Carlos Eichmann prägt das «Magdi» seit 30 Jahren – und hat in dieser Zeit viele, sehr viele Carajillos zubereitet. (Bild: jal)
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Carlos Eichmann prägt das «Magdi» seit 30 Jahren – und hat in dieser Zeit viele, sehr viele Carajillos zubereitet. (Bild: jal)

Nach 200'000 Carajillos sucht «Magdi»-Beizer neuen Barchef

8min Lesezeit

Die Szenebeiz Magdalena in der Luzerner Altstadt sucht ein neues Gesicht für die Bar. Carlos Eichmann, der Chef hinter dem Tresen, will nach 30 Jahren einer jüngeren Person die Chance geben, etwas aufzubauen. Der bestehende «Magdi»-Groove soll erhalten bleiben. Eines kommt aber sicher nicht in Frage.

Sie ist eine der letzten Stationen für Nachtschwärmer in der Altstadt: Die Szenebeiz Magdalena, in Luzern meist nur «Magdi» genannt. Seit 30 Jahren steht Carlos Eichmann hinter dem Tresen an der Eisengasse. Doch nun soll es einen Schritt weiter gehen. Der 57-Jährige sucht «ein neues Gesicht» für die Bar.

Nach der Pensionierung von Barkeeper Ruedi Zimmermann hat sich Carlos Eichmann auch Gedanken zu seiner Zukunft gemacht. «Ich könnte das ‹Magdi› theoretisch noch lange weiterführen, aber plötzlich fand ich: Es könnte spannend sein für eine junge Person, die Lust hat, hier etwas aufzuziehen – wie ich damals.»

Carlos Eichmann hat das «Magdi» als Kultlokal weiterentwickelt. Berühmt für die Jukebox und den Carajillo, einen flambierten Espresso mit Brandy. Davon gingen seit 1988 rund 200'000 über die Theke – umgerechnet 18 pro Tag. Dabei war es gar nicht der Halbspanier Carlos, der seine Gäste auf den Geschmack brachte. Sondern Stammgäste, die aus den Ferien in Spanien zurückkehrten und das ihm damals unbekannte Getränk bestellten. Seither gehört der Carajillo zum Inventar.

Den Generationenwechsel einleiten

Und der Carajillo bleibt dem «Magdi» bestimmt erhalten – genauso wie Carlos. Denn trotz neuem Gesicht wird keineswegs alles neu, versichert er. Vielmehr geht es ihm darum, das Lokal für die Zukunft aufzustellen. «Das neue Gesicht der Bar muss den bestehenden Groove aufnehmen, aber auch das Zepter übernehmen und eigene Ideen einbringen können – und nicht bei der ersten Kritik zurückrudern.» Er selbst sei durchaus offen für Veränderungen. Ganz zurückziehen will er sich ohnehin nicht. Er sucht jemanden, der schrittweise einsteigt und den Generationenwechsel einleitet.

«Wir sind unabhängig, waren es schon immer. Und das soll so bleiben.»

Es ist ein langsames Loslassen. Von einem Ort, den Carlos Eichmann geprägt hat. Als 28-Jähriger ist er nach dem Wirtekurs 1988 eingestiegen, damals noch mit Roland Chanton. Seit 1994 führt er das «Magdi» alleine. Es war eine faszinierende Zeit zu Beginn, blickt der Stadtluzerner zurück. Das «Magdi» habe Exklusiv-Status genossen. Es war eine wilde Zeit.

In den 90ern prägte die «Drogengasse» den Betrieb vor der Bar. «Wir mussten uns von den Dealern abgrenzen und dafür sorgen, dass sie nicht bei uns geschäfteten.» Später folgte die Aufräumaktion, die Razzien, die gestressten Junkies flüchteten ins «Magdi». «Die waren extrem genervt – wir mussten regelrecht aufpassen, dass wir nicht selbst irgendwo eine Nadel verpasst bekamen», erzählt Eichmann. «Das war die traurigste Zeit.»

Das Restaurant St. Magdalena in der Eisengasse in der Luzerner Altstadt.
Das Restaurant St. Magdalena in der Eisengasse in der Luzerner Altstadt. (Bild: cha)

Heute arbeiten rund zehn Angestellte im «Magdi». Seit sich die Rauchschwaden vor acht Jahren zwangsläufig verzogen haben, gibt im 1. Stock die Küche den Ton an. Sie habe sich etabliert, sagt Carlos Eichmann. Obwohl das Angebot – regionale, nachhaltige Gerichte mit Bio-Fleisch – kaum an die grosse Glocke gehängt wird. Es passt zum «Magdi».

Das Rauchverbot hat zwar einige Stammgäste vertrieben, nicht nur aus der Eisengasse. Während andere Restaurants mit speziellen Sachen versuchten, auf sich aufmerksam zu machen, verweigerte sich Carlos Eichmann dem Marketing. «Ich will in eine Beiz sitzen und nicht für die Dekoration mitbezahlen», sagt er trocken. Statt Werbung setzt er lieber auf Veranstaltungen, etwa Kinoabende für 25 Franken mit Essen. Rentabel sei das nicht, sagt er und lacht, aber so was wie sein eigenes Kulturprozent.

