Hockeylektion für Journalisten mit Hans Kossmann am 24. Januar 2018 in der Kunsteisbahn Oerlikon. (Bild: PPR / Melanie Duchene)
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Hockeylektion für Journalisten mit Hans Kossmann am 24. Januar 2018 in der Kunsteisbahn Oerlikon. (Bild: PPR / Melanie Duchene)

Kreis-Nachfolge: Kronfavorit kommt aus Zürich

8min Lesezeit

Der EV Zug trennt sich nach vierjähriger Tätigkeit von Harold Kreis – nach frühem Playoff-Out und aufgrund von strategischen Überlegungen. Damit ist die Suche nach einem Nachfolger eröffnet. Wir schaffen Orientierung und präsentieren mögliche Nachfolger – und den Kronfavoriten.

Harold Kreis wurde zwar auch zum Verhängnis, dass der EVZ zum dritten Mal in vier Jahren nicht über die Playoff-Viertelfinals hinausgekommen ist. Schwerer wiegt aber sein fehlender Mut, auf eigene Junioren zu setzen. Eine entsprechende Anfrage, ob die ungenügende Förderung der Junioren der Hauptgrund für die Trennung des Deutschkanadiers war, bejaht Patrick Lengwiler. «In unserer Klubphilosophie nimmt die Förderung von Jungen eine wichtige Rolle ein. Dies macht keinen Sinn, wenn der Einbau in die erste Mannschaft nicht ausreichend funktioniert», so der CEO. «Gleichzeitig muss der Einbau von jungen Spielern nicht bedeuten, dass man keinen Erfolg hat, wie die ZSC Lions in diesen Playoffs bewiesen haben.»

Der nächste EVZ-Coach muss also den Jungen mehr Vertrauen schenken und gleichzeitig mit dem EVZ zumindest an der erweiterten Spitze der Liga mitspielen. Weitere Vorgaben gibt es gemäss Lengwiler nicht. Spekulieren wir auf potentielle Namen.

Der Kronfavorit - Hans Kossmann (56, ZSC Lions)

Der momentan logische Favorit dürfte Kossmann sein. Zu überzeugend liest sich das Bewerbungsschreiben, das der frühere Coach von Gottéron und Ambrì-Piotta in den letzten fünf Wochen mit den ZSC Lions abgegeben hat. Nach einer chancenlosen Startpartie in den Playoffs gegen den EVZ hat der kanadisch-schweizerische Notnagel die Zürcher schrittweise wieder zu einem Spitzenteam geformt, das zunächst die Zuger überzeugend ausgeschalten und danach den unschlagbar scheinenden SC Bern in sechs Partien souverän in die Knie gezwungen hat.

Ungewisse Zukunft für Waltteri Immonen

Der EVZ schreibt in seinem Communiqué, dass «der EVZ und Harold Kreis im Rahmen der Saisonanalyse gemeinsam übereingekommen seien, die Zusammenarbeit nach vier Jahren zu beenden (zentralplus berichtete). Auf Anfrage bestätigt CEO Lengwiler, dass der EVZ und Kreis den Vertrag per Ende letzter Saison in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst und sich finanziell entsprechend geeinigt hätten. «Zu den finanziellen Modalitäten möchte ich keine Details verraten. Die partnerschaftliche Auflösung des Vertrags zeugt vom guten Einvernehmen, mit dem wir uns trennen, und passt zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit, die wir mit Harold Kreis in den letzten vier Jahren erlebt haben.»

Noch unklar ist die Zukunft von Assistenztrainer Waltteri Immonen, über die der neue Coach befinden wird. «Wir wollen den Staff mit dem neuen Coach zusammensetzen, sodass er Leute seines Vertrauens einsetzen kann.» Ob Immonen, der vor zehn Jahren mit Doug Shedden nach Zug gekommen ist, im Falle, dass der neue Cheftrainer einen eigenen Mann mitbringen möchte, ein anderer Job in der Organisation angeboten würde, sei gemäss Lengwiler «noch nicht diskutiert» worden, «aber möglich».

