Ihre grossen Lieben: Reisen, Surfen und ihr Chihuahua Clowie. (Bild: hae)
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Ihre grossen Lieben: Reisen, Surfen und ihr Chihuahua Clowie. (Bild: hae)

Ariella Kaeslin: «Ich habe Kraft gefunden und turne jetzt mitten im Leben»

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Sie gewann 29 Titel, wurde Europameisterin und Weltmeisterschaftszweite: Ariella Kaeslin war am Pferd die Überfliegerin und turnte bis 2011 regelmässig im Rampenlicht. Doch wo Scheinwerfer leuchteten, war auch viel Schatten: Sie litt unter ihrem Coach, der sie drangsalierte und als «fette Kuh» beschimpfte. Welchen Träumen jagt die 30-jährige Luzernerin heute nach?

Mathias Haehl

Es ging um Training und Depressionen, Training und Druck, Training und Erfolg. Und ums Träumejagen. Träume des Turnens, Träume des Erfolgs, Träume ihrer Coaches. Ein junges Leben lang. Tag für Tag, Schmerz für Schmerz, Podest für Podest. Ariella Kaeslin plagte sich fast 20 Jahre lang, drillte Körper und Geist, bis sie mit 24 Jahren beinahe daran zerbrach.

Von einem Tag auf den anderen hörte sie auf. Im Juli 2011 sagte eine sehr bewegte Ariella Kaeslin an einer Medienkonferenz in Luzern: «Ich bin nicht mehr bereit, all die Entbehrungen mitzumachen, die das Kunstturnen abverlangt. Ich habe auf meinen Körper und mein Herz gehört.»

Dreimal Schweizer Sportlerin des Jahres

Ariella Kaeslin war das ewig lächelnde «Schätzchen der Nation», weil sie scheinbar so locker an Pferd und Barren turnte, dreimal wurde sie zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. Das schmeichelte ihr, setzte aber auch Druck auf.

Und es war nur ein Teil von ihr: «Denn ich kann auch ein Teufelchen sein, das weiss mein Umfeld.» Das Teufelchen sitzt zu Hause am aufgeräumten Stubentisch, trinkt Kaffee um Kaffee. Früher gab’s für das Schätzchen fast nur Protein- und Vitamindrinks.

«Ich mache gern Seich, teste meine Grenzen aus, schwimme gegen den Strom.»

Das Schätzchen ist auch ein Teufelchen

Und Ariella Kaeslin erklärt, weshalb das «Schätzchen» nicht wirklich zu ihr passt, denn sie hatte immer auch rebellische Züge: «Ich mache gern Seich, teste meine Grenzen aus, schwimme gegen den Strom.» Immer wieder eckte sie an und machte dabei die Erfahrung: Wer lebt, macht Fehler; entscheidend ist es, daraus dann zu lernen.

Gelernt, das hat Ariella Kaeslin. Und macht es auch heute immer noch. Nach ihrem überraschenden Rücktritt 2011 ging sie in sich. Und schrieb unter dem vielsagenden Titel «Leiden im Licht» ihr Leben nieder. Hier einer der vielen starken Sätze im Buch: «Dies ist die Geschichte einer Turnerin, die immer öfter gewann, sich selbst aber immer mehr verlor.» Das Werk, auf dem Ariella Kaeslin sehr ernst in düsteren Farben dreinschaut, erzählt «die wahre Geschichte einer Turnerin».

Karrierestart mit 4 Jahren

Ariella Kaeslin wird 1987 in Meggen geboren, ihr Vater ist Zahnarzt, ihre Mutter Mentaltrainerin. Mit vier beginnt sie zu turnen, dann Wasserskifahren, mit 13 zieht sie nach Magglingen und wird Schweizer Turnmeisterin. Sie gewinnt 29 Turntitel, wird 2009 Europameisterin und Weltmeisterschaftszweite. Ihr Leben ist eine Leidensgeschichte zwischen Erfolg und Depression, Krafttraining und Psychopharmaka. Nach dem Rücktritt blickt sie im Buch «Leiden im Licht» zurück, es ist heute noch ein Bestseller. Ariella Kaeslin lebt mit ihrem Chihuahua Clowie und zwei Frauen in einer WG in Luzern, sie studiert in Bern Sportwissenschaft und Psychologie.

