Das neue Erfolgstrio beim Fussballbundesligist Hannover 96 (von links): Trainer André Breitenreiter, Sportaufsichtsrat Martin Andermatt und Manager Horst Heldt. (Bild: Florian Petrow)
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Das neue Erfolgstrio beim Fussballbundesligist Hannover 96 (von links): Trainer André Breitenreiter, Sportaufsichtsrat Martin Andermatt und Manager Horst Heldt. (Bild: Florian Petrow)

Martin Andermatt: «Ich habe auch mit Ex-Kanzler Schröder zu tun»

16min Lesezeit

Martin Andermatt ist ein Stehaufmännchen. Sein erster Trainerposten war der FC Emmenbrücke, sein bisher letzter Zug 94. Nun hat der gebürtige Baarer, der übrigens auf dem Zuger «Walk of Fame» mit einem Stern verewigt ist, eine neue Herausforderung. Bei Hannover 96 arbeitet er als Sportaufsichtsrat. zentralplus traf den 55-Jährigen zum Interview.

Wolfgang Holz

zentralplus: Sind Sie noch sauer, Herr Andermatt?

Martin Andermatt (überlegt kurz): Ich wüsste nicht, warum …

zentralplus: … na ja, die 0:4-Niederlage von Hannover 96 neulich im Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen ist ja nicht gerade berauschend!

Andermatt: Ich bin nicht dafür bekannt, dass ich mich in der Vergangenheit aufhalte. Man muss aber auch einen gewissen Realismus an den Tag legen. Die Niederlage von Hannover gegen Bremen ist sicher nicht nötig gewesen. Da die ganze Mannschaft schlecht gespielt hat, muss man das sicher genauer analysieren. Aber wir zehren immer noch von einem guten Start.

zentralplus: Wieso ist es denn zum Start in Hannover so gut gelaufen? Schliesslich liegt es sicher Jahrzehnte zurück, dass Hannover 96 auf Platz eins stand. War das die Wiederaufstiegseuphorie?

«Wir haben ja gerade mal ein Budget von 85 Millionen Euro und gehören damit zu den ‹ärmeren› Klubs in der Bundesliga.»

Andermatt: Ja, das war am Anfang sicher speziell. Damit wir gewinnen können, muss indes sehr viel zusammenpassen. Die Transfers, welche wir getätigt haben, waren sicher auch mit ein Grund, dass die Saison gut angefangen hat. Wir haben ja gerade mal ein Budget von 85 Millionen Euro und gehören damit zu den «ärmeren» Klubs in der Bundesliga. Trotzdem versuchen wir auf einem hohen Niveau zu arbeiten. Wir haben die Saison nach dem Aufstieg gut vorausgeplant. Geschaut, was wir brauchen, um uns weiterzuentwickeln und uns zu stabilisieren. Die Zielsetzung lautet, dass wir in dieser Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben wollen, um uns dann mittelfristig wieder im Mittelfeld der Bundesliga etablieren zu können.

zentralplus: Wie kommt’s eigentlich, dass Sie nun beim norddeutschen Bundesligaclub beschäftigt sind?

Andermatt: Das ist eine längere Geschichte, die vor zwölf Jahren begonnen hat. Mein älterer Sohn Yves, der heute 31 ist, hat damals zusammen mit anderen jungen Spielern Probetrainings bei verschiedenen Klubs absolviert. Auch bei Hannover 96. Als er dann kein Feedback erhalten hat, habe ich mich an den Verein gewandt und nachgefragt. Das war der erste Kontakt, der sich über all die Jahre dann intensiviert hat.

zentralplus: Und dann?

Andermatt: Als ich in Hannover von Präsident Martin Kind zu einem Spiel eingeladen wurde, hat er mich gefragt, wie ich die Situation in Hannover einschätze. Ich habe eine Analyse erstellt, mit Perspektiven, wie der Verein sich weiterentwickeln könnte, welche Lösungen möglich sind. Laut Präsident war der Wiederaufstieg alternativlos. Seit Januar 2017 bin ich nun in Hannover 96 tätig und habe konsequent an der Zielsetzung mitgearbeitet.

Auf der Tribüne: Der Baarer Martin Andermatt (links) und Hannover 96-Präsident Martin Kind.
Auf der Tribüne: der Baarer Martin Andermatt (links) und Hannover-96-Präsident Martin Kind. (Bild: Florian Petrow)

zentralplus: Was machen Sie jetzt bei Hannover 96 genau als Sportaufsichtsrat?

