EVZ-Captain Raphael Diaz beim Training.
  (Bild: Andreas Ineichen)
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EVZ-Captain Raphael Diaz beim Training.   (Bild: Andreas Ineichen)

Wer beim Leistungstest durchfällt, kann vom EVZ gebüsst werden

7min Lesezeit

Die Elite des Schweizer Eishockeys hat sich in diesem Jahrtausend athletisch enorm weiterentwickelt. Ein Beleg dafür ist der Gewinn der WM-Silbermedaille im Mai in Dänemark. Raphael Diaz (32), Captain im EV Zug und im Nationalteam, hat die gestiegenen Ansprüche am eigenen Körper erfahren.

Entspannt sitzt er da, hinter dem aufgeklappten Bildschirm seines Laptops, der auf dem Pult seines Kabäuschens im Bauch der Bossard Arena steht. Das Büro ist eng, schmuck- und fensterlos. Aber es ist stets kühl, und das ist in den Hitzetagen dieses Sommers schon allerhand wert. Das Büro ist Teil eines grösseren Raumes, in dem einige Sportgeräte stehen. Ein Profi-Spieler scheint eines davon gerade zum Glühen zu bringen, es tönt so, als sei ein riesiger Ventilator in Betrieb gesetzt worden. Um das phonetisch zu verschlucken, was Mike Slongo in seinem Büro gerade festhält: «Die Spieler sind immer ein bisschen am Jammern, das Training sei zu hart und zu streng. Aber dann legen sie doch alles, was sie haben, rein.»

Man muss dazu wissen: Slongo ist – überspitzt ausgedrückt – so etwas wie der Folterknecht im EV Zug. Als «Off-Ice-Coach», wie er auf der klubeigenen Homepage bezeichnet wird, trimmt der 45-Jährige die Profis zu athletischer Topverfassung und überwacht die körperlichen Werte jedes Einzelnen mit modernster Technik. So lässt sich Minimalismus nicht mehr kaschieren. Aber das scheint beim NLA-Team ohnehin kein Thema zu sein. Slongo sagt: «Grundsätzlich stimmt die Leistungsbereitschaft im Team.»

EVZ setzt auf Vertrauen in die Ausländer

In der ersten kompletten August-Woche hat der EVZ unter seinem neuen Trainer Dan Tangnes den Übergang vom Sommer- zum Eistraining vollzogen. Bis auf wenige Spieler haben alle den Leistungstest absolviert, um zu überprüfen, ob die individuellen Hausaufgaben in der Zwischensaison erledigt worden sind. Vier weitere Leistungstests setzt Slongo – je nach Beanspruchung durch den Spielplan – im Verlauf der Meisterschaft an. Und den letzten dann unmittelbar nach Saisonende.

Die Schweizer Profis haben Athletik-Coach Slongo und seine beiden Mitarbeiter auch ausserhalb des Meisterschaftsbetriebs unter Kontrolle, weil sie nach einer Phase der Erholung ihr individuell angepasstes Basis- und Aufbautraining in Zug absolvieren. Doch es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel die Ausländer, welche die Zwischensaison mit ihrer Familie in der Heimat verbringen. «Es wäre ein immenser Aufwand, den man betreiben müsste, um sie im Sommertraining eng zu begleiten. Da setzen wir auf Vertrauen», erzählt Slongo.

Von links: Athletik-Coach Cyrill Gerber, EVZ-Stürmer Fabian Haberstich und «Off-Ice-Coach» Mike Slongo.
Von links: Athletik-Coach Cyrill Gerber, EVZ-Stürmer Fabian Haberstich und «Off-Ice-Coach» Mike Slongo. (Bild: Andreas Ineichen)

Was aber, wenn ein Ausländer zu viel grilliert und zu wenig trainiert hat? «Ist ein Spieler körperlich in einer katastrophalen Verfassung, so ist in jedem Vertrag fixiert, dass er mit einem bestimmten Prozentsatz des Vertragswertes gebüsst werden kann», sagt EVZ-Sportchef Reto Kläy. Aber in den vier Jahren, seit der Emmentaler in Zug arbeitet, sei das noch nie vorgekommen.

