Seit Mai befindet sich an der Luzerner Bruchstrasse ein Pop-up-Laden. (Bild: sah)
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Seit Mai befindet sich an der Luzerner Bruchstrasse ein Pop-up-Laden. (Bild: sah)

Mathematik «walk in» als neue Geschäftsidee

5min Lesezeit

Das Luzerner Bruchquartier ist um eine Zwischennutzung reicher. Der Pop-up-Laden sticht dem Betrachter vor allem durch seine mathematischen Formeln im Schaufenster ins Auge. Ganz spontan finden hier Schüler Antworten auf ihre Fragen zum Matheunterricht.

Sara Hensler

Im Luzerner Bruchquartier reihen sich Kreativköpfe neben Exzentriker, Kinderspielplätze neben kunstvollen Lädelis. In diese bunte Mischung fügt sich seit Anfang Mai auch der «Mathe im Schaufenster»-Laden nahtlos ein.

Das Konzept ist Teil eines dreiteiligen Pop-up-Ladens, der bis Ende Juli an der Bruchstrasse 45 eingemietet ist. Für rund drei Monate finden sich Mathe-Laden, ein Motivationscoach und eine weitere Mieterin unter einem Dach, bevor sie einem Secondhandladen weichen müssen.

Auf dem Schaufenster ist ein rechtwinkliges Dreieck mit dem Satz des Pythagoras sowie eine x- und y-Achse aufgezeichnet. Während hierbei noch einige Glocken aus früheren Mathestunden läuten, kommen spätestens bei Gleichungen wie f(x)= 1/2x-3 auch längst verdrängte Traumata an die Oberfläche.

Doch Hilfe ist nicht fern: im Innern wartet Kathrin Gerhard. Die 30-Jährige ist für Schülerinnen, die bei Mathematik an ihre Grenzen stossen, zur Stelle. Ganz spontan erhält man für 15 Franken Hilfe, kann fragen, was das Zeug hält (und solange das Zeug hält).

Fast wie im eigenen Wohnzimmer

Wo komplizierte Aufgaben gelöst werden, da lässt sich gleichzeitig auch gemütlich verweilen. Gerhard richtete sich eine Art Wohnzimmer mit Tisch, Sofa, Teppich und diversen Pflanzen ein. «Es ist halt wie ein Wohnzimmer, nur mit Whiteboard», erklärt Gerhard lachend.

«Mathematik ist extrem dankbar. Es gibt da meist nur ein Richtig.»

Ein bewusstes Vorgehen Gerhards: «Ich möchte, dass Schüler ganz spontan bei mir vorbeikommen, um Mathefragen klären zu können.» Dies können konkrete Fragen oder ganze Prüfungsvorbereitungen sein, bei denen sie gerne unter die Arme greift.

Im Innern hat sich Kathrin Gerhard ein eigenes kleines Wohnzimmer für ihr «Mathe im Schaufenster»-Konzept.
Im Innern hat Kathrin Gerhard ein eigenes kleines Wohnzimmer für ihr «Mathe im Schaufenster»-Konzept eingerichtet. (Bild: sah)

Mit Passion für Zahlen und Formeln

Von der strengen Lehrerin ist bei ihr nicht viel zu spüren. Ausser vielleicht ihre Passion für Zahlen und Formeln. «Mathematik ist extrem dankbar. Es gibt da meist nur ein Richtig, nicht wie bei einem Deutschaufsatz, bei dem es mehrere Abstufungen für die Bewertung gibt», so Gerhard.

Zu «Mathe im Schaufenster»

Der Pop-up-Laden ist (mit wenigen Ausnahmen) von Mai bis Ende Juli jeweils am Mittwoch, Freitag und Samstag von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Schüler jeden Alters und jeder Klassenstufe sind willkommen, welche (Nach-)Hilfe bei mathematischen Fragen benötigen. Pro Schüler und Tag kostet das Ganze 15 Franken, bleiben kann man, solange man will.

Da der Stoff extrem aufeinander aufbaut, könne bei Schülern schon mal der eine oder andere metaphorische Zug abfahren. «Es ist nicht wie in der Biologie, wo man je nach Thema schlecht und dann wieder gut ist», ergänzt Gerhard. Mit Motivation und etwas Anstrengung sei jedoch alles zu schaffen. Auch auf ihrer Seite, immerhin muss sie sich innert wenigen Sekunden in ein gewisses mathematisches Beispiel einfinden – und Auskunft geben.

«Bisher kam noch keine Frage, die mich an meine Grenzen brachte», so Gerhard. Sie ergänzt: «Aber klar gibt es mathematische Probleme, die auch ich nicht verstehe.»

Die in Deutschland geborene Gerhard gibt schon seit ihrer Gymnasialzeit und intensiv seit ihrem Physikstudium an der ETH Zürich Nachhilfeunterricht. Nach einem Exkurs in die Versicherungsbranche hat sie den Weg zurück an die Schule gefunden. Mittlerweile arbeitet sie als Gymnasiallehrerin in Zug.

Im Unterricht bleiben einige auf der Strecke

Was Gerhard als Pop-up aufbaut, soll auch nach der begrenzten Zeit an der Bruchstrasse weitergeführt werden. «Mein Wunsch wäre es, ein Café zu eröffnen, wo in lockerer Atmosphäre Mathe gelernt werden und seine Fragen direkt bei der Bedienung klären kann.» Die jetzige Zwischennutzung an der Bruchstrasse sei eine Vorstufe zu diesem Konzept und eine gute Abwechslung zu ihrem Lehrerinnenberuf.

«Es gibt absolut keine dummen Fragen. Es ist nur dumm, gar nicht erst zu fragen.»

Bisher seien noch nicht sonderlich viele Leute in ihren neuen Laden gekommen, aber Gerhard bleibt zuversichtlich. Erst kürzlich seien zwei Maturandinnen gekommen, um sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Die Hemmung vor dem Stoff und vor allem vor dem Fragenstellen hätten die beiden nach spätestens zwei Stunden abgelegt. «Es gibt aber absolut keine dummen Fragen. Es ist nur oft dumm, gar nicht erst zu fragen», meint die Luzernerin.

«Entweder man hat irgendeinen Denkschritt mal ausgelassen oder etwas Grundsätzliches noch nicht verstanden», so Gerhard. «Da ist es wichtig, dass die Schülerinnen keine Abwehrhaltung gegenüber der Mathematik entwickeln.» Denn wenn es einmal so weit sei, könne das im Schulunterricht nicht mehr durchbrochen werden – nicht zuletzt, weil dort die Zeit für individuelle Förderung oftmals nicht ausreiche.

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