Géraldine Reuteler (im blauen Dress) gilt als grosses Talent im Schweizer Frauenfussball (Bild: zVg).
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Géraldine Reuteler (im blauen Dress) gilt als grosses Talent im Schweizer Frauenfussball (Bild: zVg).

Géraldine Reutelers kompromisslos direkter Weg an die Spitze

7min Lesezeit

Géraldine Reuteler gilt als das grosse Talent der FCL-Frauen. Doch der Weg war für die 18-Jährige Nati-Debütantin nicht mit Blumen geschmückt. Warum nimmt die junge Frau seit ihrem 12. Lebensjahr die vielen Strapazen in Kauf, wenn am Schluss trotz hervorragender Leistung kaum Anerkennung winkt?

Géraldine Reuteler hat erreicht, wovon viele gleichaltrige Männer nur träumen können: Sie ist gerade mal 18-jährig und spielt schon seit über zwei Jahren in der Nationalliga A der FCL-Frauenmanschaft. In der Schweizer Nationalmannschaft, wo sie kürzlich debütierte, schoss sie bereits in ihrem zweiten Spiel zwei Tore. Sie gilt als grosses Talent und erkämpft sich ihren Weg. Auch unter widrigen Umständen. Denn der Weg zur Spitze war nicht immer einfach.

Reuteler und die Bubenteams

«Meine Mutter hat getanzt. Also hat sie mich ins Ballett geschickt», erzählt Reuteler. Sie hat es dort keine Woche ausgehalten. «Viel lieber habe ich im Garten Fussball gespielt.» Also hat sie Ballettschuhe gegen Stulpen und Nockenschuhe getauscht und ist dem FC Stans beigetreten. «Weil es damals nur wenige Mädchen gab, die auch Fussball spielten, spielte ich bis ins Alter von 13 Jahren in einem Bubenteam».

Eine ganz neue Situation war das Bubenteam für die junge Fussballerin nicht: Reuteler ist mit vier Brüdern aufgewachsen und hat schon früh gelernt, sich durchzusetzen. «Das hat mir auch im Fussballklub geholfen», erzählt die Stürmerin.

«Cool, dann sieht man die Tattoos auch», sagt Reuteler zu diesem Bild (Bild: zentralplus).
«Cool, dann sieht man die Tattoos auch», sagt Reuteler zu diesem Bild (Bild: zentralplus).

Sportschule ja oder nein?

Schnell zeigte sich ihr Talent und genau so schnell zogen die Förderstrukturen des Fussballs: Reuteler wurde in die regionale Auswahl aufgenommen und bald schon stellte sich die Frage, ob für eine Fussballerin wie Reuteler nicht die Sportschule in Erwägung gezogen werden sollte.

«Kriens war für mich damals keine Option.» Huttwil habe mit besserer Betreuung gelockt: Die heutige Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg trainierte die Nachwuchshoffnungen. «Also gab es für mich nur die Auswahl Huttwil oder keine Sportschule. Huttwil bedeutete aber auch, mit zwölf von zuhause weg zu sein.» Heute bereut sie die Entscheidung nicht, aber damals sei es schon nicht einfach gewesen, sich für diesen Weg zu entscheiden, erzählt Reuteler. «Meine Eltern und ich haben das lange besprochen. Doch schliesslich schien es das Richtige zu sein».

Mit zwölf Jahren nur noch am Wochenende zuhause

Also zog die damals Zwölfjährige zu einer Gastfamilie in Huttwil, absolvierte sieben Trainings in fünf Tagen und beendete nebenbei die Sekundarschule. Nur an den Wochenenden war sie zuhause. «Huttwil hat mich fussballerisch enorm weitergebracht», sagt sie heute, wenn sie an die Zeit denkt. Ausserdem sei sie durch die neue Lebenssituation schon früh selbstständig geworden. Nach zwei Jahren zog sie weiter nach Biel und beendete dort das letzte Jahr der Sportschule.

Im Video ist ein besonders schönes Tor von Reuteler zu sehen.

 

Gleichzeitig wechselte Reuteler vom FC Stans zum FC Luzern und kam mangels Alternative auch da in ein Knabenteam. Ab da war es erstmals vorbei mit der Unbeschwertheit. «Es war schwierig, sich als einziges Mädchen in eine Mannschaft zu integrieren, in der viele Spieler schon lange zusammen trainierten.» Ihre Teamkollegen hätten nicht mit ihr gesprochen, sie einfach ignoriert. Ein Jahr lang. «Das hat mir auch etwas die Freude am Spiel genommen», sagt Reuteler. Doch sie habe gewusst, dass sie dort profitieren könne und so zog sie es durch. Training für Training, Match für Match.

