Für die FCL-Fans ist der Videobeweis ein grobes Foul am Fussball.  (Bild: Adobe Stock/Bildmontage bic)
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Für die FCL-Fans ist der Videobeweis ein grobes Foul am Fussball. (Bild: Adobe Stock/Bildmontage bic)

Videobeweis: FCL-Fans zeigen der Liga die rote Karte

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«Der Videobeweis macht den Fussball kaputt», sagt die Luzerner Fan-Vereinigung «USL». Vom FC Luzern verlangen die Fans, dass sich dieser mit Vehemenz gegen den Videobeweis stellt. Denn im Schweizer Fussball sei der «Gruppenorgasmus» wichtiger als die Gerechtigkeit.

Am Sonntagabend servierte die Vereinigung der FCL-Fans «USL» starken Tobak. Mit einer 20-seitigen Sonderausgabe ihres Magazins «Stelzbock» wehren sie sich gegen die geplante Einführung des Videobeweises in der Super League und der Challenge League.

Geht es nach der Liga, wird die Technik ab der nächsten Saison in den Schweizer Stadien verwendet – vorausgesetzt, die Vereine der beiden Ligen stimmen dem Projekt an der extra einberufenen Generalversammlung am 23. November zu.

Am Sonntag hätte der FCL profitiert

Am sogenannten «Video Assistant Referee» (VAR) lassen die FCL-Fans allerdings kaum ein gutes Haar. Und sie zeigen sich nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, den Verantwortlichen der Liga tüchtig die Leviten zu lesen: «Man raubt dem Fussball die ausgelassensten und positivsten Emotionen», so die Message. Sogar das Wort «mafiös» hat Eingang in den Text gefunden.

Dass der Videobeweis für den FCL just am selbem Tag zum eigenen Vorteil gewesen wäre, an dem die Sonderausgabe erschien, konnten die USL nicht wissen. Bei der 2:5-Niederlage gegen den FC Zürich wäre den Luzernern aber wahrscheinlich mindestens ein Penalty zugesprochen worden, wäre die Technik vorhanden gewesen.

«Für welchen alles entscheidenden, aussergewöhnlichen, speziellen, hypothetischen Einzelfall braucht es den VAR also?»

United Supporters Luzern

FCL-Stürmer Pascal Schürpf wurde nach wenigen Minuten im Strafraum der Zürcher regelwidrig zu Fall gebracht (siehe Video). Hätte der Schiedsrichter den VAR konsultiert, hätte er wohl auf den Punkt zeigen müssen. Ob der Match einen anderen Verlauf genommen hätte, wäre der FCL in Führung gegangen, lässt sich nur vermuten.

Das «Foul» an Pascal Schürpf im Video:

Keinen Einfluss auf die Meisterschaft

Obwohl der FCL hier allenfalls um ein frühes Tor gebracht wurde, wird der Einsatz des VAR in der Schweiz von den USL vehement verteufelt. Auch wenn er in grossen Spielen wie einem Champions-League- oder WM-Finale allenfalls seine Berechtigung habe.

«In der Schweizer Liga geht es allerdings nicht um (CL-)Millionen oder gar Milliarden. Es geht grundsätzlich nicht einmal um einen Titel», so die USL. Zu gross seien die Unterschiede zwischen den Teams. Einzelne Entscheide der Schiedsrichter seien im Grossen und Ganzen letztlich also irrelevant. «Für welchen alles entscheidenden, aussergewöhnlichen, speziellen, hypothetischen Einzelfall braucht es den VAR also?», fragt sich die USL.

Es geht um den «Gruppenorgasmus»

Vielmehr würden jedoch magische Sekunden der Ekstase kaputt gehen, die entstehen, wenn der Ball im Tor landet. «Kaum vorstellbar, dass ebendiese Momente bloss noch als ‹vielleicht ein Tor› gelten könnten», monieren die USL.