Andermatt: Die ganze sportliche Planung. Wie es strategisch die nächsten drei, vier Jahre weitergehen soll. Wir haben gerade ein neues Leistungszentrum fertiggestellt. Ich bin dabei nicht im operativen Bereich tätig, stehe aber natürlich ständig im Kontakt mit Manager Horst Heldt und Trainer André Breitenreiter. Ich habe auch mit Gerhard Schröder als Aufsichtsratschef zu tun.

zentralplus: Schröder, der einstige Fussball-Kanzler, was ist das für ein Typ?

Andermatt: Gerhard Schröder ist ein sehr charismatischer Typ, der sich bei den ganzen organisatorischen Abläufen bestens auskennt und ein unglaubliches Beziehungsnetz hat. Man muss es Martin Kind hoch anrechnen, dass er diese Persönlichkeit für den Aufsichtsrat von Hannover 96 gewinnen konnte.

zentralplus: Wie ist das für Sie eigentlich nach Ihren Jahren bei Ulm und Frankfurt, endlich wieder Bundesliga-Luft zu schnuppern?

«Es ist dort tatsächlich alles sehr flach.»

Andermatt: Es ist eigentlich von der Sache her das Gleiche, den Verein, den Fussball ins Zentrum zu stellen. Nur ist die Dimension Bundesliga eine andere und extrem faszinierend.

zentralplus: Wie gefällt Ihnen Hannover als Stadt? Hannover gilt ja als kühle norddeutsche Stadt, wo einem der Regen hin und wieder sogar horizontal in Gesicht peitscht. Berge hat’s auch keine. Kann da ein Schweizer überhaupt existieren?

Andermatt: Ja, es ist dort tatsächlich alles sehr flach. Der nächste Berg, der in der Nähe wäre, ist der Harz. Aber von dort kann man Hannover dann nicht mehr sehen. Andererseits ist Hannover eigentlich eine sehr schöne und angenehme Stadt. Es hat ein Flair aus alt und neu, es gibt viele Grünflächen, das Sprengel-Museum, den Herrenhäusergarten, das Schloss. Man vermarktet die Stadt noch zu wenig gut. Sie ist ein bisschen eine graue Maus. Aber die Fussballatmosphäre in Hannover mit jeweils 49’000 Zuschauern pro Heimspiel ist beeindruckend.

zentralplus: Haben Sie dort eine Wohnung?

Andermatt: Nein, ich habe nur eine Unterkunft. Denn ich bin maximal zehn Tage am Stück oben in Hannover. Ansonsten reise ich viel umher in Sachen Fussball.

zentralplus: Würde es Sie nicht reizen, nochmals als Trainer aktiv zu werden? Ihre Karriere haben Sie ja beim FC Emmenbrücke begonnen und bei Zug 94 vorerst beendet.

«Ich könnte mir vorstellen, auch wieder als Trainer zu arbeiten. Vielleicht eher als Trainer einer Nationalmannschaft.»

Andermatt: Die Aufgabe, die ich jetzt habe, ist extrem spannend. Aber ja, ich könnte mir vorstellen, auch wieder als Trainer zu arbeiten. Vielleicht eher als Trainer einer Nationalmannschaft.

zentralplus: Apropos Nationalmannschaft. Die Schweiz hat sich jüngst wieder für die WM qualifiziert. Was sagen Sie dazu?

Andermatt: Das ist nicht selbstverständlich. Darauf können wir stolz sein. Ich habe das erste Barrage-Spiel in Belfast live miterlebt. Das war extrem spannend. Den Erfolg haben wir unter anderem auch unseren Topspielern zu verdanken, die alle im Ausland spielen.

Martin Andermatt kommt noch regelmässig nach Zug, wo seine Familie lebt.
Martin Andermatt kommt noch regelmässig nach Zug, wo seine Familie lebt. (Bild: woz)

zentralplus: Aber was muss die Schweiz tun, damit sie es endlich mal ins Viertelfinale eines grossen Turniers schafft?

