Daumen hoch. Ruedi Stäger während seiner Zeit als FCL-Präsident. (Bild: dog)
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Daumen hoch. Ruedi Stäger während seiner Zeit als FCL-Präsident. (Bild: dog)

Vom Banker zum FCL-Boss – von der «Niete» zum Kürläufer

10min Lesezeit

Ruedi Stäger hat Distanz gewonnen. Beim FCL stand er unter Dauerbeschuss – darauf kann er 20 Monate später gerne verzichten. Nicht jedoch auf den Fussball, diesen liebt der Fan nach wie vor. Genauso wie seine berufliche Karriere. Zeit für ein Wiedersehen. 

Ende Mai 2016: Die Fussballsaison ist vorbei, die EM in Frankreich steht vor der Tür. Der FC Luzern hat dank des Ausgleichstreffers von Marco Schneuwly im letzten Saisonspiel gegen Sion die Qualifikation für die Europaleague-Quali geschafft. Präsident Ruedi Stäger und Trainer Markus Babbel jubeln.

Es ist der versöhnliche Abschluss einer turbulenten Saison (zentralplus berichtete). Sechs Monate zuvor fand ein Machtkampf statt, der in der Entlassung des damaligen Sportchefs Rolf Fringer gipfelte. Insbesondere Präsident Stäger geriet ins mediale Schussfeld. Doch am besagten Abend im Mai sind die Turbulenzen vergessen. 

Winter 2018: Wir treffen Ruedi Stäger im Hotel Schweizerhof, er macht einen lockeren Eindruck. Eine Woche hielt er sich nach beschriebenem Abend noch im Amt. Daraufhin fiel er einer Umstrukturierung zum Opfer. «Der FCL feuert seinen Präsidenten», hiess eine Schlagzeile damals.

Nun sitzt Stäger lässig hier und trinkt einen Kaffee. Die Süssigkeiten rührt er nicht an. «Mit 60 Jahren muss man aufpassen», sagt er. Täglich mache er Sport – obwohl ihn eine kürzlich durchgeführte kleinere Knieoperation derzeit etwas hindert.

Kurze Atempause musste sein

Heute arbeitet er als «Profi-Verwaltungsrat», wie er selbst sagt. Schon vor seinem Engagement beim FCL war Stäger ein Karrierist. Der gelernte Banker war bei der Luzerner Kantonalbank, der Vontobel Gruppe und bei Schroders Bank und Co. aktiv. Später gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen. Und nach seinem beruflichen Abstecher zum FCL? «Ich konnte nahtlos dort weiterfahren, wo ich vor meinem FCL-Engagement aufhörte.» Dieses verrichtete er in einem 60-Prozent-Pensum. Als CEO und Präsident in Personalunion. 

«Das mediale Kreuzfeuer belastete mich und meine Familie.»

Möglichst schnell wollte er jedoch nicht in die Geschäftswelt zurückkehren. Einige Monate liess er es ruhiger angehen. «Von einer Neuorientierung kann man nicht sprechen. Ich habe meine Prioritäten neu gebüschelt.» Ex-FCL-Sportchef Alex Frei machte kürzlich publik, wie ihm die Zeit beim FCL gesundheitlich zu schaffen machte und, dass er ein Burn-Out erlitt (zentralplus berichtete). Diese Erfahrungen machte Stäger nicht. «Ausgebrannt war ich nicht. Aber das mediale Kreuzfeuer belastete mich und meine Familie.» 

Ruedi Stäger verfolgt nach wie vor jedes Spiel des FC Luzern
Ruedi Stäger verfolgt nach wie vor jedes Spiel des FC Luzern (Bild: zvg)

Jetzt spricht Stäger von Strategien. Von Finanzierungen und Immobilien. «Ich bringe mich dort ein, wo ich Erfahrung habe.» Auffallend seine Tätigkeiten im pharmazeutischen Bereich, bei Metriopharm oder Athenion. «Wir entwickeln in Berlin Wirkstoffe, die im Bereich chronische Immunerkrankungen helfen sollen. Sehr spannend», so Stäger, der selbst an diesen Unternehmen beteiligt ist. Sein Unternehmergeist scheint ungebrochen. Auch wenn er abwinkt und sagt: «Karriere hat immer auch mit Zufall und Glück zu tun.»

Der Bauernsohn macht Karriere

«Heute bin ich ein Kürläufer. Ich kann weitgehend gestalten, wie ich will», sagt Stäger. Da er unabhängig sei, fühle er sich frei. Sei nicht gebunden. Anders als damals, als ihm ein Headhunter den Job als FCL-Präsident schmackhaft machte. «Das Präsidentenamt ist nur ein Job für ihn, bloss ein Mandat in seinem Portfolio», schrieb einst die «NZZ», als sich Stäger wiederholten Vorwürfen ausgesetzt sah.

«Das ist zu banal. Der FCL war für mich eine Herzenssache», entgegnet Stäger. «Ein Job – selbstverständlich! Aber kein gewöhnlicher.» Ein Job insbesondere, der den Bauernsohn aus dem Berner Seeland ins Rampenlicht rückte. «Fleissig und ehrgeizig», beschreibt sich Stäger. Seine Kindheit habe ihn geprägt. «Wir wussten, was Schaffen bedeutet. Und lernten Bauernweisheiten.» Ernten, was man sät.

«In Schlüsselfunktionen hinter den Kulissen muss es passen.»