Hier geht's zu Ariella Kaeslins Website.

«Ari», wie sie sich gerne nennen lässt, war über viele Jahre die beste Kunstturnerin der Schweiz. Und plötzlich lächelte sie nicht mehr aus den Sportseiten die sportbegeisterte Nation an. Denn es war zu viel geworden, der Preis für den Erfolg zu hoch. Ihr damaliger Nationaltrainer Eric Demay hatte sie immer wieder erniedrigt. Solches musste sie sich von ihm gefallen lassen: «Wenn du tot umfallen würdest, könnte ich dennoch gut zu Abend essen.» Regelmässig beschimpfte er sie als «fette Kuh».

Man hatte Ariella Kaeslin öffentlich jahrelang geliebt, sie machte gute Miene zum bösen Spiel, und niemand ahnte Schlimmes. Wie denn auch: Sie stand auf dem Podest, wurde herumgereicht, sah die Welt. Und viele verdienten mit der Topsportlerin zünftig Geld. Doch es war hart erkämpftes Geld. Und sie sagt heute rückblickend: «Ich litt, weil ich den Erfolg wollte und alles mit mir machen liess.» Denn das Leben als Turnerin bedeutet, «in einem Körper zu leben, der Frau werden will, aber Mädchen bleiben muss».

Endlich Klartext, in einem Buch

Das Leben im Scheinwerferlicht, der Druck von allen Seiten, das ist heute vorbei. Ariella Kaeslin redet Klartext – so wie im Buch, das aufgrund ihrer Ehrlichkeit und ihrer Bekanntheit ein Bestseller wurde: «Heute bin ich stolze Studentin. Und ich mache alles langsamer, schaue nicht nur geradeaus, denn es gibt vieles rechts und links zu sehen an der Strecke.»

Wenn man mit ihr spricht, denkt man stets, sie liege auf der Couch und analysiere sich selbst. Bänz Friedli, mit dem sie an einem Sportmagazin herumfeilt, schilderte Ariella Kaeslin so: «Sehr reflektiert, selbstkritisch, sehr selbstbewusst.» Muss sie sich denn auch sechs Jahre nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport immer noch selber finden?

Es scheint fast so, dass sie immer noch an der Opferrolle leidet. «Mein Studium – Sport und Psychologie – ist wie die Theorie zum Erlebten. Ich erfahre, dass mein Verhalten damals völlig normal war, dass es im Spitzensport überall ähnliche Muster gibt.» Muster des Drills, der Fremdbestimmung, der Verdrängung von Schmerz. Umso mehr geniesst Kaeslin heute die Freiheiten – wobei, es scheint fast, als müsse sie sich dazu zwingen. Immerhin: «Ich habe Kraft gefunden und turne jetzt mitten im Leben.»

Tage durchstrukturiert und fremdbestimmt

Und jeder Tag ist anders – einst glich ein Trainingstag dem anderen. Früher war bei Ariella Kaeslins Tagesablauf jede Minute durchstrukturiert und fremdbestimmt: Trainings, Turnprogramme, Ernährungsrituale, Verpflichtungen für Management und Sponsoren. «Und irgendwie musste ich noch die Schule reinquetschen. Wenn es dann zweimal im Monat Ausgang gab, war das sehr speziell. Und vor allem sehr schön.»

Heute sind Kaeslins Tage viel weniger strukturiert, bei Bedarf kann sie auch mal unter der Woche ausschlafen, und Freizeit hat sie heute viel mehr. «Aber manchmal tue ich mich trotzdem schwer damit. Ich bin immer noch am Nachholen, ganz erholt fühle ich mich noch immer nicht. Vor allem nicht so belastbar, weil das schwere Verletzungen meiner Psyche waren.»

Viel war von Depressionen und Psychopharmaka die Rede, um dem Druck standzuhalten. Druck macht sie sich immer noch selber. Denn es ist doch so: «Da wirst du jahrelang als Heldin gefeiert, und nach dem Rücktritt musst du dann wieder ganz unten anfangen, mit zehn Jahre jüngeren Menschen im Gymnasium die Schulbank drücken.»

