Sie traten schon mal wie wild in die Pedale: Radprofis bei der Teampräsentation. (Bild: woz)
Sport Essen und Trinken

Sie traten schon mal wie wild in die Pedale: Radprofis bei der Teampräsentation. (Bild: woz)

9min Lesezeit

Aller guten Dinge sind drei: Nach Rotkreuz und Baar startet die Tour de Suisse, das viertgrösste Profi-Radrennen der Welt, zum dritten Mal im Kanton Zug. Bei der Eröffnung des Velo-Volksfests war eines schon zu spüren – der Wettergott ist definitiv ein Chamer. Und die Kulisse auf dem ehemaligen Papieri-Areal sehr speziell.

Wolfgang Holz

Man muss schon ein bisschen suchen und um die Häuser ziehen, bis man letztendlich auf dem Festgelände der Chamer Tour de Suisse angelangt. Verwinkelt, hinter alten Fabrikmauern mit riesigen Schloten, die in den blauen, sonnesatten Himmel starren, öffnet sich einem schliesslich eine bunte Szenerie an Ständen und Zelten.

Es mag vielleicht so mancher Tour-de-Suisse-Gast angesichts dieses abgelebten Industriecharmes auf den ersten Blick die Nase rümpfen. Der zweite Blick lässt einen erkennen, welch unglaubliches Potenzial in dieser Brache schlummert.

«Ich glaube, dass viele Chamer zur Tour de Suisse hier aufs Festgelände kommen, weil sie neugierig sind, wie es hier aussieht.»

Bruno Werder, alt Chamer Gemeindepräsident

Das sieht auch Bruno Werder, alt Chamer Gemeindepräsident, sofort. Ein frisch gezapftes Bier in der Hand, lässt er seinem visionären Geist freien Lauf. «Ich glaube, dass viele Chamer zur Tour de Suisse hier aufs Festgelände kommen, weil sie neugierig sind, wie es hier aussieht. Das ist die beste Werbung für die Umgestaltung des Papieri-Areals zu einem neuen Stadtteil.»

Bekanntlich werden sich in einigen Jahren auf diesen zwölf Hektaren Land neue Gewerbebetriebe ansiedeln und Wohnungen gebaut werden – auf dem grössten städtischen Entwicklungslabor im Kanton Zug quasi. Eine Mammutaufgabe.

Reto Pfister und seine Familie geniessen die Tour de Suisse im offenen Festzelt.
Reto Pfister und seine Familie geniessen die Tour de Suisse im offenen Festzelt. (Bild: woz)

Doch zurück zur Gegenwart des Mammut-Rad-Events. Noch hat sich nicht viel Volk versammelt an den Ständen und im grossen Veranstaltungszelt an den Tischen. Doch die Besucher tröpfeln zusehends aufs Festgelände. Vor allem viele Familien mit Kindern.

An einem Tisch lässt es sich gerade Reto Pfister aus Zug mit seiner Familie gut gehen. Die kleine Nathalie kaut wohlig auf Pommes frites und Bratwurst. Ihre Schwester Fabienne wartet schon ganz ungeduldig auf die Präsentation der Fahrerteams.

«Ich bin ein absoluter Radsport-Fan und bin selbst früher Radrennen gefahren – natürlich nicht so erfolgreich wie die Fahrer hier», sagt Reto Pfister und strahlt. Er nimmt seine Familie stets mit zu solchen Rad-Grossereignissen.

«Wenn das Wetter gut ist und wir bei solchen Veranstaltungen an der frischen Luft sein können, ist die Familie glücklich.»

Barbara Pfister, Zug

Er ist öfters schon mit dem Wohnwagen an der Tour de France gewesen, um die ganz Grossen des Radsports aus nächster Nähe anfeuern zu können – etwa am Mont Ventoux oder in Alpe d’Huez. «Wenn das Wetter gut ist und wir bei solchen Veranstaltungen an der frischen Luft sein können, ist die Familie glücklich», meint Ehefrau Barbara und lächelt. Eigentlich interessiert sie sich nicht so fürs Radfahren.

 

Gut gebrutzelt: Güggeli-Parade in der Festwirtschaft.
Gut gebrutzelt: Güggeli-Parade in der Festwirtschaft. (Bild: woz)

Aber was soll’s. An diesem herrlich warmen und sonnigen Freitagabend ist es eigentlich egal, wo man gerade draussen sitzt und es sich gut gehen lässt. Da macht sogar das Arbeiten Spass.

Markus Daase vom RMV Cham-Hagendorn, dem örtlichen Radverein, kellnert heute Abend zusammen mit seinen Vereinskollegen. «Das ist eine tolle Sache und ich bin stolz, dass so eine grosse Rad-Veranstaltung wie die Tour de Suisse nach Cham gekommen ist.» Sagt’s und stellt ein weiteres kühles Bier auf den Tisch.

