Benno Zgraggen von der ABL auf der künftigen Dachterrasse des Himmelrich. (Bild: jwy)
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Benno Zgraggen von der ABL auf der künftigen Dachterrasse des Himmelrich. (Bild: jwy)

Der Ansturm auf die Luzerner «Himmelrich»-Siedlung beginnt

10min Lesezeit

Zwei bekannte Namen eröffnen in der Genossenschaftsüberbauung Himmelrich einen neuen Standort: der Betreiber des marokkanischen Restaurants Barbès und die Pfistergassoptik. Die Grossüberbauung trumpft mit der längsten Dachterrasse Luzerns auf. Wer sich für eine Wohnung interessiert, muss sich aber sputen.

Wir stehen hoch über der grössten Baustelle Luzerns. Auf dem Dach hat man eine gute Aussicht: auf die Luzerner Neustadt, auf die wachsende Siedlung Himmelrich 3 und ihren grossen Innenhof, dessen Dimensionen sich erst jetzt richtig erschliessen. Hier entsteht eine über das ganze Dreieck begehbare Dachterrasse, 270 Meter an einem Stück.

Dies wird wohl die grösste, sicher aber die längste Dachterrasse der Stadt. Und sie wird allen Mietern zugänglich sein, wenn die Siedlung im Herbst 2019 eröffnet. «Da kann man herumspazieren oder sogar Joggingrunden drehen», sagt Benno Zgraggen von der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern (ABL). Wie Dach und Innenhof aussehen werden, darüber werden auch die künftigen Mieter ein Wörtchen mitreden können. Das Interesse an den Wohnungen ist gross, bald startet das Bewerbungsverfahren.

«Majorelle» und «Himmelrichoptik»

Bei den Gewerbelokalen im Parterre ist die ABL bereits einen Schritt weiter: Mit vielen Interessenten laufen derzeit Gespräche. Zwei bekannte Namen kann Benno Zgraggen, bei der ABL für die Kommunikation zuständig, verkünden.

Zum einen die Pfistergassoptik, die an der Reuss in Luzern seit bald 17 Jahren ein Brillengeschäft betreibt. Sie expandiert und wird neu auch zur «Himmelrichoptik». Zudem zieht das «Majorelle» ein, das neue Restaurant vom Mitbegründer des beliebten marokkanischen Lokals «Barbès» in der Neustadt.

«Nach neun Jahren ist Zeit, nochmals neu zu starten.»

Younes El Kinani, Barbès

«Es war eine Herzensangelegenheit», schwärmt Zgraggen vom Restaurant-Konzept, das gut in die Siedlung passe. Das Majorelle wird gut sichtbar an der Ecke Himmelrich-/Bundesstrasse unterkommen.

Die Zwischennutzung hat ihn gepackt

Younes El Kinani wird das neue orientalische Restaurant im Himmelrich mit seiner Frau Franziska Rohrer eröffnen. Er betreibt aktuell mit seinem Bruder Hamid und dessen Freundin Lavinja Keller das Barbès.

Der 39-jährige Younes El Kinani hatte schon länger den Traum, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Während der Zwischennutzung 2015 hatte er Himmelrich-Luft geschnuppert, und der Ort hat es ihm angetan. «Ich bin richtig motiviert. Nach neun Jahren ist Zeit, nochmals neu zu starten und das Risiko einzugehen», sagt er mit seinem ansteckenden Lachen. Er wird an der Front und in der Küche stehen, seine Frau hält ihm im Büro den Rücken frei.

Er freut sich, bald wieder etwas Neues anzupacken: Younes El Kinani im Barbès.
Er freut sich, bald wieder etwas Neues anzupacken: Younes El Kinani im Barbès. (Bild: jwy)

Das Majorelle wird frische orientalische Speisen bieten, jedoch neu interpretiert. Neben Mezzes und warmen Gerichten wird er orientalische Brunchs anbieten, wie es sie in der Stadt noch nicht gebe. Etwa mit Datteln, Arganöl und Honig. «Einige Produkte werde ich direkt aus Marokko beziehen», sagt El Kinani.

