Der Steinhauser Paolo Videtta findet, die «Senatoren» müssen weg. Im Hintergrund der Trophäenschrank im Centro Italiano. (Bild: lob)
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Der Steinhauser Paolo Videtta findet, die «Senatoren» müssen weg. Im Hintergrund der Trophäenschrank im Centro Italiano. (Bild: lob)

WM ohne die «Azzurri» – so leiden die Italiener in Zug

8min Lesezeit

Zum ersten Mal seit 1958 verpasst die italienische Nationalmannschaft wieder einmal eine Weltmeisterschaft. Die Tränen von Gianluigi Buffon gingen schon um die Welt – wie steht es um die Gemütslage der Italiener in Zug? Wir waren da und haben mitgelitten.

Für jeden Fan der «Squadra Azzurra» ereignete sich gestern Abend wohl ein kleines Drama: Trotz deutlichem Chancenplus und Kampfgeist brachten Immobile und Co. bis zum Schluss kein Tor zustande – und so lösten am Ende die Schweden das Ticket nach Russland.

Es war vermutlich auch das letzte Spiel von Goalie-Legende Gianluigi Buffon, und es hat denkbar schlecht geendet. «Mir tut es vor allem leid, weil wir etwas verpasst haben, was auch auf sozialer Ebene für uns wichtig gewesen wäre» sagte ein aufgelöster Gigi Buffon gleich nach dem Spiel zum italienischen Fernsehsender «Rai Uno».

Nicht mittun zu können wird die fussballverrückte Nation ganz schön ägern, ausserdem hat das Nationalteam oftmals eine stark einigende Wirkung ausgeübt. Gelitten haben bestimmt auch die Italiener in Zug – deshalb gehe ich auf Stimmenfang. Ich will wissen, woran es bloss lag.

Der Tag danach

Die Bilanz im Haushalt der Autorin des Textes: Eine ramponierte Fernbedienung – und der Schaden blieb nur deshalb klein, weil gerade ein Softball als Anti-Stress-Objekt bereitlag. Nach dem Champions-League Finale (ich bin Juve-Fan) schmerzt nun abermals die Fussball-Seele. Vermutlich wäre am Turnier nicht extrem viel zu erreichen gewesen, aber eine WM ohne die «Azzurri», das habe ich noch nie erlebt. Die wenigsten vermutlich, ist es doch seit dem letzten Mal gut sechzig Jahre her.

So hatte er sich den Abgang nicht vorgestellt: Buffon konnte die Tränen nach dem Spiel nicht zurückhalten.
So hatte er sich den Abgang nicht vorgestellt: Buffon konnte die Tränen nach dem Spiel nicht zurückhalten. (Bild: Screenshot Rai)

Dass dies das letzte Spiel von Buffon, Barzagli und De Rossi gewesen sein soll – den Weltmeistern von 2006 – tut weh. Wahrscheinlich werden mehr Rücktritte folgen, und das ist eigentlich auch gut so. Die sind nötig, aber allen voran im Verband und auf der Trainerbank. Es braucht einen Generationenwechsel, aber unter Ventura und Verbandschef Tavecchio – die auf den italienischen Gazzetten treffend als «Mumien» bezeichnet werden – wird und kann er nicht passieren.

Das Hinspiel war das Problem

Auf dem Weg ins Centro Italiano unterhalte ich mich mit einem Bekannten. «Ich bin viel eher wütend als enttäuscht», meint Luigi Radi aus Steinhausen. Die Qualifikation sei nicht gestern verloren gegangen, sondern im Hinspiel in Schweden. «Die Aufstellung war schlicht falsch, die Positionen stimmten nicht, die Leidenschaft hat gefehlt.» Die gestrige Leistung sei nicht schlecht gewesen – umso schlimmer, irgendwie. «Auf diese Art das Ticket an die WM zu verpassen, tut weh. Die Chancen waren da.»

«Die Italiener auf der ganzen Welt haben gestern geweint.»

Giuseppe Pantaleone, Besucher des Centro Italiano

Schlecht weg kommt Trainer Ventura: «Der hatte nicht mal den Mut, sich zu präsentieren.» Tatsächlich schickte er Buffon für das obligatorische Interview nach dem Spiel vor und erschien selbst erst mit Verspätung zur Pressekonferenz. « Ma vattene», meint Luigi Radi an seine Adresse - hau doch ab! Diesen Gefallen dürfte ihm der Ex-Torino-Trainer bald tun, die Chancen auf einen Verbleib sind gleich Null. Die Nachfolger? «Ich hoffe auf Ancelotti oder eine Rückkehr von Antonio Conte», sagt Radi.

