Pascale Braid vor ihrem zweiten Zuhause, dem Down Town. (Bild: jav)
Regionales Leben

Pascale Braid vor ihrem zweiten Zuhause, dem Down Town. (Bild: jav)

Das berüchtigte «Down Town» will die Eisengasse wiederbeleben

6min Lesezeit

Eine «Down-Town»-Phase hat wohl jeder Luzerner in seinem Leben. Bald kann man die Rockatmosphäre auch bei Sonnenschein und frischer Luft geniessen. Doch bis zu den zwei kleinen Tischen in der Eisengasse war es ein weiter Weg.

Das «Down Town» in der Altstadt kennt in Luzern jeder Nachtschwärmer. Das Lokal an der Eisengasse 11 ist Kult. Trotz oder gerade wegen seines verwegenen Rufes. Es ist verraucht, eng, heiss – harter Rock dröhnt aus den Boxen. Hier treffen sich in den späten Stunden die harten Kerle, die Schlaflosen, alle, für welche die Party nicht enden soll, die verlorenen Seelen.

Partys ohne Tabus

Mit seinem Ruf kokettiert das Down Town. «Es ist eng, rauchig und manchmal stehen sich die Leute gegenseitig auf die Füsse. Das ist genau die richtige Atmosphäre für unseren rockigen Sound. Müssen wir euch da noch mehr erzählen? Von feuchtfröhlichen Partys ohne Tabus?» So steht es auf der Webseite.

Doch es gibt auch die andere Seite. Am Vormittag sieht es im Down Town recht schick aus. Tageslicht scheint vom Innenhof und der Lokaltüre an die Bar, wo Wirtin und Besitzerin Pascale Braid mit einem Kaffee sitzt.

«Im Down Town auszugehen ist eine Art Lebensphase, die fast jeder Luzerner mal hat.»
Pascale Braid, Wirtin und Besitzerin

Seit 2009 betreibt die Halbfranzösin das Down Town als Geschäftsleiterin. Als Tochter von Gerard Braid, dem Gründer des Lokals, arbeitet sie jedoch bereits seit 30 Jahren hier. Abgesehen von einem kurzen Ausflug nach Frankreich und in die Falkengasse und ein paar ruhigeren Jahren als Mutter zweier Töchter. «Doch das Down Town ist mein zweites Zuhause», betont Braid.

Keine Rollen, keine Masken

Besonders mit den Stammgästen fühle es sich an wie eine Familie. Jeder sei willkommen. «Hier darf man einfach Mensch sein. Keiner muss eine Rolle oder Maske aufrechterhalten.» Alle würden akzeptiert, keiner schräg angeschaut. So treffen sich an der dunklen Theke Anwälte und Strassenkehrer, alte Stammgäste und junge Touristen. Die ältere Generation, aber auch die junge, vom Land und der Stadt.

Um dies noch zu fördern, will Pascale Braid nun in die Eisengasse «expandieren». Rund sieben Quadratmeter «Terrasse», zwei Tische, acht Stühle sollen künftig ab 15 Uhr vor dem Down Town stehen.

Im Lokal sieht es tagsüber so ganz anders aus, als man es aus den Nachtstunden kennt.
Im Lokal sieht es tagsüber so ganz anders aus, als man es aus den Nachtstunden kennt. (Bild: jav)

Dafür musste sie eine Baubewilligung beantragen – und über ein Jahr warten, ärgert sie sich. Bei der Stadt Luzern kann man die Baubewilligungen einsehen – und davon machen offenbar eine ganze Reihe von Leuten Gebrauch. «Ich habe unzählige Anrufe erhalten, Angebote für neue Küchen, für Mobiliar, Baufirmen und Bewerbungen von Servicepersonal», erzählt Braid lachend. Und das bloss, weil die zwei Tischchen unter dem Schlagwort «Boulevardrestaurant» eingetragen sind. «Viele Leute dachten, wir machen nun ein Restaurant aus der Bar.»

Eine Idee, die Braid nicht im Traum käme. Die Halbfranzösin ist praktisch im Down Town aufgewachsen und wusste schon in ihrer Jugend, dass sie die Rockbar später selbst führen würde. «Im Down Town auszugehen ist eine Art Lebensphase, die fast jeder Luzerner mal hat», so die Wirtin. Doch für sie selbst ist das Lokal, welches abgesehen vom freien Sommermontag jeden Tag geöffnet hat, Alltag. Das gehe, solange man einen Ausgleich finde, so Braid. Deshalb wohnt sie mit ihrem Partner und noch einer der beiden Töchter im ländlichen Schachen.

Mehr Auflagen, weniger Passanten

1. April 1975 ging das Down Town auf und drinnen habe sich seither kaum etwas verändert, findet Braid. Doch die Altstadt habe sich verändert. «Die Eisengasse ist tot. Sobald die Läden schliessen, sind die Strassen leer.» Früher habe es hier gelebt, erinnert sich Braid. Ab dem frühen Abend seien an die hundert Menschen in der Eisengasse zum Feierabendbier gekommen. Das Magdi und das Down Town waren die Bars, das Lokal war die ganze Gasse. Doch als die Drogen härter und der Konsum in der Gasse zum Problem wurde, kam eine schwierige Zeit.

«Man braucht Haare auf den Zähnen – und Leidenschaft.»

«Bei uns stand auch damals die Türe immer für alle offen», so Braid. Etwas, das nicht allen passte. «Schnell wurden wir zum Sündenbock, wurden beschuldigt, wir würden diese Leute anziehen.» Es folgten mehr Auflagen und Regeln. «Wir sind hier grosszügiger, was Betrunkene angeht. Aber auch wir greifen hart durch, wenn jemand den Respekt oder die Kontrolle verliert.»

Lebensgeschichten und Gerüchte

Nun wolle sie wieder mehr Leben in die Eisengasse bringen. «Ich bin überzeugt, dass nur die zwei Tischli bereits einen Unterschied machen werden.» Dass man draussen zusammensitze und auch vermehrt Passanten und Touristen dazukommen. Die Offenheit hält Braid hoch – auch im Umgang mit den persönlichen Geschichten. Vielen Gästen gehe es besser, wenn sie ihr oder dem Barnachbarn die Lebensgeschichte erzählen könnten. Davon habe sie schon unzählige mitbekommen – schöne und tragische.

Man höre vieles, das man nicht möchte, und auch vieles, das man nicht sollte. Von Liebesdramen, von Ärger und Gerüchten. «Hier rein, da raus», deutet Braid auf ihre Ohren, verschliesst pantomimisch den «Reissverschluss» vor ihrem Mund und lacht.

Um hier arbeiten zu können, dürfe man die Dinge nicht zu nahe an sich heranlassen. Und man müsse mit der Nacht umgehen können, das habe sie lernen müssen. «Man braucht Haare auf den Zähnen – und Leidenschaft.»

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