Klar ist nur, was nicht kommt

Wie also kann man ein solches Lokal heutzutage betreiben? Mit viel Herzblut, sagt Carlos Eichmann. «Am Wochenende denken alle, es sei eine Goldgrube. Doch man sieht nicht, dass es auch viele tote Zeiten gibt.»

In die Hände spielte ihm der Ruf der Beiz, die Lage, die Geschichte. Seit über 200 Jahren steht die Gaststube an der Eisengasse, der St.-Magdalena-Schriftzug ziert die Fassade seit 1926 (zentralplus berichtete). Das Authentische, das viele schätzen, trägt das Lokal schon in sich.

Klar ist darum auch: Dass das «Magdi» in die Hände einer Kette gelangt, ist ausgeschlossen. «Wir sind unabhängig, waren es schon immer», sagt Eichmann. Und das soll so bleiben. Entsprechend sucht er auch nicht eine Person, die das «Magdi» nur als Zwischenstation sieht.

«Es braucht dieses Gespür, dass eine Bar nicht einfach eine Selbstverwirklichungsplattform ist.»

Vielmehr sucht er eine erfahrene Person aus der Gastronomie, die sich im 100%-Pensum engagieren will. «Man arbeitet ohnehin mehr, also kann man das nicht nebenher machen.» Zu viel geworden ist es ihm persönlich trotzdem nie. Nur in den 1990er-Jahren, als er zusätzlich die ehemalige Genossenschaftsbeiz Widder an der Zürichstrasse übernahm, zwei kleine Kinder hatte und Tag und Nacht unterwegs war, da kam auch Eichmann an seine Grenzen.

Die ruhige Altstadt

Das Gastgewerbe sei ein «hartes Business» geworden. Carlos Eichmann spricht wie viele Luzerner Gastronomen über die steigenden Auflagen der Behörden. Doch er stellt vielmehr Fragen als Klagen in den Raum. «Was bedeutet eine Beiz in der Stadt letztlich? Sollen sich die Leute treffen oder wollen wir es lieber schön ruhig haben? Aber wird die Altstadt dann nicht unheimlicher, vielleicht sogar krimineller?»

Carlos Eichmann sucht ein neues Gesicht für das «Magdi» an der Luzerner Eisengasse.
Carlos Eichmann sucht ein neues Gesicht für das «Magdi» an der Luzerner Eisengasse. (Bild: jal)

In seinen Augen ist es in der Altstadt zu ruhig geworden. «Früher gab es über 20 Lokale, heute sind es noch eine Handvoll Bars.» Daran seien auch die Hausbesitzer schuld, die mehr Rendite wollten, als die Gastronomie erwirtschaften könne. Auch beim «Magdi» kamen entsprechende Gerüchte auf, als eine Firma von Bauunternehmer Toni Eberli das Gebäude Ende der 90er-Jahre kaufte. Doch per Handschlag haben sich Beizer und Besitzer geeinigt. Der Stolz, das «Magdi» ins neue Jahrtausend gerettet zu haben, schwingt bei Eichmanns Worten mit. Es folgte 2005/2006 der Umbau – und dreimal eine Austrinkete, weil der Start der Bauarbeiten sich mehrmals verzögerte.

Die Rolle des Gastgebers

Von einer definitiven Austrinkete will der Familienvater heute noch nichts wissen. Auch wenn ein Neuer Chef der Bar wird. Mit ersten Interessenten ist Eichmann bereits im Gespräch. Spruchreif ist noch nichts, bis im Oktober soll es so weit sein. Wobei er im Zweifelsfall lieber etwas länger wartet, denn auch menschlich muss es stimmen. «Ein Barkeeper wirkt im Hintergrund. Es braucht dieses Gespür, dass eine Bar nicht einfach eine Selbstverwirklichungsplattform ist, sondern ein Geschäft, in dem man für die Gäste da ist.»

Das heisst auch, einiges zu ertragen. Nicht nur, in einer Raucherbar zu arbeiten, sondern mit Menschen im Ausgang, mitunter im Rausch. «Alkohol ist eine Droge, sie verändert Menschen, damit muss man umgehen können. Und man darf nicht selber versumpfen.» Ein Tipp des Altmeisters, den er selbst nicht von Anfang an befolgte. Doch inzwischen trinkt er keinen Alkohol mehr, nicht mal einen Carajillo.

Und was sind seine persönlichen Zukunftspläne? Eichmann zuckt mit den Schultern. «Es war auch nie mein Plan, Beizer zu werden.» Physik interessiert ihn, das Schreiben, Geschichte, Menschen. Irgendwann werde er ein Buch schreiben, sagt er. Wann, weiss er noch nicht. Vielleicht bald.

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