Andermatt: Also, das Spiel bei der letzten WM gegen Argentinien war sehr knapp. Da fehlte das Glück. Aber vielleicht muss die Mannschaft, die technisch sehr gut spielt, einfach mental noch viel mehr wollen. Nicht im entscheidenden Moment nach Entschuldigungen suchen. Noch mehr Teamgeist zeigen. Bisher hat die Mannschaft oft im Ich-AG-Modus gespielt. Dabei hat man jetzt in der Qualifikation gemerkt, dass viele Spieler der Mannschaft etwas in Sachen Image zu verlieren gehabt hätten, hätten sie sich nicht qualifiziert. Nicht zuletzt braucht die Nati dringend einen Mittelstürmer, der Tore schiesst.

zentralplus: Vielleicht müssten einige Spieler sich auch einfach mehr mit der Schweiz identifizieren. Beim Abspielen der Nationalhymne singt ja über die Hälfte der Mannschaft gar nicht mit. Wie war das bei Ihnen, als Sie in der Nati spielten?

«Ich habe immer mitgesungen.»

Andermatt: Ich habe immer mitgesungen. Ich habe neulich über dieses Thema mit Johann Vogel, dem Nachwuchstrainer der U18, gesprochen. Bei ihm mussten alle Spieler am 1. August den Schweizerpsalm singen. Ich bin überzeugt, dass wieder eine Generation an jungen Spielern heranwächst, welche die Nationalhymne gerne mitsingt. Das Mitsingen der Hymne kann tatsächlich eine Art Identifikation mit der Schweiz zum Ausdruck bringen – und vielleicht auch die mentale Motivation stärken. Und kann zeigen, dass man sich als Spieler auch nach aussen zur Nationalität bekennt.

zentralplus: Für viele Spieler ist das Geld immer wichtiger für ihre Motivation. Was halten Sie davon, dass immer höhere Ablösen bezahlt werden für Spieler, wie etwa die 222 Millionen Euro, die dieses Jahr Paris St. Germain für Neymar berappt hat?

Andermatt: Topspieler wie Neymar sind wie Popstars, die ihre Leistungen bringen. Wenn diese Topgehälter erhalten, ist das für mich nicht so ein Problem. Ich sehe ein Problem vielmehr darin, dass mittelmässige Spieler zu teuer bezahlt sind. Letztendlich hängt es von den Vereinen ab, mit welchen Zielsetzungen sie arbeiten wollen.

zentralplus: Aber selbst Bayern München hat ja Probleme, da mitzuhalten …

Andermatt: Wenn etwa Bayern München sich dazu entschliessen würde, bei diesen Topsummen für Spitzenspieler nicht mitzumachen, muss sich der Verein eben bewusst sein, dass er vielleicht die nächsten drei Jahre die Champions League nicht attackieren kann. Unterm Strich sind es sowieso nur vielleicht zehn Vereine in Europa, die solche Schwindel erregenden Summen für Spieler bezahlen können. Der Rest bewegt sich mehr oder weniger auf Normalniveau.

zentralplus: Und was ist mit den Nachwuchsspielern? Haben die angesichts dieser Explosion der Gehälter und der bezahlten Ablösesummen überhaupt noch eine Chance, zum Einsatz zu kommen? Es gibt derzeit eben nur einen Mbappé und einen Sané.

Andermatt: Im Nachwuchsbereich braucht es sicher noch mehr Ausbildner. Man muss die jungen Spieler gut ausbilden, damit sie eine Chance haben, zum Einsatz zu kommen. Damit es genügend Plätze in der Schweiz als Ausbildungsliga gibt. Es hängt natürlich auch von der Philosophie der Vereine ab, ob sie der Jugend eine Chance geben. Vereine wie Mönchengladbach und Schalke zeigen, welche Früchte eine intensive Nachwuchsarbeit zeitigt. Diese jungen, gut ausgebildeten Spieler können dann auch ohne Qualitätsverlust in die Mannschaft eingebaut werden.

«Von der Fähigkeit her könnte Nicolas es sicher in die Bundesliga schaffen.»

zentralplus: Ihr Sohn Nicolas spielt ja derzeit in der vierten Liga bei 1860 München. Derzeit kuriert er gerade eine Schulterverletzung aus. Wohin kann Ihrer Meinung nach noch sein Weg führen? Wird es ihm einmal reichen für die Bundesliga?