Am Nachmittag soll man in gemütlichen Sesseln zu einem Kaffee verweilen können, dazu wird das Majorelle eine grosse Auswahl an nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen anbieten. Und genügend Steckdosen für den Arbeiter am Laptop.

Neustadt weiter denken

Die Lage ist nicht ganz so zentral wie das Barbès, das mitten im Besucherstrom der Neustadt liegt, dafür wird es Aussenplätze unter Bäumen haben. «Für viele Leute endet heute die Neustadt beim Helvetiaplatz, ich will sie künftig bis ins Himmelrich locken», sagt Younes El Kinani.

Man merkt: In seinem Kopf ist das Majorelle bis ins Detail gereift. «Ich habe das Konzept seit eineinhalb Jahren», lacht er. Nun freut er sich zuerst auf eine Auszeit, bevor's richtig losgeht. Er wird nach Marokko reisen, um dort Geschirr und anderes für das neue Lokal zu besorgen. «Die Einrichtung wird eine Mischung aus nordischem Design und marokkanischer Tradition», sagt er.

Aus dem Bauch heraus

Jürg Lischer, Mitinhaber der Pfistergassoptik, hatte eigentlich gar nicht vor, eine neue Filiale aufzutun. «Wenn es nach dem Markt geht, musst du kein neues Optikergeschäft eröffnen», sagt er, die Konkurrenz sei gross. Aber es war ebenfalls die Zwischennutzung und das Projekt Himmelrich, die bei ihm das Feuer entfachten.

«… dann bin ich etwas nervös geworden.»

Jürg Lischer, Pfistergassoptik

«Es muss aus einer Euphorie heraus entstehen», sagt Jürg Lischer. Er hat ein Konzept ausgeheckt, einen Businessplan verfasst und ein paar Wochen später hatte er die Zusage. «Dann bin ich etwas nervös geworden», sagt der 50-Jährige lachend, der sich als Urgenossenschafter auch gleich für eine Wohnung interessiert.

Die «Himmelrichoptik» funktioniert als eigenständiges Geschäft, aber die Kunden können zwischen den Filialen wählen. An der Front im neuen, etwas kleineren Laden wird vor allem der jetzige Mitarbeiter Thomas Käch stehen. Jürg Lischer wird weiterhin im angestammten Geschäft anzutreffen sein, das er zusammen mit Thomas Limacher führt. «Wir werden schliesslich als Paar wahrgenommen», scherzt Lischer.

Thomas Käch (links) und Jürg Lischer im Geschäft der Pfistergassoptik.
Thomas Käch (links) und Jürg Lischer im Geschäft der Pfistergassoptik. (Bild: jwy)

Brillen aus dem 3D-Drucker

Nun hirnen die beiden über den Innenausbau. Das neue Geschäft soll modern und unorthodox daherkommen, nicht wie ein angestammtes Brillengeschäft. Lischer spricht von mobilen Ausstellungsobjekten im Laden – oder einem Kubus mitten im Raum für den Seetest.

Daneben experimentieren sie derzeit mit Brillen aus dem eigenen 3D-Drucker. «Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten», schwärmt Lischer. Zudem sind Lischer und Käche in der Kultur bestens vernetzt und planen Anlässe im Lokal oder auch auf der Dachterrasse.

Eine rundherum begehbare Dachterrasse entsteht hier über dem Himmelrich in der Luzerner Neustadt.
Eine rundherum begehbare Dachterrasse entsteht hier über dem Himmelrich in der Luzerner Neustadt. (Bild: jwy)

Die erste Gastro-WG?