Das Gedankenexperiment: Sollte ein Verein in der 92. Minute das Siegtor erzielen, würde die überschwängliche Glückseligkeit im Keim erstickt, falls sich der Unparteiische die Szene nochmals anschauen möchte. Bange Minuten vergehen. «Egal, wie sich der Schiedsrichter auch entscheidet, der vorherige Jubel ist, zumindest gefühlt, nichts mehr wert», befürchten die USL.

«Unabhängig davon, was die Liga entscheidet: Wir werden den Beschluss vollumfänglich mittragen und umsetzen.»

Markus Krienbühl, Mediensprecher FC Luzern

Doch genau wegen solcher Momente würden die Menschen in die Stadien der Schweiz pilgern. Denn es gehe ihnen nicht um sportliche Leckerbissen. Dafür sei die Qualität der Super League zu tief. Entscheidend seien die Augenblicke der Ekstase und des kollektiven Freudentaumels. Oder eben der «Gruppenorgasmus», so die USL.

Deshalb verlangen sie vom FC Luzern, dass sich dieser an der Generalversammlung der Liga konsequent gegen die Einführung des VAR stellt.

Für Verein sind Kosten entscheidend

Beim FC Luzern gibt man sich aber trotz der Forderung der USL bedeckt: «Es ist noch zu früh, um definitive Aussagen von unserer Seite bezüglich VAR zu machen», sagt Mediensprecher Markus Krienbühl.

Denn zurzeit seien noch viele wichtige Punkte ungeklärt. «Insbesondere die Kostenfrage und die Form der technischen Umsetzung wird grossen Einfluss darauf haben, ob wir der Einführung des VAR zustimmen werden oder nicht», so Krienbühl.

Internationale Entwicklung beachten

Dennoch ist man sich beim FCL im Klaren, dass man die Diskussion nicht wird umschiffen können. «Dass der VAR in verschiedenen europäischen Ligen bereits Realität ist, bleibt natürlich auch uns nicht verborgen und wir müssen uns damit auseinandersetzen», erklärt Krienbühl. Der Verein zeige aber Verständnis für die Ansichten der USL und dafür, dass sich diese intensiv mit dem VAR beschäftigen.

Und weiter: «Wenn wir uns als Liga auch in Zukunft an internationalen Wettbewerben beteiligen wollen, wird langfristig wohl kein Weg am VAR vorbeiführen, sollte die UEFA bei den europäischen Wettbewerben darauf bestehen», blickt Krienbühl voraus.

Pragmatischer FCL

Hinzu komme, dass man auch für die Schweizer Schiedsrichter angemessene Infrastruktur zur Verfügung stellen müsse. Denn ohne die Erfahrungen mit dem VAR in der heimischen Liga könnten diese kaum mehr internationale Spiele leiten, sagt Krienbühl.

Deshalb zeigt er sich trotz der scharfen Kritik der USL und der Message an den Club pragmatisch: «Unabhängig davon, was die Liga entscheidet: Wir werden den Beschluss vollumfänglich mittragen und umsetzen, wie das auch in anderen Fällen schon vorkam.» Mit anderen Vereinen stehe der FCL in der Frage indes nicht in Kontakt.

Schweigen bei der Liga

Und was sagen die Verantwortlichen der Schweizer Fussballliga? «Leider können wir bis zur Generalversammlung keine weiteren Auskünfte geben», so Mediensprecher Philippe Guggisberg. Er verweist auf eine Medienmitteilung von Anfang Oktober.

«Das Vorhaben ist ambitiös, doch die Swiss Football League (SFL), der Schweizerische Fussballverband (SFV) sowie das Ressort Spitzenschiedsrichter stehen hinter dem Projekt und sind überzeugt, den Schweizer Profifussball sowie das Schiedsrichterwesen damit einen gewaltigen Schritt nach vorn zu bringen», heisst es dort. Nun fehle nur noch die Zustimmung der Vereine.

Stimmen die Vereine am 23. November zu, wird der VAR ab nächster Saison also in den Schweizer Stadien Einzug halten. Ob es den FCL-Fans passt oder nicht.

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