem man sich bloss Feinde machen, aber unmöglich Meriten holen kann? Spätestens beim Gedanken an die eigenen Geldmittel, die für eine Erhöhung der Sicherheit im Stadion investiert werden müssten, vergeht ihm die Lust an diesem Thema ganz schnell.

Weil die Super-Ligisten mit ihren Fans über verschiedene Stränge eng verbandelt sind, wird die Verantwortung auch in Zukunft lieber auf andere geschoben. Auf die Liga, die Politik und den Gesetzgeber.

In Zeiten der zunehmenden Kommerzialisierung des Profisports sind leidenschaftliche Fans unerlässlich für eine wunderbare Stimmung und schöne Emotionen in einem Stadion. Sie machen ein Spiel mit 22 Mannen und einem Ball erst zu einem Fussballfest. Wie am Mittwoch beim grossen Sieg der Luzerner über YB.

Aber der vorangegangene Fanprotest auf dem Platz ist nicht tolerierbar.

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