Noch mehr dürfte den EVZ sein Mut beeindruckt haben, verschiedenen jungen Spielern wie Tim Berni (18), Raphael Prassl (20) oder Marco Miranda (19) in entscheidenden Situationen Vertrauen zu schenken – was der EVZ schmerzhaft zu spüren bekommen hat.

Schweizer Meistercoach - Lars Leuenberger (43, Direktor der Scouting-Abteilung SC Bern)

Oft genannt wurde bei den jüngsten Trainer-Vakanzen in der Schweiz Lars Leuenberger. Immerhin hat er den SC Bern 2016 zum Meistertitel geführt – als Interimscoach. Allerdings hat sich danach kein Team getraut, ihm eine erstmalige Chance als permanenten Headcoach zu geben – stellt sich die Frage, ob Zug andere Massstäbe anwendet als Teams wie die SCL Tigers oder der EHC Biel.

Allerdings gibt es gemäss Patrick Lengwiler – im Gegensatz zur Schweizer Nationalmannschaft – keinen Inländervorrang bei der Besetzung des Postens. Ob der gesuchte Mann Erfahrung im Schweizer Eishockey mitbringen muss, «lasse ich offen. Ebenfalls ist die Nationalität nicht relevant.»

Berns Mannschaft feiert den Sieg zum Meistertitel 2016 mit dem damaligen Trainer Lars Leuenberger, der rechts aussen steht.
Berns Mannschaft feiert den Sieg zum Meistertitel 2016 mit dem damaligen Trainer Lars Leuenberger, der rechts aussen steht. (Bild: PPR / Gabriele Putzu)

Kombination aus Erfolg und Nachwuchsförderung – die schwedische Variante

Eine prüfenswerte Option stellen Namen wie Sam Hallam (38, Växjö), Roger Rönnberg (46, Frölunda) und Johan Lindbom (46, HV71) dar, die in den letzten Jahren Mannschaft gespickt mit jungen Spielern zu Meisterwürden geführt haben. Allerdings gibt es einige Fragezeichen. Einerseits hat das Engagement des hochdekorierten Duos Hans Wallson/Lars Johansson bei den ZSC Lions gezeigt, dass die vermeintliche Traumheirat aus schwedischer Expertise, der besten Nachwuchsabteilung der Schweiz und einem hochtalentierten Ensemble in der hiesigen Liga keinen Erfolg garantieren muss.

Anderseits hat sich der EVZ in den letzten 15 Jahren der nordamerikanischen Hockey-Kultur verschrieben – will er sich von diesem bewährten Stil verabschieden? Schliesslich – und das dürfte sich als grösstes Hindernis erweisen – stehen die drei genannten Kandidaten bei ihren Teams noch jahrelang unter Vertrag.

Ein bekanntes Rezept mit unbekanntem Namen?

Ein relativ bekanntes Rezept hat in der National League zuletzt darin bestanden, einen Coach mit mehr oder weniger Erfolg in der AHL und etwas Erfahrung in der NHL zu engagieren. Namen, die dieses Kriterium erfüllen und wohl verfügbar wären, gibt es zuhauf – zum Beispiel der im Herbst in Biel heiss gehandelte Tom Rowe (61), Dallas Eakins (51), der kanadische Olympia-Coach Willie Desjardins (61) oder der letztjährige AHL-Champion Todd Nelson (48).

Die Risiken sind bei allen dieselben: Sie haben kaum Erfahrung mit den Gepflogenheiten des europäischen Eishockeys. Und sie konnten ihren Erfolg in der Farmteam-Liga AHL in der NHL jedoch nicht mit nachhaltigem Erfolg bestätigen.

Es scheint möglich, dass sich der EVZ für ein im Profi-Hockey eher unbeschriebenes Blatt entscheidet. «Es ist eine gute Frage, ob ein Bekenntnis, auf die Jungen zu setzen, ausreicht. Die Erfahrung, bereits mit Jüngeren gearbeitet zu haben, hat wohl mehr Wert. Jedenfalls sollte der neue Trainer die 100-prozentige Überzeugung für unsere Strategie mitbringen», sagt dazu CEO Patrick Lengwiler.

