Eine Gruppe von 250 bis 300 FCL-Fans lief mit einem als Jude verkleideten Frontmann durch St. Gallen. (Bild: fan-foto.ch)
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Eine Gruppe von 250 bis 300 FCL-Fans lief mit einem als Jude verkleideten Frontmann durch St. Gallen. (Bild: fan-foto.ch)

«Hier wurde eine Grenze überschritten»

5min Lesezeit

FCL-Präsident Ruedi Stäger verurteilt den fragwürdigen Auftritt von ein paar hundert FCL-Fans aufs Schärfste. Auch Fanarbeiter Christian Wandeler meldet sich zu Wort. Eine Gruppe von 250 bis 300 Fans lief am vergangenen Sonntag mit einem als Jude verkleideten Frontmann durch St. Gallen. Antisemitisch? Nein, einfach ein «Chabis». 

Es war ein seltsames Bild, das sich am vergangenen Sonntag vor dem Super-League-Spiel zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Luzern zeigte. Anhänger des Luzerner Fussballklubs jagten einen symbolisch als Juden stilisierten «St. Galler» durch die Stadt St. Gallen. Geschmacklos? Antisemitisch? Präsident Ruedi Stäger und Fanarbeiter Christian Wandeler nehmen Stellung. 

Vorfall wird aufs Schärfste verurteilt

Die Polizei hatte die Situation am Sonntag mitverfolgt. Gegenüber «20 Minuten» sagte Stadtpolizei-Sprecher Dionys Widmer, es seien zwischen 250 und 300 FCL-Fans gewesen. Und der Fanmarsch sei friedlich verlaufen. «Momentan laufen allerdings Ermittlungen wegen möglicher rassistischer Tatbestände», so Widmer. Es werde nun Bildmaterial ausgewertet und möglicherweise werden Personen angezeigt. 

Ruedi Stäger, Präsident des FC Luzern, ist darüber gar nicht glücklich. Er verurteilt die Aktion aufs Schärfste und nimmt gegenüber zentral+ Stellung.

zentral+: Herr Stäger, war das ein schlechter Fasnachtswitz? Was sagen Sie zu dieser Aktion?

Ruedi Stäger: Die Clubleitung will sich da ganz klar distanzieren. Es ist genau das, was wir uns nicht wünschen von der Fan-Szene. Fasnacht hin oder her. Man darf nicht auf rassistische oder antisemitische Parolen einstimmen. Wenn so viele Fans zur gleichen Zeit einen solchen Jux machen wollen, das ist einfach nur deplatziert. 

zentral+: Wie kann man diese Verbindung eigentlich herstellen: St. Gallen und Jude? 

Stäger: Ich kann es nicht. Es gibt seit ein paar Jahren den Spruch bei den Fans, der immer mal wieder hochkommt. Etwas mit Fahnen, Textilindustrie und Judentum. Auf der anderen Seite singen die St. Galler Fans Reime mit Luzerner in Verbindung mit Konzentrationslagern. Beides ist geschmacklos.

zentral+: Rund 250 bis 300 Fans stellen sich dahinter. Das gibt nicht gerade ein gutes Bild ab. 

Stäger: Nein, überhaupt nicht. Sie zeigen sich solidarisch mit dem, was präsentiert wurde.

Update: Fanclub verurteilt die Aktion scharf

Der Fanclub USL gilt als die treibende Kraft hinter den meisten Aktionen der hartgesottenen FCL-Fans. Sämtliche Choreos etwa an Heim- und Auswärtsspielen werden über diese Ultra-orientierte Vereinigung organisiert. Am Freitagabend nun hat der USL die Vorkommnisse in St. Gallen dezidiert verurteilt. Auf der Webseite www.us-luzern.ch nimmt der Fanclub wie folgt Stellung: «Die USL distanziert sich von den anti-semitischen Vorkommnissen anlässlich des letzten Auswärtsspiels in St. Gallen. Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren setzt sich die USL mit Vehemenz dafür ein, dass in der Luzerner Fankurve politischer Extremismus und Diskriminierungen aller Art keinen Platz mehr haben.

Dieses Engagement zeigt Erfolg, traten gravierende rassistische und antisemitische Vorfälle in der Luzerner Kurve in den letzten Jahren nicht mehr auf. Allerdings kommt es auf diesem steinigen Terrain auch immer wieder zu Rückschlägen. Der Vorfall in St.Gallen ist ein solcher Rückschlag, bei dem es sich um eine derbe und pietätlose Provokation Richtung St. Gallen handelte. Wir bedauern es sehr, dass wir bei dem Vorfall zu wenig schnell eingegriffen haben und das Problem erst im Stadion in den Griff bekamen. Wir stellen uns der berechtigten Kritik aufgrund der Vorkommnisse auch mit einem internen Aufarbeitungsprozess, der bereits am letzten Wochenende begonnen hat.»

zentral+: Ist Antisemitismus weit verbreitet bei den Fans? 

Stäger: Nein. Ich würde sagen, entschieden nicht. Vielleicht ein paar Sprüche hie und da, aber bös gemeinte, rassistische Züge haben wir in unserer Fangemeinschaft noch nicht feststellen können. 

zentral+: Ein solcher Auftritt ist auch fürs FCL-Image nicht so toll.

Stäger: Nein, das ist einfach ein Chabis. Jetzt, wo wir wirklich den Fokus auf das Fussballspiel brauchen, wo es um die Wurst geht, müssen wir uns mit solchen Sachen befassen. 

zentral+: Wer ist verantwortlich für diese Szene? 

Stäger: Hier sind wir noch daran, das Ganze zu analysieren. Ich habe heute morgen noch mit der Fanarbeit gesprochen, wie ihre Aufgabe hier wahrgenommen wurde. Selbstverständlich hat sich die Fanarbeit gegen die Aktion zu wehren versucht. Das läuft aber manchmal aus dem Ruder. Wenn die Masse das durchziehen will, kann die Fanarbeit nichts erreichen. 

zentral+: Wie geht es jetzt weiter? 

Stäger: Wir sind im Dialog und versuchen herauszufinden, warum und wieso das passieren konnte. Und nochmals: Ich kann mir nicht vorstellen, dass in unseren Fangruppierungen antisemitische Züge herrschen. 

«Keine Ideologie dahinter»

Christian Wandeler, Leiter der Fanarbeit Luzern, war am Sonntag mit dabei. Er habe zwar interveniert, hätte aber nichts verhindern können. Auch Wandeler verurteilt die Aktion und sagt, dass sich viele Teilnehmer der Tragweite der Aktion gar nicht bewusst gewesen seien.

«Auch unter den Fans haben seit Sonntag einige Diskussionen stattgefunden. Man wollte vielleicht lustig sein, was ziemlich daneben ging. Hier wurde eine Grenze überschritten. Wirklich ernster ideologischer Rassismus gibt es aber bei den Fans nicht.»

Heute hat die Clubleitung zudem dieses Video online gestellt: 

 

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