Angefangen zu fotografieren hat die Griechin vor einigen Jahren. Damals noch mit dem Handy. (Bild: wia)
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Angefangen zu fotografieren hat die Griechin vor einigen Jahren. Damals noch mit dem Handy. (Bild: wia)

Jeden Tag zieht sie los und sucht die Schönheit Zugs

13min Lesezeit

Jeden Tag zieht Alexandra Bilisi in Zug los. Schnappt sich ihre Kamera und spaziert dem See entlang. Auch wenn es regnet oder schneit. Allein wegen ihrer Bilder sind schon Leute aus Katar nach Zug angereist.

«Es wird schneien», sagt Alexandra Bilisi, als sie die Möwen beobachtet, die tief über der Wasseroberfläche fliegen. Die Griechin steht am Ufer des Zugersees und schaut sich um. Mit ihrer roten Jacke und dem roten Haar bildet sie einen Kontrast zum Weiss und Grau des heutigen Tages. Am Tag zuvor hatte es geschneit, nun liegt die Stadt Zug unter mehreren Zentimetern Schnee.

Es ist beissend kalt. Dies scheint Bilisi jedoch nicht zu spüren. Ihr Blick ist aufmerksam, bereit, einen besonderen Moment, ein besonderes Licht mit ihrer Kamera einzufangen. Nicht nur die bezaubernden Sonnenuntergänge interessieren sie. Im Gegenteil. Auch die kalten und nassen Tage haben es ihr angetan. Jeden Tag ist sie mit ihrer Kamera und dem Stativ unterwegs. Zu jeder Tageszeit, doch besonders gern in der Dämmerung.

«Ich liebe diese Stadt», sagt Bilisi, die gerade durch ihre Kamera linst, um das menschenleere Seeufer einzufangen. Was etwas abgedroschen klingt und wie etwas, das man als Tourist nach zwei Tagen Zug im Hochsommer sagen würde, meint sie aus tiefstem Herzen. Doch die Frau, die gerade ihr Stativ auspackt, hinausschaut auf die Wasseroberfläche und dabei wie beiläufig sagt: «Jeder Moment hier ist ein Geschenk», ist keine Touristin. Bilisi lebt seit elf Jahren in Zug. Eine «Liebe auf den ersten Blick» sei es gewesen.

Schönheit durch Einfachheit

Mit dieser Stadt, deren Schönheit in ihrer Einfachheit läge, wie sie sagt. Und genau diese Einfachheit nimmt sie mit in ihre Bilder. Bilder, die Zug zeigen, wie es ist. Mal stürmisch. Mal sonnig. Oder so wie heute, ganz grau und still, ohne viel Spektakel. Und dann führt uns Bilisi vor die «bekannteste Pfütze Zugs». Bitte was? «Wenn man von unten her fotografiert, entstehen wunderschöne Spiegelungen», sagt sie, und legt uns gleich den Beweis vor. Fotografiert die Pfütze, die verschneiten Bäume und das Regierungsgebäude via Wasseroberfläche, und stellt so flugs die Welt auf den Kopf. «Im Prinzip ist alles Geometrie», sagt sie wie zu sich selber, während sie einen guten Moment abwartet.  

Immer wieder tauchen auch Menschen in Bilisis Fotos auf, immer sind sie unkenntlich. «Mir ist die Privatsphäre der Leute sehr wichtig. Darum mag ich Silhouetten besonders.» Oder Jogger, die versehentlich ins Bild rennen.

Über 4'000 Bilder aus Zug

Eine Auswahl der Fotos, die Alexandra Bilisi täglich schiesst, teilt sie auf Instagram und so mit 2'500 Menschen, die ihr folgen. Über 4'000 Bilder zählt ihr Account mittlerweile, fast alle wurden in Zug aufgenommen, sich selbst zeigt die Fotografin nie im Bild. Und praktisch immer erzählt die Fotografin etwas über ihre Fotos. Über ihre Beobachtungen und Begegnungen. Denn deren gibt es viele.

«Die Leute hier sind sehr freundlich. Es ist leicht, ins Gespräch zu kommen», sagt sie, während wir der Seepromenade entlangschlendern. Das erstaunt, ist doch Zug nicht im Geringsten dafür bekannt, dass man hier leicht Menschen kennenlernt. Doch das Kennenlernen scheint Bilisi leichtzufallen. Vielleicht auch, weil es ihr so wichtig ist.

