Anzug plus Rollkoffer: eine typische Zuger Ansicht – nicht nur auf dem Bahnhof. (Bild: woz)
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Anzug plus Rollkoffer: eine typische Zuger Ansicht – nicht nur auf dem Bahnhof. (Bild: woz)

Der Rollkoffer – das Zuger Markenzeichen der anderen Art

8min Lesezeit

Paris hat den Eiffelturm. London die Towerbridge. Und Zug? Die Kirschtorte, tiefe Steuern – sowie rund 60'000 Pendler, die jeden Tag einfallen. Viele von ihnen erkennt man auf Anhieb – an ihrem Rollkoffer. Doch in diesen befinden sich längst nicht immer nur Business-Utensilien oder Kosmetiksachen.

Wolfgang Holz

Sie sind fast wie die Lemminge. Zu Tausenden überrennen sie Zug Tag für Tag. Die Pendler. Auch wenn die meisten von ihnen mit dem Auto kommen. Viele der anderen, die mit dem Zug unterwegs sind, haben ein Markenzeichen: den mehr oder weniger schicken Rollkoffer. Oder besser gesagt – das Rollköfferchen.

Wenn die Plastikrädchen über den Asphalt donnern

Kombiniert mit einem schwarzen Anzug und schwarzen Schuhen verkörpern sie und ihre Schieber oder Zieher den klassischen Businessman. Das weibliche Pendant ist die Dame in ihrem Deux Pièces, die auf High Heels vor ihrem Rollköfferchen dahinstöckelt.

Man hört die Rollkoffer mit den Plastikrädchen schon in aller Frühe über den Asphalt donnern – so mancher im Kanton Zug braucht morgens nicht einmal mehr den Wecker zu stellen. Wenn die Rollkoffer-Armeen mobil machen, ist das nicht zu überhören, und der Zuger Arbeitstag beginnt zu pulsieren. Selbstverständlich gibt es auch in anderen Städten viele Rollkofferfahrer – doch in Zug sind es eben besonders viele Pendler.

Pendelt täglich von Bern nach Zug: ein Deutscher im Investment-Business.
Pendelt täglich von Bern nach Zug: ein Deutscher im Investment-Business. (Bild: woz)

Wobei es verschiedene Techniken des Rollkoffer-Fahrens gibt. Die coolste ist wohl die, mit Highspeed durch die Bahnhofshalle zu brausen und dabei das fahrende Köfferchen einhändig durch die Menschenmenge zu manövrieren – ungefähr so, wie Ben Hur mit seinem fünfspännigen Streitwagen durch den Circus Maximus preschte.

«Ich pendle jeden Tag von Bern nach Zug und wieder zurück.»

Deutscher Pendler

Der sympathische Deutsche mit dem schwarzen Rollkoffer, der gerade am Zuger Bahnhof auf seinen Zug wartend über sein Smartphone streicht, ist so ein Business-Nomade. Er hat sein Ziel – den Perron – schon erreicht und befindet sich im kurzzeitigen Ruhemodus. Seinen Namen verrät er zentralplus nicht. Dafür sagt er, dass er in der Investmentbranche in Zug arbeitet.

«Ich lebe schon 20 Jahre in der Schweiz und pendle jeden Tag von Bern nach Zug und wieder zurück.» Ganz schön stressig. In seinem Koffer auf Rädern hat er seinen Laptop verstaut. «Plus Papier und Regenschutz.»

Freut sich auf das Wochenende in Milano: Nadine.
Freut sich auf das Wochenende in Milano: Nadine. (Bild: woz)

Auf dem Perron am Gleis vier hat gerade eine schwarze Schönheit ihren knallgelben «Renner» vor sich parkiert. Sofort lässt sie aber mit leicht säuerlicher Miene und blitzenden Augen erkennen, dass ihr Rollkoffer nur sie, aber wirklich nur sie und niemand anderen zu interessieren hat. 

Nach Milano-Centrale

Eine andere junge Frau mit Rollkoffer im Zebra-Look ist dagegen weit besser drauf. «Ich fahre übers Wochenende für ein paar Tage weg – das ist mein Reisegepäck. Ansonsten brauche ich keinen Rollkoffer.» Sagt's, lächelt und stöpselt sich zurück zu ihrer Musik auf dem Smartphone.