Neuer Adrenalin-Lieferant: Ariella Kaeslin am Engadiner Marathon.
Neuer Adrenalinlieferant: Ariella Kaeslin am Engadiner Marathon. (Bild: zvg)

Menschlich war Kaeslin dabei heftig unter- und vom Schulstoff her ziemlich überfordert. Aber sie hat sogar ihr 2015 begonnenes Studium bald geschafft, und auf den Bachelor soll vielleicht noch eine Masterarbeit folgen. Ariella Kaeslin hat mittlerweile selber Freude am Vermitteln von Wissen: «Gerne würde ich noch mehr Vorträge und Coachings machen», und die Feedbacks ihrer Workshopbesucher seien auch meist sehr positiv.

Ironman mit 113 Kilometern

Abwechslung und Bewegung sind ihr wichtig im neuen Leben, «und trotzdem gibt es dabei den Widerspruch, dass ich auch die Regelmässigkeit sehr schätze», sagt sie dann mit leichter Sorgenfalte. «Ich brauche Herausforderungen und Adrenalinschübe, heute vor allem im Ausdauersport.» Am liebsten beim Ironman 70.3, bei dem Ariella Kaeslin 113 Kilometer schwimmt, joggt und Velo fährt. Oder auch beim Engadiner Marathon.

«Ich knie mich erst dann rein, wenn ich die Messerkante schon am Hals spüre!»

Aber auch bei Prüfungen, «wobei die Schübe dann eher schlecht sind», sagt sie mit einem Lächeln. Und welches ist ihr Lernmuster? «Ich knie mich erst dann rein, wenn ich die Messerkante schon am Hals spüre!» Und jetzt zeigt sie ein grosses, befreiendes Lächeln.

Wie wär’s später mal mit einem Bürojob, von 9 bis 18 Uhr? Sie winkt ab: Das wäre ihr Tod. Bei der Laureus-Stiftung in Rotkreuz, die Kinder und Jugendliche mithilfe von Sport fördert, hat sie ein paar Monate ein Praktikum gemacht: «Ich schätzte die Vertrautheit mit dem Team, heute muss ich mich alle paar Tage auf immer neue Leute einstellen. Das kann auch anstrengen.» Heute ist sie Laureus-Botschafterin neben 33 weiteren Persönlichkeiten wie Lara Gut, Bertrand Piccard oder Diego Benaglio.

Sie muss auch gar nicht in einem Büro arbeiten, denn noch profitiert sie von ihren Kontakten aus ihrer Aktivzeit. Auch heute noch hat sie Verpflichtungen mit zehn Sponsoren und Ausrüstern, dann immer neue Coachings und andere Anlässe, an denen sie immer neue Menschen kennenlernt. Deshalb mag sie New York – NYC prangt auf ihrem Pulli – sehr. Die Metropole sei cool, sie liebe die Grösse, Anonymität und Vielfalt in der US-Stadt. Zwei Wochen dort, entdecken, shoppen, laufen, und vor allem kein Touristenzeug angucken, da könne sie viel Energie tanken.

Ariella Kaeslins Reisen sehen heute anders aus: Nicht mehr von Trainingscamp zu Wettkampfhalle, vom Pferdpauschen zum Podest, sondern sich einfach auch mal treiben lassen. 

Wie ist das in Luzern? «Die Leute kennen mich, ab und an kommen sie auf der Strasse auf mich zu, gratulieren mir oder fragen, ob ich denn diese erfolgreiche Kunstturnerin sei.» Und das sechs Jahre nach ihrer Aktivzeit. Um Selfies wird sie selten gefragt, ausser bei grossen öffentlichen Events.

Endlich ein freier Mensch: Ariella Kaeslin in ihrer eigenen Küche beim Kaffeemachen.
Endlich ein freier Mensch: Ariella Kaeslin in ihrer eigenen Küche beim Kaffeemachen. (Bild: hae)

Wenn sie in der Stadt Luzern ist, dann meistens im Fitnesscenter One Training Center am Bundesplatz. Oder dann gemütlich in Beizen: Gerne im Restaurant zur Werkstatt, im Bodu isst sie am liebsten die Hausspezialität, das Entrecôte mit den Pommes Alumettes, die so richtig schön in der Kräuterbutter schwimmen. «An den Bahnhöfen lasse ich mit meinen Morgenkaffees im Joe and the Juice oder im Tibits im Jahr einige Hundert Franken liegen.»