Insgesamt stehen in der Himmelrich-Überbauung rund 20 Lokale in verschiedenen Grössen zur Vermietung. Neben dem Majorelle wird's ein zweites, grösseres Restaurant mit 355 Quadratmetern Fläche und einem Aussenbereich zum Bleichergärtli hin geben. Dieses ist jedoch noch nicht vergeben. «Wir haben verschiedene Interessenten, aber Gastronomen scheinen oft im letzten Moment zu entscheiden», sagt Benno Zgraggen. Möglich wäre auch, dass sich verschiedene Gastronomen zu einer Art «Gastro-WG» zusammentun.

«Wir wollen nicht einfach Mieter, die möglichst viel zahlen, sondern solche, die zur Siedlung passen.»

Benno Zgraggen, ABL

Die ABL geht bei der Gewerbevergabe einen unüblichen Weg: Sie macht keine Preisvorgaben, sondern Interessenten präsentieren ihre Ideen, einen Businessplan und machen eine Mietzinsofferte. Das Verfahren hat sich etwa in der Genossenschaftssiedlung Kalkbreite in Zürich bewährt.

Hier kommt künftig ein Restaurant unter: Benno Zgraggen von der ABL auf der Himmelrich-Baustelle.
Hier kommt künftig ein Restaurant unter: Benno Zgraggen von der ABL auf der Himmelrich-Baustelle. (Bild: jwy)

Auch Genossenschaften denken wirtschaftlich, aber der Profit steht nicht an erster Stelle. Die ABL will lokale und innovative Unternehmer fördern, strebt eine gute Durchmischung an und entwickelt Ideen mit Interessenten weiter. «Wir sind überzeugt, dass wir uns mit diesem Ansatz gegenseitig anspornen», sagt Zgraggen. Es gebe Bewerbungen aus allen möglichen Richtungen: Nachhaltigkeit, Food, E-Mobilität und sogar Einrichtungsgeschäfte.

«Für uns ist es letztlich eine Mischrechnung: Was ist uns ein Konzept für unsere Siedlung wert? Und wie viel Miete brauchen wir?», sagt Zgraggen. So könne die ABL in den Verhandlungen etwas vor- und nachgeben. «Wir wollen nicht einfach Mieter, die möglichst viel zahlen, sondern solche, die zur Siedlung passen und für die nächsten 10 bis 15 Jahre bestehen», sagt er.

Bei diesem aufwendigen Prozess gehört auch das Scheitern dazu, Interessenten aus dem Gastrobereich etwa sind wieder abgesprungen. «Bei manchen war der Anteil an persönlichem Herzblut etwas zu gross und jener an Unternehmertum etwas zu klein», so Zgraggen. Er ist zuversichtlich, dass in den nächsten Monaten alle Flächen vermietet werden, die nächste Vertragsunterzeichnung stehe kurz bevor.

… und dieses Dreieck ist stattdessen geplant. Links verläuft die Bundesstrasse, rechts neben dem Neubau das Bleichergärtli.  (Bild: zvg/Stefano Schröter)
So sieht die Himmelrichüberbauung auf dem Modell aus.  (Bild: zvg/Stefano Schröter)

Die ersten Wohnungen sind 2019 bereit

Wer sich für eine der 180 Wohnungen der ersten Bauetappe interessiert, muss sich sputen. Das Interesse ist gross, schon 900 Personen haben sich eingetragen. Ab Sommer geht das Bewerbungsverfahren los. Wer eine Wohnung will, muss ABL-Mitglied sein. Für die Genossenschaft wird die Vergabe eine Herausforderung. «So viele Wohnungen auf einmal haben wir noch nie vergeben, das braucht einen Effort von unserem Team», so Zgraggen. Himmelrich 3 wird ab Spätsommer 2019 bezogen – danach wird die letzte Zeile der alten Überbauung an der Claridenstrasse abgebrochen. 2022 wird die ganze Überbauung mit insgesamt rund 250 Wohnungen fertig sein.

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