«Damals habe ich noch 30 Models an der Tour de Suisse aufgeboten.»

Charly Werder, früherer Chamer Model-Papst

Dabei ist die Tour de Suisse nicht zum ersten Mal in Cham. «Schon 1984 gastierte das Rennen in Cham», erinnert sich Charly Werder wehmütig. Das Chamer Urgestein sitzt elegant auf einer knallroten Vespa, an der jugendlich-lässig ein schwarzer Helm am Lenker wippt. «Damals habe ich noch 30 Models aufgeboten», sagt der Ennetseer Model-Papst, der jahrzehntelang eine eigene Agentur führte. Selbst Heidi Klum im zarten Alter von 17 Jahren habe er damals unter seinen Fittichen gehabt.

Dann zeigt er plötzlich mit dem Finger auf die Fahnenstangen im Zielfinish der Tour de Suisse, wo Fabian Cancellara gegen Amateure im Jedermann-Rennen antritt. «Die Fahnenstangen sind ja ganz nackt, die haben vergessen, die Chamer Flaggen aufzuhängen», bemerkt Werder ein bisschen enttäuscht. Dann setzt sich der 70-Jährige seinen Helm auf und fährt mit der Vespa weg – als wäre er noch immer erst 17. Wow!

Eine spezielle Kulisse: Auf dem Papieri-Areal.
Eine spezielle Kulisse: Auf dem Papieri-Areal. (Bild: woz)

Doch die Gegenwart zählt. Und da zeigt sich Chams Gemeindepräsident Georges Helfenstein sichtlich happy, dass es das Schicksal so gut mit Cham meint. «Das gute Wetter haben wir reserviert, die Location ist perfekt mit dem Papieri-Areal, und alle Helfer haben geschuftet wie die Affen!», flachst er in bester Stimmung vor der «Gümmeler-Bar». Dort herrscht um diese Uhrzeit allerdings noch kein Halligalli. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Denn bis zwei Uhr morgens darf der «Chomer Bär» ja auf dem Fabrikareal toben.

Beste Voraussetzungen für gut gelauntes Velo-Volksfest

Das Festgelände bietet neben leckeren kulinarischen Angeboten und der Festwirtschaft ein grosses Village an – mit Kids World und Velo-Expo. Im Show-Zelt sorgt ein attraktives Rahmen- und Musikprogramm für gute Unterhaltung. Beste Voraussetzungen also für ein gut gelauntes Velo-Volksfest neben den beiden sportlichen Etappen am Samstag und Sonntag.

«Dieser Sport ist mir zu irgendwie zu chemisch.»

Tour-de-Suisse-Besucher aus Hünenberg

Von diesem einladenden Flair lassen sich selbst Radrenn-Muffel wie jener Hünenberger anstecken, der gerade einsam an einem Biertisch sitzt und seine Wurst genüsslich in den Senf tunkt. «Ich bin eigentlich nur so zufällig hier vorbeigekommen, weil ich gesehen habe, dass es hier etwas zu essen und trinken gibt», bekennt der Velofahrer. Für den Radsport selbst interessiert er sich nicht so: «Dieser Sport ist mir irgendwie zu chemisch.» Sagt’s und blinzelt in die Sonne.

Derweil geben die Radprofis schon mal einen Vorgeschmack auf die Kraft, die in ihren Waden schlummert. Sie strampeln bei der Präsentation der Fahrerteams auf Rennvelos um die Wette. Den Gästen wird’s dabei fast schwindlig vom Zuschauen – so schnell treten die gertenschlanken Athleten in die Pedale. Und doch ist es irgendwie auch kurios. Denn da die Profis jeweils auf stationären Rennvelos ohne Vorderrad sitzen, kommen sie gar nicht vom Fleck. Keinen einzigen Zentimeter.

Das weitere Programm der Tour de Suisse in Cham

Am Samstag, 10. Juni, startet die Tour de Suisse mit einem Jedermann-Rennen, an dem jeder teilnehmen und auf dem sechs Kilometer langen Einzelzeitfahrkurs gegen Ex-Radprofi Fabian Cancellara antreten kann. Um 13.35 Uhr starten dann die Profis zum Einzelzeitfahren. Die Siegerehrung ist um 17.30 Uhr, der Festbetrieb beginnt schon um 9 Uhr und dauert bis 2 Uhr nachts.

Zweite Etappe über 172 Kilometer durch den Kanton Zug

Am Sonntag, 11. Juni, um 13.14 Uhr, starten die Radprofis der Tour de Suisse dann zu ihrer zweiten, 172 Kilometer langen Etappe durch den Kanton Zug. Sie fahren dabei dreimal durch Cham: um 14.15 Uhr, um 15.17 Uhr und um 16.19 Uhr. Zielankunft und Siegerehrung ist um 17.30 Uhr. Der Gastrobetrieb mit Unterhaltung startet wieder um 9 Uhr und dauert bis 20 Uhr.

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