Die Tigers versuchen, an Genoni vorbeizukommen. (Bild: Marcel Bieri)
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Die Tigers versuchen, an Genoni vorbeizukommen. (Bild: Marcel Bieri)

Leonardo Genoni: «Tangnes hat mich mit seinem Erfolgshunger angesteckt»

6min Lesezeit

Noch bevor der EV Zug mit dem offiziellen Eistraining in die nächste Saison startet, hat er die übernächste bereits nach Mass begonnen. Die Zuger konnten das Tauziehen um Leonardo Genoni, den momentan besten Schweizer Torhüter, gegen den SC Bern für sich entscheiden und ein kräftiges Ausrufezeichen an die Konkurrenz senden.

Es war die wichtigste Personalie im Schweizer Eishockey hinsichtlich der Saison 2019/2020 und den darauffolgenden Spielzeiten. Der Vertrag des viermaligen Schweizermeisters, der die Schweiz diesen Frühling in den WM-Final gehext hat, läuft 2019 beim SC Bern aus. Wer den besten Spieler auf der wichtigsten Position im Eishockey hat, muss jedes Jahr zum Kreis der heissesten Titelanwärter gezählt werden.

Weil sich EVZ-Sportchef Reto Kläy dessen bewusst ist und das Arbeitsverhältnis mit dem amtierenden Torhüter Tobias Stephan ebenfalls im nächsten Sommer ausläuft – obwohl der noch über eine Option für eine weitere Saison verfügt hätte –, hat er sich frühzeitig um die Dienste Genonis beworben.

«Der Prozess zog sich über eine längere Zeit hin. Wir wussten, dass der Vertrag von Tobias Stephan ausläuft und Leonardo Genoni auf dem Markt ist. Um eine langfristig starke Lösung auf der Torhüterposition zu finden, haben wir uns frühzeitig um ihn bemüht», so Kläy, der betont, dass es sich um eine Entscheidung für Genoni und nicht gegen Stephan gehandelt habe.

Zug will die sportliche Saat lieber früher als später ernten

Für die EVZ-Fans fühlt sich der Fakt, Genoni ab kommendem Sommer in den eigenen Reihen zu wissen, wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk an. Dies nicht zuletzt, weil die Meldung über Genonis neuen Vertrag Eishockey-politisch ausserordentlich ist. Konnten die Zuger den 31-jährigen Torwart doch dem Branchenprimus SC Bern abluchsen und damit dem Club, der zuletzt sportlich dominiert hat, das europaweit höchste Zuschaueraufkommen vorweist und mit seinen finanziellen Mitteln alle hiesigen Konkurrenten in den Schatten stellen kann.

Der EV Zug untermauert damit nicht nur seine langfristigen Ambitionen, die er zuletzt in Zusammenhang mit seiner Nachwuchsförderung und auch bei der Ernennung Dan Tangnes' zum neuen Cheftrainer hervorgehoben hat. Er zeigt auch, dass er die sportliche Saat lieber früher als später ernten will.

Für Genoni stimmt das Gesamtpaket

Dennoch stellt sich die Frage, wie es Sportchef Kläy gelungen ist, Genoni nach Zug zu lotsen. «Letztendlich kann nur er selbst sagen, was für ihn den Ausschlag gegeben hat. Wir haben eine sportliche Strategie präsentiert, die Hand und Fuss hat. Vielleicht hat auch der Reiz einer neuen Herausforderung bei einem neuen Klub eine Rolle gespielt», so der Sportchef. Dessen ohnehin schon respektiertes Ansehen in der Branche kann nun nochmals ein kräftiges Wachstum verzeichnen.

«Ich wage zu behaupten, dass wir nicht die höchste Offerte unterbreitet haben.»

Reto Kläy, EVZ-Sportchef

Angesprochen auf die finanzielle Offerte, macht Kläy eine interessante Aussage. «Ich denke nicht, dass wir mehr geboten haben als andere. Leonardo Genoni hat seinen Preis. Diesen waren wir bereit zu zahlen. Ich wage allerdings zu behaupten, dass wir nicht die höchste Offerte unterbreitet haben.»

Für Leonardo Genoni selbst habe «das Gesamtpaket» gestimmt. Konkret heisst dies: Dass ihn die sportlichen Perspektiven überzeugt hätten und er es nach neun Jahren in Davos und – nächsten Sommer – drei Saisons in Bern mit seiner Familie als richtigen Zeitpunkt erachtet habe, um in die Nähe seiner Heimat im zürcherischen Kilchberg zu ziehen. Der Entscheidungsprozess habe sich in der vergangenen Woche konkretisiert, nach Gesprächen mit Kläy und «dem neuen Trainer [Dan Tangnes, Anm. d. Red.], der mir seine Philosophie dargelegt und mich mit seinem Erfolgshunger überzeugt hat».

Der erfolgreiche Nationalspieler kommt in einem Jahr nach Zug.
Der erfolgreiche Nationalspieler kommt in einem Jahr nach Zug. (Bild: zVg)

Meisterliches Jubiläum 2020?

Bleiben noch zwei Fragen zu klären: Bildet die Verpflichtung Genonis den Startschuss zu einer Transferoffensive, um das zehnjährige Jubiläum in der Bossard Arena 2020 in Meisterwürden feiern zu können? Sportchef Kläy hält sich bedeckt, doch gibt er zu bedenken, dass «wir viele auslaufende Verträge haben. Wir werden der Mannschaft die Chance geben, um jedes Jahr ein Titelanwärter zu sein.» Dafür brauche man Spieler, welche die nötige Qualität ermöglichten. «Doch ist es noch zu früh, um weiter zu spekulieren.» Die Zuger Fans dürfen also durchaus einen heissen Transferherbst erwarten.

Schliesslich – was passiert mit Tobias Stephan? Der Zürcher wird auch als dann 35-Jähriger keine Mühe haben, nach seiner fünften Spielzeit beim EVZ einen neuen Arbeitgeber zu lukrativen Konditionen zu finden. Allerdings muss er – Ironie der Geschichte – dafür seine Zelte wohl wieder etwas weiter entfernt von seiner Zürcher Heimat aufschlagen.

Kläy glaubt nach wie vor an Stephans Leistungen

Dass er im Falle von ungenügenden Zuger Leistungen vorzeitig als Sündenbock abgestempelt werden könnte, glaubt Kläy nicht. «Er kennt das Business und wird mit der Situation umgehen können. So, wie ich ihn kenne, bin ich überzeugt, dass er bis Ende Saison seine Leistungen bringen wird.»

Wenn die Verpflichtung Genonis etwas beim zurückhaltenden Stephan auslösen wird, dann Trotz und eine zusätzliche Portion Motivation, um den Zugern zu zeigen, dass er sehr wohl ein Team zum Titel hexen kann. Die Geschichte von Genonis Karriere zeigt, dass diese These auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Bei seinen beiden bisherigen Wechseln stand dieser ebenfalls frühzeitig vor dem Ende der laufenden Saison fest und beide Male – 2007 Davos und 2016 Bern – holte sein künftiger Arbeitgeber den Meistertitel.

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