Die Schildkröte lässt sich auch von Libellen nicht stören. (Bild: jwy)
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Die Schildkröte lässt sich auch von Libellen nicht stören. (Bild: jwy)

Fremde Schildkröten machen sich im Gütschweiher breit

6min Lesezeit

Sie sind schön anzusehen, aber ein Problem: Im Weiher im Gütschwald fühlen sich zwei Wasserschildkröten ziemlich wohl. Dies, obwohl sie eigentlich auf europäischen Böden nichts zu suchen haben. Beim Kanton ärgert man sich über solche freigelassenen Tiere.

Man rechnet ja mit vielem im Luzerner Gütschwald. Mit Rehen, Eichhörnchen oder Spechten. Aber eine Schildkröte? Da sonnte sich doch tatsächlich ein nicht mal so kleines Exemplar auf einem Baumstrunk, der knapp aus dem Gütschweiher ragt. Nach einer Weile gesellte sich ein zweites Exemplar dazu und etwas später zogen sie gemächlich ihre Runden und liessen sich weder von umherschwirrenden Libellen noch von planschenden Hunden am Ufer stören.

Der Gütschweiher, dieses kleine Idyll inmitten des Waldes, ist eigentlich Heimat von Fröschen, Wasservögeln und Libellen. Dass sich darin aber auch Schildkröten tummeln, mögen manche niedlich finden. Für Jörg Gemsch sind die fremden Tiere ein Ärgernis. «Es kommt leider immer wieder vor, dass Leute Tiere aussetzen, obwohl es verboten ist», sagt der Fachleiter Artenschutz bei der kantonalen Dienststelle für Landwirtschaft und Wald.

Gehört hier nicht hin: Eine der Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröten im Gütschweiher.
Gehört hier nicht hin: eine der nordamerikanischen Buchstaben-Schmuckschildkröten im Gütschweiher. (Bild: jwy)

Sogar eine Schnappschildkröte?

Jörg Gemsch hat seit einigen Jahren Kenntnis der Schildkröten im Gütschweiher – er bekommt regelmässig Anrufe deswegen. Es ist klar, dass die Tiere ausgesetzt wurden, anders konnten sie nicht in den Weiher gelangen.

Es handle sich um nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröten, weiss Gemsch. Sie sind – vom Ufer aus geschätzt – etwa 20 Zentimeter lang. Aufgrund der Tatsache, dass man sie so gut sieht, obwohl sie recht scheu sind, vermutet Gemsch, dass es mehr als zwei Exemplare sind. «Wir hören da ganz Verschiedenes, sogar dass sich hier Schnappschildkröten tummeln», sagt er.

«Die Schildkröten sind invasiv und haben negative Auswirkungen auf die Umwelt.»

Jörg Gemsch, Artenschutz-Beauftragter Kanton Luzern

Theoretisch könnte man versuchen, die Schildkröten mit Ködern und Reusen einzufangen, aber Gemsch winkt ab: zu aufwendig. Also lässt man die amerikanischen Gäste gewähren. Und sie scheinen sich nicht unwohl zu fühlen im sumpfigen Gewässer, obwohl es hier eigentlich zu kühl ist für sie. Erwachsene Tiere passen sich ans Klima an – das ist der Grund, wieso sie sich, wann immer möglich, sonnen. «Sie brauchen diese Wärme, sonst kühlen sie aus», so Gemsch. Aber Junge würden das Klima kaum überleben, auch wenn es einmal Nachwuchs gäbe.

Ein zweites Exemplar gesellt sich an den Sonnenplatz.
Ein zweites Exemplar gesellt sich an den Sonnenplatz. (Bild: jwy)

Immerhin keine Jungen

Vermehren werden sich die Schildkröten also kaum, aber weil sie bis zu 42 Jahre alt werden, werden sie noch jahrelang im fremden Habitat leben. Problematisch ist das etwa für Wasservögel wie Blesshühner oder Haubentaucher, wenn die Schildkröten ihre Nester plündern. Den Fröschen und Fischen können die Reptilien jedoch kaum etwas anhaben, auch wenn sie mal etwas Laich fressen oder eine Kaulquappe schnappen.

Aber: «Diese Schildkröten sind gebietsfremd und invasiv», erklärt der Artenexperte Gemsch den Grund, warum sie hier nicht willkommen sind. Sie breiten sich aus und haben negative Auswirkungen auf die Umwelt. Die Buchstaben-Schmuckschildkröte ist vielerorts ein Problem und darum auch auf der Liste der unerwünschten Spezies der EU.

Nahrung hat’s genug

Im Weiher tummeln sich im Frühling unzählige laichende Grasfrösche, auch Fische hat’s im Überfluss – der Weiher ist infolge des vielen Laubs sehr nährstoffreich. Dementsprechend ist er reich an Plankton, Kleinkrebsen, Larven, Käfern oder Schnecken. «Nahrung hat’s hier genug», sagt Gemsch.

Der Waldweiher im Gütschwald wurde einst künstlich aufgestaut. Die Inseln, auf denen sich die Schildkröten gern aufhalten, sind noch Zeugen von abgestorbenen Bäumen, die den Wasseranstieg nicht überlebten. Man vermutet allerdings, dass bereits früher hier ein Weiher existierte, der dann entwässert wurde – so schildert es eine Tafel vor Ort.

Die Schildkröten sind nicht die einzigen ungebetenen Gäste, auch Fische wurden schon ausgesetzt im Gütschweiher. «Immerhin zwar keine exotischen, aber einheimische Fische, die da nicht hingehören», so Gemsch.

Der Gütschweiher ist ein Naturweiher mitten im Wald und Lebensraum für Frösche, Fische und viele andere Tiere.
Der Gütschweiher ist ein Naturweiher mitten im Wald und Lebensraum für Frösche, Fische und viele andere Tiere. (Bild: jwy)

Andere Schildkröten sind willkommen

Jörg Gemsch ärgert sich, dass man gedankenlos fremde Tiere freilässt: «Gewisse Leute haben das Gefühl, nur weil es Wasserschildkröten sind, gehören sie in unsere Gewässer», sagt er. «Aber man tut damit weder dem Tier noch der Natur einen Gefallen», sagt er. Einerseits würden viele Tiere sterben, weil sie das Klima nicht überleben, anderseits kämen sie den einheimischen Arten in die Quere. Er empfiehlt, schon beim Kauf von Tieren zu überlegen, ob man den Durchhaltewillen hat, diese bis zum Ende zu halten.

Übrigens: Nicht in allen Gewässern sind Schildkröten ungebeten. Es gibt Versuche, die europäische Sumpfschildkröte in der Schweiz wieder anzusiedeln. Jedoch ziehen diese gegenüber den amerikanischen Kollegen den Kürzeren – und ohnehin sollte man das den Profis überlassen.

Weitere Bilder in der Galerie:

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