«Es ist zum Heulen»

Mittlerweile bin ich beim Centro Italiano in Zug an der Metallstrasse angekommen. Als ich kurz vor 15 Uhr eintreffe, ist gerade nicht viel los. Ein Herr und sein Sohn stehen am «Billiardino», dem Töggelikasten, zwei weitere am Tresen. Ich bestelle einen Espresso und teile der Dame hinter der Bar mein Vorhaben mit. «Ich habe das Spiel Gott sei Dank nicht gesehen und Fussball ist sowieso nicht so mein Ding», meint sie.

Giuseppe Pantaleone aus Baar ist enttäuscht: «Ich habe nach dem Spiel wirklich kaum geschlafen.»
Giuseppe Pantaleone aus Baar ist enttäuscht: «Ich habe nach dem Spiel wirklich kaum geschlafen.» (Bild: lob)

«Was ist mit Ihnen?», wende ich mich an den Herrn an der Bar. «Leider ja, aber müssen Sie davon anfangen? Gerade ging es mir besser», witzelt er gutmütig. Und legt dann doch los: «Es ist zum Heulen. Schon das Hinspiel war schrecklich, das Ausscheiden jetzt die Krönung. Die Italiener auf der ganzen Welt haben gestern geweint», sagt der Baarer Giuseppe Pantaleone. Ein anderer Gast kommt mit einem Keks in der Hand herein und grüsst ihn mit der Bemerkung, er habe bisher noch nichts essen können, so genervt sei er gewesen. «Ach, der hat es noch gut. Ich habe die ganze Nacht kaum geschlafen», erzählt uns Pantaleone weiter. Das Bild vom schluchzenden Buffon sei einfach zu viel für ihn gewesen.

«Ach was, besser, wir lachen drüber. Soll sie heulen, oder wir alle?»

Paolo Videtta, Besucher des Centro Italiano

Verband und Trainer sollen Abgang machen

Langsam kommen Gäste hinzu, und ich wage mich noch an einen Vierertisch, an dem gerade ein «Scopa»-Spiel begonnen wurde. «Liest denn das auch wirklich jemand?» fragt einer der Spieler, den wir befragen möchten – wir bejahen. Und noch bevor wir anfangen zu diskutieren, kochen die Emotionen schon hoch. «Hanno fatto schifo», sie waren Scheisse, meint einer. All diese Alten sollen nach Hause gehen: Spieler, Trainer, Verband, allesamt, doppelt sein Gegenüber nach.

Besucher des Centro Italiano beim «Scopa»-Spiel, welches sie nach der angeregten Diskussion wieder aufgenommen haben.
Besucher des Centro Italiano beim «Scopa»-Spiel, welches sie nach der angeregten Diskussion wieder aufgenommen haben. (Bild: lob)

Der Vierertisch ist mittlerweile umrundet, gut über zehn Herren diskutieren wild durcheinander. Von «unterirdische Leistung» bis «gestern stimmte der Einsatz» ist alles dabei. Einig ist man sich vor allem in einem Punkt: Man soll endlich auf die Jungen setzen, die Jungendarbeit fördern – und Trainer und Verbandspräsident sollen den Hut nehmen. Und sich bald möglichst zum Teufel scheren.

«Das ist nicht witzig!»

Minuten später soll das Kartenspiel losgehen und wir räumen den Platz. Paolo Videtta winkt mich an den Nebentisch und zeigt auf den freien Platz – er möchte gern noch mehr erzählen. Wir setzen uns nochmals hin und fachsimpeln darüber, dass die Misere schon seit dem zweiten Spiel gegen Spanien begonnen hat. Keine Ideen, zu viele Formationswechsel, meint der Mann, der seit 51 Jahren in Steinhausen lebt. Redet sich richtig in Rage, und irgendwann müssen wir grinsen. Das sei doch nicht witzig, schimpft plötzlich der Sitznachbar, der bisher nicht wirklich mitgetan hat.

«Was bis dahin bleibt? Hopp Schwiiz!»

Meine Fussball-Gesprächspartner unisono

«Ach was, besser, wir lachen drüber. Soll sie heulen, oder wir alle?» verteidigt mich Videtta, noch bevor ich was dazu sagen kann. Vielleicht auch, weil wir inzwischen herausgefunden haben, dass ich mit seinem Enkel zur Schule gegangen bin. Wir plaudern noch etwas weiter und bekommen ein Foto. «Wir Italiener sind etwas blöd», meint er. Weil sie sich immer zu schnell erwärmen und Spieler loben würden. Aber am Ende? «Nein nein, da muss alles neu werden», meint auch Videtta abschliessend.

Und bis dahin? Bleibt nur «Hopp Schwiiz», befindet der Fussball-Rat. Wir pflichten bei, bezahlen den Espresso und ziehen von dannen. Durch die verbindende Schimpftirade nun etwas besänftigt.

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