Adrenalin, das ist ihre Sucht

Ins Kino oder ins Theater geht Ariella Kaeslin eher selten. Dafür schaut sie gerne Serien am TV. «Filme um Drogen und Schmuggel faszinieren mich, obwohl ich selber völlig abstinent lebe.» Sucht, das kennt sie eher vom Adrenalin, das ihr beim Sport durch die Adern pumpt. Und «Narcos» heisst eine der Serien, die ihr Blut regelmässig in Wallung bringen.

Oder auch «Breaking Bad» hat sie verschlungen, mit grossen Augen auf dem bequemen Sofa in der grossen Stube unter der riesigen Weltkarte, aus der Ecke lacht dazu fröhlich das hübsch drapierte Surfbrett. Drogenwelt gucken und von Surfstränden träumen – das ist ein Teil der neuen Welt Ariella Kaeslins. Da sitzt sie dann in der guten Stube, die sie mit zwei WG-Frauen teilt, einer Ex-Kanutin und einer Ruderfrau. Alles Frauen, die heute den Sport noch lieben. Obwohl sie nicht selten darunter litten.

A propos: Neu ist da auch wieder die Liebe in Ariella Kaeslins Leben präsent, laut Ariella Kaeslin «etwas vom Wichtigsten, das vermutlich immer grösseren Stellenwert erhält, je älter man wird». Ihr Partner ist Oliver Friedrich (31), Sport- und Englischlehrer aus Sargans. Auf der Langlaufloipe hat’s gefunkt, heute leben sie eine bereichernde Fernbeziehung.

Giulia Steingruber viel spielerischer

Aus der Ferne betrachtet Ariella Kaeslin auch die Turnszene. Mit ihrer Turnnachfolgerin Giulia Steingruber hat sie ab und an Kontakt, weil sie gemeinsame Sponsoren haben. Und, ist die derzeitige Topturnerin in ähnlichen Fahrwassern wie Ariella Kaeslin früher? «Nein, ich finde es gut, wie sie den Profisport viel spielerischer angeht als ich früher.» Ariella Kaeslin realisiert auch, dass sich die Instruktoren verbessert und verändert haben. «Die Szene ist nicht mehr so verstaubt wir früher, Männer sind heute nicht mehr viel wichtiger als die Frauen, was sich immer auch in den Löhnen manifestierte.» Für die Gleichstellung der Frau findet Ariella Kaeslin auch die #metoo-Kampagne äusserst wichtig.

Ein klein wenig ist Ariella Kaeslin stolz, dass ihr Buch geholfen hat, die Turnszene etwas gesünder zu machen: «Ich hoffe es zumindest, immerhin erhielt ich enorm viel Feedback: Topsportler, die Ähnliches erlitten wie ich, dankten mir für die offenen Worte.» Und die Coaches seien nach diversen Skandalen nicht mehr so selbstgerecht wie zu ihren Zeiten.

«Ariella Kaeslins Buch sollte jeder Sportinteressierte lesen.»

Achim Conzelmann, Vizerektor der Universität Bern

Die Auflage ihres Buches? 16’000 plus, das ist enorm in einem Land, wo mit 3’000 Stück schon ein Bestseller verbucht wird. Aber noch mehr Ehre gab’s von Berner Uniseite, wo Ariella Kaeslin studiert: Professor Achim Conzelmann, immerhin Vizerektor der Universität, gratulierte ihr zum Buch. Ob er es denn gelesen habe, wollte die kleine Studentin Ariella Kaeslin wissen. Der grosse Conzelmann: «Natürlich, das Buch sollte jeder Sportinteressierte lesen.»

Wer will da denn noch neue Träume jagen …

Die Ex-Turnerin stählt sich heute beim Ironman: mit Radfahren, Schwimmen und Rennen.
Die Ex-Turnerin stählt sich heute beim Ironman: mit Radfahren, Schwimmen und Rennen. (Bild: hae)

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