Christian Bönisch verfolgt als blinder Zuschauer das FCL-Spiel. (Bild: pel)
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Christian Bönisch verfolgt als blinder Zuschauer das FCL-Spiel. (Bild: pel)

Wie ein blinder FCL-Fan den Live-Match erlebt

10min Lesezeit

Fussball kann man nicht nur schauen, sondern auch hören und fühlen. Zentral wird dies, wenn der oder die Betroffene nichts sieht. zentralplus war mit einem sehbehinderten Luzerner am FCL-Spiel gegen den FC St. Gallen. Die Reportage.

Rund 11’000 Menschen schauen sich im Schnitt die Heimspiele des FC Luzerns auf der Allmend an. Dabei liegt der Fokus durchaus auf dem Verb «schauen», also der optischen Wahrnehmung des Geschehens auf dem Spielfeld. Was aber, wenn dieser Sinn nicht funktioniert? zentralplus begleitete am Ostermontag einen Luzerner zum FCL-Spiel gegen St. Gallen, der dieses gerade nicht mit seinen Augen wahrnimmt.

Netzhautablösung und Grauer Star

Christian Bönisch ist 32 Jahre alt und kommt aus dem ländlichen Hochdorf. Bereits als Kind erkrankte sein rechtes Auge am Grauen Star, einer Schädigung des Sehnervs im Auge. Mit 16 Jahren erlitt dann zusätzlich sein gesundes Auge eine Netzhautablösung, wobei dieses dann vollkommen erblindete. Das rechte Auge kann zwischen zwei und fünf Metern gewisse Sachen wahrnehmen, was darüber hinausgeht, bleibt Bönisch grösstenteils verborgen.

Wir treffen uns bereits vor dem Spiel beim Bahnhof Luzern, von wo aus wir gemeinsam mit dem Zug zum Stadion fahren. Bönisch kennt den Weg. «Ich nehme immer den hintersten Wagen des ersten Zugs», erklärt er. «Dann steigt man in der Allmend direkt bei der Treppe aus und muss diese nicht erst suchen.» Die Menschenmenge scheint ihm nichts auszumachen und man merkt, dass die Leute sehr hilfsbereit sind, wenn jemand mit dem weissen Stock daherkommt.

Von Zürich in die Zentralschweiz

Aufgewachsen ist Bönisch in Zürich, wo er als Junior selber für den SV Seebach im Tor stand. Zu jener Zeit besuchte er mit seinen Freunden öfters die Spiele des FC Zürich. Erst nachdem er mit sechzehn Jahren die normale Schule verlassen musste und nach Baar in den Sonnenberg – eine Schule für sehbehinderte Menschen – ging, zog es ihn zum FCL. «Bereits im Letzigrund habe ich aber viele Spiele der Luzerner gesehen», erzählt er, seit 2003 geht er regelmässig auf die Allmend.

«Wir legen viel Wert darauf, dass unser Publikum die Spiele verfolgen kann, auch wenn jemand ein Handicap besitzt.»

Daniel Frank, PR-Manager FC Luzern

Nach der obligatorischen Schule machte Bönisch das KV bei einer Krankenversicherung und bildete sich später weiter zum medizinischen Masseur. Zurzeit arbeitet er in einer Physiotherapiepraxis in Steinhausen. Nächstes Jahr wird er aber seine eigene Praxis in Ballwil eröffnen. Bereits jetzt hat er sein Büro so umgebaut, dass er Patienten empfangen kann.

Nicht nur Fussball

Fussball ist nicht seine einzige Leidenschaft, auch für die Spiele des EV Zugs interessiert er sich und besucht regelmässig das Stadion. Die Bossard-Arena sei aber wesentlich weniger blindentauglich als die Allmend. So gibt es dort etwa kein Radio, das die Spiele für sehbehinderte Menschen übersetzt. «Das ist aber nicht so tragisch», erklärt Bönisch – durch das geschlossene Stadion, die Nähe zum Spielfeld und die laute Geräuschkulisse, welche durch Puck und Schläger entstehen, bekomme er auch so viel vom Spiel mit.

Ganz anders sieht das beim FCL aus. «Wir legen viel Wert darauf, dass unser Publikum die Spiele verfolgen kann, auch wenn jemand ein Handicap besitzt», erklärt Daniel Frank, PR-Manager des FCL. Das Stadion wurde nach der Norm «Hindernisfreie Bauten» realisiert und so gibt es 32 Rollstuhlplätze, die gratis bezogen werden können. Ebenfalls lädt der FCL einmal im Jahr die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern an ein Spiel ein.

Ab in die Kurve

Wir gehen aber in den Stehbereich. «Hier bekomme ich viel mehr vom Spiel mit», sagt Bönisch, an der Stimmung und den Reaktionen der Fans könne er ganz gut den Spielverlauf erfahren. Bereits kurz nach Anpfiff zeigt sich, wie viel er so vom Spiel mitbekommt. «Das war jetzt ein Foul gegen uns», erklärt er, «das hört man an den Pfiffen und das Publikum fordert eine gelbe Karte und jawohl, jetzt zeigt er sie.»