Junge Spieler gleich junger Coach?

Thierry Paterlini (42, Schweiz U18), Christian Wohlwend (41, Schweiz U20), Marcel Jenni (44, EVZ-Novizen), Stefan Hedlund (42, EVZ-Academy)

Einen totalen Stilbruch und ein unmissverständliches Zeichen für die Nachwuchsförderung würde das Ernennen eines jungen Coaches markieren, der als Juniortrainer aktiv war. So mutig eine solche Ernennung wäre – sie würde Risiken bergen. Keiner der Genannten – mit Ausnahme Wohlwends, dessen Tätigkeit bei Lugano nur von interimistischer Dauer war – hat Erfahrungen als Chefcoach eines Profiteams in der obersten Spielklasse. Ein gewagtes Experiment für ein potentielles Spitzenteam mit einigen erfahrenen Cracks.

Der Schweizer Assistenztrainer Christian Wohlwend beim  Finalturnier der PostFinance Trophy in Luzern.
Der Schweizer Assistenztrainer Christian Wohlwend beim  Finalturnier der PostFinance Trophy in Luzern. (Bild: PPR / Dominik Baur)

Kanadischer Juniorencoach

Dominique Ducharme (Drummondville Voltigeurs, 45), Mike Johnston (61)

Möchte der EVZ auf einen erprobten Nachwuchsförderer setzen, der hochdotierte junge Talente trainiert hat und über etwas mehr Erfahrung als obiges Quartett verfügt, lohnt sich ein Blick in die kanadischen Juniorenligen.

Diesen Weg schlug Gottéron letzten Sommer mit dem Engagement Mark Frenchs ein. Äusserst erfolgreich war in den letzten Jahren Ducharme, der mit den Halifax Mooseheads 2013 den Titel als bestes kanadisches Juniorenteam und diesen Januar mit der kanadischen U20-Nati WM-Gold geholt hat. Nach sieben Saisons als Headcoach im kanadischen Junioreneishockey scheint die Zeit reif für eine neue Herausforderung – ob der Frankokanadier allerdings aus seinem sicheren Job als Headcoach und General Manager den Sprung zu einem Profiklub wagen möchte, ist freilich ungewiss.

Über einen noch beeindruckenderen Palmarès in den Juniorenligen und Erfahrung in der NHL verfügt Mike Johnston. Allerdings ist der zweimalige Spengler-Cup-Gewinner (1993 und 1999) und Onkel des Lugano-Verteidigers Ryan Johnston zuletzt bei den Pittsburgh Penguins gescheitert, die nach seiner Entlassung in den letzten beiden Saisons den Stanley-Cup geholt haben.

Oder erliegt der EVZ doch dem Charme eines grossen Namens, der eine beachtliche Visitenkarte hinsichtlich Erfolgs und Förderung von jungen Spielern vorweisen kann?

NHL- und NL-Champion mit sanftem Gespür für Nachwuchsförderung

Bob Hartley (57)

Grundsätzlich Chancen bei Trainer-Vakanzen haben Coaches, die in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie Teams zu Meistertiteln führen. Vor allem, wenn sie dies in der besten Liga der Welt (2001 mit der Colorado Avalanche) und in der Schweiz geschafft haben. Der gestrenge Hartley, der seine Teams mit harter Hand führt und auch Spieler mit grossen Namen nicht schont, würde für einen Stilwechsel im Vergleich zu Harold Kreis sorgen. Ausserdem hat er während der Meistersaison mit den ZSC Lions 2012 – nach einer schwachen Qualifikation – verschiedenen jungen Spielern das Vertrauen geschenkt, die auch den diesjährigen Playoff-Final prägen, wie Reto Schäppi, Ronalds Kenins oder Luca Cunti.

Gegen Hartley könnte sein eher konservatives Spielsystem sprechen, das weniger zum neuen Image eines spielfreudigen, jungen, offensiven EVZ passen würde.

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