Verlorener WM-Final nagt am EVZ-Captain

Einer, der sich Slongos Fittichen entzieht, ist der Captain. Raphael Diaz ist zwar spanisch-schweizerischer Doppelbürger, aber seit zwei Jahren mit einer Kanadierin aus dem Raum Québec verheiratet. Seine Frau hat er in der Zeit, als er in der NHL (201 Spiele, 8 Tore, 41 Assists für Montréal, Vancouver und die NY Rangers) spielte, kennengelernt. Deshalb hat der spielstarke Verteidiger die Heimat, gut zwei Wochen nach dem erst im Penaltyschiessen verlorenen WM-Final gegen Schweden, Richtung Nordamerika verlassen. Aber nicht ohne Trainingsplan von Slongo im Gepäck. Erst gegen Ende Juli ist Diaz wieder nach Zug zurückgekehrt.

«Es nagte, so nah dran zu sein und doch zu verlieren.»

Raphael Diaz, EV Zug

«Nach der WM brauchte ich Zeit, um die Emotionen und Eindrücke von diesem Turnier zu verdauen. Es nagte, so nah dran zu sein und doch zu verlieren», sagt der 32-Jährige im Blick zurück auf einen weiteren Höhepunkt in der Geschichte des Schweizer Eishockeys. Zudem sei er körperlich und mental ziemlich ausgelaugt gewesen.

Nach einer Erholungsphase von gut zwei Wochen hat sich Diaz aber nicht dazu überwinden müssen, ins Aufbautraining für die nächste NLA-Saison mit Zug einzusteigen. Er, zum zweiten Mal nach 2013 mit WM-Silber dekoriert, sagt im Gegenteil: «Die Erfahrung und das Wissen darum, mit einer tollen Teamleistung etwas Grosses erreichen zu können, motivierte mich, in den Kraftraum zurückzukehren. Gerade auch im Hinblick auf die Herausforderung mit dem EVZ.»

200 Minuten Training

In Kanada findet er jeweils eine professionelle Infrastruktur mit Fitnesscenter und Leichtathletikstadion vor, um sich professionell auf die nächsten Aufgaben vorbereiten zu können. Die ersten beiden Wochen nutzte Diaz dazu, um wieder behutsam in den Trainingsrhythmus zu kommen. Erst gegen Ende Juni hat er sich wieder mächtig ins Zeug gelegt. Was für Umfänge muss man sich darunter vorstellen? «20 Minuten Warm-up mit Dehnen, Bauch- und Rumpfübungen. Dann 45 bis 90 Minuten Ausdauertraining, je nach Art der Ausführung.» Nach einer Pause, die Diaz jeweils auch zum Mittagessen nutzte, standen am Nachmittag weitere 60 bis 90 Minuten Krafttraining an.

Nach all den Jahren auf Toplevel weiss der Routinier mittlerweile ganz genau, was sein Körper braucht: «Ganz zentral ist mir das Training im Rumpf- und Rückenbereich, aber auch das Kräftigen der Gesässmuskeln. Das mündet in Schusskraft und Explosivität auf dem Eis.»

Wo ganze Welten dazwischen liegen

Vergleicht Diaz die Qualität des Zuger Sommertrainings mit jenem der NHL-Organisationen, sieht er keinen Unterschied. Sie sei bei uns genauso hoch wie in Nordamerika. Die grosse Differenz liege darin, wie es abgehalten werde. «Meist schliessen sich drei bis sechs NHL-Spieler an einem Ort zusammen, engagieren einen Fitnesscoach und trainieren gemeinsam. Dort läuft es weniger über den Arbeitgeber.»

Es ist ja nicht nur das Sommertraining, das dank wissenschaftlicher Trainingslehre und immer besserer Gerätschaften seit Beginn dieses Jahrtausends qualitativ und quantitativ viel hochwertiger geworden ist. Sondern auch die Trainingseinheiten während des Meisterschaftsbetriebes. «Würde das Volumen von heute ein Profi erleben, der 2005 noch im EVZ war, würde er mir wohl zurufen:.»

Diaz hat es erlebt. Mit 17 Jahren stieg die grosse Begabung 2003 in die erste Mannschaft auf. Im Rückblick auf damals sagt der Captain: «Da liegen Welten dazwischen.»

Festzuhalten bleibt: Körperliche Fitness allein garantiert keinem NLA-Team Erfolg auf dem Eis. Da spielt auch der Kopf eine entscheidende Rolle. Aber ohne sie ist alles nichts.

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