«Da sind lauter Schulsachen drin.»

Javid aus Küssnacht

Auch Nadine befindet sich schon gut gelaunt im Ferienmodus. Sie wartet am Gleis zwei auf den Zug nach Milano-Centrale. Sie ist Lehrerin und hat nur Klamotten in ihrem Koffer drin. Die Mettmenstetterin freut sich sichtlich auf ihren Kurztrip übers Wochenende. «Ich nehme eigentlich nur auf Reisen einen Rollkoffer – weil ich den wegen meiner Hüftprobleme besser bewegen kann als eine schwere Tasche.»

Lauter Schulsachen im Rollkoffer: Javid.
Lauter Schulsachen im Rollkoffer: Javid. (Bild: woz)

Wobei – Rollkoffer ist eben nicht gleich Rollkoffer in Zug und muss nicht immer gleich «Money» und «Business» bedeuten. Das beweist Javid. Der hagere Twen im weissen T-Shirt ist sichtlich geschafft. Am Perron nippt er an einer Red-Bull-Dose. Sein Rollkoffer scheint tonnenschwer – so ausgebeult ist er.

«Da sind lauter Schulsachen drin», versichert der gebürtige Afghane aus Küssnacht am Rigi. Er komme immer nur freitags nach Zug – ans Gewerblich-industrielle Bildungszentrum Zug (GIBZ). «Ich mache eine Lehre als Automobilassistent», sagt er stolz. Dann fährt sein Zug ein.

Aktenordner und Papierstapel in Klarsichthüllen

Auch Buelo, ein anderer junger Erwachsener mit Baseball-Käppi, hat in seinem flotten Rollkoffer lauter Schulsachen drin. Er absolviert eine Gipser-Lehre und lernt ebenfalls am GIBZ.

Gipser-Lehrling Buelo hat auch einen Rollkoffer.
Gipser-Lehrling Buelo hat auch einen Rollkoffer. (Bild: woz)

Ein anderer «Suitcase-Man» zieht sogar den Zipper an seinem Gefährt auf, wo Aktenordner und Papierstapel in farbigen Klarsicht-Hüllen durcheinanderpurzeln. «Nein, nein, das dürfen Sie auf keinen Fall fotografieren, und mich auch nicht.» Schade.

Angehende Homöopathin

Am meisten Rollkoffer auf dem Zuger Bahnhof findet man eindeutig am Gleis vier, wo die Züge Richtung Luzern verkehren. Einen ganz besonderen hat Edith neben sich stehen. Sie geniesst die Abendsonne und ist gerade in einen Artikel einer Gratis-Zeitung vertieft.

Edith aus Luzern möchte Homöopathin werden.
Edith aus Luzern möchte Homöopathin werden. (Bild: woz)

«Dieser Rollkoffer ist viel praktischer und bietet mehr Platz als diese kleinen schicken Hochglanzköfferchen. Ausserdem hat er grössere Räder», sagt sie und streicht mit ihrer Hand liebevoll über das rote Wägelchen, das schon fast die Ausmasse eines Golf-Caddies hat. Edith ist angehende Homöopathin und studiert in Zug am SHI ahsu der Homöopathie. «Ich habe vor allem Schulzeug und Essen drin.»

Fürs Wochenende nach «Germany»

Es wird später. Langsam lässt der Pendler-Exodus nach. Die Rollkoffer werden weniger. Der Freitag-Feierabend hat begonnen. Auch Liz will ihn feiern – ja sogar verlängern. Und fährt deshalb für ein Wochenende nach «Germany». Ihr Rollkoffer ist voller «clothes». Sie arbeitet bei einer Zuger Pharma-Firma. «Normalerweise brauche ich keinen Koffer.» Jetzt schon.

Fährt für eine Woche nach Germany: Liz – natürlich mit Rollkoffer.
Fährt für eine Woche nach Germany: Liz – natürlich mit Rollkoffer. (Bild: woz)

 

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