«Was sehen Sie?»

Alexandra Bilisi, Amateurfotografin aus Zug

«Viele Menschen ziehen aus geschäftlichen Gründen nach Zug oder weil die Steuern tief sind. Sie fahren überall mit dem Auto hin, nehmen sich keine Zeit, anzuhalten, sich umzuschauen und die Schönheit dieses Ortes zu erkennen», sagt sie. «Ich wünschte mir, dass diese Leute keine Fremden bleiben, sondern zu einem Teil der Bevölkerung werden.»

Die Griechin hält plötzlich an. «Was sehen Sie?», fragt sie, und deutet auf den grauen See. Nun. Eine bald einsetzende Dämmerung, verschwindende Berge, ein Schiff, in dem wohl Gäste sitzen. «Ich sehe Farben. Grau. Fast blau. Und drei Bojen, die gelbe Akzente setzen und ein Dreieck bilden. Geometrie!», sagt sie. Sie stellt ihr Stativ auf und fotografiert.

«Letztlich ist alles Geometrie», sagt Alexandra Bilisi über die Fotografie.
«Letztlich ist alles Geometrie», sagt Alexandra Bilisi über die Fotografie. (Bild: wia)

Beruflich berät die Anwältin Unternehmen, insbesondere solche, die sich auf Luxusmärkte spezialisieren. Oft nimmt sie ihre Kunden mit auf die Spaziergänge. «‹Vergesst das Auto›, sage ich zu ihnen», was viele erstaune. «Ich zeige meinen Kunden Zug zu Fuss. Ich zeige ihnen schöne Orte, gutes Glace und die besten Marroni. Auf diese Art beginnen viele, die Stadt ins Herz zu schliessen.»

Vom Fehler, Luxus mit Geld zu verbinden

Unternehmensberatungen für Luxusmärkte: Das will für uns nicht so recht ins Bild dieser Frau passen, die stundenlang draussen in der Kälte steht, mit selbstgestricktem Schal und Handschuhen, und auf das richtige Licht wartet. Denn genau das tut sie in diesem Moment. Das Stativ steht auf dem Steg, um uns herum Möwen, die sich mit dem Schnee arrangieren und des Frühlings harren.

«Wir machen häufig den Fehler, das Wort Luxus mit Geld in Verbindung zu bringen», sagt Bilisi, und führt aus: «Luxusgüter sind immer limitiert. – Wie es auch Fotografien sind. Denn nie ist die Situation gleich. Weiter geht es im Luxusbereich um persönliche Betreuung, um Wertschätzung.» Und auch hier zieht sie die Verbindung zum Fotografieren: «Ich schätze die persönlichen Kontakte dabei sehr und versuche, jeden Menschen mit Respekt und Achtung zu behandeln. Auf den Fotos und auch im Gespräch. Völlig unabhängig davon, wie sie aussehen.»

Ein Follower kam extra aus Katar

Mit ihren Fotos findet die Zugerin weltweit Anklang. «Es sind schon Leute allein wegen meiner Fotos nach Zug gereist. Aus Deutschland oder Frankreich, jemand sogar aus Katar», sagt sie. Und immer wieder gebe es Leute, die sich aufgrund der Fotos bewusst auf die Suche nach Bilisi machen. – Und sie auch finden.

Bereits mehrere Minuten lang steht die Griechin auf dem Steg. Das Licht hat sich verändert, alles ist noch grauer als vorhin. In den Häusern gehen immer mehr Lichter an. Ein einzelnes Paar steht auf einem anderen Holzsteg und fotografiert sich selbst. Alexandra Bilisi nutzt die Gunst der Stunde und knipst das Paar aus der Distanz und mit langer Belichtungszeit. Weil sich die zwei Menschen währenddessen bewegen, sind ihre Gesichter unscharf. «Sehr gut», sagt sie. «So bleibt ihre Identität verborgen.»

«Ich bin ja nicht aus Zucker.»

Alexandra Bilisi

Die Hobbyfotografin kontrolliert die Einstellungen, bevor sie eine Häuserzeile in Szene setzt. Mit der Dunkelheit wird es noch kälter, als es ohnehin ist. Alexandra Bilisi murmelt etwas abwesend: «Bei schlechtem Wetter fragen mich die Leute häufig, ob es mir nicht zu kalt oder zu nass sei. Aber ich bin ja nicht aus Zucker.» Dann beginnt es zu schneien.

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