Frauenfussball ist nicht selbstverständlich

So gesehen war der Wechsel zur Frauenmannschaft des FCL für Reuteler eine Befreiung, aber auch keine Selbstverständlichkeit. «Mittlerweile gibt es viel mehr Mädchen und Frauen, die Fussball spielen. Das Niveau steigt, und damit auch der Druck auf die Leistung, die man in der ersten Mannschaft bringen muss». Sich gegen die manchmal über zwölf Jahre älteren Spielerinnen zu behaupten, sei schon eine Herausforderung. Aber eine positive, sagt Reuteler.

Géraldine Reuteler in Aktion (Bild: zVg).
Géraldine Reuteler in Aktion (Bild: zvg).

Die FCL-Frauen

2014 unterzeichneten der damalige FCL-Präsident Ruedi Stäger und der damalige Sportchef Alex Frei eine Absichtserklärung, die damaligen Frauenteams auf die Saison 2016/17 hin in den Profibereich der FC Luzern-Innerschweiz AG einzugliedern. Im November 2016 erhielt der Vorstand der FCL-Frauen die Rückmeldung des Verwaltungsrates, dass eine Integration nicht möglich sei. Daraufhin trat der gesamte Frauen-Vorstand inklusive Trainer zurück (zentralplus berichtete). So stand auch das Team rund um Reuteler ohne Perspektiven da. «Für mich war immer klar, dass noch etwas kommen muss. Dennoch waren wir zuerst wütend. Es konnte einfach nicht sein, dass es das Ende des Luzerner Frauenfussballs gewesen wäre», sagt Reuteler.

Mittlerweile sich mithilfe des Innerschweizer Fussballverbandes (IFV) und des nationalen Verbandes SFV eine Lösung gefunden. Fachlichen Support erhalten die FCL-Mädchen und -Frauen aus dem SFV von Monica Di Fonzo (Juniorinnen-Auswahl-Trainerin) und Patrick Bühlmann (Technischer Leiter IFV). Definitiv gerettet ist der Luzerner Frauenfussball dennoch nicht: Noch müssen die neuen Vorstandsmitglieder an einer ausserordentlichen Generalversammlung bestätigt werden und neue Verträge erhalten.

Heute ist die Stürmerin im zweitletzten Ausbildungsjahr des KV bei den Frei’s Schulen und seit kurzem auch im Aufgebot der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft. Sie trainiert sechs Mal die Woche bei den FCL-Frauen. «Vom Aufwand her ist das mit einer Männermannschaft der Super League zu vergleichen.»

Dass die Frauen im Gegensatz zu den Männern keine fixe Kabine zur Verfügung haben, sich glücklich schätzen können, wenn sie einen guten Rasenplatz fürs Training bekommen und nicht im Traum an die Saläre ihrer Kollegen herankommen, scheint die junge Frau nicht sonderlich aufzubringen. «Das ist einfach so. Ich weiss nicht, was es bräuchte, damit sich das ändert», sagt Reuteler. Aus ihr scheint auch ein wenig die Machtlosigkeit zu sprechen, dass der Frauenfussball in Luzern nicht selbstverständlich ist (siehe Box).

Keine Liebesbriefe, aber eine grosse Liebe

Wie es mit ihr weiter geht, wenn die Ausbildung einmal fertig ist, weiss sie noch nicht. «Das geht ja auch noch ein Jahr», sagt sie fast entschuldigend. Erst einmal geniesse sie es, in der Nati an der Seite ihres grossen Vorbildes – Lara Dickenmann – zu spielen. Die Bereitschaft, für den Fussball auch nach der Ausbildung zurückzustecken, hat die FCL-Spielerin. «Ich würde den Fussball auch ins Ausland gehen und mein Leben hier aufgeben», sagt Reuteler.

Doch wofür all diese Strapazen? Diese Stunden auf dem Fussballplatz, wenn am Schluss weder finanzielle Unabhängigkeit noch wirkliche Anerkennung winken? Denn obwohl ihre sportliche Leistung konstant ist und sie sich langsam aber sicher auch in der Nationalmannschaft zurecht findet, hält sich auch die Bewunderung von gleichaltrigen Männern für ihr Können in Grenzen. «Liebesbriefe stapeln sich also keine bei mir zuhause», sagt Reuteler und lacht. Aber das sei auch nicht nötig. Es gehe ihr nicht um Anerkennung oder gar Geld. «Fussball ist ganz einfach meine Leidenschaft.»

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