Dem FCL konnte Stäger nicht zu Höhenflügen verhelfen – insbesondere wirtschaftlich nicht. Der Finanzmensch scheiterte an den Finanzen. «Ich habe das unterschätzt», sagt er heute, wie er es auch kurz nach seiner Entlassung sagte. Warum klappte es nicht, Investoren an Land zu ziehen? «Die Unternehmen sind heute in Marketing und Kommunikation so professionell aufgestellt, da muss der FCL perfekt ins Schema passen.» Er sei zwar in der Innerschweiz «sehr stark vernetzt», erklärt Stäger. Aber einfach sei die Aufgabe nicht.  

Stäger beneidet Nachfolger nicht

Eine Aufgabe, der sich beim FC St. Gallen SRF-Mann Matthias Hüppi annimmt. «Ich wünsche ihm viel Glück», sagt Stäger – persönlichen Kontakt hatten die beiden keinen. Eine gesunde Skepsis ist ihm anzumerken. «Früher oder später wird das Finanzielle auf den Tisch kommen. Eher früher.» Eine Bürde, die ausser Basel – dank Champions-League-Millionen – alle Super-Ligisten zu tragen hätten. 

CEO Marcel Kälin und Präsident Philipp Studhalter folgten auf Ruedi Stäger.
CEO Marcel Kälin und Präsident Philipp Studhalter folgten auf Ruedi Stäger. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)
 

Eine Aufgabe, die auch den aktuellem FCL-CEO Marcel Kälin beschäftigt. Stäger bittet um Verständnis, dass er sich nicht zum aktuellen Management äussern möchte. «In Schlüsselfunktionen hinter den Kulissen muss es passen», sagt er. Kritik schwingt in diesen Aussagen keine mit– eher Kenntnisse des Business. Als grosses Problem macht er den Zuschauerschwund aus. «Wir haben eine Übersättigung. Ich kann mir – dank Replay-Funktionen mittlerweile täglich – in der warmen Stube grossartigen Fussball anschauen.» Und das finanzielle Loch durch weniger Zuschauer könne man fast nur über Qualitätsverlust auffangen, womit sofort die Gefahr für sportliche Krisen steige. «Es ist nicht einfach und ich beneide keinen meiner Nachfolger», so sein Fazit.

«Niete» und «bezahlter Präsident»

Kalt lässt ihn der FCL keineswegs. «Ich verfolge jedes Spiel, wenn möglich im Stadion.» Jetzt spricht der Fussball-Fan. «Die Liga ist spannender geworden, weil Basel nicht mehr unantastbar ist. YB macht Spass.» Ansonsten sei die Liga sehr eng. «Ein Mittelfeld gibt es nicht, ab Platz 3 beginnt der Abstiegskampf.» Und dass Sion absteige, sei angesichts dessen Budgets eigentlich unvorstellbar.

«Wenn ich alles bezahle, kann ich machen, was ich will.»

Sion-Zampano Christian Constantin oder FCZ-Alleinherrscher Ancillo Canepa. Unabhängige Patriarchen und Geldgeber ihres Klubs. Dieser starke Mann war Stäger beim FCL nie. Als «Der bezahlte Präsident» wurde er bezeichnet. Stäger verdreht die Augen. Welches Modell mehr Erfolg verspreche, sei schwer zu sagen. Aber: Als Alphatier könne man nach aussen anders auftreten. «Wenn ich alles bezahle, kann ich machen, was ich will. Da muss mich meine Aussendarstellung nicht gross interessieren», so Stäger. 

Trainer Markus Babbel und der geschäftsführende Präsident Ruedi Stäger jubeln über den Ausgleich in der 93. Minute.
Trainer Markus Babbel und der geschäftsführende Präsident Ruedi Stäger jubeln über den Ausgleich in der 93. Minute. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Das bekannteste Schweizer Boulevard-Blatt schrieb vor rund zwei Jahren, der FCL funktioniere nach dem Jeans-Modell. An jeder wichtigen Stelle sei eine «Niete». Stäger kann das mittlerweile einschätzen. «Ich habe sicher auch Fehler gemacht», sagt er heute. «Ich habe aber immer versucht, mein Bestes zu geben.»

Stäger bewundert Seoane

In diese Zeit fallen auch Gerüchte über die Männer-Freundschaft mit Markus Babbel. Da ist viel Wahres dran, zwischenmenschlich passte es zwischen den beiden. «Das hat sicher auch mit meinem Abgang nach dem emotionalen Hoch im Sommer 2016 zu tun.» Stäger bewertet Babbels Arbeit positiv: «Die vielen jungen Spieler beim FCL sind ein Verdienst von Markus Babbel. Es war schon damals unser Credo, dass man mit dem eigenen Nachwuchs die Wertschöpfung verbessert.» 

«Wenn du in Talente investierst, musst du sie irgendwann einsetzen.»

Und Gerry Seoane? «Er war für mich immer ein Trainer für die Zukunft und ist prädestiniert für diese Aufgabe», sagt Stäger. Als er sich auf die Suche für einen Nachfolger von Carlos Bernegger machte, habe er auch mit Seoane gesprochen. Es war schon damals klar, dass sich Gerry früher oder später als Trainer der ersten Mannschaft aufdrängen wird. Dass er jetzt zum Zug kommt, freue ihn. «Bereits jetzt sieht man, dass die Mannschaft motiviert auftritt und die Werte des FCL verkörpert und sich mit dem Klub identifiziert.»

Auch der FC Zürich mit Ludovic Magnin und der FC Basel mit Raphael Wicky setzen auf junge Talente. «Es ist in der Wirtschaft nicht anders. Wenn du in Talente investierst, musst du sie irgendwann einsetzen.» Ein Vergleich, der von Ruedi Stäger kommen muss. 

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