So tönt es auf der FCL-Tribüne. Es läuft ein Angriff der St. Galler, der Applaus am Ende gebührt FCL-Goalie Jonas Omlin:

 

Oftmals sind es gerade die Geräusche, auf die man als Sehender weniger achtet, die viel über das Geschehen auf dem Platz verraten. Etwa erklingt bei jedem Corner ein Horn oder wenn die Gästefans lauter trommeln, ist St. Gallen wahrscheinlich in der Vorwärtsbewegung. Hört man dann noch «Uii»- und «Neiii»-Rufe, steht die eigene Abwehr schlecht und die Gegner kommen zu gefährlichen Szenen im Strafraum.

Zur Mitte der ersten Halbzeit versandet das Spiel dann etwas zu einem Mittelfeldgeplänkel und man hört ausser den Fangesängen sehr wenig von den Rängen. «Man merkt gut, dass die Zuschauer ihren Fokus nicht mehr 100 Prozent auf dem Spiel haben», erzählt Bönisch, «wenn ich jetzt alleine da wäre, würde ich das Radio einschalten, damit ich mitbekomme, was auf dem Spielfeld geschieht.»

Seit 2011 hat der FCL ein eigenes Radio eingeführt, welches zuerst die Heimspiele und jetzt jeden Match der Luzerner live kommentiert. «Uns ist es wichtig, dass alle möglichst viel vom Spiel mitbekommen», erklärt Frank und mit dem Radio könne das auch für sehbehinderte gewährleistet werden. Auch für alle anderen Fussballverrückten lohnt es sich durchaus, den schlagfertigen Moderatoren zuzuhören.

Reinhören lohnt sich:

 

Neben dem offiziellen Radio, das nicht voll und ganz neutral kommentiert, gibt es seit dieser Saison auch «Radio Blind Power», das jeweils ein Spiel pro Super-League-Runde überträgt und sehbehindertengerecht kommentiert. Der Stream kann live gehört oder irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt heruntergeladen werden. «Wir setzen bewusst auf eine andere Technik als in anderen Ländern, wo nur per Kopfhörer im Stadion das Programm empfangen werden kann», erklärt Yves Kilchör – Mitbegründer von Radio Blind Power. Das gäbe zwar für den Zuhörer eine Verzögerung von knapp 12 Sekunden, was aber kaum störe, man bekomme in erster Linie durchaus positives Feedback.

Beim FCL-Radio ist die Verzögerung mit 3 bis 8 Sekunden etwas kürzer. «Wir wollen aber in Zukunft wieder mit einer UKW-Station arbeiten», erklärt Frank, damit die Verzögerung ganz verschwindet. Es gäbe durchaus sehbehinderte Fans, die immer genau wüssten, wo der Ball ist. «Wenn dann der Kommentar hinterherhinkt, kann das durchaus störend sein», meint Frank.

Verschiedene Stadien – verschiedene akustische Kulissen

Nach der Halbzeitpause geht es zum Glück wieder etwas mehr zur Sache. Zumindest lässt sich dies aus der Geräuschkulisse schliessen. «Es scheint, als kommen beide Mannschaften mit etwas mehr Elan aus der Kabine», erklärt Bönisch und dazu komme das Publikum, das frisch verpflegt auch wieder mehr Schwung und Lust zum Singen habe.

«Fussball ohne Gesänge in einem Stadion ist unglaublich langweilig, wenn man nichts sieht.»

Christian Bönisch, blinder FCL-Fan

Die aufkommende Stimmung ist dabei sicherlich in erster Linie den Fans geschuldet, aber auch die Architektur des Stadions spielt hier mit. «Die einzelnen Stadien haben immer auch einen ganz eigenen Charakter in ihrer Akustik», erklärt Bönisch. Dabei ist für ihn das neue Stadion der alten Allmend bei Weitem überlegen. «Hier gibt es wesentlich mehr Druck», erzählt er, da das Stadion rundherum geschlossen sei und über den Zuschauerplätzen bedacht. Aber auch gegen die Zwischenlösung im Gersag könne sich das neue Stadion behaupten, obwohl es dort einen ganz eigenen Charme hatte, so wie die kleinen englischen Stadien, wo man gefühlt ganz nah am Spielfeld ist.

Späte Tore und ein Sieg

Ebenfalls englischen Charakter hat die Fankurve von Luzern, die trotz des wieder nachlassenden Spiels der Luzerner die Stimmung hochhält und weitersingt. Das sei für ihn ein wichtiger Faktor eines Fussballspiels, versichert Bönisch, «Fussball ohne Gesänge in einem Stadion ist unglaublich langweilig, wenn man nichts sieht».

Derweilen mausert sich der FCL zur ersten Torchance dieser Halbzeit und Hekuran Kryeziu trifft prompt aus der zweiten Reihe ins Tor. Das Stadion brodelt nun und auch Bönisch jubelt voll mit. Beim Mitsingen gibt es im ganzen Sektor keine Grenzen mehr und es wird richtig laut. Das stört Bönisch aber kein bisschen, «zu laut ist mir eigentlich nie». Vielmehr fühle man jetzt den Fussball so richtig und das Spiel scheint nach längerem passivem Hin und Her endlich den Verlauf zu nehmen, den er sich wünsche. Als dann noch Cédric Itten gegen Ende zum 2:0-Endstand trifft, ist die Stimmung perfekt. Vom restlichen Spiel bekommen wir nicht mehr viel mit, da nun alle feiern und selbst der Schlusspfiff in den Gesängen untergeht.

Die FCL-Fans freuen sich über den Heimsieg:

 

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