Andermatt: Ich bin von seinen Fähigkeiten überzeugt, und das nicht aus der Sicht eines Vaters. Auch seine Einstellung und seinen Willen konnte er in Deutschland weiterentwickeln. Es braucht Trainer, die ihn fördern, es braucht den richtigen Moment im richtigen Verein. Die Passion für die Bundesliga hat er. Nicolas hat über 90 Spiele in den letzten drei Jahren im zentralen Mittelfeld absolviert, vor einem Publikum mit teilweise regelmässig 13’000 Zuschauern.

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist Aufsichtsratschef bei Hannover 96.
Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist Aufsichtsratschef bei Hannover 96. (Bild: zvg)

zentralplus: Was muss ein Trainer heute mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Andermatt: Ein Trainer muss am Wochenende mit seiner Mannschaft gewinnen. Er muss Menschen begleiten und führen können. Er muss authentisch sein und klare Ansprachen haben. Er muss lösungsorientiert arbeiten. Er muss die nötige Härte zeigen, gleichzeitig aber genug Herz haben, seine Spieler zu erreichen, sie zu begleiten und zu verbessern können, und er muss ein Stück Verkäufer und Schauspieler sein.

zentralplus: Uff, das ist eine ganze Menge. Was sagen Sie da zur Revolution der Alten? Stichwort Heynckes.

Andermatt: Alt oder jung – das finde ich – spielt keine so grosse Rolle. Heynckes hat eine riesige Erfahrung und ein gutes, ehrliches Verhältnis zu seinen Spielern. Er sagt, was er will. Und er sagt nicht, was er nicht will. Er findet eine Sprache, mit der er Zugang zu seinen Spielern bekommt, und das nicht nur zu den deutschen Spielern. Deutschland hat eine ganz spezielle Fussballmentalität, an der vielleicht Carlo Ancelotti, der ein sehr guter Trainer ist, scheiterte.

«Bis zu einem gewissen Punkt kann man Erfolge tatsächlich planen.»

zentralplus: Und wer wird der Nachfolger von Heynckes? Klopp? Tuchel? Nagelsmann?

Andermatt: Also Jogi Löw wird es sicherlich nicht. Vielleicht kommt auch der Trainer von Atletico Madrid nach München – wegen seiner Emotionen und seiner Leidenschaft. Es ist davon abhängig, was der Verein will. Guardiola brachte Spielkultur. Heynckes stärkt nun wieder die Psyche der Spieler. Man darf gespannt sein, welche Entwicklung Bayern für die Zukunft einschlagen wird.

zentralplus: Derzeit gibt eine ganz andere Massnahme im Fussball zu reden – der Videobeweis. Was halten Sie davon?

Das Runde muss ins Eckige: Sportmanager Horst Heldt und Sportaufsichtsrat Martin Andermatt.
Das Runde muss ins Eckige: Sportmanager Horst Heldt und Sportaufsichtsrat Martin Andermatt. (Bild: Florian Petrow)

Andermatt: Die Torkamera finde ich sehr gut. Dann würde ich allerdings einschränken. Die Videokamera käme nur bei einem Torerfolg zum Einsatz. Um zu klären: War es Abseits oder nicht? Und bei klaren Tätlichkeiten. Ansonsten sollten wir Menschen – sprich: Schiedsrichter – erziehen, die auch für ihre Fehler einstehen. Persönlichkeiten werden sicher nicht erzogen, wenn man alle Entscheidungen abgeben will.

zentralplus: Sie befassen sich den ganzen Tag mit Fussball. Woran denken Sie, wenn Sie mal nicht an Fussball denken müssen?

Andermatt: An meine tolle Familie mit unseren beiden Enkelsöhnen, die jetzt dreieinhalb Jahre und drei Monate alt sind.

zentralplus: Was wäre Ihr Traum für die Zukunft? Dass Hannover Meister wird?

Andermatt: (lacht) Das wäre kurzfristig sehr schön. Langfristig würde ich mir vielleicht wünschen, wieder mehr operativ tätig sein zu können.

zentralplus: Und wer wird nächstes Jahr Fussballweltmeister?

Andermatt: (überlegt lange) Ich weiss nicht, ob es Deutschland schafft, zweimal hintereinander zu gewinnen. Das wäre bekanntlich ein Novum. Aber ich traue es Deutschland im schwierigen Umfeld Russland zu, weil Jogi Löw schon lange in der Planung steckt. Und bis zu einem gewissen Punkt kann man Erfolge tatsächlich planen.

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